»Zumindest hat es irgendwann einmal eine Schrift gegeben. Diese Runen belegen, dass sie eine bemerkenswerte Zivilisation aufgebaut hatten. Womöglich haben sie sogar«, sagte er und holte tief Atem:
»Seelen.«
Ali konnte nicht glauben, dass ein Priester solche Dinge sagte. Menschenrechte waren eine Sache, aber die Fähigkeit, Gottes Gnade zu erlangen, eine völlig andere. Selbst wenn man den Hadal eine genetische Verbindung zum Menschen nachweisen konnte, war die Möglichkeit, dass sie eine Seele besaßen, theologisch unwahrscheinlich. Die Kirche sprach auch Tieren keine Seele zu, nicht einmal den höheren Primaten. Nur der Mensch war der Erlösung würdig. »Habe ich das richtig verstanden?« hakte sie nach. »Sie suchen nach einem Wesen namens Satan?«
Niemand widersprach ihr.
»Aber warum denn?«
»Frieden«, sagte Lynch. »Wenn er ein großer Anführer ist und wir ihn verstehen lernen, ist es uns vielleicht möglich, einen dauerhaften Frieden zu schmieden.«
»Erkenntnis«, sagte Rau. »Bedenken Sie nur, was wir womöglich erfahren werden, wohin er uns führen könnte.«
»Und wenn er nicht mehr als ein alter Kriegsverbrecher ist«, sagte der Soldat Elias, »sorgen wir für Gerechtigkeit. Für seine Bestrafung.«
»So oder so«, warf January ein, »wollen sie Licht ins Dunkel bringen. Oder die Dunkelheit ans Licht.«
Das klang alles so naiv. So jugendlich beschwingt. So verführerisch und hoffnungsfroh. Beinahe plausibel, dachte Ali, zumindest hypothetisch. Aber - ein Nürnberger Prozess gegen den Fürsten der Hölle?
Ali wurde zunehmend betrübt. Thomas hatte sie in die Welt zurückgeholt, gerade als sie sich von ihr verabschieden wollte.
»Und wie wollen Sie dieses Wesen, diese Kreatur, dieses Ding aufspüren?«, fragte sie. »Welche Chance haben Sie, auch nur einen Flüchtling zu finden, wenn sämtliche Armeen keinen einzigen Hadal mehr zu Gesicht bekommen? Ich höre immer wieder, dass sie vielleicht sogar ausgestorben sind.«
»Sie sind skeptisch«, nickte Vera anerkennend. »Sonst hätten wir Sie auch nicht gebrauchen können. Ihre Skepsis ist eine Grundvoraussetzung. Ohne sie wären Sie für uns nutzlos. Glauben Sie mir, als Thomas uns seine Ideen auftischte, haben wir anfangs auch nicht anders reagiert. Und doch kommen wir jetzt, Jahre später, immer wieder zusammen, wenn Thomas uns ruft.«
»Gelehrsamkeit«, mischte sich der Mathematiker Hoaks ein.
»Durch wiederholte Untersuchung von Ausgrabungsstätten und genauester Prüfung der Fundstücke haben wir ein ziemlich klares Bild entwerfen können. Eine Art Verhaltensprofil.«
»Ich nenne es >komprimierte Satanstheoriec«, sagte Foley. Sein Geschäftssinn war auf Strategie und Ergebnisse programmiert.
»Einige von uns besuchen Bibliotheken, archäologische Ausgrabungen oder Wissenschaftszentren auf der ganzen Welt. Andere führen Interviews, befragen Überlebende, folgen Hinweisen. Auf diese Art hofften wir, ein psychologisches Muster herauszubilden.«
»Es hört sich alles ... so abenteuerlich an«, sagte Ali. Sie wollte niemanden vor den Kopf stoßen.
Thomas meldete sich wieder zu Wort. Die Beleuchtung spielte Ali einen Streich. Mit einem Mal schien er tausend Jahre alt zu sein.
»Er ist dort unten«, sagte er. »Jahr für Jahr versuche ich vergeblich, ihn ausfindig zu machen. Aber das können wir uns nicht länger leisten.«
»Genau das ist das Dilemma«, sagte de l’Orme. »Das Leben ist zu kurz für Zweifel und zu lang für den Glauben.«
Ali erinnerte sich an seine Exkommunikation. Es musste damals grausam für ihn gewesen sein.
»Unser Problem besteht darin, dass sich Satan vor aller Augen versteckt«, sagte de l’Orme. »Wie er es seit jeher getan hat. Er verbirgt sich inmitten unserer Realität. Sogar in unserer visuellen Realität. Der Trick, den wir allmählich lernen, ist der, in die Illusion einzutreten. Auf diese Weise hoffen wir ihn ausfindig zu machen. Würdest du Mademoiselle bitte unser kleines Foto zeigen?«, bat er seinen Assistenten.
