Der Kartograf zeigte mit dem Stift nach oben. »Dort oben befindet sich eine zweite Landmasse, die allein Mercators Phantasie entsprang. Man nannte sie Polus Arcticus. Und auch in diesem Falle entdeckten die Forscher die Arktis, indem sie sich auf eine Fiktion davon verließen. Einhundertundfünfzig Jahre später zeichnete der französische Kartograf Philippe Buache einen gigantischen - und nicht minder phantastischen -antarktischen Pol, um Mercators imaginäre Arktis auszutarieren. Und auch diesmal wurde die Landmasse von Forschern entdeckt, die eine rein fiktive Karte benutzten. Genau so verhält es sich mit der Hölle und dem, was Sie jetzt gleich sehen werden. Man könnte sagen, meine kartografische Abteilung hat eine Realität erfunden, damit Sie sie erforschen können.«
Ali blickte sich um. Die einzige Gestalt, die ihr im Publikum auffiel, war Ike. Ihr Interesse für ihn war ihr unerklärlich. In dem verdunkelten Raum sah er mit seiner Sonnenbrille besonders merkwürdig aus.
Aus der alten Karte wurde ein großer Globus, der sich hinter dem Kartografen auf dem Bildschirm drehte. Es handelte sich um eine Satellitenaufnahme in Realzeit. Wolken ballten sich vor Bergmassiven oder trieben über blauen Meeren dahin. Auf der Nachtseite glommen die Lichter der Städte wie Waldbrände.
»Das hier nennen wir Level I«, sagte der Kartograf. Als der weite Pazifik vor ihnen lag, hielt der Globus an. »Bis zum Zweiten Weltkrieg waren wir sicher, dass der Meeresboden eine gewaltige ebene Fläche war, bedeckt von einer gleichmäßigen Schicht Meeresablagerungen. Dann wurde der Radar erfunden, was uns einen ziemlichen Schock versetzte.«
Das Videobild flackerte.
»Und siehe da, er war nicht flach.« Milliarden Tonnen Wasser verschwanden. Das Publikum genoss jetzt einen ungehinderten Blick auf den Meeresboden, der mit seinen Gräben, Verwerfungen und unterseeischen Gebirgen faltig und verwarzt aussah.
»Unter Einsatz immenser Kosten hat Helios die Zwiebel nun noch weiter abgeschält. Wir haben ein Mosaik überlappender Bilder aus Luftaufnahmen und seismischen Informationen zusammengefügt. Wir haben jede noch so kleine Information gesammelt, von Erdbebenstationen, von Sonar schlitten, die hinter Schiffen hergezogen wurden, von den Seismographen der Erdölbohrer und von Erdtomographien, die über einen Zeitraum von 95 Jahren aufgezeichnet wurden. Anschließend haben wir die Angaben mit Satellitendaten der Erhebungen auf dem Meeresboden kombiniert, sowie der Schwerkraftfelder, des Erdmagnetismus und der atmosphärischen Gase. Diese Methoden sind allesamt seit geraumer Zeit in Gebrauch, wurden aber noch nie zuvor auf diese Weise miteinander verbunden. Hier nun sehen Sie das Ergebnis, eine Folge entblätterter Ansichten der Pazifikregion, Schicht für Schicht.«
»Jetzt rückt er ja langsam raus damit«, grunzte einer der Wissenschaftler. Auch Ali spürte es. Etwas Unerhörtes kam auf sie zu.
»Sie alle haben schon einmal topographische Aufnahmen des Meeresbodens gesehen«, fuhr der Kartograf fort. »Aber dabei handelte es sich bestenfalls um einen Maßstab von 1:29 Millionen. Unsere Abteilung hat jetzt für Level II einen Maßstab entwickelt, der Sie fast auf dem Meeresboden spazieren gehen lässt: 1:16.«
Er drückte auf die Maus, die er in der Hand hielt, und die Aufnähme vergrößerte sich. Ali kam sich vor wie die schrumpfende Alice im Wunderland. Ein farbiger Punkt mitten im Pazifik raste auf sie zu und wurde zu einem gewaltigen Vulkan.
