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»Also nichts anderes als ein hervorragendes Betätigungsfeld für einen Mann wie C. C. Cooper«, ergänzte January. »Schon heute besitzt Helios mehr unterseeische Bohrsta-tionen als jeder andere staatliche oder private Konkurrent. Helios ist auf dem Gebiet hydroponischer Abbaumethoden führend. Helios hat die neueste Technologie für verbesserte Kommunikation durch Felsgestein. Sie sind auf die gleiche Weise an die Eroberung des Subplaneten herangegangen, wie sich die USA vor vierzig Jahren an die erste bemannte Mondlandung gewagt hat. Während der Rest der Welt auf Zehenspitzen im Keller herumschlich, hat Helios Milliarden für Forschung und Entwicklung ausgegeben und ist jetzt bereit, das Neuland auszubeuten.«

»Mit anderen Worten«, ergänzte Thomas, »Helios schickt diese Wissenschaftler nicht aus reiner Gutherzigkeit dort hinunter. Die Expedition ist vor allem mit Geowissenschaftlern und Biologen ausgestattet. Erstes Ziel dürfte es sein, das Wissen hinsichtlich der Lithosphäre zu erweitern und mehr über Bodenschätze und Lebensformen zu erfahren, insbesondere natürlich diejenigen, die sich ausbeuten lassen. Helios hat kein Interesse an unserem Ansatz, die Hadal zu humanisieren. Das heißt, die anthropologische Komponente ist sehr, sehr gering.«

Bei dem Begriff Anthropologie zuckte Ali zusammen. »Ihr wollt, dass ich mitgehe? Dort hinunter?«

»Wir sind viel zu alt dazu«, erwiderte January.

Ali war wie betäubt. Wie konnten sie so etwas von ihr verlangen? Sie hatte ihre eigenen Verpflichtungen, Pläne, Wünsche.

»Sie sollten wissen, dass nicht die Senatorin Sie ausgewählt hat«, sagte Thomas zu Ali. »Das war ich. Ich beobachte Sie schon seit Jahren und bewundere Ihre Arbeit. Sie verfügen über genau die Fähigkeiten, die wir brauchen.«

»Aber dort hinunter ...« Sie hatte nie daran gedacht, an einer solchen Reise teilzunehmen. Sie hasste die Dunkelheit. Ein ganzes Jahr ohne Sonne?

»Sie gewöhnen sich daran.«

»Sie waren wohl schon einmal unten«, sagte Ali. Thomas hörte sich so überzeugend an.

»Nein«, erwiderte er. »Aber ich habe mich bei den Hadal aufgehalten, indem ich ihre Spuren in Ruinen und Museen aufsuchte. Meine Aufgabe wurde durch Äonen menschlichen Aberglaubens und menschlicher Ignoranz erschwert. Aber wenn man sich tief genug in die Geschichte der Menschheit wühlt, finden sich Hinweise darauf, wie die Hadal vor Tausenden von Jahren gewesen sein müssen. Es gab eine Zeit, da waren sie mehr als diese heruntergekommenen Kreaturen, mit denen wir es heute zu tun haben.«

Ihr Puls hämmerte. Sie wollte nicht aufgeregt sein. »Und ich soll den Anführer der Hadal ausfindig machen?«

»Aber nein.«

»Was dann?«

»Es geht uns nur um die Sprache.«

»Ich soll ihre Schrift entziffern? Aber es existieren doch nur Fragmente .«

»Wie man mir berichtete, gibt es dort unten Glyphen in Hülle und Fülle. Jeden Tag sprengen die Bergleute ganze Galerien davon weg.«

Hadal-Glyphen? Wo sollte das alles noch enden?

»Viele Leute sind der Meinung, die Hadal seien ausgestorben. Davon lassen wir uns nicht beirren«, sagte January. »Wir müssen immer noch mit dem leben, was sie waren. Und wenn sie sich nur irgendwo versteckt halten, dann müssen wir wissen, wozu sie fähig sind, und zwar nicht nur in ihrer Grausamkeit, sondern auch in der Erhabenheit, nach der sie einst strebten. Es steht außer Zweifel, dass sie einmal zivilisiert gewesen sind. Und wenn die Legende wahr ist, sind sie vor sich selbst in Ungnade gefallen. Warum? Könnte ein solcher Fall auch der Menschheit drohen?«

»Machen Sie uns ihre uralten Erinnerungen zugänglich«, sagte Thomas zu Ali. »Wenn Ihnen das gelingt, können wir Satan erst wirklich verstehen. Bislang ist es niemandem gelungen, ihre Schrift zu entziffern. Es ist eine verlorene Sprache, vielleicht. Wahrscheinlich haben auch sie, die Letzten ihrer Art, sie vergessen. Sie haben ihre eigentliche Herrlichkeit vergessen. Und Sie sind die Einzige, die mir einfällt, die in der Lage wäre, die in den Hieroglyphen und Schriften der Hadal verborgene Sprache aufzuspüren. Befreien Sie diese tote Sprache, und uns eröffnet sich vielleicht eine Möglichkeit zu verstehen, wer sie einst gewesen sind. Befreien Sie diese Sprache, und womöglich lüften Sie dabei auch das Geheimnis der Ursprache.«

»Nachdem das alles gesagt ist, Ali«, meldete sich January noch einmal zu Wort und suchte Alis Blick, »möchte ich, dass du eines weißt: Du musst nicht gehen. Du kannst auch Nein sagen, Ali.«

Aber natürlich konnte sie das nicht.

