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Ike kannte die Ängste und die Verachtung. Nur sehr wenige Menschen hatten aus der Gefangenschaft der Hadal befreit werden können, und die meisten waren schnurstracks in die Gummizelle gewandert. Ein paar Dutzend von ihnen waren wieder hergestellt worden und konnten wieder arbeiten, meistens als Blindenhunde für Bergleute oder religiöse Kolonien.

»Ehrlich gesagt, ich mag Sie nicht«, fuhr Sandwell fort. »Aber ich glaube nicht, dass Sie sich vor achtzehn Monaten unerlaubt von der Truppe entfernt haben. Ich habe Branchs Bericht über die Belagerung von Albuquerque IO durchgelesen. Ich glaube, dass Sie hinter die feindlichen Linien gegangen sind. Aber es war keine Heldentat, um Ihre Kameraden im Lager zu retten. Sie haben es getan, um diejenigen zu töten, die Ihnen das hier angetan haben.«

Sandwell wies auf die Narben und Male auf Ikes Gesicht und Händen. »Hass kann ich gut verstehen.«

Da Sandwell so von sich überzeugt wirkte, widersprach ihm Ike nicht. Sandwell ging automatisch davon aus, dass Ike die Soldaten aus Rache gegen seine früheren Unterdrücker ins Feld geführt hatte. Ike hatte aufgegeben zu erklären, dass für ihn auch die Armee ein Unterdrücker war. Hass kam in dieser Gleichung überhaupt nicht vor. Es war schlicht unmöglich, andernfalls hätte er sich schon längst umgebracht. Was ihn tatsächlich antrieb, war Neugier.

Ohne darauf zu achten, war Ike vor den über die Stufen wandernden Sonnenstrahlen immer weiter zur Seite ausgewichen. Als er Sandwells Blick bemerkte, hielt er inne.

»Sie gehören nicht nach hier oben«, grinste Sandwell. »Und ich glaube, Sie wissen das.«

Der Kerl war ein tolles Begrüßungskomitee. »Sobald es mir erlaubt ist, verschwinde ich wieder. Ich bin nur hergekommen, um meinen Namen rein zu waschen. Anschließend mache ich mich sofort wieder an die Arbeit.«

»Sie hören sich an wie ein Branch. Aber es ist nicht so einfach, Ike. Die sind hier mit der Todesstrafe rasch bei der Hand. Die Bedrohung durch die Hadal ist vorüber. Sie sind weg.«

»Seien Sie da mal nicht so sicher.«

»Alles eine Frage der Wahrnehmung. Die Leute wollen den Drachen besiegt und erschlagen sehen. Das wiederum bedeutet, dass wir keine Verwendung mehr für Außenseiter und Rebellen haben. Wir haben keinen Platz mehr für diese Probleme, Störungen und unangenehmen Erinnerungen. Sie, Ike, jagen uns Angst ein. Sie sehen aus wie der Feind. Wir wollen nicht mehr daran erinnert werden. Vor einem oder zwei Jahren hätte das Gericht sich auf Ihre Fähigkeiten und Ihren Nutzen draußen im Feld besonnen. Heute wollen sie klar Schiff machen. Kurz gesagt: Sie sind tot. Nehmen Sie es nicht persönlich. Sie stehen nicht als Einziger vor dem Kriegsgericht. Sämtliche Armeen sind dabei, ihre Reihen von Ungereimtheiten und Unannehmlichkeiten zu säubern. Mit eurer Sorte ist es aus und vorbei. Die Kundschafter und Guerillas müssen gehen. So etwas geschieht am Ende jedes Krieges. Frühjahrsputz.«

Pappbecher. Branchs Worte hallten in Ikes Schädel wider. Er musste vom bevorstehenden Großreinemachen gewusst, zumindest etwas geahnt haben. Es waren einfache Wahrheiten. Aber Ike war nicht bereit, sie zu schlucken. Er fühlte sich verletzt, und das war wie eine Offenbarung. Konnte er so etwas tatsächlich noch fühlen?

»Branch hat Sie dazu überredet, sich der Gnade des Gerichts zu überantworten«, konstatierte Sandwell.

»Was hat er Ihnen sonst noch erzählt?« Ike fühlte sich schwerelos wie ein totes Blatt.

»Branch? Wir haben uns seit Bosnien nicht mehr gesprochen. Ich habe diese kleine Diskussion über einen meiner Adjutanten arrangiert. Branch glaubt, dass Sie einen Anwalt treffen, der ein Freund eines Freundes ist.«

Warum diese Doppelzüngigkeit? fragte sich Ike.