»Das hier ist der Isakov Seamount, eine unterseeische Erhebung östlich von Japan. Tiefe: 1698 Faden.«
Der Kartograf bewegte seine Maus. Ali wurde zwischen den Wänden einer Schlucht hin und her geworfen. »Vor uns liegt das Challenger-Becken, ein Teil des Marianengrabens.«
Plötzlich tauchten sie von der Ebene in eine senkrechte Spalte hinab. Sie fielen. »5971 Faden«, sagte er. »Das sind 10,8 Kilometer. Der tiefste bekannte Punkt der Erde. Bis jetzt. Wir werden beträchtlich tiefer gehen. Bis vor wenigen Jahren nahm man an, dass das Innere des Ozeangesteins nicht porös und viel zu warm und zu viel Druck ausgesetzt sei, als dass sich darin Lebewesen aufhalten könnten. Inzwischen wissen wir es besser. Die Tiefen unter dem Pazifik bestehen aus Basalt, der alle paar Hunderttausend Jahre von gewaltigen Dampfwolken aus einer Lake aus Schwefelsäure heimgesucht wird, die ihren Weg aus den tieferen Schichten herauffindet. Diese Säurelake frisst sich durch den Basalt. Wir sind davon überzeugt, dass es im Massiv unter dem Pazifik an die 9,5 Millionen Kilometer natürlicher Höhlenwege gibt, in einer durchschnittlichen Tiefe von 5100 Faden, also 30 600 Fuß oder gut 10 Kilometern unterhalb des Wasserspiegels.«
»Neun Millionen Kilometer?«, sagte jemand.
»Genau«, bestätigte der Kartograf. »Natürlich ist nur wenig davon für menschliche Wesen passierbar. Aber was für uns zugänglich ist, ist mehr als genug. Genauer gesagt sind diese Wege schon seit Tausenden von Jahren in Gebrauch.«
Hadal, dachte Ali und hörte das Schweigen um sich herum.
Der Bildschirm wurde grau, zeigte sich von Schnörkeln und Löchern durchzogen. Der Gesamteindruck war der von Würmern, die sich durch einen Lehmklumpen bohrten, wieder auftauchten und sich gleich nebenan wieder ein neues Loch fraßen.
»Von Level 15 an, in ungefähr 6 Kilometern Tiefe, erlauben die Dichte des Felsgesteins und unser begrenzter Technologiestandard einen Maßstab von 1:120 000. Trotzdem ist es uns gelungen, mehr als 18 000 bedeutende unterirdische Gänge auszumachen.
Sie scheinen in Sackgassen oder auf sich selbst zurückzuführen und nirgendwo hinzuführen. Bis auf einen. Wir glauben, dass dieser eine Tunnel erst vor relativ kurzer Zeit von einer Säurewolke ausgebildet wurde, vor weniger als einhunderttausend Jahren, was in geologischen Verhältnissen nur einigen Augenblicken entspricht. Wie es aussieht, kam diese Wolke aus den Regionen unterhalb des Mananengrabens emporgequollen und bohrte sich dann in östlicher Richtung in den immer jüngeren Basalt hinein. Dieser Tunnel verläuft von Punkt A - an dem wir uns heute Morgen befinden - bis hinüber zu Punkt B.« Er spazierte vor dem Bildschirm von Osten nach Westen und zog seinen Stift quer über den gesamten pazifischen Raum. »Punkt B liegt ein Stück diesseits des Marianen-Grabens. Dort taucht der Tunnel tiefer hinab, bis unter den Graben. Wo er von dort aus hinführt, wissen wir nicht genau. Eine Vielzahl von Gängen zieht sich unter dem Asiatischen Plattensystem hin und verschafft uns so Zugang zu den Kellergeschossen Australiens, des Indonesischen Archipels, Chinas und so weiter. Zugänge zur Oberfläche gibt es dort überall, wo Sie nur wollen. Unserer Meinung nach stehen sie in Verbindung zum subpazifischen Netzwerk und unserem Punkt B, aber unsere Überprüfungen sind noch nicht abgeschlossen. Momentan stellt diese Geschichte noch einen blinden kartografischen Fleck dar, so wie einst die Quellen des Nils. Aber nicht mehr lange. In weniger als einem Jahr werden Sie mir berichten, wohin er führt.«
Ali und die anderen brauchten ein paar Sekunden, um ihm zu folgen.
»Sie wollen uns dort hinausschicken?«, keuchte jemand.
Ali war perplex. Erst nach und nach erfasste sie die Monstrosität dieses Unternehmens. Ringsum hörte sie Leute schwer atmen. Was hatte das zu bedeuten, fragte sie sich, eine derart riskante Unternehmung? Man wollte sie unter dem Pazifik durch bis nach Asien schicken?