Выбрать главу

Der Beowulf-Kreis war ein merkwürdig verschworenes Grüppchen. Ali ließ den Blick über die fröstelnde Versammlung wandern, kramte Gesichter aus ihrem Gedächtnis hervor und erinnerte sich an Namen. Ohne nennenswerte Überschneidungen repräsentierten sie mehr Fachgebiete, als die meisten Universitäten aufzunehmen im Stande gewesen wären. Wiederum wünschte sie, sie hätte etwas anderes als dieses Sommerkleid angezogen. Ihr langes Haar kitzelte sie im Rücken. Sie spürte ihren Körper unter den Kleidern.

»Sie hätten uns etwas früher sagen sollen, dass Sie uns ausgerechnet jetzt aus unseren Familien wegholen«, grummelte ein Mann, dessen Gesicht Ali aus alten TimeHeften kannte. Desmond Lynch, Mediävist und Peacenik. Für seine Biografie von Duns Scotos, Philosoph aus dem dreizehnten Jahrhundert, hatte er 1952 den Nobelpreis erhalten. Den Nobel hatte er streitlustig als Kanzel benutzt, von der aus er gegen McCarthys Hexenjagd, die Atombombe und später gegen den Vietnamkrieg wetterte. Inzwischen war das alles Geschichte. »So weit weg von zu Hause«, sagte er. »Bei dem Wetter! Und das zu Weihnachten!«

»Ist es wirklich so schlimm?«, Thomas grinste ihn an.

Lynch setzte hinter seinem knotigen Gehstock eine finstere Miene auf und knurrte missmutig: »Haltet unsere Anwesenheit bloß nicht für selbstverständlich!«

»In dieser Hinsicht können Sie sich auf mich verlassen«, erwiderte Thomas jetzt ernsthaft. »Ich bin alt genug, um nicht den kleinsten Herzschlag für selbstverständlich zu halten.«

Sie hörten ihm zu. Alle. Thomas’ Blick wanderte von einem Gesicht zum nächsten. »Wäre die Lage nicht so kritisch«, sagte er, »hätte ich es nicht gewagt, Sie mit einer derartig gefährlichen Mission zu behelligen. Aber ich musste handeln. Und jetzt sind wir hier versammelt.«

»Aber ausgerechnet hier?«, fragte eine winzige Frau in einem Kinderrollstuhl. »An den Feiertagen? Es kommt mir so unchristlich von Ihnen vor, Vater.«

Ali erinnerte sich. Vera Wallach. Die Medizinerin aus Neuseeland. Sie allein hatte die Kirche und die Bananenrepublikaner in Nicaragua besiegt und dort während der sandinistischen Revolution die Geburtenkontrolle eingeführt. Sie hatte sich Bajonetten und Kreuzen entgegengestellt und es dabei geschafft, den Armen ihr Sakrament zu bringen: Kondome.

»Allerdings«, grummelte ein schmächtiger Mann. »Der Termin ist unter aller Kanone.« Es war Hoaks, der Mathematiker. Ali hatte ihn zuvor mit einer Karte spielen sehen, auf der die Kontinentalplatten umgedreht waren und eine Ansicht der Erdkruste vom Inneren des Globus gewährten.

»Aber so ist es doch immer«, konterte January. »Das ist Thomas’ Art, uns seine Mysterien anzudrehen.«

»Es könnte schlimmer sein«, formulierte Rau, der Unberührbare, auch er ein Nobelpreisträger. Obwohl er in Uttar Pradesh in der niedrigsten Kaste geboren ‘war, war es ihm gelungen, bis ins Unterhaus des Indischen Parlaments aufzusteigen, wo er seiner Partei lange Jahre als Sprecher gedient hatte. Erst später erfuhr Ali, dass Rau kurz davor gewesen war, der Welt zu entsagen, Kleidung und Namen abzustreifen und wie ein frommer Saddhu von einem Tag zum anderen zu leben.

Thomas gewährte ihnen noch ein paar Minuten, um einander zu begrüßen und ihn zu verwünschen. Flüsternd fuhr January fort, Ali die eine oder andere Persönlichkeit näher zu beschreiben. Dort saß Mustafah, der einer in Alexandria ansässigen Familie koptischer Christen angehörte, die sich mütterlicherseits bis zu Cäsars Familie zurückverfolgen ließ. Obwohl von Haus aus Christ, war er ein Experte für die Schana, das Gesetz des Islam, dazu einer der wenigen, der in der Lage war, es Leuten aus dem westlichen Kulturkreis zu erklären. Von Emphysemen gequält, konnte er jeweils nur kurze Sätze hervorbringen.

Ihm gegenüber saß ein Industrieller namens Foley, der mehr als ein Vermögen gemacht hatte, eins davon im Zweiten Weltkrieg mit Penicillin, ein anderes in der Blut-und Plasmaindustrie, bevor er angefangen hatte, sich nebenbei für die Bürgerrechte zu engagieren und für so manchen Märtyrer die Kaution übernommen hatte. Er unterhielt sich lebhaft mit Bud Parsifal, dem Astronauten. Jetzt fiel Ali auch dessen Geschichte wieder ein: Nach seiner Stippvisite auf dem Mond hatte sich Parsifal am Berge Ararat auf die Suche nach Noahs Arche gemacht, geologische Beweise für die Teilung des Roten Meeres gefunden und sich an einer Reihe anderer verrückter Rätsel versucht. Es stand außer Frage, dass es sich bei dem Beowulf-Kreis um eine Ansammlung von Außenseitern und Anarchisten handelte.

