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»Das hängt davon ab, wie stark sie dem direkten Sonnenlicht ausgesetzt sind. Aber der Mangel an brauchbaren Exemplaren hängt eher damit zusammen, wie die Kadaver zugerichtet werden.«

Branch fiel auf, dass sie ihn nicht ansah.

»Meinen Sie damit Verstümmelungen?«

»Mehr als das.«

»Dann also Leichenschändung«, sagte Thomas. »Ein heftiger Vorwurf.«

Yamamoto ging zu der Schubladenwand und zog eine lange Bahre auf Rollen heraus. »Mag schon sein. Aber wie würden Sie das hier nennen?« Auf der Metallfläche lag ein scheußliches Wesen, schwarz verbrannt, mit gebleckten Zähnen, zerstückelt und verstümmelt. Es hätte ebenso gut achttausend Jahre alt sein können.

»Vor einer Woche gefangen und verbrannt worden«, sagte die Ärztin.

»Soldaten?«, fragte Vera.

»Nein. Das hier kam aus Orlando, Florida. Ganz normales Wohngebiet. Die Leute haben Angst. Vielleicht ist es eine Art rassische Katharsis. Überall herrschen Abscheu, Wut und Terror. Die Leute scheinen das Bedürfnis zu haben, diese Dinger zu vernichten, selbst wenn sie schon tot sind. Vielleicht glauben sie, damit das Böse auszurotten.«

»Glauben Sie das auch?«, fragte Thomas.

Ihre Mandelaugen sahen traurig aus. Dann diszipliniert. Nein, sie glaubte nicht daran, weder als Privatperson noch als Wissenschaftlerin.

»Wir haben eine Belohnung auf unbeschädigte Exemplare ausgesetzt«, erzählte sie weiter. »Aber wir bekommen einfach nichts Besseres als das hier. Dieser Bursche beispielsweise wurde von einer Gruppe Buchhalter und Software-Entwickler lebend auf einem vor städtischen Fußballplatz gefangen. Als sie von ihm abließen, war er nur noch ein Häufchen Holzkohle.«

Branch hatte schon weitaus Schlimmeres gesehen.

»Im ganzen Land und überall auf der Welt geht das so«, sagte die Ärztin. »Wir wissen, dass sie zu uns heraufkommen. In den Städten und auf dem Land werden allein in Nordamerika stündlich mehrere von ihnen gesehen und getötet. Aber versuchen Sie mal, einen unversehrten Kadaver am Stück ins Labor zu bekommen. Es ist wirklich ein großes Problem und verlangsamt unsere Forschung ungemein.«

»Weshalb kommen sie Ihrer Meinung nach herauf, Doktor? Jeder scheint eine andere Theorie zu vertreten.«

»Von uns hier hat keiner auch nur einen Schimmer davon«, sagte Yamamoto. »Offen gesagt, bin ich nicht einmal davon überzeugt, dass die Hadal in größerer Anzahl als früher heraufkommen. Mit Sicherheit kann man jedoch sagen, dass die Menschen heutzutage für die Anwesenheit der Hadal sensibilisiert sind. Aber der größte Teil der gemeldeten Sichtungen erweist sich als falsch, das gleiche Phänomen wie bei den UFOs. Manchmal sind es bloß Zweige, die am Fenster kratzen, keine Hadal.«

»Ach«, entfuhr es Vera, »dann spielt uns nur unsere Phantasie einen Streich?«

»Keinesfalls. Die Hadal sind unbestreitbar hier, verstecken sich auf Müllkippen, in den Kellern unserer Vorstädte, in Zoos, Lagerhäusern und Nationalparks. Aber nicht annähernd in der Anzahl, wie es uns Politiker und Medien weismachen wollen. Und was die Behauptung angeht, sie fielen über uns her - ich bitte Sie, wer überfällt denn hier wen? Wir sind diejenigen, die Schächte bohren und Höhlensysteme kolonisieren.«

»Gefährliche Worte«, sagte Foley.

»Ab einem gewissen Punkt verändert uns der eigene Hass und unsere Angst«, redete die junge Frau trotzig weiter. »In was für einer Welt wollen wir unsere Kinder großziehen? Auch das ist wichtig.«

»Dann wissen wir also so gut wie nichts über die Gründe für ihr Auftauchen?«, fragte Thomas.

»Von wissenschaftlicher Seite aus gesehen nicht. Noch nicht. Aber manchmal lassen wir - die anderen Mitarbeiter und ich - uns dazu verleiten, Lebensgeschichten für sie zu erfinden.« Die junge Ärztin zeigte auf ihr stählernes Mausoleum. »Wir geben ihnen Namen und eine Vergangenheit. Wir versuchen zu begreifen, wie es gewesen sein muss, so zu sein wie sie.« Sie legte die Hand auf den Rand des Sektionstisches mit dem Kopf des weiblichen Hadal.

