Thomas schien mit ihrer Antwort überaus zufrieden zu sein. Wobei es ihr nicht unbedingt darauf ankam, ihn zufrieden zu stellen. »Verraten Sie mir doch«, bat er, »was Sie, als Fachkundige, von dieser Ausstellung halten.«
Man stellte sie auf die Probe, und January wusste Bescheid. Ali spielte fürs Erste mit, blieb jedoch auf der Lauer. »Zunächst einmal überrascht mich die Vorliebe für religiöse Gegenstände«, äußerte sie und zeigte auf die Gebetsperlenschnüre, die ursprünglich aus Tibet, China, Sierra Leone, Peru, Byzanz, dem Dänemark der Wikinger und Palästina stammten. Gleich daneben lag ein Schaukasten mit Kruzifixen, Handschriften und Abendmahlskelchen aus Gold und Silber. »Wer hätte gedacht, dass sie derartig auserlesene Stücke sammeln? Damit hätte ich nicht gerechnet.«
Sie ging an einer mongolischen Rüstung aus dem zwölften Jahrhundert vorbei. Sie war mehrfach durchbohrt und immer noch blutbefleckt. Andernorts waren Waffen, Rüstungen und Folterinstrumente zu sehen, die von brutalem Gebrauch zeugten, obwohl die Begleittexte den Betrachter immer wieder daran erinnerten, dass die Gegenstände eigentlich menschlichen Ursprungs waren.
Vor einer Vergrößerung der berühmten Aufnahme eines Hadal, der gerade dabei war, einen frühen Aufklärungsroboter mit einer Keule zu zerstören, blieben sie stehen. Es versinnbildlichte den ersten öffentlichen Kontakt der modernen Menschheit mit »ihnen«, eines jener Ereignisse, bei dem sich die Leute später stets daran erinnerten, wo sie gerade waren oder was sie gerade taten, als es passierte. Das Wesen sah dämonisch aus, mit hornartigen Auswüchsen auf dem Albinoschädel.
»Schade nur«, sagte Ali, »dass wir womöglich nie erfahren, wer die Hadal wirklich sind, bis es zu spät ist.«
»Es könnte schon jetzt zu spät sein«, meinte January.
»Das glaube ich nicht«, sagte Ali.
Thomas und January tauschten einen Blick. Er gab sich einen Ruck.
»Wir möchten gerne eine ganz bestimmte Angelegenheit mit Ihnen besprechen«, sagte er.
Ali wusste sofort, dass diese Angelegenheit der eigentliche Grund ihrer Reise nach New York war, die January arrangiert und bezahlt hatte.
»Wir gehören einer Gesellschaft an«, setzte January zu ihrer Erklärung an. »Thomas trommelt uns schon seit Jahren auf der ganzen Welt zusammen. Wir nennen uns den >Beowulf-Kreis<. Er ist ziemlich informell, unsere Treffen finden nur unregelmäßig statt. Wir versammeln uns an unterschiedlichen Orten, um unsere Erkenntnisse auszutauschen und ...«
Bevor sie noch mehr sagen konnte, bellte ein Museumswächter:
»Legen Sie das sofort hin!«
Sofort setzten sich mehrere Wächter eilig in Bewegung. Ziel ihrer Aufgeregtheit waren zwei der Leute, die nach Thomas und January hereingekommen waren, genauer gesagt, der jüngere Mann mit den langen Haaren. Er war gerade dabei, ein Eisenschwert aus einer der Vitrinen zu heben.
»Verzeihung, es ist meine Schuld«, sagte sein blinder Gefährte beschwichtigend und ließ sich das schwere Schwert auf die Handflächen legen. »Ich bat meinen Begleiter Santos ...«
»Das geht in Ordnung, meine Herren«, rief January den Wächtern zu. »Dr. de l’Orme ist ein anerkannter Spezialist.«
»Bernard de l’Orme?«, hauchte Ali. Der Mann hatte in ganz Asien auf der Suche nach Ausgrabungsstätten Flüsse bezwungen und Dschungel durchquert. Da sie bislang nur über ihn gelesen hatte, hatte sie ihn für einen körperlichen Riesen gehalten.
Unbeeindruckt vom Aufruhr fuhr de l’Orme fort, Klinge und lederumhüllten Griff des Schwertes aus der frühen Zeit der Angelsachsen zu betasten und es mit den Fingerspitzen zu betrachten. Er roch an dem Leder, leckte am Eisen.
»Wunderbar«, verkündete er.
»Was tun Sie da?«, fragte ihn January.
»Ich erinnere mich an eine Geschichte«, antwortete er. »Ein argentinischer Dichter erzählte einmal eine Geschichte von zwei Gauchos, die sich auf eine tödliche Messerstecherei einlassen, weil das Messer selbst sie dazu verleitet.«
Der blinde Mann hielt das Schwert in die Höhe, das sowohl von Menschen als auch von ihren Dämonen benutzt worden war.
