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Irgendwann zweigten ungefähr jeden Kilometer Seitenwege und grob gehauene Tunnel ab, die manchmal als Lager oder Mine identifiziert wurden, anonym und abweisend. Bei einigen davon konnte man an ihren Endpunkten winzige Lichtquellen erkennen. Andere waren dunkel wie tiefe Brunnen, verlassen. Was waren das für Leute, die sich in eine solche Zurückgezogenheit begaben. H. G. Wells hatte es in seiner Zeitmaschine durchaus richtig beschrieben: Die Unterwelt war nicht von Dämonen, sondern von Proleten bevölkert.

Ali roch die Siedlung, lange bevor sie sie erreicht hatten. Der Dunst bestand zum Teil aus Erdöl, zum Teil aus ungeklärtem Abfall, aus Kordit und Staub. Ihre Augen tränten. Die Luft wurde dicker, dann faulig. Es war fünf Uhr morgens.

Die Tunnelwände weiteten sich und öffneten sich dann über einem von Höhlen zernarbten, im Dreck schier erstickenden Schacht, der von türkisblauen, mit mehreren Scheinwerfern angestrahlten Klippen überragt wurde. Ansonsten war Punkt Z-3, vor Ort auch »Esperanza« genannt, nur schwach beleuchtet. Die Last der Dunkelheit wog hier offensichtlich zu schwer, als dass man sie mit der spärlichen Stromration aus Nazca City abschütteln konnte. Trotz der farbenfrohen Klippen machte der Ort keinen freundlichen Eindruck - schon gar nicht als Wohnort für das ganze kommende Jahr.

»Hier hat Helios ein Forschungsinstitut hingestellt?«, fragte einer von Alis Reisegefährten. »Wozu das denn?«

»Ich habe eigentlich etwas Moderneres erwartet«, ergänzte ein anderer. »Hier sieht’s aus, als hätten sie nicht mal Wasserspülung.«

Der Zug schob sich durch eine Öffnung im funkelnden Gestrüpp eines rasiermesserscharfen Stacheldrahtverhaus. Ein Stück weiter sahen sie ziemlich weit oben einen vertrockneten Körper hängen. Das Wesen zog eine beinahe fröhliche Grimasse.

»Hadal«, sagte ein Wissenschaftler. »Muss wohl versucht haben, die Siedlung anzugreifen.«

Alle reckten die Hälse. Die Fetzen, die von dem Leichnam    herab hingen, waren jedoch zweifellos amerikanische Militärkleidung. Der Soldat hatte versucht, über den Stacheldraht zu klettern. Etwas musste hinter ihm her gewesen sein.

Die Geleise endeten innerhalb eines Bunkerkomplexes, der vor blitzenden Kanonen nur so starrte. Über seine Funktion bestand nicht der geringste Zweifel. Bei einem Angriff auf die Siedlung konnten sich die Bewohner hierher zurückziehen. Der Zug war ihre letzte Chance, von hier wegzukommen.

Jetzt schob sich der Zug in den Bunker, stoppte, und sofort machten sich mehrere Gruppen von Bahnarbeitern mit großen Händen und bloßen Füßen an die Arbeit. Diese Leute waren dermaßen degeneriert, dass einige von ihnen selbst anatomisch kaum noch als Menschenwesen zu erkennen waren. Es lag nicht nur an ihren Muskelbergen, den Abraham-Lincoln-Augenbrauen oder den gutturalen Lauten, mit denen sie sich verständigten. Sie rochen auch anders, irgendwie nach Moschus. Und bei einigen wuchsen merkwürdige Knochen aus der Haut. Viele hatten sich die Köpfe mit Streifen aus Sackleinwand verbunden, um sich vor dem trüben Licht der Verladestation zu schützen. Während Ali und die anderen von den Plattformwagen herunter stiegen, lösten die Bahnarbeiter Ketten und Haltegurte und entluden die schweren Kisten mit der Hand. Ali war von ihrer gewaltigen Kraft und ihren Verunstaltungen fasziniert. Mehrere der Riesen registrierten ihre Aufmerksamkeit und lächelten.

Zwischen Kartons, Kisten und Bergbaugeräten wanderte Ali an den Waggons entlang. Auf einem flachen Vorsprung, der dramatisch über den Rand des großen Abgrunds hinausragte, stieß sie zu den anderen. Der Vorsprung war von einem steinernen Geländer umgeben, wie man es von den Aussichtsplattformen am Grand Canyon kannte. An Stelle von Münzfernrohren war das Geländer hier jedoch mit Geschützhalterungen und Kanonen bestückt. Tief unten sah sie das obere Teilstück eines Pfades, der sich an der Wand des Absturzes entlangschlängelte, bis er von der pechschwarzen Dunkelheit verschluckt wurde.