»Dawn ist mit Abstand der Liebling unserer Gruppe.«

»Das hier?«, fragte Vera erstaunt, war jedoch zugleich von der Humanität der Mitarbeiter angerührt.

»Es liegt wahrscheinlich an ihrem jungen Lebensalter. Und an dem entbehrungsreichen Leben, das sie geführt hat.«

»Erzählen Sie uns ihre Geschichte, wenn es Ihnen nichts ausmacht«, forderte sie Thomas auf. Branch warf dem Jesuiten einen Blick zu. Ebenso wie bei Branch verleitete sein grobes Äußeres die Leute oft dazu, ihn falsch einzuschätzen. Doch Thomas hatte eine Affinität für diese Wesen entwickelt, die momentan nicht unbedingt opportun war.

Die junge Frau sah peinlich berührt aus. »Das steht mir eigentlich nicht zu«, sagte sie. »Die Spezialisten haben noch nicht sämtliche Daten gesichtet, und alles, was wir uns ausgedacht haben, ist reine Mutmaßung.«

»Trotzdem würden wir es gern hören«, bat Vera.

»Na schön. Dawn muss von sehr weit unten gekommen sein. Dem relativ kleinen Brustkorb nach zu schließen aus einer sauerstoffreichen Atmosphäre. Ihre DNA weist einen relevanten Unterschied zu den Proben auf, die uns aus anderen Regionen der Welt zugeschickt wurden. Inzwischen besteht Konsens darüber, dass diese Hadal vom Homo erectus abstammen, der auch unser Vorfahr ist. Andererseits kann man das Gleiche von uns und den Orang-Utan sagen, oder den Lemuren, oder, wenn man will, von den Fröschen. An einem gewissen Punkt der Vergangenheit haben wir alle den gleichen Ursprung. Noch erstaunlicher ist daher die Tatsache, wie ähnlich uns die Hadal letztendlich sind. Haben Sie jemals von Donald Spurner gehört?«

»Dem Primatologen?«, fragte Thomas zurück. »War er hier?«

»Jetzt ist es mir noch peinlicher«, sagte Yamamoto. »Ich hatte nie zuvor von ihm gehört, aber hinterher musste ich mir sagen lassen, dass er weltberühmt ist. Wie auch immer, eines Nachmittags kam er vorbei, um sich unser kleines Mädchen hier anzusehen, und bei dieser Gelegenheit hielt er gleich ein Stegreifseminar für uns ab. Er erzählte, dass der Homo erectus weitaus mehr Ableger und Varianten bildete, als jede andere menschenähnliche Gruppe. Wir sind nur eine davon. Die Hadal eine andere. Erectus ist offensichtlich vor Hunderttausenden von Jahren von Afrika nach Asien gewandert, und womöglich haben sich die Splittergruppen auf der ganzen Welt zu verschiedenen Formen weiterentwickelt, bevor eine davon unter die Erde ging. Aber wie gesagt, ich bin keine Expertin auf diesem Gebiet.«

Auf Branch wirkte Yamamotos Bescheidenheit sehr gewinnend, aber auch ablenkend. Sie waren heute geschäftlich hier, um sämtliche Informationen zu bekommen, die diesem Hadal-Leichnam zu entnehmen waren.

»Sie haben in groben Zügen unser Anliegen bestätigt, nämlich genauer zu verstehen, weshalb wir uns auf diese und keine andere Weise entwickelt haben«, sagte Thomas. »Was können Sie uns noch mitteilen?«

»In ihrem Gewebe findet sich eine hohe Konzentration von Radioisotopen, was jedoch bei einem Lebewesen aus dem Subplaneten, einer steinernen Höhle, die von allen Seiten von mineralischer Strahlung bombardiert wird, nicht weiter verwunderlich ist. Meine persönliche Vermutung geht dahin, dass die Strahlung eine Erklärung für die Mutationen in ihrer Bevölkerung sein könnte. Aber nageln sie mich nicht darauf fest.«

Yamamoto fuhr mit der Hand über den blauen Gelblock, als streichelte sie das ungestalte Gesicht. »In unseren Augen sieht Dawn primitiv aus. Einige unserer Besucher meinten, es handele sich um einen grotesken Rückschritt. Tatsächlich ist sie in jeder Hinsicht so weit entwickelt wie wir, nur eben in eine andere Richtung.«

Das war auch für Branch eine Überraschung. Von der breiten Masse erwartete man nichts anderes als dumpfen Rassismus und Voreingenommenheit. Wie sich herausgestellt hatte, waren auch die Wissenschaften keinesfalls dagegen gefeit. Genau genommen hatten wissenschaftliche Borniertheit und akademische Arroganz sogar dazu beigetragen, dass die Tiefe so lange unentdeckt geblieben war.