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Der digitale Satan

ZENTRUM FÜR GESUNDHEITSWISSENSCHAFTEN, UNIVERSITÄT COLORADO, DENVER

»Man hat sie in einem Pflegeheim nahe Bartlesville, Oklahoma, entdeckt«, erklärte ihnen Dr. Yamamoto. Thomas, Vera Wallach, die kampferprobte neuseeländische Ärztin, und Foley, der Industrielle, folgten der Ärztin aus ihrem Büro. Als Letzter ging Branch, der die Augen mit einer dunklen Skibrille abgeschirmt und die Ärmel an den Manschetten zugeknöpft hatte, um seine Verbrennungsnarben zu verbergen.

»Es ist eins von diesen Heimen, die größeren Kindern Albträume bescheren«, fuhr Dr. Yamamoto fort. Sie konnte nicht viel älter als siebenundzwanzig sein. Sie strahlt Vitalität und Lebensfreude aus, dachte Branch. Der Ehering an ihrem Finger sah aus, als sei er erst wenige Wochen alt.

Sie fuhren mit dem Fahrstuhl nach oben. Ein durch Blindenschrift ergänztes Schild wies auf die in den jeweiligen Stockwerken untergebrachten Abteilungen hin. Sie stiegen im obersten, nicht eigens ausgewiesenen Stockwerk aus und gingen abermals einen Korridor entlang.

»Ein echter Prachtkerl. Seine so genannte Einrichtung ist angeblich auf Alzheimerpatienten spezialisiert, doch hinter den Kulissen hält er die Leute gerade so weit am Leben, dass die Schecks vom Sozialamt und den Krankenkassen ungehindert auf seinen Tisch flattern können. Bettenarrest und so weiter, absolut grauenhafte Verhältnisse! Von ärztlichem Personal keine Spur. Offensichtlich ist es unserem Eindringling hier gelungen, sich über einen Monat dort zu verstecken.«

Die junge Ärztin blieb vor einer Tür mit einem Tastenfeld stehen.

»Da wären wir«, sagte sie und gab die Zahlenfolge ein. Lange Finger. Sanfter, aber bestimmter Druck.

»Sie spielen Geige«, riet Thomas.

Sie war entzückt. »Gitarre«, gestand sie. »Bass. Ich habe eine Band namens Girl Talk. Alles Jungs - und ich.«

Sie hielt ihnen die Tür auf. Thomas registrierte sofort die Veränderung der Beleuchtung und der Akustik. Hier drinnen gab es keine Fenster, keine hereinflutenden Sonnenstrahlen. Das leise Pfeifen des Windes an den Außenwänden war nicht mehr zu hören. Die Wände hier waren zu dick. Yamamotos Stimme passte sich der Stille an. »Wir können von Glück sagen, dass der Hausmeister etwas bemerkt hat«, fuhr sie fort. »Der Verwalter und seine Gaunerbande hätten nie und nimmer die Polizei gerufen. Um es kurz zu machen: Als die Polizei eintraf, waren die Beamten entsprechend entsetzt. Zuerst waren sie davon überzeugt, es handele sich um Tiere. Also stellte einer der Polizisten ein paar alte Fangeisen auf.«

Sie standen jetzt vor einer Doppeltür. Wieder ein Tastenfeld. Andere Zahlen, registrierte Thomas. Der Zugang erfolgte über mehrere Stufen:    Zuerst    ein schläfriger Wachmann, dann ein Waschraum, in dem Yamamoto ihnen beim Anlegen grüner Kittel, Gesichtsmasken und doppelter Latexhandschuhe behilflich war, dann ein Hauptraum mit geschäftig über Reagenzgläser und Tastaturen gebeugten Biotechnikern. Die Tür glitt zur Seite und Yamamoto fuhr mit ihrem Bericht fort.

»In jener Nacht kam sie zurück, wollte sich noch mehr holen. Eine der Fallen erwischte sie am Bein. Die Polizisten kamen sofort hereingestürmt und waren völlig baff. Auf so etwas waren sie natürlich nicht vorbereitet gewesen. Obwohl sie kaum einen Meter dreißig groß war und obendrein Schien- und Wadenbein gebrochen hatte, hielt sie fünf erwachsene Männer in Schach. Beinahe wäre sie entkommen, doch dann erwischten sie sie doch noch. Natürlich wäre uns ein lebendes Exemplar lieber gewesen.«

Drinnen war es nicht so kalt wie Branch erwartet hatte. Ein Wandthermometer zeigte zwei Grad Celsius an, eine Temperatur, bei der man ohne weiteres ein oder zwei Stunden arbeiten konnte. In dem Raum hielt sich allerdings niemand auf. Die ganze Arbeit wurde vollautomatisch erledigt.

