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Ike warf unter seinen drahtigen Haarwürsten kurze Blicke auf die Zivilisten, die hier allmählich die Macht übernahmen. Die meisten waren Bergleute und Bauarbeiter, dazwischen einige Söldner und Missionare, die Vorhut der Kolonisation. Als er zwei Monate zuvor aufgebrochen war, hatte er hier gerade mal ein paar Dutzend von ihnen gesehen. Jetzt schienen sie den Soldaten zahlenmäßig bereits überlegen zu sein. Auf jeden Fall strahlten sie die Arroganz der Mehrheit aus.

Er hörte helles Lachen und staunte über den Anblick von drei Prostituierten, etwa Ende zwanzig. Eine von ihnen hatte die reinsten Volleybälle chirurgisch an ihrem Brustkorb befestigen lassen. Sie war beim Anblick von Ike sogar noch überraschter. Der Strohhalm ihres Getränks entfiel ihren erdbeerroten Lippen, und sie starrte ungläubig herüber. Ike wandte sich ab und ging rasch weiter.

Camp Helena wuchs und wuchs. Und zwar sehr schnell. Wie bei einer Vielzahl anderer Siedlungen auf der ganzen Welt ließ sich das durch die ständige Vermessung neuer Quadranten und immer neuer Siedler von der Oberfläche festmachen. Beton war das Geheimnis. Holz war Luxus hier unten, und die Produktion von Blech zog sich in die Länge, weil die erstrebte Kosteneffektivität von den richtigen Erzen abhing. Beton hingegen musste man nur aus dem Boden und den Wänden herausziehen. Billig und schnell aufzustellen und dabei äußerst widerstandsfähig, war Beton gleichbedeutend mit Bevölkerungszuwachs. Beton feuerte den Pioniergeist an.

Ike betrachtete einen neuen Quadranten, der noch vor zwei Monaten zum Areal der Ranger-Kompanie gehört hatte. Aber der Abseilturm, der Schießstand und die behelfsmäßige Aschenbahn waren erobert worden. Eine Horde illegaler Siedler hatte alles in Beschlag genommen. Ein Geschwür von Zelten, Schuppen und Verschlägen breitete sich immer weiter aus. Der Lärm der Stimmen sprang ihn wie ein übler Geruch an. Zwei mit Isolierband zusammengehaltene Bürowürfel waren alles, was vom Hauptquartier der Einheit übrig geblieben war. Ike lehnte seinen Rucksack an die Außenwand, nahm ihn dann aber nach einem misstrauischen Blick auf die überall herumlungernden Desperados lieber mit hinein. Er kam sich ein bisschen dämlich vor, wie er da an eine Papptür klopfte.

»Herein«, bellte eine Stimme.

Branch redete gerade mit einem tragbaren Computer, den Helm auf der einen Seite, das Gewehr auf der anderen griffbereit.

»Elias«, begrüßte ihn Ike.

Branch freute sich nicht sonderlich, ihn zu sehen. Seine Maske aus Narbengewebe und Zysten verzog sich zu einem wütenden Knurren. »Aha, unser verlorener Sohn«, sagte er. »Gerade reden wir von dir.«

Er drehte den Laptop so weit herum, dass Ike das Gesicht auf dem kleinen Bildschirm erkennen und die Computerkamera ihrerseits Ike erfassen konnte. Sie waren mit Jump Lincoln, einem von Branchs alten Fliegerkumpeln verbunden, zur Zeit Lieutenant Meadows’ befehlshabender Offizier.

»Haben Sie völlig den Verstand verloren?«, schrie Jumps Bildschirmgesicht Ike an. »Man hat mir gerade einen Einsatzbericht auf den Schreibtisch geknallt. Darin steht, dass Sie sich einem direkten Befehl widersetzt haben. Und das vor der versammelten Patrouille! Und dass Sie auf drohende Weise eine Waffe geschwenkt haben. Haben Sie etwas dazu zu sagen, Crockett?«

Ike stellte sich nicht dumm, aber er hatte auch nicht vor, klein beizugeben. »Der Lieutenant ist aber schnell mit seinem Bericht«, bemerkte er. »Wir sind erst vor zwanzig Minuten zurückgekommen.«

»Haben Sie einen Offizier bedroht?« Jumps Bellen hörte sich über den Computerlautsprecher eher blechern an.

»Einspruch.«

»Im Einsatz, vor seinen Leuten?«

Branch saß da und schüttelte in brüderlichem Ekel den Kopf.

