Rechts neben dem Fernseher stand eine Frau mit nacktem Oberkörper, der ein Arm und beide Brüste fehlten. Voller Stolz präsentierte sie ihre Narben und feuerte die Unentschlossenen an. Ihr Akzent klang sehr nach Täufersekte, wahrscheinlich Louisiana, und in einer Hand hielt sie eine Giftschlange. »Ich war eine Gefangene der Teufel«, bezeugte sie lauthals, »aber ich wurde gerettet. Aber nur ich, nicht meine armen Kinder, und auch nicht die anderen guten Christenmenschen. Alles gute Christenmenschen, die mit Recht nach Erlösung dürsten. Steigt hinunter, ihr Brüder mit den starken Armen. Bringt die Schwachen wieder herauf zu uns. Tragt das Licht des Herrn in diese Dunkelheit. Nehmt mit euch den Geist Christi, des Vaters und des Heiligen Geistes ...«
Ike wich zurück. Wie viel bekam diese Schlangenfrau wohl dafür, dass sie ihr nacktes Fleisch zur Schau stellte und diese leichtgläubigen Männer bekehrte? Ihre Wunden sahen verdächtig nach Operationsnarben aus, doch auch abgesehen davon redete sie nicht wie eine ehemalige Gefangene. Dafür war sie viel zu selbstbewusst.
Selbstverständlich hielten sich die Hadal gefangene Menschen. Aber diese Leute dürsteten nicht unbedingt nach Errettung. Diejenigen, die Ike gesehen hatte, diejenigen, die es geschafft hatten, zumindest eine gewisse Zeit bei den Hadal zu überleben, hatten eher wie die Quersumme von Null gewirkt. Denn wer erst einmal dort angekommen war, für den bedeutete die Vorhölle auch eine Art Zuflucht vor der eigenen Verantwortung. So etwas öffentlich zu sagen, schon gar inmitten fanatischer Patrioten wie diesen hier, wäre natürlich selbstmörderisch, doch Ike selbst hatte die verbotene Verzückung verspürt, mit der man sich voll und ganz der Autorität eines anderen Wesens unterwirft.
Ike stieg die vor Menschentümelei klebrigen Stufen weiter hinauf und betrat das mittelalterliche Querschiff. Auch das zwanzigste Jahrhundert hatte einige Spuren hinterlassen: In den Steinboden waren Staatswappen eingelegt, und auf einem bunten Glasfenster sah man die Astronauten auf dem Mond. Abgesehen davon hätte er ebenso gut durch den Höhepunkt einer Pest-Hysterie wandeln können. Die Luft war von Qualm und Weihrauch sowie dem Gestank ungewaschener Körper geschwängert. Von den nackten Steinwänden hallten Gebete wider. Ike hörte, wie das Confiteor in das Kaddisch überging. Gebete an Allah mischten sich mit Hymnen aus den Appalachen. Priester verkündigten die Wiederkehr Christi, beschworen das Zeitalter des Wassermanns, den einzig wahren Gott und sämtliche Engel.
Noch vor dem Morgengrauen kehrte er, wie er es Branch versprochen hatte, zur Ecke Achtzehnte und C-Street zurück, wo er sich melden sollte. Er ließ sich an einem Ende der Granitstufen nieder und wartete, bis es neun Uhr wurde. Trotz seiner Vorahnungen redete Ike sich ein, dass es kein Zurück gab. Mit seiner Ehre war es so weit gekommen, dass sie von der Gnade fremder Leute abhing.
Die Sonne ging nur langsam auf, schob sich wie ein Parademarsch durch die Schluchten zwischen den Bürohochhäusern. Ike sah zu, wie seine Fußabdrücke auf dem Raureif des Rasens schmolzen, und bei diesem Anblick wollte ihn der Mut verlassen. Eine überwältigende Traurigkeit befiel ihn, das Gefühl eines abgrundtiefen Verrats. Welches Recht hatte er überhaupt, in die Welt zurückzukehren? Welches Recht hatte die Welt, ihn zurückzubekommen? Mit einem Mal kam ihm die Vorstellung, hier zu sein und zu versuchen, seine innersten Beweggründe Fremden verständlich zu machen, wie eine schreckliche Taktlosigkeit vor. Warum sollte er sich opfern? Und wenn sie ihn dennoch schuldig sprachen?
Für einen kurzen Augenblick, der in seinen Gedanken eine kleine Ewigkeit dauerte, befand er sich wieder in Gefangenschaft. Das Gefühl hatte kein bestimmtes Bild. Da war das Gefühl eines zu Tode erschöpften Mannes in seinen Schultern. Der Duft von Mineralien. Und der Geruch von Ketten. Wie verwehte Musikfetzen, nie ganz im Takt, nie eine zusammenhängende Melodie. Würden sie ihm das antun? Noch einmal? Lauf weg, dachte er.