Santos breitete eine lange Rolle glänzenden Kodakpapiers aus. Darauf war das Bild einer alten Karte zu sehen. Ali musste aufstehen, um die Einzelheiten zu erkennen. Die anderen scharten sich um sie.
»Meine Kolleginnen und Kollegen hatten schon mehrere Wochen die Gelegenheit, sich dieses Foto anzusehen«, erläuterte ihr de l’Orme. »Es ist eine Straßenkarte, bekannt unter dem Namen >Peutingersche Tafele, im Original fast sieben Meter lang und gut dreißig Zentimeter hoch. Darauf ist sehr penibel ein Netz mittelalterlicher Straßen verzeichnet, insgesamt 120 000 Kilometer, und zwar von den Britischen Inseln bis nach Indien. Entlang der Strecken gab es Rastplätze, Mineralquellen, Brücken, Flüsse und Meere. Höhen- und Breitengrade waren irrelevant. Die Straße selbst war alles.«
Der Archäologe hielt kurz inne. »Ich habe Sie alle gebeten zu versuchen, auf dem Foto etwas Ungewöhnliches zu entdecken, insbesondere lenkte ich Ihre Aufmerksamkeit auf den lateinischen Satz >Hier gibt es Drachenc, ziemlich genau in der Mitte der Karte. Ist jemandem etwas Ungewöhnliches aufgefallen?«
»Es ist halb acht Uhr morgens«, sagte eine Stimme. »Klären Sie uns bitte auf, damit wir uns dem Frühstück widmen können.«
»Würdest du bitte ...«, sagte de l’Orme zu seinem Gehilfen. Santos hob eine Holzkiste auf den Tisch, aus der er eine dicke Schriftrolle zog, die er auch sogleich sorgsam aufrollte. »Das hier ist die Originaltafel«, sagte de l’Orme. »Sie wird hier im Museum aufbewahrt.«
»Deshalb mussten wir alle nach New York kommen?«, murrte Parsifal.
»Bitte sehr, vergleichen Sie selbst«, forderte de l’Orme sein Publikum auf. »Wie Sie unschwer erkennen können, gibt das Foto das Original eins zu eins wieder. Was ich hier demonstrieren will, ist die Tatsache, dass man etwas zwar sehen kann, aber nicht unbedingt daran glauben muss. Santos?«
Der junge Mann streifte ein Paar Latex-Handschuhe über, zog ein Skalpell hervor und beugte sich über das Original.
»Was haben Sie vor?«, kreischte ein ausgezehrter Mann entgeistert. Seine Name war Gault, und Ali erfuhr später, dass er ein Enzyklopädist der alten Diderotschen Schule war, die davon überzeugt war, dass man alles wissen und alphabetisch ordnen konnte, »Diese Karte ist unersetzlich«, protestierte er.
»Schon in Ordnung«, meinte de l’Orme. »Er enthüllt lediglich einen Einschnitt, den wir bereits vorgenommen haben.«
Die Aufregung, Zeugen eines Aktes von Vandalismus zu werden, machte alle hellwach. Man drängte sich dicht um den Tisch.
»Es handelt sich um ein Geheimnis, das der Kartograf in dieser Karte versteckt hat«, fuhr de l’Orme fort. »Ein wohl gehütetes Geheimnis, das wahrscheinlich niemals gelüftet worden wäre, wäre die Karte nicht einem Blinden unter die Fingerspitzen gekommen. Unsere Ehrfurcht vor Altertümern hat auch eine abträgliche Seite. Wir sind so weit, dass wir die Dinge selbst mit so viel Sorgfalt behandeln, dass sie ihre ursprüngliche Wahrheit verloren haben.«
»Aber was soll das jetzt?«, fragte jemand atemlos.
Santos schob sein Skalpell an der Stelle in das Pergament, an der der Kartograf ein kleines Wäldchen eingezeichnet hatte, aus dem ein Fluss entsprang. »Meine Blindheit erlaubt mir den einen oder anderen Regelverstoß«, sagte de l’Orme. »Ich fasse die meisten Dinge an, die andere Leute nicht anfassen dürfen. Vor mehreren Monaten spürte ich an dieser Stelle der Karte eine leichte Erhebung. Wir ließen das Pergament durchleuchten, und es zeigte sich, dass unter den Pigmenten ein Geisterbild aufzutauchen schien. Woraufhin wir einen chirurgischen Eingriff vornahmen.«