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»Und dieser kleine Engel hilft mir beim Schlafen.«

Er schluckte sie hinunter.

Plötzlich befiel sie Traurigkeit, und mit einem Mal wusste sie warum. Die Sonne! Sie hatte vergessen, noch einen letzten Blick auf die Sonne zu werfen. Jetzt war es zu spät.

Ali spürte einen leichten Stoß an ihrer rechten Seite.

»Hier, das ist für Sie«, raunte ein schmächtiger Mann und bot ihr eine Orange an. Ali nahm das Geschenk mit zögerlichem Dank entgegen.

»Danken Sie dem Kerl da drüben.« Er zeigte mit dem Finger auf den Fremden mit den Tätowierungen. Sie beugte sich vor, doch der Mann schaute nicht herüber.

Ali betrachtete grübelnd die Orange. War sie ein Friedensangebot? Eine Aufforderung? Wollte er, dass sie sie schälen und essen oder für später aufheben sollte? Wie die meisten Waisen hatte Ali die Angewohnheit, Geschenke sofort auf ihre Absicht hin abzuklopfen, ganz besonders die kleinen. Doch je mehr sie darüber nachdachte, umso weniger konnte sie diese Orange deuten.

»Also, ich weiß eigentlich gar nicht, was ich damit anfangen soll«, beschwerte sie sich bei ihrem Nachbarn, dem Überbringer. Er blickte von einem dicken Handbuch mit Computercodes auf.

»Das ist eine Orange«, sagte er dann.

Weit mehr als die Sache es verdiente, irritierten sie die Gleichgültigkeit des Überbringers und die Frucht selbst. Ali hatte Angst. Seit Wochen schon waren ihre Träume mit schrecklichen Bildern der Hölle bevölkert. Sie hatte Angst vor ihrem eigenen Aberglauben. Sie war sicher, dass ihre Ängste mit jedem Schritt der Reise abnehmen würden. Wenn es doch nur schon zu spät wäre, ihre Meinung noch einmal zu ändern! Die Versuchung, einen Rückzieher zu machen, war furchtbar. Und Gebete boten auch nicht mehr die Stütze, die sie ihr einst gewesen waren. Das war beunruhigend.

Ali wollte die Orange hinlegen, aber dann wäre sie von der Ablage gerollt. Der Boden war zu schmutzig. Die Orange war zu einer Verbindlichkeit geworden, die auf ihrem Schoß lag. Den Anweisungen auf dem LCD folgend, legte sie die Gurte an. Ihre Finger zitterten. Sie nahm die Orange wieder in die Hand, legte schützend die Finger darum, und das Zittern ließ nach.

Die Anzeige zählte bis auf drei Minuten herunter. Wie auf ein bestimmtes Signal hin, absolvierten die Passagiere ihre letzten Rituale. Nicht wenige Männer banden Gummi schläuche um die Oberarmmuskeln und schoben sich vorsichtig Nadeln in die Venen. Diejenigen, die Pillen einnahmen, sahen aus wie Vögel, die Würmer verschluckten. Ali hörte das Zischen der Spraydosen, an denen andere saugten. Wieder andere tranken aus kleinen Fläschchen. Jeder hatte sein eigenes Druckausgleichsritual. Sie hatte nichts als diese Orange. Ihre Schale schimmerte aus der Dunkelheit ihrer gewölbten Handflächen. Licht brach sich in ihrer gefärbten Oberfläche. Alis Aufmerksamkeit veränderte sich. Mit einem Mal wurde die Orange für sie zu einem kleinen runden Zentrum des Geschehens.

Ein kleines Glöckchen bimmelte. Ali blickte in dem Moment auf, in dem die Zeitansage auf Null umsprang. In der Kammer ‘wurde es totenstill. Ali spürte eine leichte Bewegung. Die Kammer glitt auf einer Schiene nach hinten und blieb dann wieder stehen. Ali hörte von weiter unten ein metallisches Einrasten, woraufhin die Kammer sich ungefähr drei Meter senkte und wieder anhielt. Ein weiteres metallisches Klacken, diesmal von oben. Sie bewegten sich abermals nach unten, hielten wieder an. Ali wusste, was das bedeutete. Die Kammern wurden wie Güterwaggons aneinander gekoppelt, immer eine über der anderen. Anschließend würde der gesamte Zug ohne jegliche Kabelverankerung auf einem Luftkissen nach unten gelassen werden. Sie hatte keine Ahnung, wie die Zellen wieder nach oben transportiert wurden, aber nachdem man in den Eingeweiden des Subplaneten gewaltige Erdölvorkommen erschlossen hatte, dürfte Energie das geringste Problem sein.

Sie verdrehte den Hals, um einen Blick durch das große gewölbte Fenster an der Rückwand zu erhaschen. Während eine Zelle nach der anderen in die Tiefe glitt, gab das Fenster allmählich so etwas wie eine Aussicht preis. Dem LCD zufolge befanden sie sich sieben Meter unterhalb der Wasseroberfläche. Das Wasser hatte eine dunkel türki se, von Scheinwerfern erhellte Färbung. Dann sah Ali den Mond. Direkt durch das Wasser. Den runden weißen Mond. Ein herrlicher Anblick.