Schließlich ergriff Thomas offiziell das Wort. »Ich bin glücklich, solche Freunde zu haben.«

Ali staunte. Die anderen hörten zu, doch die Worte waren direkt an sie gerichtet. »Solche edlen Seelen. Über all die Jahre, auf meinen vielen Reisen, habe ich mich an ihrer Gesellschaft erfreut. Ein jeder von ihnen hat hart gearbeitet, die Menschheit von ihren zerstörerischen Impulsen abzubringen. Ihr Lohn«, an dieser Stelle setzte er ein schiefes Lächeln auf, »ist ihre Berufung in diesen erlauchten Kreis.«

Er benutzte das Wort »Berufung«, und es war nicht zufällig gewählt. Er musste irgendwie erfahren haben, dass diese Nonne schwer an ihrem Gelübde zweifelte.

»Wir leben lange genug, um zu wissen, dass das Böse existiert - und nicht zufällig«, fuhr Thomas fort. »Im Laufe der Jahre haben wir versucht, es zu benennen. Das haben wir getan, indem wir einander unterstützten und indem wir unsere verschiedenen Fähigkeiten und Beobachtungen zusammentrugen. So einfach ist das.«

Es hörte sich viel zu einfach an. Als ob diese alten Leute eben mal so in ihrer Freizeit gegen das Böse in der Welt kämpften.

»Seit jeher ist unsere stärkste Waffe unsere Gelehrsamkeit gewesen«, fügte Thomas hinzu.

»Dann sind Sie also eine akademische Gesellschaft«, bemerkte Ali.

»Ach, eher eine Tafelrunde edler Ritter«, erwiderte Thomas. Hier und da tauchte ein Lächeln auf. »Ich will Satan finden.«

Sein Blick traf den Alis, und sie sah, dass er es ernst meinte. Alle hier meinten es ernst. Ali konnte sich nicht beherrschen: »Den Teufel?«

Diese Gruppe Nobelpreisträger und Gelehrter gab dem Bösen den Charakter eines Katz-und-Maus-Spiels.

»Der Teufel«, schnaufte Mustafah, der Ägypter, angestrengt.

»Ein Altweibermärchen.«

»Satan«, korrigierte January, eindeutig an Ali gewandt.

Jetzt konzentrierten sich alle auf Ali. Keiner stellte ihre Anwesenheit in der Runde in Frage, was bedeutete, dass sie ihnen allen längst wohl bekannt war. Thomas’ Vortrag über ihre Pläne hinsichtlich Saudi-Arabiens, der präislamischen Glyphen und ihrer Suche nach der Ursprache erhielt noch mehr an Gewicht. Diese Leute hatten sie beobachtet. Man wollte sie rekrutieren. Was ging hier vor?

Warum hatte January sie da hineingezogen? »Satan?«, entfuhr es ihr.

»Genau«, bestätigte January. »Wir haben uns dieser Idee verschrieben. Der Realität dieser Idee.«

»Welche Realität denn?«, fragte Ali. »Die Spukgestalt aus Albträumen geplagter, unterernährter und an Schlafmangel leidender Mönche? Oder der heldenhafte Rebell, als den ihn Milton schildert?«

»Ich bitte dich, Ali!« January schüttelte den Kopf. »Wir sind zwar alt, aber nicht verblödet. Satan ist ein Oberbegriff. Es konkretisiert unsere Theorie von einer zentralisierten Führung alles Bösen. Nenne ihn wie du willst, Maximum Leader, Dschingis Khan oder Sitting Bull, der Rat weiser Männer oder Kriegsherr. Das Konzept ist nur folgerichtig. Logisch.«

Ali zog es vor zu schweigen.

»Es ist nicht mehr als ein Wort, ein Name«, sagte Thomas zu ihr.

»Der Begriff Satan bezeichnet eine historische Figur. Ein fehlendes Bindeglied zwischen unseren Märchen von der Hölle und ihrer geologischen Tatsache. Denken Sie mal darüber nach. Wenn es einen historischen Christus geben kann, warum dann nicht einen historischen Satan? Denken Sie an die Hölle. Die jüngste Geschichte lehrt uns, dass sich die Märchen getäuscht und trotzdem Recht haben. Die Unterwelt ist nicht voller toter Seelen und Dämonen, und doch gibt es dort gefangene Menschen und eine eingeborene Bevölkerung, die - bis vor kurzem - ihr Territorium hartnäckig verteidigte. Doch trotz der vielen tausend Jahre, in denen sie in den Sagen und Legenden der Menschen verdammt und dämonisiert wurden, scheinen die Hadal uns nicht unähnlich zu sein. Wussten Sie, dass sie über eine Schriftsprache verfügen?«, fragte er sie.