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Shoat setzte sich. Jetzt war Ike an der Reihe.

Er stand vor seinem applaudierenden Publikum, und seine Unbeholfenheit wirkte liebenswert, vielleicht sogar ein bisschen Mitleid erregend. Ali schnappte einige der gemurmelten Bemerkungen auf. Deserteur. Berserker. Kannibale. Sklaventreiber. Tier. Alle diese Kommentare wurden atemlos ausgestoßen, beinahe bewundernd. Eigenartig, dachte sie, wie sich Legenden bilden. Sie ließen ihn wie einen Soziopathen erscheinen, dabei waren sie von ihm angezogen, von der Romantik seiner angeblichen Taten fasziniert.

Dwight ließ sie in ihrer Neugier baden. Stille breitete sich aus, und die Leute fingen an, unsicher auf ihren Stühlen zu rutschen. Ali hatte schon Hunderte von Malen gesehen, wie sich Amerikaner und Europäer in Situationen des Schweigens wanden. Im Gegensatz dazu wirkte Dwight geduldig und gelassen. Schließlich wurde sein Schweigen zu viel.

»Haben Sie nichts zu sagen?«, fragte Shoat.

Dwight zuckte die Achseln. »Wissen Sie, das heute war der interessanteste Tag für mich seit langem. Ihr Leute hier versteht euer Geschäft wirklich.«

Shoat war verärgert. Vielleicht hatte er sich die ganze Sache als Horrorkabinett gedacht. »Wie sieht’s mit Fragen aus? Irgendwelche Fragen?« »Mr. Crockett«, fing eine Frau vom MIT an. »Oder soll ich Sie lieber mit Captain oder einem anderen Rang ansprechen?«

»Nein«, antwortete er, »bei denen bin ich rausgeflogen. Ich habe keinen Rang mehr. Und den Mister können Sie auch weglassen.«

»Schön, dann also Dwight«, fuhr die Frau fort. »Ich wollte fragen, ob .«

»Nicht Dwight«, unterbrach er sie. »Ike.«

»Ike?«

»Fahren Sie fort.«

»Die Hadal sind verschwunden«, sagte sie. »Tag für Tag drängt die Zivilisation die Nacht ein kleines Stück weiter zurück. Ich möchte gerne wissen, ob es dort draußen wirklich so gefährlich ist.«

»Alle Dinge können aus dem Ruder laufen«, antwortete Ike ausweichend.

»Aber es besteht doch wohl keine Gefahr für uns?«, fragte die Frau.

Ike sah Shoat an. »Hat Ihnen dieser Mann das erzählt?«

Ali fühlte sich unwohl. Der seltsame Bursche wusste etwas, was sie nicht wussten.

Shoat trieb die Diskussion hastig voran.

»Weitere Fragen?«, sagte er.

Ali erhob sich. »Sie waren ihr Gefangener«, sagte sie. »Würden Sie uns ein wenig von ihren Erfahrungen mitteilen? Was haben sie mit Ihnen gemacht? Wie sind diese Hadal eigentlich?«

Im Speisesaal wurde es still wie in einem Grab. Das war eine Lagerfeuergeschichte, der sie die ganze Nacht hindurch lauschen würden.

Aber Ike lächelte sie abwehrend an. »Zu jener Zeit habe ich nicht viel zu sagen.«

Enttäuschung machte sich breit.

»Sind Sie der Meinung, dass die Hadal immer noch irgendwo dort draußen sind? Besteht die Chance, dass wir welche von ihnen zu Gesicht bekommen?«, fragte jemand.

»Dort, wohin wir fahren?«, fragte Ike zurück. Wenn sich Ali nicht täuschte, provozierte er Shoat absichtlich, indem er sich am Rande von Informationen bewegte, die man ihnen bislang noch vorenthalten wollte.

Shoat wurde noch ärgerlicher.

»Wohin fahren wir eigentlich?«, wollte jetzt ein anderer Mann wissen.

»Kein Kommentar«, antwortete Shoat für Ike.

»Sind Sie schon jemals in unserem Zielgebiet gewesen?«

»Noch nie«, sagte Ike. »Natürlich habe ich schon etliche Gerüchte gehört. Aber ich hätte sie niemals für wahr gehalten.«

»Gerüchte worüber?«

Der Zug schlingerte plötzlich leicht und wurde zu einem kurzen Halt abgebremst. Alle gingen an die kleinen Fenster, und Ike war erst einmal vergessen. Shoat stellte sich auf einen Stuhl.

»Schnappt euch euer Gepäck und eure Habseligkeiten, Leute. Wir müssen umsteigen.«

Ali teilte sich einen offenen Plattform wagen mit drei Männern und etlichen Frachtstücken, überwiegend schwere Maschinenteile. Sie lehnte sich an eine Kiste mit der Aufschrift SUBPLANET, DIFFERENZIALGETRIEBE. Einer der Männer hatte Blähungen und grinste die ganze Zeit über entschuldigend.

