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Am Abend zuvor war ihnen Shoat anlässlich eines von Helios organisierten Banketts für die frisch eingetroffenen Wissenschaftler als ihr Expeditionsleiter vorgestellt worden. Er war eine für die Aufgabe hervorragend ausgesuchte Figur mit kräftigen, an den Armen hervorstehenden Adern und unverkennbar großer sozialer Energie, gleichzeitig wirkte er auf eigenartige Weise abstoßend, was nicht nur an dem unglücklichen, vor Ehrgeiz zusammengekniffenen Gesicht mit dem schiefen Gebiss lag. Es war seine ganze Art, dachte Ali. Seine Überheblichkeit. Er bediente sich eines sehr begrenzten Repertoires an Charme, kümmerte sich aber nicht darum, ob man davon beeindruckt war. Hinterher erfuhr Ali gerüchteweise, er sei ein Stiefsohn des Heliosmagnaten C. C. Cooper. Es gab noch einen anderen, legitimen Sohn und Erben des Cooperschen Vermögens, was Shoat dazu zwang, gefährlichere Aufgaben zu übernehmen - wie z. B. Wissenschaftler zu weit abgelegenen Vorposten des Helios-Imperiums zu begleiten. Es hörte sich fast nach Shakespeare an.

»Hier drinnen werden wir uns die nächsten drei Tage aufhalten«, verkündete er ihnen. »Brandneue Waggons. Suchen Sie sich ein Abteil aus. Wenn Sie wollen, auch Einzelbelegung. Es ist genügend Platz vorhanden.« Er verfügte über die Großspurigkeit eines Mannes, der daran gewöhnt ist, den Gastgeber in einem Haus zu spielen, das ihm eigentlich nicht gehört. »Machen Sie sich’s gemütlich. Einen Waggon weiter finden Sie einen Speisewagen. Wer will, kann auch den Zimmerservice rufen und sich einen Film anschauen. Wir haben keine Kosten gescheut. Helios wünscht Ihnen eine gute Reise.«

Niemand drängte weiter auf die Bekanntgabe ihres Zielortes. Ein angenehmes Bimmeln kündigte ihre Abfahrt an. Wie ein Floß, das auf einen sich träge dahinwälzenden Strom hinaustrieb, schob sich die Helios-Expedition geräuschlos tiefer ins Erdinnere. Die Geleise führten fast unmerklich nach unten. Als Hauptantriebsquelle wurde die Schwerkraft genutzt. Die Lok war hinten angehängt und nur dazu da, die Wagen zu diesem Bahnhof zurückzuziehen. Unaufhörlich vom Mittelpunkt der Erde angezogen, ließ ein Waggon nach dem anderen die funkelnden Lichter von Nazca City hinter sich.

Sie näherten sich einem Tor mit der Aufschrift PORTAL 6. Der Zug glitt durch eine schmale Wand gestauter Luft, eine Klimaschleuse, dann waren sie drinnen. Sofort sanken sowohl Temperatur als auch Luftfeuchtigkeit. Das tropische Klima von Nazca City verflüchtigte sich. In dem Eisenbahntunnel war es fünf Grad kälter, und die Luft war trocken wie in der Wüste. Ali wurde bewusst, dass sie jetzt endlich die unverfälschte Hölle betreten hatten. Doch hier gab es weder Feuer noch Schwefel. Man kam sich eher vor wie auf einer staubigen Hochebene.

Die Schienen glänzten, als sei jemand mit dem Polierlappen darüber hinweggegangen. Der Zug wurde schneller, und alle suchten ihre Plätze auf. Ali fand einen Bastkorb mit frischen Orangen, Toblerone und Keksen in ihrem Abteil vor. Der kleine Kühlschrank war gut ausgestattet. Auf dem Kopfkissen in ihrer Koje lag eine einzelne rote Rose. Als sie sich hinlegte, sah sie über sich einen Videobildschirm, auf dem man aus hunderten Titeln ausgewählte Filme ansehen konnte. Sie verrichtete ihre Nachtgebete und fiel in einen traumlosen Schlaf.

Am nächsten Morgen zwängte sich Ali in die enge Duschkabine und ließ das heiße Wasser durchs Haar rinnen. Die Annehmlichkeiten waren nicht zu fassen. Sie hatte den Zimmerservice bestellt und setzte sich zu einem Omelette mit Toast und Kaffee an das winzige Fenster. Die runde Scheibe erinnerte an das Bullauge eines Schiffes. Dahinter war nichts als Dunkelheit, was ihrer Meinung nach die kleinen Öffnungen rechtfertigte. Erst dann sah sie die Aufschrift ELLIS - SCHUSSSICHERES GLAS auf der Scheibe.

