Ali war viel früher gekommen als sie mit January vereinbart hatte, teilweise, weil sie das Gebäude sehr mochte, in erster Linie jedoch, weil sie sehen wollte, wozu der Homo hadalis fähig war. Besser gesagt, wozu er nicht fähig war. Die Kernaussage dieser Ausstellung war folgende: Der Homo hadalis war nicht mehr als eine Beutelratte in menschlicher Größe. Die Kreaturen aus dem Subplaneten klauten schon seit Urzeiten die Erfindungen der Menschen. Von Töpferware aus dem Altertum bis zu Colaflaschen aus Plastik, von Voodoo-Fetischen über Keramiktiger aus der Han-Dynastie bis zu einer archimedischen Schraube oder einer Skulptur von Michelangelo, die man für längst zerstört gehalten hatte.
Neben den Exponaten, die von Menschen hergestellt waren, gab es auch mehrere, die aus Menschen angefertigt waren. Ali kam zu dem berüchtigten »Beachball« aus verschiedenfarbiger Menschenhaut. Niemand kannte seinen Zweck, aber dieses Ding - ursprünglich aufgeblasen, inzwischen in Form einer perfekten Kugel geschrumpft -war für die Besucher besonders beleidigend, weil sie auf so schnöde Weise die unterschiedlichen Rassen als bloße Gewebespielart darstellte.
Der bei weitem faszinierendste Gegenstand war ein aus einer Wand unter der Erde herausgerissener Steinbrocken. Er war mit mysteriösen Hieroglyphen bedeckt, die an Kalligrafie erinnerten. Da man ihn in diese Ausstellung aufgenommen hatte, hielten ihn die Kuratoren wohl für von Menschenhand geschaffene Graffiti, die irgendwann in den Abgrund verschleppt worden war. Doch als Ali vor der Steinplatte stand, kamen ihr Zweifel. Die Zeichen hatten keine Ähnlichkeit mit den vielen Schriften, die ihr bislang untergekommen waren.
»Da bist du ja, Kindchen.«
»Rebecca?«, sagte Ali und drehte sich um.
Die Frau, die ihr gegenüb erstand, kam ihr wie eine Fremde vor. January war immer unbesiegbar gewesen, eine Amazone mit ausgreifenden Umarmungen und straffer schwarzer Haut. Diese Person hingegen sah aus, als hätte man ihr die Luft abgelassen. Da eine Hand schwer auf einem Gehstock ruhte, konnte die Senatorin nur mit einem Arm ausholen. Ali beugte sich rasch nach vorne, um sie zu umarmen, und sie spürte dabei Januarys Rippen auf dem Rücken.
»Oh, mein Kindchen«, flüsterte January glücklich, und Ali drückte die Wange gegen ihr kurz geschorenes und inzwischen weißes Haar. Sie atmete Januarys Geruch ein.
»Das Wachpersonal hat uns erzählt, dass du schon seit einer Stunde hier bist«, sagte January und drehte sich dann zu dem großen Mann um, der ein Stück hinter ihr stand: »Hab ich’s nicht gesagt, Thomas? Immer muss sie schon vor der Kavallerie da sein, schon von Kindesbeinen an. Nicht ohne Grund hieß sie früher Mustang Ali, die Legende von Kerr County. Und siehst du, wie schön sie ist?«
»Rebecca«, rügte sie Ali. January war die bescheidenste Frau der Welt, und zugleich die schlimmste Aufschneiderin. Selbst kinderlos, hatte sie im Lauf der Jahre mehrere Kinder adoptiert, und sie alle hatten gelernt, diese Ausbrüche von Mutterstolz zu ertragen.
»Dabei weiß sie es nicht einmal, so wahr ich hier stehe«, fuhr January unbeirrt fort. »Sie schaut nicht einmal in den Spiegel. Es war ein schwarzer Tag, als sie ins Kloster eintrat. Bärenstarke Texaner haben geweint wie die Witwen unter dem Mond von Goliad und Alamo.« Und ebenso January, wenn sich Ali noch recht an den Tag erinnerte. Sie hatte die ganze Fahrt über geheult und sich dabei immer wieder dafür entschuldigt, dass sie Alis Berufung nicht verstand. Ali verstand sie inzwischen selbst nicht mehr.
Thomas hielt sich lieber heraus. Momentan ging es um das Wiedersehen der zwei Frauen, also blieb er im Hintergrund. Ali schenkte ihm nur einen kurzen Blick. Er war ein großer, schlanker Mann, Ende sechzig, mit den Augen eines gebildeten Menschen und einer zähen Statur. Ali kannte ihn nicht, und obwohl er keinen Kragen trug, war er eindeutig Jesuit: Sie hatte einen siebten Sinn für diese Leute. Vielleicht lag es an der ihnen allen gemeinsamen Kauzigkeit.