Die Fahrt verlief reibungslos. Der Tunnel mit seinem gleichmäßigen Durchmesser von sieben Metern war von Menschen geschaffen. Das Schienenbett bestand aus zermahlenem, mit Öl besprühtem Schotter. Von oben sickerte rostiges Licht aus nackten Glühbirnen herab. Ali musste die ganze Zeit über an ein sibirisches Straflager denken. An den Schachtwänden verliefen Drähte, Kabel und Rohre. Nach den Seiten gingen immer wieder Nebenschächte ab. Kein Mensch war zu sehen, immer nur Raupenfahrzeuge, Verladeeinrichtungen, Bagger, aufgestapelte Gummireifen und Betonfundamente. Die Geleise unter ihren Rädern gaben ein lückenlos dahingleitendes Geräusch von sich. Ali vermisste das Schlackern der Schienen. Sie erinnerte sich an eine Eisenbahnreise mit ihren Eltern, auf der sie bei diesem Rhythmus eingeschlafen war, während die Welt draußen vorüberzog.

Ali reichte dem Mann, der noch wach war, einen ihrer frischen Äpfel aus den Gewächshäusern von Nazca City.

»Meine Tochter mag Äpfel sehr gerne«, sagte er und zeigte ihr ein Bild.

»Ein hübsches Mädchen«, sagte Ali.

»Haben Sie auch Kinder?«, erkundigte er sich.

Ali zog sich die Jacke bis über die Knie.

»Ich glaube, ich könnte nicht ertragen, ein Kind zurückzulassen«, antwortete sie rasch. Der Mann zuckte zusammen. »So habe ich es nicht gemeint«, fügte Ali rasch hinzu.

Der Zug glitt gleichmäßig dahin, ohne abzubremsen, ohne jemals stehen zu bleiben. Ali und ihre Nachbarn improvisierten eine Latrine mit einem Minimum an Privatsphäre, indem sie einige Kisten auseinanderschoben. Sie aßen gemeinsam zu Mittag, wobei jeder seinen Teil beisteuerte. Gegen Mitternacht hellten die Wände von Zimt zu hellgelb auf. Als der Zug an einer langen Reihe maritimer Fossilien vorüberfuhr, schliefen fast alle. Hier gab es Außenskelette zu sehen, dort uraltes Seegras, dort einen Schwarm winziger Brachipoden. Der Bohrschneider hatte sich ungestraft durch den wertvollen Fund gefräst.

»Hast du das gesehen, Mapes!«, brüllte eine Stimme auf dem Wagen vor ihr. »Anthropoda!«

»Trilobitomorpha!«, kam die begeisterte Antwort von hinten. »Sieh dir nur diese Rückenfurchen an! Mensch, ich glaub ich träume!«

»Der hier, Mapes! Frühes Ordovizium!«

»Ach was, Ordovizium!«, brüllte Mapes. »Kambrium, Mensch! Sehr frühes. Und der Stein dort! Ach du Scheiße, vielleicht sogar spätes Präkam!«

Die Fossilien sprangen, ringelten und verwoben sich in einem kilometerlangen Gobelin. Dann wurden die Wände wieder kahl.

Um drei Uhr morgens kamen sie zum ersten Mal an Spuren eines Überfalls vorbei. Zuerst sah es nach kaum mehr als einem Autounfall aus. Es begann mit einem lang gezogenen Kratzer an der linken Wand, wo irgendein Fahrzeug gegen den Fels geprallt sein musste. Die Spur sprang abrupt zur rechten Wand, wo sie zu einer tiefen Furche wurde, prallte wieder auf die gegenüberliegende Seite und abermals zurück.

Die Spuren wurden gewalttätiger, verwirrender. Abgerissene Steinbrocken vermischten sich mit Scheinwerferglas, dann folgte ein zerrissenes Stück schweren Maschendrahts. Die Rillen und Kratzer setzten sich auf der linken Seite fort, dann wieder rechts. Das verrückte Hin- und Herspringen hörte erst mehrere Kilometer weiter unten auf. Nur ein wirres Metallknäuel war von der turbulenten Fahrt übrig geblieben.

Sie rauschten vorbei. Der Fels war rußgeschwärzt und von tiefen Rillen überzogen. Ali erinnerte sich an ihre Aufenthalte in afrikanischen Kriegsgebieten, als sie das sternförmige Spritzmuster einer Explosion erkannte.

Hinter der nächsten Kurve kamen sie an zwei weiße Kreuze, die auf lateinamerikanische Weise in einer seitlichen Grotte aufgestellt waren. In das Felsgestein waren Haarbüschel, Kleiderfetzen und Tierknochen genagelt worden. Häute. Abgezogene Haut. Es war eine Gedenkstätte.

Danach legten sie viele Kilometer in tiefem Schweigen zurück. Hier, vor ihren Augen, lagen all ihre Kindheitslegenden von verzweifelten Kämpfen gegen biblische Mutanten. Das hier war kein Fernsehbericht, den man einfach ausstellen konnte, nicht die Höllenvision eines Dichters in einem Buch, das man zurück ins Regal stellen konnte. Das hier war die Welt, in der sie jetzt lebten.