Maschinen summten in gleichmäßigem, einlullendem Rhythmus. Mmschsch. Mmschsch. Mmschsch. Als sollte ein Kind in den Schlaf gewiegt werden. Bei jedem Summen blinkten mehrere Lichter auf.

»Sie haben sie also getötet?«, fragte Vera.

»Ganz so war es nicht«, antwortete Yamamoto. »Sie lebte noch, nachdem man sie mit einem Netz und Seilen eingefangen und gefesselt hatte. Aber die Falle war verrostet. Die Wunde entzündete sich. Blutvergiftung. Bevor wir eintrafen, war sie tot. Ich brachte sie in einer Kiste mit Trockeneis hierher.«

In dem Raum befanden sich vier stählerne Autopsietische. Auf jedem lag ein Klumpen blaues Gel, und jeder Klumpen lag dicht an einer Maschine. Jede Maschine blitzte alle fünf Sekunden einmal auf.

»Wir haben sie Dawn getauft«, sagte Yamamoto.

Sie blickten in das blaue Gel. Da lag sie, ihr tiefgefrorener Kadaver, in Gel gebettet und in vier Teile zerschnitten.

»Wir hatten unsere digitale Eva ungefähr zur Hälfte computerisiert, als uns dieses Exemplar in die Hände fiel.« Yamamoto zeigte auf ein Dutzend Gefrierschrankschubladen an der Wand. »Wir haben Eva wieder eingelagert und machten uns sofort bei Dawn an die Arbeit. Wie Sie sehen, haben wir ihren Körper geviertelt und die vier Teile in Gelatine gebettet. Diese Maschinen nennt man Kryomakrotome. Im Prinzip sind es bessere Fleischmesser. Alle paar Sekunden schneiden sie einen halben Millimeter vom Boden jedes Gelatineblocks ab, und eine Kamera fotografiert synchron die neue Schicht.«

»Wie lange liegt es schon hier?«, erkundigte sich Foley.

Es, nicht sie, fiel Branch sofort auf. Foley beließ die Dinge lieber auf einer unpersönlichen Ebene. Branch für seinen Teil verspürte sofort eine Art Mitgefühl. Die kleine Hand besaß vier Finger und einen Daumen.

»Zwei Wochen. Seitdem sind die Messer und die Kameras am Werk. In vier Wochen werden wir über eine Datenbank mit über 12 000 Aufnahmen verfügen. Mit Hilfe einer Maus kann man dann durch ein dreidimensionales Abbild ihres Innenlebens reisen.«

»Welchen Zweck verfolgen Sie damit?«

»Die Physiologie der Hadal«, antwortete Dr. Yamamoto. »Wir möchten wissen, inwiefern sich ihr Körper von dem des Menschen unterscheidet.«

»Gibt es eine Möglichkeit, Ihre Untersuchung zu beschleunigen?«, fragte Thomas.

»Wir wissen nicht, wonach wir eigentlich suchen, oder welche Fragen wir zu stellen haben. Eigentlich wollen wir auf Nummer sicher gehen. Man kann nie wissen, was sich hinter einem noch so kleinen Detail verbirgt.«

Sie trennten sich und traten an die verschiedenen Tische. Durch das trübe Gel erkannte Branch ein Paar Unterschenkel mit Füßen. Da war die Stelle, an der die Falle die Knochen zerschmettert hatte. Die Haut war weiß wie bei einem Fisch.

Er suchte den Teil mit dem Kopf und den Schultern. Wie eine Alabasterbüste. Die Augenlider waren halb geschlossen, sodass man die blassblauen Regenbogenhäute sehen konnte. Der Mund stand leicht offen. Das computergesteuerte Pendel, das sich vom Halsansatz nach oben arbeitete, befand sich immer noch auf der Höhe der Kehle.

»Sie haben wahrscheinlich schon viele wie Dawn gesehen«, meldete sich Dr. Yamamoto mit ernster Stimme neben ihm zu Wort.

Branch legte den Kopf ein wenig schief und schaute genauer hin, beinahe zärtlich. »Sie sehen alle verschieden aus«, sagte er. »Ungefähr so wie wir.«

Er spürte, dass sie von ihm einen eher groben Kommentar erwartet hatte. Die Stimme der Ärztin wurde weich.    »Ihren    Zähnen und    dem    noch nicht völlig ausgebildeten Beckengürtel nach zu urteilen«, sagte sie, »muss Dawn etwa zwölf oder dreizehn Jahre alt gewesen sein. Natürlich können wir mit dieser Schätzung ziemlich danebenliegen. Ohne Vergleichsmöglichkeit können wir nur raten, und bislang kam man nur sehr schwer an Exemplare heran. Dabei müsste man eigentlich annehmen, dass wir nach so viel Kontakten und so vielen Toten mehr als genug Leichen hätten.«

»Wirklich merkwürdig«, sagte Vera. »Zersetzen sie sich denn schneller als normale Säugetiere?«