»Man braucht nicht besonders viel Phantasie dazu«, fuhr Sandwell fort. »Warum sollten Sie sich all dem aussetzen, wenn nicht um der Gnade willen? Aber wie ich bereits sagte, zieht diese Geschichte weitaus größere Kreise. Ihr Fall ist längst entschieden.«

Sandwells Ton - nicht spöttisch, nur unsentimental -bestätigte Ike, dass es keine Hoffnung gab. Er vergeudete keine Zeit mehr mit der Frage nach dem Urteil. Ihn interessierte nur noch das Strafmaß.

»Zwölf Jahre«, sagte Sandwell. »Zwölf Jahre Bau. Leavenworth.«

Ike spürte, wie der Himmel über ihm in kleine Stücke zerbarst. Nicht denken, rief er sich zur Ordnung. Nicht fühlen. Doch die Sonne stieg und strangulierte ihn mit seinem eigenen Schatten. Sein dunkler Doppelgänger lag zerbrochen unter ihm auf den Stufen.

Er war sich bewusst, dass Sandwell ihn aufmerksam beobachtete.

»Sind Sie hergekommen, um mich zusammenbrechen zu sehen?«, wagte er zu fragen.

»Ich bin gekommen, um Ihnen eine Chance zu geben.« Sandwell reichte ihm eine Visitenkarte. Auf ihr stand der Name Montgomery Shoat zu lesen. Weder Titel noch Adresse. »Rufen Sie diesen Mann an. Er hat Arbeit für Sie.«

»Welche Art von Arbeit?«

»Das wird Ihnen Mr. Shoat selbst sagen. Wichtig ist, dass sie Sie tiefer hinabführt, als der Arm des Gesetzes reicht. Es gibt Zonen, in denen Auslieferungsverträge nicht gelten. So weit unten wird man Sie nicht behelligen können. Aber Sie müssen sofort handeln.«

»Arbeiten Sie für ihn?«, wollte Ike wissen. Reg dich nicht auf, sagte er sich. Finde ihre Fußabdrücke, verfolge die Spur ein Stück zurück, suche dir einen Ausgangspunkt.

Aber Sandwell rückte mit nichts heraus. »Ich wurde gebeten, jemanden mit bestimmten Qualifikationen ausfindig zu machen. Es war reines Glück, Sie in einer derart prekären Situation anzutreffen.«

Das war auch eine Information. Sie verriet ihm, dass Sandwell und Shoat etwas Ungesetzliches vorhatten.

»Sie haben Branch belogen«, sagte Ike. Das gefiel ihm nicht. Es ging um ein Versprechen. Wenn er jetzt davonlief, hieß es, die Armee ein für alle Mal aus seinem Leben zu verbannen.

Sandwell suchte nicht nach einer Entschuldigung. »Sie müssen sehr vorsichtig sein«, sagte er. »Wenn Sie sich für unsere Sache entscheiden, wird man eine Suchaktion nach Ihnen starten. Und die Ersten, die sie ausfragen, sind die Leute, die Ihnen am nächsten stehen. Deshalb mein Rat: Kompromittieren Sie niemanden. Rufen Sie Branch nicht an. Er hat auch so genug Probleme.«

»Soll ich einfach so verschwinden?«

Sandwell lächelte. »Sie haben ohnehin nie richtig existiert.«

Es gibt nichts, was einen mehr

in den Bann zieht, als die Verlockung

eines tiefen Abgrundes.

JULES VERNE, Reise zum Mittelpunkt der Erde.

7

Der Auftrag

MANHATTAN

Ali kam in Sandalen und einem Sommerkleid herein, als könnte sie damit den Winter wie mit einem Zauberstab in Schach halten. Der Wachmann strich ihren Namen auf einer Liste durch und bemängelte, dass sie zu früh und ohne ihre Gruppe gekommen war. Mit atemberaubender Geschwindigkeit ratterte er eine ganze Wegbeschreibung herunter und ließ sie passieren. Das ganze Metropolitan Museum of Art gehörte ihr.

Es war, als wäre sie der letzte Mensch auf der Welt. Ali blieb bei einem kleinen Picasso stehen, dann vor einem riesigen Gemälde vom Grand Canyon. Schließlich kam sie zu einem Transparent, das mit dem Schriftzug ERNTE AUS DER HÖLLE die Hauptausstellung ankündigte. Der Untertitel war: DOPPELT ERBEUTETE KUNST. Die meisten Exponate dieser Ausstellung, die sich Kunstgegenständen aus der Unterwelt widmete, waren von Soldaten und Bergleuten mit nach oben gebracht worden.

Die meisten waren den Menschen irgendwann gestohlen und in den Subplaneten verschleppt worden, daher doppelt erbeutet.