Ein paar der Ortsansässigen gesellten sich zu den Expeditionsteilnehmern. Sie mussten sich schon seit Monaten oder Jahren nicht mehr gewaschen haben. Die Flicken auf ihrer vor Dreck starrenden Kleidung sahen nicht wie angenäht, sondern wie angelötet aus. Sie starrten die Neuankömmlinge mit ihren Bergarbeiteraugen an, weiß leuchtenden Löchern in rußverschmierten Gesichtern. Ali konnte sich nicht des Eindrucks einer milden Form von Schwachsinn erwehren, ähnlich dem stupiden Gleichmut, der manche Zootiere befällt. Die Griffe an ihren Pistolen und Macheten glänzten speckig. Offensichtlich wurden sie häufig benutzt.

Ein verhungert aussehender Mann hielt im Auftrag der Gemeinde eine Begrüßungsrede. Ali vermutete, dass er der Bürgermeister war. Er zeigte stolz hinauf zu den Türkisklippen und erging sich dann in einem historischen Abriss der Stadt Esperanza, angefangen von der ersten menschlichen Niederlassung vor vier Jahren über die Ankunft der Eisenbahn ein Jahr darauf und den zwei Jahre zurückliegenden Angriff, der von der hiesigen Bürgerwehr mutig zurückgeschlagen worden sei, bis hin zu den neuesten Gold-, Platin- und Iridiumfunden. Schließlich holte er zu einer Beschreibung der Zukunft seiner Stadt aus, den Plänen für Wolkenkratzer entlang der Steilklippe, einen Atomreaktor, Beleuchtung rund um die Uhr in der gesamten Höhle, einer professionellen Sicherheitstruppe, einen zweiten Tunnel, ja, eines Tages vielleicht sogar ein eigener Aufzugsschacht zur Oberfläche.

»Entschuldigung«, unterbrach ihn jemand. »Wir haben eine lange Fahrt hinter uns. Wir sind müde. Wenn Sie uns jetzt verraten würden, wo sich die Forschungsstation befindet?«

Der Bürgermeister starrte hilflos auf seine Notizen.

»Forschungsstation?«, fragte er verwundert.

»Das wissenschaftliche Institut«, rief ein anderer.

Shoat trat vor den Bürgermeister. »Bitte begeben Sie sich doch erst einmal hinein«, wandte er sich an die Wissenschaftler und deutete auf den Bunker. »Wir haben für warmes Essen und sauberes Wasser gesorgt. In einer Stunde gibt es für alles eine nähere Erklärung.«

»Es gibt keine Forschungsstation«, verkündete Shoat.

Erzürntes Aufheulen. Shoat wiegelte mit einer Handbewegung ab. »Keine Station«, wiederholte er. »Kein Institut. Kein Hauptquartier. Keine Labors. Nicht einmal ein Basislager. Alles reine Erfindung.«

»Was haben Sie sich nur dabei gedacht?«, schrie eine Frau.

»Im Auftrag von Helios hüte ich das größte Geschäftsgeheimnis aller Zeiten«, erwiderte Shoat. »Es handelt sich dabei um geistiges Eigentum, abgesehen von einem nicht unbeträchtlichen geographischen Besitz.«

»Was quatschen Sie da überhaupt?«

»Helios hat gewaltige Summen ausgegeben, um den Wissensstand zu entwickeln, der Ihnen alsbald zugänglich gemacht wird. Es geht um das letzte große Geheimnis dieser Welt.«

»Gefasel!«, brüllte jemand. »Sagen Sie uns sofort, wohin Sie uns entführen wollen! Sonst ...«

Shoat zuckte nicht einmal mit der Wimper.

»Ich darf Ihnen den Leiter der kartografischen Abteilung von Helios vorstellen«, sagte er und öffnete eine Tür.

Der Kartograf war ein winziger Mann mit Beinstützen. Sein Kopf war zu groß für seinen Körper. Er lächelte mechanisch. Da Ali ihn nicht im Zug gesehen hatte, vermutete sie, dass er schon vorher eingetroffen war, um sich auf sie vorzubereiten. Der Mann machte das Licht

aus. »Vergessen Sie den Mond«, dozierte er.

»Vergessen Sie den Mars. Sie werden schon bald über den Planeten innerhalb unseres Planeten wandern.«

Ein Videoschirm flackerte auf. Das erste Bild war eine Standaufnahme einer vergilbten Landkarte von Mercator. »Hier sehen Sie die Welt von 1587«, sagte der kleine Mann, dessen Silhouette am unteren Rand des großen Bildschirms hin und her tanzte. »In Ermangelung unverbrüchlicher Tatsachen, bediente sich der junge Mercator der Berichte des Marco Polo, die ihrerseits auf unbestätigtem Hörensagen und auf Überlieferungen basierten. Zum Beispiel das hier« - er zeigte auf ein missgestaltetes Australien - »war frei nach der Phantasie gestaltet. Eine mittelalterliche Hypothese, mehr nicht. Allein die Logik besagte, dass die Kontinente im Norden von Kontinenten im Süden ausbalanciert werden mussten, also erfand man einen mythischen Ort namens Terra Australis Incognita, den Mercator auf dieser Landkarte eingetragen hat. Und jetzt kommt die wundersame Überraschung: Mit Hilfe dieser Karte fanden die Seefahrer Australien.«