Santos öffnete ein winziges, verstecktes Türchen, und der Berg klappte an dünnen Fadenscharnieren auf. Darunter kam das vereinfachte, aber deutlich erkennbare Bildnis eines Drachen zum Vorschein, dessen Klauen den Buchstaben B umschlossen.
»Das B steht für Behar«, erklärte de l’Orme. »Lateinisch für wertlos. Ein anderer Name für Satan. Das war die Manifestation Satans zur Zeit der Entstehung der Peutingerschen Tafel. Im Evangelium des Bartholomäus, einem Traktat aus dem dreizehnten Jahrhundert, wird Behar aus dem Abgrund heraufgezerrt und einer Befragung unterworfen. Bartholomäus liefert uns die Autobiografie des gefallenen Engels.«
Die Gelehrten bewunderten die Findigkeit und die künstlerische Fertigkeit des Kartenmachers und beglückwünschten de l’Orme zum Erfolg seiner Detektivarbeit.
»Das ist belanglos. Unbedeutend. Der Berg über diesem Zugang liegt im Karstgebirge des ehemaligen Jugoslawien. Der Fluss, der an seinem Fuß entspringt, ist die Pivka, die aus einer Höhle in Slowenien namens Postojnska jama hervortritt.«
»Die Postojnska jama?«, platzte es aus Gault heraus. »Aber das war doch Dantes Höhle!«
»Genau«, sagte de l’Orme und überließ Gault die weitere Erläuterung.
»Es ist eine sehr große Höhle«, erklärte Gault. »Sie war bereits im 13. Jahrhundert eine berühmte Touristenattraktion. Adelige und Landbesitzer ließen sich von Einheimischen hinführen. Dante stattete ihr einen Besuch ab, als er gerade an der Recherche für ...«
»Mein Gott«, entfuhr es Mustafah. »Seit tausend Jahren war die Legende von Satan genau hier angesiedelt. Wie können Sie diese Erkenntnis trivial nennen?«
»Weil sie uns irgendwo hinführt, wo wir nicht ohnehin bereits gewesen sind«, antwortete de l’Orme. »Die Postojnska jama ist heute eines der größten Tore für Verkehr aller Art in den Abgrund. Der Fluss wurde weggesprengt. Eine Asphaltstraße führt in die Tiefe, der Drache ist geflohen. Eintausend Jahre lang hat uns diese Karte gesagt, wo er einst hauste, oder wo sich zumindest einer seiner Zugänge in die Unterwelt befand. Inzwischen hat sich Satan allerdings woanders hin verzogen.«
Jetzt übernahm Thomas wieder.
»Vor uns liegt ein weiterer Grund dafür, weshalb wir nicht in dem Glauben, die Wahrheit zu kennen, zu Hause sitzen bleiben dürfen. Wir müssen unsere Instinkte im gleichen Maße aufgeben, wie wir uns auf sie verlassen müssen. Wir müssen unsere Hände auf das Unberührbare legen. Auf seine Bewegung lauschen. Er ist irgendwo da draußen, in alten Büchern und Ruinen und Kunstgegenständen. Tief in unserer Sprache und unseren Träumen. Und trotzdem wollen wir den Beweisen keinen Glauben schenken. Wir müssen zu ihm hin, wo auch immer es sich aufhalten mag, sonst blicken wir lediglich in selbsterdachte Spiegel. Verstehen Sie mich? Wir müssen seine Sprache lernen. Wir müssen seine Träume kennen lernen. Und ihn vielleicht in die Familie der Menschen zurückholen.«
Thomas stützte sich auf die Tischplatte. Sie ächzte leise unter seinem Gewicht. Sein Blick fiel auf Ali. »Die Wahrheit ist die, dass wir hinaus in diese Welt gehen müssen. Wir müssen alles riskieren, und wir dürfen nicht mit leeren Händen zurückkehren.«
»Selbst wenn ich an euren historischen Satan glaube«, sagte Ali, »ist es noch lange nicht meine Angelegenheit, gegen ihn anzutreten.«
Das Treffen war vertagt worden. Stunden waren vergangen. Die Gelehrten des Zirkels waren weggegangen und hatten sie mit January und Thomas allein gelassen. Sie war müde und gleichzeitig elektrisiert, gab sich jedoch Mühe, dass man ihr weder das eine noch das andere anmerkte. Thomas war ihr ein Rätsel. Er machte sie für sich selbst zu einem Rätsel.
