Warum? Natürlich war das alles eine strategische Kriegslist, ein geopoliti scher Schachzug. Er erinnerte sie weniger an Lewis und Clarks Durchquerung des neuen Kontinents Amerika als an die großen Entdeckungsfahrten, die einst von Spanien, England und Portugal ausgingen.
Mit einem Mal sah sie klar. Ihre Reise war als Proklamation gedacht. Jeden Quadratzentimeter, den diese Expedition betrat, würde Helios als seinen Einflussbereich beanspruchen. Und der Kartograf hatte ihnen soeben offenbart, wohin die Reise ging, nämlich unter dem Äquator hindurch von Südamerika bis hinüber nach China.
Wie in einem Geistesblitz sah Ali den ganzen Plan vor sich aufleuchten. Helios, und damit Cooper, der gescheiterte Präsidentschaftskandidat, beabsichtigte, Ansprüche auf das gesamte Gebiet unterhalb des Pazifischen Ozeans geltend zu machen. Cooper wollte sich eine eigene Nation schaffen. Aber ein Staat von der Größe des Pazifischen Ozeans? Sie musste diese Information unbedingt an January weitergeben.
Ali saß in der Dunkelheit und starrte auf den Bildschirm. Ein solcher Staat wäre größer als alle anderen Staaten der Welt zusammen! Helios würde beinahe der halbe Globus gehören.
Das schiere Ausmaß des Entwurfs ließ sie vor Staunen erstarren. Was für eine imperialistische Vision! Ein ganz und gar psychotischer Gedanke! Und sie und diese Wissenschaftler sollten die Agenten dieser Landnahme werden.
Ihre Nachbarn waren in eigene Gedanken versunken. Die meisten überdachten wohl bereits die Risiken, richteten ihre Forschungsziele neu aus, gewöhnten sich an die Ungeheuerlichkeit der Herausforderung und rechneten sich aus, was für sie bei der Sache heraussprang.
»Shoat!«, brüllte ein Mann.
Shoats Gesicht tauchte entgegenkommend im Licht des Podiums auf.
»Davon hat uns niemand etwas gesagt!«, stieß der Mann wütend hervor.
»Sie haben für ein volles Jahr unterzeichnet«, wies ihn Shoat zurecht.
»Erwarten Sie tatsächlich, dass wir den Pazifischen Ozean unterqueren? Zwei bis vier Kilometer unter dem Meeresboden? Durch unerforschtes Gebiet? Durch Hadal-Territorium?«
»Ich werde Sie auf Schritt und Tritt begleiten«, sagte Shoat.
»Aber niemand wagt sich weiter nach Westen als bis zur Nazca-Platte.«
»Das ist richtig. Wir werden die Ersten sein.«
»Sie sprechen davon, ein ganzes Jahr unterwegs zu sein.«
»Genau aus diesem Grunde haben wir Ihnen in den vergangenen sechs Monaten ein sportliches Aufbauprogramm zugesandt. Die ganzen Kletterwände, Trimmgeräte und Gymnastikübungen waren nicht zu Ihrer kosmetischen Verschönerung gedacht.«
»Sie haben doch keinerlei Vorstellung davon, was uns dort draußen erwartet!«
»Das stimmt nicht ganz«, widersprach ihm Shoat. »Das eine oder andere wissen wir schon. Vor zwei Jahren hat ein militärischer Aufklärungstrupp einen Teil des Weges sondiert. Er ist hauptsächlich auf die Überreste einer prähistorischen Passage gestoßen, auf ein Netzwerk von Tunneln und Kammern, die alle wohlmarkiert und ausgebaut waren und über einen Zeitraum von mehreren tausend Jahren ihren Zweck erfüllt haben. Wir glauben, dass es sich um eine Art Seidenstraße unterhalb des Pazifischen Beckens gehandelt hat.«
»Wie weit sind die Soldaten vorgedrungen?«
»Gut vierzig Kilometer«, antwortete Shoat. »Dann machten sie kehrt und kamen wieder zurück. Sie waren nicht ausreichend ausgerüstet. Wir schon.«
»Was ist mit den Hadal?«
»Seit über zwei Jahren ist keiner mehr gesichtet worden«, sagte Shoat. »Trotzdem hat Helios zu Ihrer Sicherheit eine Schutztruppe verpflichtet. Sie wird uns den ganzen Weg begleiten.«
Ein gesetzter Herr erhob sich. Er hatte Isaac Asimov-Koteletten und eine schwarze Hornbrille. Das »Hi« auf seinem Namensanhänger hatte er durchgestrichen. Ali kannte sein Gesicht von den Umschlägen zahlreicher Bücher: Donald Spurner, der berühmte Primatologe. »Wie steht’s mit den menschlichen Grenzen? Die von Ihnen vorgegebene Route bemisst sich auf ungefähr achttausend Kilometer.«
»Unter Berücksichtigung aller Kurven und Umwege sowie der Zugewinne und Verluste durch die Höhenunterschiede beläuft sich eine genauere Schätzung sogar eher auf zwölf tausend Kilometer«, dozierte Shoat.
