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»Vielleicht glaubst du zu viel«, meinte Ike.

»Du vielleicht nicht?«

»Ich bin kein Berufssoldat. Aber du.«

»Du bist überhaupt nichts«, sagte Branch und ließ die Schultern sinken. »Sie haben oben mit deinem Prozess vor dem Kriegsgericht weitergemacht. In deiner Abwesenheit. Nicht zu fassen. Während du noch draußen an der Front warst. So was hätte sich nicht mal Kafka ausdenken können. Eine unerlaubte Entfernung von der Truppe wird plötzlich zu einer Anklage wegen Flucht vor dem Feind.«

Ike war nicht besonders niedergeschlagen. »Dann gehe ich eben in die Revision.«

»Das war bereits die Revision.«

Ike ließ sich nicht die geringste Sorge anmerken.

»Immerhin gibt es noch einen Funken Hoffnung, Ike.

Man hat dich zur Urteilsverkündung nach oben berufen. Ich habe mich mit der JAG in Verbindung gesetzt, und sie sind der Meinung, dass du dich der Gnade des Gerichts überlassen solltest. Ich habe dort oben für dich sämtliche Hebel in Bewegung gesetzt. Ich habe ihnen gesagt, was du hinter den feindlichen Linien getan hast. Einige sehr wichtige Leute haben versprochen, ein gutes Wort für dich einzulegen. Es ist zwar nicht amtlich, aber es sieht ganz so aus, als ließe das Gericht Nachsicht walten. Was bei Gott auch angebracht wäre.«

»Das soll mein Hoffnungsfunken sein?«

Branch ging nicht näher darauf ein. »Du könntest wirklich schlechter dran sein.«

Sie hatten sich über diese Sache bereits bis zum Erbrechen gestritten. Ike hielt sich mit seiner Antwort zurück. Die Armee war für ihn weniger eine Familie als ein Pferch gewesen. Nicht die Armee hatte ihn aus der Sklaverei befreit, in die Arme der Menschheit zurückgeholt, ihn von seinen Fesseln befreit und dafür gesorgt, dass seine Wunden behandelt wurden. Das hatte Branch getan. Ike würde ihm das niemals vergessen.

»Du könntest es jedenfalls versuchen«, sagte Branch.

»Ich muss das nicht tun«, antwortete Ike leise. »Ich muss da nie wieder hinaufgehen.«

»Aber hier unten ist es gefährlich.«

»Nicht schlimmer als oben.«

»Du kannst allein nicht überleben.«

»Ich kann mich immer irgendeinem Trupp anschließen.«

»Was redest du da eigentlich? Hier geht es um unehrenhafte Entlassung, vielleicht sogar Knast. Du wirst ein Unberührbarer sein.«

»Es gibt auch noch anderes zu tun.« »Als Glücksritter?« Branch sah ihn angewidert an. »Du?«

Ike winkte ab.

Beide Männer verfielen in Schweigen. Schließlich rückte Branch damit heraus, ganz leise.

»Tu’s für mich«, schluckte er.

Wären ihm diese Worte nicht so schwer gefallen, hätte Ike sich geweigert. Er hätte sein Gewehr in die Ecke gestellt, seinen Rucksack ins Zimmer geschleudert, sich seine verdreckten Ninjas abgestreift und den Rangers und der gesamten Armee ein für alle Mal den Rücken zugedreht. Aber Branch hatte soeben etwas getan, was Branch normalerweise niemals tat. Und weil dieser Mann, der ihm das Leben gerettet, ihn wieder gesund gepflegt hatte und wie ein Vater zu ihm gewesen war, weil dieser Mann seinen Stolz vor Ikes Füßen in den Staub gelegt hatte, tat Ike das, was er sich geschworen hatte, nie wieder zu tun. Er fügte sich.

»Wo muss ich hin?«, fragte er.

Beide versuchten, Branchs Freude nicht zu beachten.

»Du wirst es nicht bereuen«, versprach Branch.

»Hört sich ganz nach Hinrichtung an«, scherzte Ike ohne das geringste Lächeln.

WASHINGTON D.C.

Auf halber Höhe der Rolltreppe, die so steil wie eine aztekische Treppe nach oben führte, konnte Ike nicht mehr. Es lag nicht nur an der unerträglichen Helligkeit. Seine Reise aus dem Bauch der Erde war grauenhaft zermürbend geworden. Alle seine Sinne waren völlig durcheinander geraten. Die Welt war wie auf den Kopf gestellt.

Als die stählerne Rolltreppe sich jetzt dem Erdgeschoss näherte und das Brausen und Hupen des Straßenverkehrs auf ihn herabstürzte, musste sich Ike am Laufband festklammern. Oben angekommen, spie ihn die Treppe auf einen Bürgersteig. Die Menge schob und drängelte ihn sogleich vom U-Bahn-Eingang weg. Ike wurde von Geräuschen und zufälligen Remplern in die Mitte der Independence Avenue getragen.

