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»Dawns Zahnformel ist mit Ihrer und meiner identisch.« Yamamoto drehte sich zu einem anderen Tisch um. »Die unteren Gliedmaßen sind den unseren vergleichbar, wenn auch die Gelenke der Hadal mehr Knochenschwamm aufweisen, was die Vermutung nahe legt, dass Dawn zum Laufen wahrscheinlich sogar besser geeignet war als wir. Es ist durch das Gel hur schwer zu erkennen, aber sie hat auf ihren Füßen jede Menge Kilometer zurückgelegt. Die Schwielen sind dicker als mein Daumennagel. Sie hat Senkfüße. Jemand hat sie gemessen: Größe 44.«

Die Ärztin ging zum nächsten Tisch, auf dem Brustkorb und Oberarme lagen. »Auch hier haben wir bislang wenig Überraschendes festgestellt. Das Herz-Kreislauf-System ist robust, wenn nicht sogar vorbildlich gesund. Das Herz ist vergrößert, vermutlich ist sie sehr schnell aus einer Tiefe von sechs oder sieben Kilometern nach oben gekommen. Ihre Lungen weisen chemische Vernarbungen auf, die wahrscheinlich vom Einatmen schädlicher Gase aus noch tieferen Erdregionen herrühren. Und das dort ist eine alte Bisswunde.«

Yamamoto kam zum letzten Tisch, zu Unterleib und Unterarmen. Eine Hand war geballt, die andere lag entspannt offen. »Auch hier fällt eine genaue Beurteilung nicht leicht. Aber die Fingerknochen verfügen über eine signifikante Krümmung, ungefähr zwischen Mensch und Menschenaffe. Das erklärt die Geschichten, in denen Hadal an Wänden hinaufklettern und sich durch unterirdische Nischen und Spalten hangeln.«

Yamamoto wies auf den Block mit dem Unterleib. Die Klinge hatte oben angefangen und arbeitete sich scheibchenweise zur Beckengegend vor. Das Schambein wies eine spärliche schwarze Behaarung auf.

»Einen Teil ihrer kurzen Geschichte können wir beweisen. Bevor wir sie in Gel gossen und mit dem Zerschneiden anfingen, erhielten wir die MR- und die Computertomographie-Bilder. Etwas schien mit dem Beckenboden nicht zu stimmen, also rief ich den Leiter der Gynäkologie herauf, damit er mal einen Blick darauf wirft. Er erkannte das Trauma sofort. Vergewaltigung. Massenvergewaltigung.«

»Meinen Sie das im Ernst?«, fragte Foley.

»Mit zwölf Jahren«, sagte Vera. »Kaum vorstellbar. Das erklärt jedenfalls, warum sie heraufkam.«

»Wie meinen Sie das?«, wollte Yamamoto wissen.

»Das arme Ding muss vor den Kreaturen geflohen sein, die ihr das angetan haben.«

»Ich habe nicht gesagt, dass es Hadal waren. Wir haben das Sperma untersucht. Es war ausschließlich menschlicher Herkunft. Die Verletzungen waren noch nicht sehr alt. Wir nahmen Kontakt mit dem Sheriff in Bartlesville auf, der uns vorschlug, die Aufseher im Pflegeheim zu befragen. Die Pfleger stritten alles ab. Wir könnten Proben von ihnen verlangen oder von den Polizisten, aber das ändert nichts. Ein derartiger Vorfall gilt nicht als Verbrechen. Die eine oder andere Gruppe hat sie vergewaltigt. Vielleicht sogar, nachdem sie schon tot war. Sie hatten sie immerhin einige Tage in einem Kühlfach verwahrt.«

Auch in dieser Hinsicht hatte Branch schon Schlimmeres gesehen.

»Was für eine bemerkenswerte Einbildung die Zivilisation doch ist«, sagte Thomas. Sein Gesichtsausdruck wirkte weder wütend noch traurig, eher abgeklärt. »Die Leiden dieses Kindes sind zu Ende. Doch während wir uns hier unterhalten, spielen sich an Hunderten verschiedener Orte ähnliche Gräuel ab, und zwar von beiden Seiten. Solange wir keine Ordnung errichtet haben, bleibt dem Bösen auch weiterhin Tür und Tor geöffnet.« Er sprach zum Leichnam des Kindes, aber auch, wie es schien, um sich die Sachlage selbst in Erinnerung zu rufen.

»Was noch?«, murmelte Yamamoto fast ein wenig verwirrt vor sich hin und sah sich zwischen den Körperteilen um. Sie standen noch immer vor dem Viertel mit dem Unterleib. »Ihr Stuhl«, setzte Yamamoto erneut an, »war hart und dunkel und roch sehr scharf. Die typischen Exkremente eines Fleischfressers.«

»Und wovon hat sie sich ernährt?«

»In den letzten Monaten vor ihrem Tod?«

»Ich vermute, Weizenkleiebrötchen und Fruchtsäfte. Was man so in der Küche eines Altenheimes organisieren kann«, schlug Vera vor.

