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Nach einer Stunde setzte sich die Kapsel wieder in Bewegung, diesmal langsamer. Während sie sank, stieg der Ozeanboden bis auf Augenhöhe, dann Deckenhöhe, dann war er weg. Einen kurzen Moment lang war im Fenster aufgebohrtes Gestein zu sehen, dann wurde die Scheibe rasch schwarz und sie sah nur noch sich selbst.

Hier fängt er an, dachte Ali. Der Rand der Welt. Es war, als trete man eine Reise ins eigene Innere an.

Die Frontier ist der äußerste Ausläufer der Woge,

der Schnittpunkt zwischen Wildnis und Zivilisation,

der Ort, an dem die Amerikanisierung am raschesten

und effektivsten erfolgt.

Die Wildnis beherrscht den Siedler.

FREDERIC JACKSON TURNER, Die Bedeutung der Frontier in der amerikanischen Geschichte

9

La Frontera —  Die Frontier - Die Grenze

GALÂPAGOS-GRABENSYSTEM

Um genau 17.00 Uhr bestiegen die Expeditionsteilnehmer die Elektro-Busse. Sie wurden mit nummerierten Merkblättern, Handbüchern und Kladden versorgt, auf denen groß und deutlich GEHEIM stand. Alle trugen Kleidung mit dem Logo von Helios. Die schwarzen Kappen wirkten sehr martialisch und Ali beschränkte sich auf ein T-Shirt mit dem geflügelten Sonnenmotiv auf dem Rücken. Beinahe lautlos schoben sich die Busse aus dem ummauerten Gelände auf die Straße hinaus.

Mit seinen Horden von Fahrradfahrern erinnerte Nazca City an Peking. In derartig explodierenden Städten mit so engen Straßen war man zu den Stoßzeiten mit dem Fahrrad schneller unterwegs. Ali musterte die Gesichter, registrierte ihre Herkunft aus allen Ländern rings um den Pazifik. Landkarten, deren Geheimhaltung inzwischen aufgehoben war, wiesen Goldgräberstädte wie Nazca als echte Knotenpunkte aus, deren Nervenenden sich bis weit in die Umgebung erstreckten. Der Reiz, den sie ausstrahlten, war simpeclass="underline" billige Grundstückspreise, jede Menge wertvolle Mineralien und Erdöl, keinerlei behördliche Zwänge, die Chance, noch einmal ganz von vorne anzufangen. Ali hatte eigentlich deprimierte Flüchtlinge erwartet, Existenzen, die sonst nirgendwo mehr hinkonnten. Aber was sie dort draußen erblickte, waren die Gesichter gut ausgebildeter Bürokaufleute, Bankangestellter und Unternehmer - ein kompletter, hoch motivierter Dienstleistungssektor. Als zukünftigem Umschlagplatz sprach man Nazca City ein ähnliches Potenzial wie San Francisco oder Singapur zu. In nur vier Jahren war die Stadt zur Hauptverbindung zwischen dem äquatorialen Subplaneten und den großen Städten entlang der Westküste Nord- und Südamerikas geworden.

Mit einiger Erleichterung sah Ali, dass die Bewohner von Nazca City normal und gesund aussahen. Die meisten größeren Stützpunkte wie Nazca waren nachträglich mit Lampen ausgerüstet worden, die Tageslicht simulierten, weshalb diese Fahrradfahrer so braun wie Strandläufer waren. In den letzten Jahren hatte es immer wieder Fälle von Knochenauswüchsen, vergrößerten Augen, seltsamen Krebserkrankungen und sogar Ausbildungen von Schwanzstummeln gegeben. Eine Zeit lang hatten religiöse Vereinigungen die Hölle selbst für die körperlichen Verformungen verantwortlich gemacht. Ihrer Meinung nach gab es ein riesiges Straflager unter der Erde, und jede Kontaktaufnahme zog Strafe nach sich. Wenn sich Ali jetzt umsah, hatte sie den Eindruck, als hätten die Arzneimittelfirmen die Prophylaxe für die Hölle inzwischen bestens im Griff. Offensichtlich hatte sie sich ganz umsonst davor gefürchtet, sich hier unten in eine Kröte, einen Affen oder eine Ziege zu verwandeln.

Die Stadt wirkte eher wie ein überdimensionales überdachtes Einkaufszentrum mit eingetopften Bäumen und blühenden Büschen. Es gab Restaurants, Coffee Bars und hell erleuchtete Kaufhäuser, in denen von Arbeitskleidung über sanitäre Einrichtung bis hin zu Sturmgewehren alles zur Auswahl stand. Der ordentliche Eindruck wurde lediglich von einigen Bettlern mit fehlenden Gliedmaßen sowie den Schmugglerware feilbietenden fliegenden Händlern ein wenig getrübt.