Er hatte schon so manches Mal mit Höhenangst zu tun gehabt, aber das hier war etwas völlig anderes. Der Himmel bauschte sich faserig über ihm. Der breite Boulevard ergoss sich nach allen Seiten. Wie seekrank torkelte er in das Blöken der Autohupen und wehrte sich gegen die beängstigenden Eindrücke dieser grenzenlosen Umgebung. Durch die winzige Öffnung seines Tunnelblicks kämpfte er sich auf eine in Sonnenlicht gebadete Mauer zu.

»Verpiss dich!«, kreischte jemand mit einem HindiAkzent. Dann erblickte der Ladeninhaber Ikes Gesicht und zog sich schleunigst zurück.

Ike lehnte die Wange an den Backstein.

»Ecke Achtzehnte und C-Street«, flehte er einen Passanten an. Es war eine Frau in hochhackigen Schuhen, deren Stakkato sofort einen weiten, eiligen Bogen um ihn herum machte. Ike zwang sich von der Wand weg. Auf der anderen Straßenseite angekommen, machte er sich daran, einen kleinen Hügel zu ersteigen, der von amerikanischen Fahnen umgeben war. Als er aufsah, erblickte er das Washington Monument, das sich steil in den strahlend blauen Himmel bohrte. Es war Kirschblütenzeit, so viel war klar. Ike konnte wegen der Pollen kaum atmen.

Gnädig trieb eine Herde Wolken herbei und verschwand kurz darauf wieder. Das Sonnenlicht war schrecklich. Mit brennender Haut ging er weiter. Grellbunt leuchtende Tulpen zersplitterten sein Gesichtsfeld wie Musketenfeuer. Die Sporttasche in seiner Hand, sein einziges Gepäck, wurde ihm schwer. Er rang keuchend nach Luft, und das stachelte seinen alten Stolz wieder an: ein Himalaya-Bergsteiger auf Meereshöhe in solch einem Zustand! Mit fest hinter der dunklen Gletscherbrille zusammengekniffenen Augen zog sich Ike in eine schattige Allee zurück.

Irgendwann ging endlich die Sonne unter. Sein Unwohlsein verflog. Er konnte die Brille abnehmen. Eilig wie ein Flüchtender durchstreifte er die dunkelsten Gegenden der Stadt. Es war seine erste Nacht draußen, seit er vor so langer Zeit in Tibet eingeschneit worden war. Keine Zeit, um etwas zu essen. Auch der Schlaf konnte warten. Erst musste er alles sehen. Wie ein Tourist mit der Ausdauer eines olympischen Sprinters warf er sich ausgehungert auf die Stadt. Da gab es heruntergekommene Straßenzüge und an Paris erinnernde Boulevards, hell erleuchtete Restaurantviertel und von majestätisch anmutenden Einfriedungen umgebene Botschaften. Letztere mied er vorsichtshalber und hielt sich an die verlasseneren Orte.

Die Nacht war herrlich. Trotz des Lichterscheins der Stadt waren die Sterne am Himmel zu sehen. Ike atmete die vom Meer heranwehende Salzluft. Die Bäume waren von Knospen übersät. Es war schließlich April. Trotzdem war es für Ike, als er so über das Gras und den Bürgersteig eilte, über Zäune sprang und Autos auswich, eher November in seinem Herzen. Ein Urteil würde über ihn gefällt werden. Er würde sich nicht lange in dieser Welt aufhalten können. Also prägte er sich den Mond und das Sumpfland und die verzweigten Eichen und das Muster der Wirbel auf dem träge dahinfließenden Potomac ein.

Ohne es zu wollen, stand er plötzlich auf einem grasbewachsenen Hügel vor der National Cathedral. Es war, als stürzte man ins finsterste Mittelalter zurück. Auf dem Gelände hatte sich eine bunt zusammengewürfelte Menge Gläubiger eingefunden, deren windschiefe Zeltstadt nur von Kerzen und Laternen beleuchtet war. Nach kurzem Zögern ging Ike weiter. Dann wurde ihm klar, dass offensichtlich Familien und ganze Kirchengemeinden hierher gekommen waren, um mit den Armen, Verwirrten, Kranken und Süchtigen zusammenzuleben.

Von hölzernen Masten wehten riesige, an Kreuzzüge erinnernde Banner mit roten Kreuzen herab, und die gotischen Zwillingstürme der Kathedrale zuckten im Widerschein lodernder Scheiterhaufen. Hausierer verhökerten Kruzifixe, New Age-Engel, Blaualgenpillen, Indianerschmuck, mit Weihwasser besprengte Munition und Charterflüge nach Jerusalem hin und zurück. Eine Bürgerwehr, die so genannten »Wehrfähigen Christen«, rekrutierte Freiwillige zur Durchführung des Krieges gegen die Hölle. Auf dem Musterungstisch stapelten sich Söldnermagazine, dahinter standen Angeber mit Sportstudiobizeps und schicken Modewaffen. Auf einem miserablen Ausbildungsvideo waren eine brennende Sonntagsschule und einige schlechte Schauspieler zu sehen, die als verdammte Seelen verkleidet um Hilfe flehten.