Um neun Uhr begann das Gruppentraining im Speisewagen. Am ersten Morgen im Zug beschränkte man sich auf eine kurze Rekapitulation der Kenntnisse, die sie sich in den vergangenen Monaten hatten aneignen sollen: Erste Hilfe, Klettertechniken, grundsätzliche Waffenkunde und so weiter. Die meisten hatten ihre Hausaufgaben gemacht, wodurch die Sitzung eher als Aufwärmphase diente.

Am Nachmittag weitete Shoat den Unterricht aus. An einem Ende des Speisewagens wurden Diaprojektoren und ein großer Videoschirm aufgestellt. Shoat kündigte Vorführungen von Expeditionsteilnehmern über ihre jeweiligen Spezialgebiete an. Die ersten beiden Vortragenden waren ein Biologe und ein Mikrobotaniker. Ihr Thema war der Unterschied zwischen Troglobiten, Trogloxenen und Troglophilen. Die erste Kategorie lebte tatsächlich in einer troglo oder höhlenartigen Umgebung. Die Hölle war ihre biologische Nische. Die Zweiten, die xenes, mussten sich erst allmählich daran anpassen, so wie etwa die augenlosen Salamanderarten. Die Dritte, die troglophiles, wie Fledermäuse und andere Nachttiere, suchten die unterirdische Welt nur gelegentlich auf der Suche nach Nahrung oder einem Nistplatz auf. Den restlichen Nachmittag über stellte sich noch eine ganze Reihe weiterer Spezialisten vor.

Nach einem Mittagessen mit Hamburgern und kaltem Bier hatte man ihnen einen neuen Hollywood-Film versprochen. Doch der Projektor funktionierte nicht, und an diesem Punkt fing Shoat an zu straucheln. Seinen Orientierungstag hatten bisher Wissenschaftler bestritten, die daran gewöhnt waren, öffentlich zu sprechen oder zumindest ihre Themengebiete einigermaßen anschaulich zu erklären. Shoats Versuch, den Abend mit einem anderen Unterhaltungsprogramm zu beleben, war etwas ganz anderes.

»Da wir uns inzwischen besser kennen gelernt haben«, verkündete er, »möchte ich Ihnen einen Burschen vorstellen, dem wir uns alle schon bald anvertrauen werden. Wir können von großem Glück reden, dass wir ihn der U.S. Army ausspannen konnten, wo er ein berühmter Kundschafter und Fährtenleser war. Ihm eilt der Ruf voraus, ein vorbildlicher Ranger zu sein, ein wahrer Veteran der Tiefe. Dwight«, rief er. »Dwight Crockett. Ich sehe Sie dort hinten. Nur keine falsche Scham. Kommen Sie nach vorne!«

Shoats Fährtenleser war offensichtlich nicht auf so viel Rummel um seine Person vorbereitet. Er, wer auch immer er sein mochte, sträubte sich gegen Shoats Aufforderung, und nach einigen Sekunden drehte sich Ali um. Bei dem widerspenstigen Dwight handelte es sich ausgerechnet um den Fremden aus dem Fahrstuhl. Was um alles in der Welt hatte er hier verloren?

Nachdem alle Augen auf ihn gerichtet waren, stieß sich Dwight von der Wand ab und stellte sich gerade hin. Er trug neue Levis und ein weißes Hemd, das am Hals eng geschlossen und an den Handgelenken zugeknöpft war. Seine dunkle Gletscherbrille glitzerte wie die Augen eines Insekts. Er wirkte so fehl am Platz, wie manche Rancharbeiter, die Ali damals im texanischen Hügelland gesehen hatte, kauzige Einzelgänger, die sich in menschlicher Gesellschaft so unwohl fühlten, dass sie am besten in ihren einsamen Bretterbuden weit draußen aufgehoben waren. Die Tätowierungen und Narben auf seinem Gesicht ließen einen gewissen Mindestabstand ratsam erscheinen.

»Soll ich jetzt irgendetwas sagen?«, fragte er aus dem Hintergrund.

»Kommen Sie doch nach vorne, wo wir Sie alle sehen können«, forderte ihn Shoat beharrlich auf.

»Das gibt’s doch nicht«, flüsterte jemand neben Ali. »Ich habe schon von diesem Kerl gehört. Ein richtiger Bandit.«

Dwight drückte sein Missfallen nur mit einem kaum wahrnehmbaren Kopfschütteln aus. Als er schließlich nach vorne kam, teilte sich die Menge.

»Dwight ist derjenige, der Ihnen wirklich etwas erzählen kann«, sagte Shoat. »Er hat keine höhere Schulbildung genossen, er verfügt über keine besondere akademische Ausbildung. Wenn es jedoch um Erfahrung draußen im Feld geht ... Er hat acht Jahre in der Gefangenschaft der Hadal zugebracht. In den letzten drei Jahren hat er die Haddies für die Rangers, die Special Forces und die SEALS gejagt. Keiner von uns hat sich jemals auf die andere Seite der elektrifizierten Zone gewagt. Aber unser Freund Ike hier kann uns berichten, wie es ist. Dort draußen.«