»Nicht bei unserem Mädchen. Sie war eindeutig Fleischfresserin. Der Polizeibericht ließ keinen Zweifel offen, und die Stuhlprobe bestätigte die Aussage. Fleisch, und sonst nichts.«

»Aber woher ...«

»Hauptsächlich von Füßen und Waden, deshalb blieb sie so lange unentdeckt. Das Personal hatte Ratten oder eine Wildkatze in Verdacht und behalf sich lediglich mit Salben und Verbänden. Dawn kehrte in der Nacht zurück und fraß weiter.«

Vera war verstummt. Dr. Yamamotos kleines Mädchen eignete sich nur bedingt zum Liebhaben.

»Keine schöne Geschichte, ich weiß«, fuhr die Ärztin fort. »Andererseits hatte sie auch nicht gerade ein schönes Leben.«

Die Klinge zischte auf, und der Klumpen bewegte sich kaum merklich.

»Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Ich will dieses Raubtierverhalten nicht verteidigen. Ich verdamme es nur nicht. Für manche Menschen ist das Kannibalismus. Aber wenn wir darauf bestehen, dass die Hadal keine Homo sapiens sind, dann besteht kein Unterschied zu dem, was ein Berglöwe anstellt. Aber solche Zwischenfälle sind der Grund dafür, warum die Leute so viel Angst haben. Und deshalb ist es so schwierig, gute, unversehrte Exemplare zu bekommen.

Man hat uns gewisse Fristen gesetzt. Und wir haben noch keine einzige davon eingehalten«, wechselte Dr. Yamamoto plötzlich das Thema.

»Wer setzt diese Fristen?«, erkundigte sich Vera.

»Das ist das große Geheimnis. Zuerst hatten wir das Militär in Verdacht. Wir erhielten regelmäßig ungefähre Computerentwürfe zur Entwicklung neuer Waffen, bei denen wir die freien Stellen ausfüllen sollten. Gewebedichte, genauer Sitz der Organe, solche Sachen. Hauptsächlich die Unterschiede zwischen ihrer Spezies und der unseren. Dann erhielten wir Mitteilungen von Firmen, aber stets von anderen. Inzwischen sind wir uns bei ihnen auch nicht mehr so ganz sicher. Aber letztendlich spielt das für unsere Zwecke keine große Rolle, solange die Stromrechnung bezahlt wird.«

»Eine Frage«, meldete sich Thomas zu Wort. »Sie scheinen einige Bedenken zu haben, Dawn und ihre Kameraden wirklich als völlig andere Spezies anzusehen. Was sagte Spurner dazu?«

»Er war felsenfest davon überzeugt, dass die Hadal einer anderen Spezies angehören. Taxonomie ist ein sensibles Geschäft. Momentan wird Dawn als Homo erectus hadalis klassifiziert. Als ich erwähnte, es sei vielleicht besser, den Namen zu Homo sapiens hadalis abzuändern, wurde er direkt wütend. Er sagte, der Taxon erectus sei Wissenschaft für den Mülleimer. Wie ich bereits sagte, dort draußen herrscht große Angst.«

»Angst wovor?«

»Es widerspricht der herrschenden Orthodoxie. Man läuft Gefahr, seine Gelder gestrichen zu bekommen. Seinen Ruf zu verlieren. Weder angestellt zu werden noch publizieren zu können. Momentan halten sich alle sehr bedeckt.«

»Und Sie?«, fragte Thomas. »Sie hatten mit diesem Mädchen zu tun, haben seine Sektion genau verfolgt. Welcher Ansicht sind Sie?«

»Das ist nicht fair«, wies Vera Thomas zurecht. »Sie hat doch gerade eben erklärt, wie gefährlich die Zeiten geworden sind.«

»Schon gut«, sagte Yamamoto zu Vera und blickte dann Thomas an. »Erectus oder sapiens? Lassen Sie es mich so ausdrücken: Wenn es sich hier um ein lebendes Objekt handelte, würde ich an ihr keine Vivisektion durchführen.«

»Dann halten Sie sie also für einen Menschen?«, bohrte Foley nach.

»Nein. Ich sage nur, dass sie uns ähnlich genug ist, um vielleicht nicht einmal erectus zu sein.«

»Wenn Sie wollen, dürfen Sie mich einen Advokaten des Teufels nennen«, sagte Foley, »aber mir kommt sie nicht sehr ähnlich vor.«