»Ich hätte nicht geglaubt, dass Sie tatsächlich kommen«, sprach ihn eine Stimme an. »Ich dachte, man müsste Sie erst einfangen.«
Ike blickte auf. Ein sehr breit gebauter Mann von vielleicht fünfzig Jahren stand vor ihm auf dem Bürgersteig. Trotz der adretten Jeans und des Designerparkas verriet seine ganze Haltung den Soldaten. Ike blinzelte nach links und rechts, aber sie waren allein.
»Sind Sie der Anwalt?«, fragte er.
»Anwalt?«
Ike war verwirrt. Kannte ihn der Mann oder kannte er ihn nicht?
»Für die Verhandlung vor dem Kriegsgericht. Ich weiß nicht, wie man Sie nennt. Mein Advokat?«
Jetzt verstand ihn der Mann und nickte. »Richtig, doch, so können Sie mich nennen.«
Ike erhob sich.
»Dann bringen wir die Sache hinter uns«, sagte er. Er hatte große Angst, sah jedoch keine Alternative mehr zu dem Geschehen, das bereits ins Rollen gekommen war.
»Sind Ihnen die leeren Straßen nicht aufgefallen?«, fragte der Mann belustigt. »Hier ist niemand. Sämtliche Gebäude sind geschlossen. Heute ist Sonntag.«
»Was tun wir dann hier?«, fragte Ike.
»Wir kümmern uns um unsere Angelegenheiten.«
Ike wurde misstrauisch. Irgendetwas stimmte nicht. Branch hatte ihm gesagt, er solle sich zu diesem Zeitpunkt an diesem Ort einfinden. »Sie sind nicht mein Anwalt.«
»Mein Name ist Sandwell.«
Die folgende Denkpause half Ike auch nicht weiter. Als dem Mann klar wurde, dass Ike noch nie von ihm gehört hatte, lächelte er beinahe mitleidig.
»Ich war eine Zeit lang der Vorgesetzte Ihres Freundes Branch«, fuhr er dann fort. »Damals, in Bosnien, vor seinem Unfall. Bevor er sich veränderte. Er war ein anständiger Mann.« Nach einer weiteren kleinen Pause fügte er hinzu: »Ich bezweifle, dass sich das geändert hat.«
Ike stimmte ihm zu. Manche Dinge ändern sich nie.
»Ich habe von Ihren Problemen erfahren«, sagte Sandwell. »Ich habe Ihre Akte gelesen. Sie haben uns im Lauf der vergangenen fünf Jahre gute Dienste geleistet. Alle loben Sie in den höchsten Tönen: Spürhund. Kundschafter. Killer. Nachdem Branch sie gebändigt hatte, haben wir großen Nutzen von Ihnen gehabt. Und Sie haben Ihren Nutzen von uns gehabt, stimmt’s? Sie haben sich von den Haddie das eine oder andere zurückgeholt.«
Ike wartete ab. Sandwells »-wir« ließ darauf schließen, dass er noch aktiv im Dienst war. Doch etwas anderes an ihm - und das waren nicht seine Designerklamotten - ließ vermuten, dass er noch andere Eisen im Feuer hatte.
Ikes Schweigen fing an, Sandwell zu verärgern. Ike hörte es aus der nächsten Frage heraus, die ihn aus der Reserve locken sollte:
»Als Branch Sie fand, trieben Sie Sklaven durch die Gänge. Stimmt doch, oder? Sie waren ein Kapo. Ein Aufseher. Einer von denen.«
»Wie auch immer Sie es nennen wollen«, erwiderte Ike. Dieser Idiot. Wollte er einen Stein ohrfeigen, um ihn für seine Vergangenheit anzuklagen?
»Ihre Antwort ist wichtig. Sie sind zu den Hadal übergewechselt oder nicht?«
Sandwell täuschte sich. Was Ike sagte, war unwichtig.
Seiner Erfahrung nach fällten die Leute ihre Urteile unabhängig von der Wahrheit. Sogar dann, wenn die Wahrheit deutlich vor ihnen lag.
»Genau aus diesem Grund können wir euch Befreiten ja nie mehr richtig vertrauen«, sagte Sandwell. »Ich habe jede Menge psychologische Evaluationen gelesen. Ihr seid wie die Tiere der Dämmerung. Ihr lebt zwischen den Welten, zwischen Licht und Dunkelheit. Weder richtig noch falsch. Bestenfalls leicht psychotisch. Unter normalen Umständen wäre es verrückt, wenn sich das Militär im Feld auf Leute wie Sie verließe.«