»Dieser Lieutenant hat hier draußen nichts zu suchen«, erwiderte Ike. »Er hat einen der Jungs wegen eines falschen Signals in Stücke schießen lassen. Ich sah keinen Grund, das Verhalten des Lieutenants zu unterstützen. Ich habe ihn dazu gebracht, Vernunft anzunehmen.«

Jump kochte vor Wut. »Ich dachte, es handelte sich um einen abgesicherten Teilbereich«, sagte er schließlich. »Es sollte nur eine Testrunde für Meadows sein. Und Sie erzählen mir, Sie seien auf Hadal gestoßen?«

»Fallen«, sagte Ike. »Alt. Schon Jahrhunderte alt. Ich bezweifle, dass dort seit der letzten Eiszeit jemand durchgegangen ist.« Es machte ihm nichts aus, dass man ihn als Babysitter eines frisch gebackenen ROTC-Studenten losgeschickt hatte.

»Wo sind die bloß alle hin?«, fragte Jump. »Schon seit Monaten haben wir keinen direkten Kontakt mehr mit dem Feind.«

»Keine Sorge«, meinte Ike. »Die sind irgendwo dort unten.«

»Da bin ich mir nicht so sicher. Manchmal glaube ich wirklich, dass sie vor uns davonlaufen. Oder dass sie irgendeine Krankheit dahingerafft hat.«

Bei diesem Zwischenspiel klinkte sich Branch wieder ein: »Mir kommt die Geschichte wie ein echtes Patt vor«, sagte er zu Jump.

»Mein Clown sticht deinen aus. Ich glaube, wir sind quitt.«

Beide Majors wussten, dass Meadows eine Katastrophe war. Und es war klar, dass sie ihn nie wieder mit Ike zusammen hinausschicken würden.

»Ach, scheiß drauf«, sagte Jump. »Den Bericht verbrenne ich. Aber nur dieses eine Mal!«

Branch starrte Ike immer noch wütend an. »Ich weiß nicht, Jump«, sagte er. »Vielleicht sollten wir diesen Kerl hier nicht mehr so verhätscheln.«

»Ich weiß, dass er dir besonders am Herzen liegt, Elias«, erwiderte Jump. »Aber ich habe es dir schon einmal gesagt: Häng dich nicht zu sehr rein. Nicht ohne Grund behandeln wir die Pappbecher mit so viel Vorsicht. Das sind echte Schätzchen, lass es dir gesagt sein.«

»Vielen Dank für den kostenlosen Ratschlag. Ich stehe in deiner Schuld.« Branch drückte auf den Aus-Knopf des Computers und drehte sich zu Ike um. »Gute Arbeit«, sagte er. »Verrate mir nur eins: Hast du vor, dir selbst einen Strick zu drehen?«

Falls er auf Zerknirschung und Reue aus war, war er bei Ike an der falschen Adresse. Ike griff sich ein paar Kisten und baute sich daraus einen Sessel. »Pappbecher«, sagte er. »Das ist neu. Armee-Slang?«

»Nein, Geheimdienst, wenn du’s unbedingt wissen willst. Es bedeutet: einmal benutzen und dann wegwerfen. Früher hat der CIA seine einheimischen Guerilla-Agenten so genannt. Heute bezieht es sich auch auf Cowboys wie dich, die wir aus der Tiefe heraufziehen und als Kundschafter einsetzen.«

»Man gewöhnt sich irgendwie daran«, sagte Ike.

Branchs Laune besserte sich nicht. »Dein Gespür für den richtigen Zeitpunkt ist phänomenal. Der Kongress macht unser Lager hier dicht. Verkauft es. An das nächste Rudel gieriger Geschäftsleute. Ehe man sich umdrehen kann, hat die Regierung schon dem nächsten Kartell nachgegeben. Wir machen die Drecksarbeit, dann kommen die Multis mit ihren Kaufmilizen und Landentwicklern, und der Bergbau geht los. Wir müssen bluten, und sie streichen den Profit ein. Man hat mir nicht mehr als drei Wochen zugestanden, um die gesamte Einheit in ein provisorisches Lager zweitausend Fuß unterhalb von Camp Alison zu verlegen. Mir bleibt nicht viel Zeit, Ike. Ich habe mir den Arsch aufgerissen, um euch dort unten am Leben zu erhalten. Und jetzt kommst du und bedrohst einen Offizier im Einsatz?«

Ike hob zwei gespreizte Finger vor sich in die Luft: »Frieden, Daddy.«

Branch schnaubte hilflos und blickte sich verächtlich in seiner winzigen Bürobude um. Irgendwo in der Nähe dröhnte Countrymusik. »Sieh uns doch nur an«, sagte Branch. »Wie erbärmlich. Wir halten den Kopf hin. Die großen Firmen fahren den Profit ein. Wo bleibt dabei die Ehre?«

»Welche Ehre?«

»Komm jetzt bloß nicht damit. Ja, die Ehre! Nicht das Geld. Nicht die Macht. Nicht der Besitz. Sondern schlicht und einfach die Überzeugung, die Verpflichtung einem bestimmten Kodex gegenüber. Das hier!« Er zeigte auf sein Herz.