Sie sanken noch einmal sieben Meter. Der Mond verzerrte sich und verschwand. Sie hielt die Orange in den Händen. Wieder sieben Meter tiefer. Das Wasser wurde dunkler. Ali spähte durch die Scheibe. Dort draußen war etwas. Rochen. Auf ihren muskulösen Flügeln dahinsegelnd, umkreisten sie die Röhre.

Nach weiteren sieben Metern schoben sich dicke Metallblenden vor die Plexiglasscheibe. Das Fenster wurde schwarz, ein gebogener Spiegel. Sie sah nach unten auf ihre Hände und entließ die angehaltene Luft. Und plötzlich war die Angst weg. Das Zentrum des Geschehens lag genau dort, wo es sein sollte. Sie hatte es fest im Griff. War das womöglich der tiefere Sinn des Geschenks? Sie schaute die lange Sitzreihe entlang. Der Fremde hatte den Kopf an die Stuhllehne zurückgelehnt und die Brille auf die Stirn geschoben. Auf seinen Lippen lag ein kleines, zufriedenes Lächeln. Als er ihren Blick auf sich spürte, drehte er den Kopf zur Seite und blinzelte ihr zu.

Jetzt fielen sie abrupt in die Tiefe. Das erste Aufwallen der Schwerkraft ließ Ali nach einem Halt suchen. Sie fand die Armlehnen und drückte den Kopf fest gegen die Kopfstütze ihres Sitzes. Die plötzliche Leichtigkeit ließ alle möglichen biologischen Alarmsirenen aufheulen. Ihr wurde schlecht, ein stechender Kopfschmerz meldete sich. Dem LCD zufolge wurden sie nicht langsamer. Die Geschwindigkeit blieb gleichmäßig, kompromisslose 600 Meter pro Minute. Doch der Eindruck schwächte sich allmählich ab. Ali gewöhnte sich daran, im Inneren eines rasenden Senkbleis zu sitzen. Es gelang ihr, die Fußsohlen fest auf den Boden zu setzen, den Griff etwas zu lockern und sich umzusehen. Der Kopfschmerz ließ nach, und auch mit der Übelkeit konnte sie jetzt umgehen.

Die Hälfte der Passagiere war in Schlaf oder einen drogenumnebelten Dämmerzustand versunken. Die Köpfe der Männer schaukelten auf der Brust, ihre Körper hingen schlaff in den Gurten. Die meisten sahen blass oder seekrank aus. Der tätowierte Soldat schien zu meditieren. Oder zu beten.

Sie rechnete rasch im Kopf nach. Das passte nicht zusammen. Bei 600 Metern pro Sekunde dürfte die Fahrt nicht länger als acht oder neun Minuten dauern. Aber sie hatte gelesen, dass sie erst in sieben Stunden unten ankommen würden. Sieben Stunden so dasitzen?

Die Höhenanzeige auf dem LCD raste in die MinusTausend und wurde dann deutlich langsamer. Bei minus 4800 kamen sie zum Stillstand. Ali erwartete eine erläuternde Durchsage, doch es kam keine. Ein Blick in die Runde belehrte sie rasch, dass in dieser geschlossenen Versammlung halb toter Mitreisender jede Information überflüssig war.

Jetzt meldete sich das Fenster zurück. Vor der Plexiglaswand der Röhre wurde die Dunkelheit von starken Scheinwerfern erleuchtet. Zu Alis großem Erstaunen blickte sie auf den Meeresboden hinaus. Es hätte ebenso gut die Mondoberfläche sein können.

Lichtstrahlen zerschnitten die ewige Nacht. Hier gab es keine Berge. Der Boden war flach, weiß und mit eigenartigen Kritzeleien überzogen. Die Kritzeleien stammten von den Bewohnern des Ozeanbodens. Ali sah ein Wesen, das sich auf stelzenartigen Beinen langsam über die Ablagerungen fortbewegte und dabei kleine Punkte auf der leeren Fläche hinterließ. Weiter draußen gingen noch mehr Lichter an. Hunderte schlaffer Kanonenkugeln lagen auf der Ebene verstreut. Aus ihrer Lektüre wusste Ali, dass es sich um Manganknötchen handelte. Dort draußen lag ein Vermögen an Manganvorkommen, das man zu Gunsten wesentlich lukrativerer Möglichkeiten weiter unten einfach ignoriert hatte.

Die Aussicht war wie ein Traum. Ali versuchte, sich selbst in dieser nichtmenschlichen Geographie zu verorten. Aber mit jedem Schritt schien sie weniger und weniger hierher zu gehören. Ein schauerlicher Fisch mit langen Zähnen und einer grünlichen Lichtknospe, mit deren Hilfe er Beute anlockte, navigierte am Fenster vorbei. Ansonsten war es dort draußen sehr einsam. Sie klammerte sich an der Orange fest.