»Zwölftausend Kilometer?«, schnaubte Spurner. »In nur einem Jahr? Zu Fuß?«
»Unsere Zugfahrt hierher hat uns bereits locker zweitausend Kilometer davon erspart.«
»Blieben immer noch zehntausend Kilometer. Sollen wir denn ein ganzes Jahr lang dauerlaufen?«
»Mutter Natur kommt uns da ein wenig zu Hilfe«, sagte der Kartograf.
»Wir haben dort unten beträchtliche Bewegung festgestellt«, mischte sich Shoat ein. »Wir glauben, dass es sich um einen Fluss handelt.«
»Einen Fluss?«
»Der von Osten nach Westen verläuft. Über Tausende von Kilometern.«
»Ein theoretischer Fluss. Sie haben ihn noch nicht gesehen.«
»Wir werden die Ersten sein. Wir werden entspannt darauf entlangschippern.«
Allgemeine Verwirrung.
»Was ist mit unserer Versorgung? Wir können unmöglich Verpflegung für ein ganzes Jahr mitschleppen!«
»Wir fangen mit Trägern an. Danach werden wir alle vier bis sechs Wochen durch ein Bohrloch versorgt werden. Man wird von oben direkt durch den Meeresboden bohren, unsere Route anzapfen und Nahrung sowie Ausrüstungsgegenstände hinunterschaffen. An diesen Punkten haben wir übrigens Gelegenheit, Kontakt mit der Außenwelt aufzunehmen. Sie können also mit Ihren Familien sprechen und es wird sogar möglich sein, Kranke oder Verletzte zu evakuieren.«
Das alles hörte sich beinahe vernünftig an.
»Es ist das größte Abenteuer der Menschheit«, sagte Shoat voll falschem Pathos.
»Sie werden bis zum Ende Ihres Lebens Artikel und Bücher darüber schreiben können. Diese Reise verschafft Ihnen Geltung, garantiert Ihnen Preise und wissenschaftliche Anerkennung. Ihre Kinder und Enkel werden Sie immer wieder bitten, die Geschichte des Abenteuers zu erzählen, vor dem Sie heute stehen!«
»Eine gewaltige Entscheidung«, sagte ein Mann. »Das muss ich mit meiner Frau besprechen.« Allgemeines zustimmendes Gemurmel.
»Leider ist unsere Verbindung nach oben gekappt.« Ali wusste, dass das eine schamlose Lüge war. »Selbstverständlich können Sie Post aufgeben. Der nächste Zug nach Nazca City geht in zwei Monaten.« Helios spielte mit harten Bandagen: Absolute Nachrichtensperre. Shoat ließ seinen Blick mit reptilienartiger Gelassenheit über sie wandern. »Ich erwarte nicht, dass jeder, der heute Abend hier ist, auch morgen früh noch dabei sein wird. Es steht Ihnen selbstverständlich frei, nach Hause zurückzukehren.« In zwei Monaten. Mit dem Zug. Damit besaß die Expedition einen gewaltigen Vorsprung vor sämtlichen Informationen, die zu den Medien durchsickern konnten. Shoat blickte auf seine Armbanduhr.
»Es ist spät geworden«, sagte er. »Die Expedition bricht um sechs Uhr auf. Damit bleiben Ihnen nur wenige Stunden, um über Ihre Entscheidung nachzudenken. Aber das wird genügen. Ich glaube fest daran, dass jeder von uns, wenn er diese Welt betritt, seine Entscheidungen bereits getroffen hat.«
Das Licht ging wieder an. Ali blinzelte. Überall stützten sich die Leute auf Stuhllehnen, rieben sich die Hände, stellten Berechnungen an. Gesichter leuchteten vor Aufregung. Alis Gedanken überschlugen sich, sie sah sich nach Ike um, wollte den Vorschlag anhand seiner Reaktion beurteilen. Doch er hatte den Raum verlassen, als es noch dunkel war.
Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehen,
daß er nicht dabei zum Ungeheuer wird.
Und wenn du lange in einen Abgrund blickst,
blickt der Abgrund auch in dich hinein.
FRIEDRICH NIETZSCHE, Jenseits von Gut und Böse.