»Du musst mir verzeihen, Ali«, sagte January. »Ich habe dir gesagt, es sei ein Treffen unter vier Augen. Ich habe nun doch ein paar Freunde mitgebracht. Es ließ sich nicht vermeiden.«
Erst jetzt sah Ali am anderen Ende der Halle zwei Menschen durch die Ausstellung wandern, einen gebrechlichen Blinden, der von einem größeren und jüngeren Mann geführt wurde. Durch eine weiter entfernte Tür betraten noch mehr ältere Leute den Raum.
»Die Schuld liegt ganz bei mir.« Thomas streckte die Hand zur Begrüßung aus. Offensichtlich hatte das Treffen zwischen Ali und January sein Ende gefunden. Sie hatte geglaubt, January und sie hätten den ganzen Tag für sich, aber das Geschäftliche hatte sie wieder eingeholt. »Ich habe mich sehr darauf gefreut, Sie kennen zu lernen. Gerade jetzt, bevor Sie sich auf den Weg in die arabische Wüste machen.«
»Dein Sabbatjahr«, sagte die Senatorin. »Ich war der Meinung, es macht dir nichts aus, wenn ich ihm davon erzähle.«
»Saudi-Arabien«, fuhr Thomas fort. »Heutzutage nicht gerade der angenehmste Ort für eine junge Frau. Seit die Fundamentalisten die Königsfamilie niedergemetzelt und die Macht übernommen haben, ist die Scharia dort eisernes Gesetz. Ich beneide Sie nicht darum, den ganzen Tag in eine abaya gehüllt zu sein.«
»Ich bin auch nicht gerade davon begeistert, ständig wie eine Nonne verkleidet herumzulaufen«, erwiderte Ali.
January lachte. »Ich werde dich wohl nie verstehen«, sagte sie zu Ali. »Sie geben dir ein Jahr frei, und du hast nichts Besseres zu tun, als zurück in deine Wüste zu gehen.«
»Aber ich kenne das Gefühl«, schaltete sich Thomas wieder ein.
»Sie müssen darauf brennen, die Glyphen zu sehen.« Ali wurde aufmerksamer. Davon hatte sie January weder geschrieben noch etwas erzählt. An January gewandt, erklärte Thomas: »Die südlichen Regionen in der Nähe des Jemen sind besonders reich damit gesegnet. Proto-semitische Piktogramme aus dem ahl aljahiliya, dem so genannten Zeitalter des Unwissens.«
Ali zuckte die Achseln, als müsse das ohnehin allgemein bekannt sein, doch ihr Alarmsystem war angesprungen. Der Jesuit wusste einiges über sie. Was noch? War es möglich, dass er auch den anderen Grund dafür kannte, weshalb sie ein Jahr weg wollte, weshalb sie ihr letztes Gelübde noch einmal verschoben hatte? Der Orden nahm dieses Zögern sehr ernst, und die Wüste war ebenso Austragungsort ihrer Glaubenszweifel wie ihrer wissenschaftlichen Ambitionen. Sie fragte sich, ob die Mutter Oberin ihr diesen Mann gesandt hatte, damit er sie unmerklich beeinflusste, verwarf den Gedanken aber sofort wieder. Das würden sie nicht wagen. Sie allein musste diese Wahl treffen, nicht irgendein Jesuit.
Thomas schien ihr die Befürchtungen vom Gesicht abzulesen.
»Ich verfolge Ihre Karriere schon eine ganze Weile«, sagte er, »und ich dilettiere gelegentlich selbst in der anthropologischen Linguistik. Ihre Arbeiten über die neolithischen Inschriften und Muttersprachen sind, wie soll ich sagen, weitaus eleganter, als es Ihren jungen Jahren zustünde.«
Er war klug genug, ihr nicht zu sehr zu schmeicheln. Andererseits, dachte Ali, hatte ihn January mit ihrer Bemerkung hinsichtlich des Mondes über Goliad deutlich gewarnt. So leicht ließ sie sich keinen Honig ums Maul schmieren.
»Ich habe alles von Ihnen gelesen, was ich finden konnte«, sagte er. »Sehr gewagte Sachen sind das, insbesondere für eine Amerikanerin. Sonst beackern vor allem die russischen Juden in Israel das Feld der Ursprache. Exzentriker, denen keine andere Wahl bleibt. Sie aber sind jung, Ihnen stehen alle Möglichkeiten offen, und trotzdem entscheiden Sie sich für diesen radikalen Forschungszweig. Den Ursprung der Sprache.«
»Warum sollte diese Arbeit als so radikal angesehen werden?«, fragte Ali. »Indem wir uns zu den ersten Worten zurücktasten, versuchen wir, unseren eigenen Ursprung zu ergründen. Und das bringt uns der Stimme Gottes um vieles näher.«