BUCH ZWEI

INQUISITION

Kannst du den Leviatan fangen

mit der Angel

und seine Zunge

mit einer Fangschnur fassen?

HIOB 40:25

8

In den Stein

GALÂPAGOS-INSELN 8. JUNI

Der Hubschrauber schien immer weiter nach Westen über das kobaltblaue, uferlose Wasser zu fliegen, auf das der Sonnenuntergang rote Flecken malte. Die Nacht hetzte sie über den unendlichen Pazifik. Wie ein kleines Kind hoffte Ali, sie könnten der Dunkelheit davonfliegen.

Die Inseln waren auf einer Strecke von mehreren Kilometern von Gerüsten, Plattformen und Aufbauten überzogen, die an manchen Stellen bis zu zehn Stockwerke aufragten. Ali hatte formlose Lavahaufen erwartet und sah sich jetzt mit einer rigiden Geometrie konfrontiert. Das Nazca-Depot, das seinen Namen von der tektonischen Platte herleitete, mit der es in Verbindung stand, war nichts anderes als ein gigantisches, auf Pylonen verankertes Parkhaus. Längsseits lagen Supertanker im Wasser, die Mäuler weit aufgesperrt, in denen auf Fließbändern kleine Berge Roherz verschwanden. Lastwagen karrten Container von einer Ebene zur anderen.

Der Hubschrauber schwebte zwischen skeletthaften Türmen hindurch und landete nur kurz, um Ali auszuspucken. Bei dem stechenden Geruch der zu Nebelschwaden verwirbelten Gase zuckte Ali zusammen. Sie war gewarnt worden. Das Nazca-Depot war eine reine Arbeitszone. Es gab Baracken für die Arbeitskräfte, aber keine Aufenthaltsräume für Durchreisende, nicht einmal Feldbetten oder einen Cola-Automaten. Zufällig tauchte zwischen den Fahrzeugen und in all dem Krach ein Mann zu Fuß auf. »Entschuldigung!«, schrie Ali durch den Hubschrauberlärm. »Wie komme ich zur Nine-Bay?«

Der Blick des Mannes glitt an ihren langen Armen und Beinen hinab, dann zeigte er lustlos in eine Richtung. Sie duckte sich unter den Trägern und Dieselausdünstungen hindurch, kletterte drei Treppen zu einem Lastenaufzug hinunter, dessen Türen sich wie ein Maul öffneten und schlossen. Ein Witzbold hatte LASCIATE OGNI SPERANZA, VOI CH’ENTRATE über das Tor geschrieben, Dantes Willkommensgruß am Eingang zur Hölle.

Ali verließ den Käfig auf einer Plattform, wo hunderte von Leuten, meistens Männer, in die gleiche Richtung drängten. Obwohl eine frische Meeresbrise über das Deck wehte, roch es unangenehm nach ihren Körperausdünstungen. In Israel, Äthiopien und im afrikanischen Busch war sie oft genug inmitten von Soldaten und Arbeitern gereist: Sie rochen überall gleich. Es war der Geruch der Aggression.

Dröhnende Lautsprecherstimmen ermahnten die Neuankömmlinge, sich in einer Reihe aufzustellen, Tickets vorzuzeigen und Ausweise bereitzuhalten. »Geladene Waffen sind nicht erlaubt. Zuwiderhandelnde werden entwaffnet und ihre Waffen eingezogen.« Von Arrest oder Bestrafung war keine Rede. Anscheinend war es Strafe genug, die Ertappten ohne Artillerie nach unten zu schicken.

Die Meute schob Ali an einem fünfzehn Meter langen schwarzen Brett vorbei. Es war alphabetisch in A-G, H-P und Q-Z eingeteilt. Tausende von Nachrichten waren hier angeheftet: Ausrüstung zu verkaufen, Dienstleistungen, Termine und Örtlichkeiten für Verabredungen, E-Mail-Adressen, Verwünschungen. HINWEIS FÜR REISENDE verkündete warnend ein Plakat des Roten Kreuzes. SCHWANGEREN WIRD VON EINEM ABSTIEG DRINGEND ABGERATEN. GESUNDHEITLICHE SCHÄDEN KÖNNEN ...