Ali blickte hinaus. Eine lange Wurst aus Gaze zog sich neben der Straße hin, etwa sieben Meter hoch und ungefähr so lang wie ein Fußballplatz. Die Vorderseite war mit ins Auge fallenden hangul-Buchstaben versehen. Ali konnte kein Koreanisch, doch sie wusste sehr wohl, was ein Treibhaus war. Es gab noch mehr davon. Wie riesige plumpe Larven lagen sie auf dem Boden ausgestreckt. Durch die milchigtrüben Hüllen sah sie Feldarbeiter, die Gemüse aus dem Boden zogen oder in Obstgärten auf kleinen Leitern standen. Papageien und Aras segelten an dem Buskonvoi vorbei. Ein Affe begleitete sie eine Weile hüpfend. Den hier illegal eingedrungenen Tierarten schien es auffällig gut zu gehen.

Sie erreichten eine vor noch nicht allzu langer Zeit dem Stein abgerungene Ringstraße, die um die Stadt herumführte, und ließen das Gewühl aus Fahrradfahrern hinter sich. Mit zunehmender Geschwindigkeit erhielten sie einen neuen Eindruck von dem gewaltigen hohlen Salzdom, der diese Kolonie barg. Es war wie Leben in einem Einweckglas. Das gesamte Gewölbe, das ungefähr fünf Kilometer im Durchmesser und vielleicht dreihundert Meter in der Höhe maß, war hell erleuchtet. Oben in der richtigen Welt musste bald die Sonne untergehen. Hier unten gab es keine Nacht. Das künstliche Sonnenlicht von Nazca City brannte 24 Stunden am Tag.

Bis auf ein leichtes Dösen war in der vergangenen Nacht nicht an Schlaf zu denken gewesen. Die kollektive Aufregung der Gruppe grenzte ans Kindische, und auch Ali wurde vom Geist des Abenteuers gepackt. Die allerletzten Vorbereitungen ihrer Mitreisenden empfand sie als rührend. Sie beobachtete einen Burschen auf dem Sitz schräg gegenüber, der sich mit vornübergebeugtem Oberkörper die Fingernägel mit einer derartigen Akkuratesse schnitt, als hinge sein gesamtes zukünftiges Leben davon ab. Ein wenig neidisch hatte sie zugehört, wie die Leute noch einmal Ehegatten, Geliebte oder Eltern anriefen und ihnen versicherten, dass es hier im Subplaneten völlig ungefährlich sei. Ali sprach für sie alle ein stilles Gebet.

Die Busse hielten in der Nähe eines Bahnhofs, und die Passagiere stiegen aus. Obwohl er brandneu sein musste, wirkte der Zug altmodisch. Es gab einen Bahnsteig mit einem schwarz und entengrün bemalten Eisengeländer. Weiter hinten bestand der Zug hauptsächlich aus Güterund Erzwagen. Schwer bewaffnete Soldaten patrouillierten die Bahnsteige am Ende des Zuges entlang, wo flache Wagen von Arbeitern mit Ausrüstungskisten beladen wurden. Die drei vorderen Waggons waren elegante, außen mit Aluminium verkleidete und innen mit imitierter Kirsche und Eiche ausgestattete Schlafwagen. Wieder einmal staunte Ali darüber, wie viel Geld in die Entwicklung hier unten gepumpt wurde. Vor nur fünf oder sechs Jahren war das alles wahrscheinlich noch Hadal-Territorium gewesen. Die luxuriösen Schlafwagen kündeten davon, wie zuversichtlich die Führungsspitze hinsichtlich der menschlichen Okkupation war.

»Wohin bringen sie uns jetzt?«, murmelte jemand laut. Er war nicht der Einzige. Stimmen waren laut geworden, Helios hülle sich hinsichtlich der einzelnen Stationen der Reise unnötig in Geheimnisse. Ohnehin wisse niemand, wo sich ihre Forschungsstation befinden.

»Punkt Z-3«, antwortete Montgomery Shoat.

»Davon habe ich noch nie gehört«, meldete sich eine Frau zu Wort, eine von den Planetologen.

»Gehört zu Helios«, erwiderte Shoat. »Ganz weit draußen.«

Ein Geologe entfaltete ein Messtischblatt, um Punkt Z-3 zu suchen. »Das finden Sie nicht auf Ihrer Karte«, fügte Shoat mit hilfsbereitem Lächeln hinzu. »Das spielt jedoch keine große Rolle, wie Sie schon bald erkennen werden.«

Seine Nonchalance rief einiges Murren hervor, was er jedoch ignorierte.