»Ich habe gerade über das Gedächtnis von Eisen nachgedacht«, sagte er.
»Meine Freunde«, hieß Thomas seine Verschwörer willkommen, »lasst uns endlich anfangen.«
Ali sah die Angesprochenen wie aus dem Nichts zwischen den Reihen der dunklen Bibliothek auftauchen und kam sich plötzlich fast nackt vor. In dieser Umgebung unterstrich ihr Sommerkleid die Hinfälligkeit dieser alten Leute, die offensichtlich sogar hier drinnen froren. Einige trugen modische Anoraks, andere zitterten unter mehreren Schichten Wolle und Tweed.
Sie versammelten sich um einen Tisch, der schon vor der Zeit der großen Kathedralen aus englischer Eiche geschnitten und glatt poliert worden war. Er hatte Kriege und Schreckenszeiten überstanden, Könige, Päpste und Bürgertum, ja sogar mehrere Generationen von Forschern.
Die nautischen Karten an den Wänden ringsum waren gezeichnet worden, bevor man je das Wort Amerika gehört hatte.
Hier war der Satz schimmernder Instrumente, die Kapitän Bligh benutzt hatte, um seine Schiffbrüchigen sicher in die Zivilisation zurückzuführen. Auf einem Glasregal stand eine Karte aus Stöcken und Muscheln, wie sie die mikronesischen Fischer benutzten, um den Meeresströmungen zwischen den Inseln zu folgen. In der Ecke stand das komplizierte ptolemäische Astrolabium, das bei Galileos Ketzerverhandlung eine Rolle gespielt hatte. Ein Stück darüber hing Kolumbus’ ungenaue und sehr exotische Landkarte der Neuen Welt, auf Schafshaut gemalt und mit den Beinen nach den vier Himmelsrichtungen ausgerichtet. Auch Bud Parsifals berühmter Schnappschuss, der die große blaue Murmel vom Mond aus gesehen im All schwebend zeigt, fehlte nicht. Der ehemalige Astronaut stellte sich unbescheiden direkt unter seine Aufnahme, und Ali erkannte ihn. January wich, hin und wieder Namen flüsternd, nicht von ihrer Seite, und Ali war ihr für ihre Anwesenheit dankbar.
Kaum hatten alle Platz genommen, ging die Tür auf und der letzte Nachzügler kam hereingehumpelt. Zuerst dachte Ali, es sei ein Hadal. Wie es schien, war sein Gesicht mit geschmolzenem Plastik überzogen. Eine dunkle Skibrille haftete an dem unförmigen Kopf. Der Anblick erschreckte sie. Sie hatte noch nie einen Hadal gesehen, weder tot noch lebendig, und zuckte unwillkürlich zusammen. Er suchte sich den Sessel direkt neben ihr aus, und sie hörte, dass er schwer atmete.
»Ich dachte nicht, dass Sie es noch schaffen«, sagte January an Ali vorbei zu ihm.
»Bisschen Ärger mit dem Magen«, erwiderte er. »Vielleicht das Wasser. Es dauert immer ein paar Wochen, bis ich mich daran gewöhnt habe.«
Erst jetzt erkannte Ali, dass es ein Mensch war. Seine Atembeschwerden waren ein Symptom, unter dem viele Veteranen litten, wenn sie von weit unten heraufkamen. Noch nie zuvor hatte sie jemanden gesehen, den die Tiefe so zugerichtet hatte.
»Ali, darf ich dir Major Branch vorstellen? Er ist so etwas wie ein Geheimnis. Er arbeitet für die Armee und ist für uns eine Art inoffizieller Verbindungsoffizier. Ein alter Freund. Ich habe ihn vor vielen Jahren in einem Armeehospital aufgespürt.«
»Manchmal denke ich, Sie hätten mich besser dort gelassen«, scherzte er und streckte Ali die Hand entgegen. »Nennen Sie mich Elias.« Er zog eine Grimasse, und erst dann erkannte sie, dass es wohl ein Lächeln sein sollte. Ein Lächeln ohne Lippen. Die Hand war wie Stein. Trotz der mehr als kräftigen Muskeln war es unmöglich, sein Alter zu schätzen. Flammen und Wunden hatten die üblichen Anhaltspunkte ausgelöscht.
Außer Thomas und January zählte Ali noch elf andere, darunter de l’Ormes Protegé Santos. Mit Ausnahme von ihr, Santos und dem Kerl neben ihr waren alle alt. Insgesamt verkörperten sie wohl fast siebenhundert Jahre Lebenserfahrung und Geist, ganz zu schweigen von einem hochtourig arbeitenden Archiv der gesamten aufgezeichneten Geschichte. Sie waren allesamt höchst ehrwürdig, wenn auch ein wenig vergessen. Die meisten hatten die Universitäten, Firmen oder Regierungen, in denen sie sich hervorgetan hatten, schon längst verlassen. Ihre Auszeichnungen und ihre Reputation waren nicht mehr von Nutzen. Ihre Knochen waren brüchig.