»Ich stimme Ihnen zu«, erwiderte Thomas. »Aber Ihre Leidenschaft für die Ursprache wäre eine große Hilfe bei unserem Kampf. An dieser Stelle kommen unsere Interessen zusammen.«
Sie warf January einen flüchtigen Blick zu. Ihr Blick hatte sich irgendwie verändert. Ali brauchte eine Verbündete, doch alles was sie sah, waren Verpflichtung und Dringlichkeit. »Was genau wollen Sie von mir?«
Was ihr Thomas als Nächstes erzählte, übertraf ihre kühnsten Vorstellungen. Er spielte mit einem vergilbten Globus, ließ ihn kreisen, bremste die Drehung dann ab und zeigte auf die Galäpagos-Inseln. »In sieben Wochen wird von hier aus eine wissenschaftliche Expedition durch den Meeresboden des Pazifik in das Tunnelsystem der Nazca-Platte eingeschleust. Das Unternehmen besteht aus ungefähr fünfzig Wissenschaftlern und Forschern, die in der Hauptsache aus amerikanischen Universitäten und Laboren rekrutiert wurden. Sie werden ein ganzes Jahr lang in einem erstklassig eingerichteten Forschungsinstitut arbeiten. Es soll sich in einer abgelegenen Bergwerksstadt befinden. Wir versuchen gerade herauszubekommen, in welcher, und ob diese wissenschaftliche Station überhaupt existiert. Major Branch hat uns dabei sehr geholfen, aber selbst der militärische Geheimdienst kann sich keinen Reim darauf machen, warum Helios dieses Projekt vorantreibt und was sie damit eigentlich im Schilde führen.«
»Helios?«, sagte Ali. »Der Wirtschaftsmulti?«
»Helios ist ein multinationales Kartell, bestehend aus Dutzenden großer Firmen, total diversifiziert. Fertignahrung für Babys, Immobilien, Autofabriken, Plastikwiederaufbereitung, Buchverlage, dazu Film- und Fernsehproduktionen, auch Fluggesellschaften. Sie sind unberührbar. Jetzt aber hat dieser Koloss, dank seines Gründers C. C. Cooper, eine scharfe Kursänderung vorgenommen. Nach unten, direkt in den Subplaneten.«
»Der Präsidentschaftskandidat«, murmelte Ali. »Sie haben doch im Senat mit ihm gearbeitet.«
»Meistens gegen ihn«, erwiderte January. »Er ist ein kluger Kopf. Ein wahrer Visionär. Ein verkappter Faschist. Und jetzt ein verbitterter und paranoider Verlierer. Seine eigene Partei wirft ihm die Schmach der Wahlniederlage vor. Der Oberste Gerichtshof hat seine Klage wegen Wahlbetrugs abgewiesen. Mit dem Ergebnis, dass er jetzt tatsächlich davon überzeugt ist, dass die ganze Welt es auf ihn abgesehen hat.«
»Seit seiner Niederlage habe ich nichts mehr von ihm gehört«, sagte Ali.
»Er hat den Senat verlassen und ist zu Helios zurückgekehrt«, sagte January. »Wir waren uns eigentlich sicher, dass er jetzt Ruhe geben und sich wieder ganz dem Geldscheffeln widmen würde, Selbst die Leute, die solche Geschichten im Auge behalten, bemerkten lange nichts. C. C. benutzte seine Marionetten, Stellvertreter und Scheinfirmen, um sich Zugangsrechte, Tunnelbaugeräte und Unter-Tage-Technologie zu sichern. Er traf Abkommen mit den Regierungen von neun verschiedenen Pazifik-Anrainern, die sich an den Bohrarbeiten beteiligen und Arbeitskräfte stellen, und auch das wiederum sehr geheim. Das Ergebnis ist folgendes: Während wir damit beschäftigt waren, die unterirdischen Regionen unter unseren Städten und Kontinenten zu befrieden, ist Helios allen anderen in Bezug auf unterseeische Forschung und Entwicklung zuvorgekommen.«
»Ich dachte, die Kolonisierung fände unter internationaler Ägide statt«, sagte Ali.
»Das stimmt«, erwiderte January. »Innerhalb der Grenzen internationalen Rechts. In nicht eigenstaatlichen Gebieten greift das internationale Recht allerdings nicht, und was die Offshore-Gebiete betrifft, hinkt das Gesetz den unterirdischen Entwicklungen noch weit hinterher.«
»Ich habe das auch nicht ganz begriffen«, mischte sich Thomas wieder ein. »Es ist aber wohl so, dass die Gebiete unter dem Meeresboden so eine Art Wilder Westen sind und demjenigen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert, der sie in Besitz nimmt. Im Falle des Pazifischen Ozeans bedeutet das ein Gebiet von gewaltiger Ausdehnung jenseits internationalen Zugriffs.«