Yamamoto ging wieder zu ihrer Schubladenwand und zog eine Bahre weiter unten heraus. Darauf ruhte eine noch groteskere Leiche als die, die sie bereits gesehen hatten. Die Haut war völlig vernarbt, die Körperbehaarung wucherte ungezügelt. Das Gesicht war von einer kohlkopfähnlichen Schale fleischiger Kalziumablagerungen fast völlig überwuchert. Mitten aus der Stirn wuchs etwas, das an das Horn eines Widders erinnerte. Sie legte eine behandschuhte Hand auf den Brustkasten der seltsamen Kreatur.
»Wie ich bereits sagte, lag unser Hauptanliegen darin, Unterschiede zwischen unseren beiden Spezies herauszufinden. Diese hier fallen einem sofort ins Auge. Aber bis jetzt haben wir lediglich physiologische Ähnlichkeiten festgestellt.«
»Sie wollen also behaupten, dieses Ding hier sei uns ähnlich?«, fragte Foley.
»Genau das ist der springende Punkt. Dieses Exemplar hier hat uns der Laborchef geschickt. Eine Art Doppelblindtest, um zu sehen, was wir so alles herausfinden. Zehn von uns beschäftigten sich eine ganze Woche mit der Autopsie. Wir stellten eine Liste von fast vierzig Unterschieden zum durchschnittlichen Homo sapiens sapiens zusammen. Angefangen von Blutgasen über Knochenstruktur bis hin zu Deformationen und Nahrungsdiät. Wir fanden Spuren seltener Mineralien in seinem Magen. Er hatte Lehm und mehrere Fluoreszenzen gegessen. Seine Gedärme leuchteten im Dunkeln. Erst an dieser Stelle klärte uns der Laborchef auf. Es handelt sich hierbei um einen deutschen Soldaten der NATO-Streitkräfte.«
Branch hatte von Anfang an geahnt, dass es ein Mensch war, wollte aber Yamamoto nicht den Spaß verderben.
»Das kann nicht sein!« Vera fing an, chirurgische Einschnitte zu öffnen und auf den knochigen Helm zu drücken. »Und was ist damit?«, fragte sie. »Und damit?«
»Alles Überbleibsel seines letzten Einsatzes. Nebeneffekte der Drogen, die man ihm einzunehmen befohlen hat, oder der geochemischen Umgebung, in der er Dienst tat.«
Foley war sichtlich schockiert. »Ich habe ja von gewissen Veränderungen gehört, aber nicht von derartigen Entstellungen.«
Als ihm plötzlich Branch einfiel, verstummte er.
»Er sieht wirklich dämonisch aus«, kommentierte Branch.
»Jedenfalls war es für uns eine höchst lehrreiche Lektion in Anatomie«, sagte Yamamoto. »Sehr demütigend. Ich habe daraus eines gelernt: Es spielt keine Rolle, ob Dawn vom erectus oder vom sapiens abstammt. Wenn man weit genug zurückgeht, ist sapiens gleich erectus.«
»Bestehen denn sonst keinerlei Unterschiede?«, fragte Thomas.
»Viele. Aber nachdem wir gesehen haben, wie viele Nichtübereinstimmungen es von einem Menschen zum anderen geben kann, handelt es sich lediglich um eine epistemologische Frage: Woher wissen wir, was wir zu wissen glauben?« Mit dieser Frage schob sie die Schublade wieder in den Schrank.
»Sie klingen demoralisiert.«
»Nein. Eher beunruhigt. Aus der Spur geraten. Aber ich bin überzeugt davon, dass wir in drei bis fünf Monaten echte Diskrepanzen feststellen werden.« »Ach?«, meinte Thomas.
Sie ging zu dem Tisch zurück, auf dem sich Dawns Oberkörper sehr langsam in das Pendel schob. »Nämlich dann, wenn wir in dieses Gehirn vordringen.«
Mache den Anfang mit dem Anfang ...
und fahre fort, bis du ans Ende kommst;
dort höre auf.
LEWIS CARROLL, Schildkrötensuppe
11
Dass Licht schwindet
ZWISCHEN DEN CLIPPERTON- UND GALÂPAGOS-VERWERFUNGSZONEN
Sie wurden in Vierergruppen von Esperanza aus in die Tiefe abgeseilt. Fünf Winden reckten sich wie die Kanonen schwerer Kriegsschiffe über den Rand der Klippe und wickelten mit dröhnenden Motoren ihre großen Kabeltrommeln ab. Menschen und Ausrüstung wurden auf Plattformen und in Netzen 1300 Meter nach unten bugsiert. Es gab nur ziemlich mitgenommene Seile, ölige Ketten und Bodenschrauben, mit denen Kisten und Maschinen gesichert wurden. Die lebende Fracht musste selbst für sich sorgen.
Die gewaltigen Arme der Winden ächzten und knirschten. Ali schaffte es, ihren Rucksack hinter sich zu schieben und machte sich an der unteren Reling mit Karabinerhaken und einem Knoten fest. Shoat kam mit einem Klemmbrett vorbei.
»Guten Morgen«, schrie sie in den Lärm und den Qualm der Abgase.
Wie er vorausgesagt hatte, waren über Nacht einige Teilnehmer ausgestiegen. Bis jetzt fünf oder sechs, aber angesichts des Verhaltens, das Shoat und Helios an den Tag gelegt hatten, hatte Ali mit mehr Abbrechern gerechnet. Shoat offenbar auch - nach seinem zufriedenen Grinsen zu urteilen. Sie hatte noch nie persönlich mit ihm gesprochen. Alle anderen Ängste durchzuckte die plötzliche Angst, er könne sie von der Expedition ausschließen.
»Sie sind die Nonne«, sagte er. Niemand würde auf die Idee kommen, sein verkniffenes Gesicht und die gierigen Augen entwaffnend zu nennen, doch er wirkte nicht gänzlich unsympathisch. Er streckte ihr die Hand entgegen, die im Vergleich zu seinem geschwollenen Bizeps und den kräftigen Schenkeln erstaunlich schmal war.
»Ich bin als Linguistin und Spezialistin für Inschriften mitgekommen.«
»Brauchen wir so jemanden überhaupt? Sie sind sozusagen aus dem Nichts aufgetaucht«, sagte er.
»Ich habe erst sehr spät von dieser Gelegenheit erfahren.«
Er musterte sie. »Letzte Möglichkeit.«
Ali sah sich um und erblickte einige von denen, die zurückblieben. Sie sahen grimmig und auch ein wenig elend aus. Sie hatten eine Nacht des Zorns und der Tränen hinter sich, einige hatten gedroht, mit einer Gruppenklage gegen Helios vorzugehen. Sogar eine Schlägerei hatte stattgefunden.
»Ich bin mit mir im Reinen«, versicherte ihm Ali.
»So kann man es auch ausdrücken.« Shoat hakte ihren Namen auf der Liste ab.
Die Seile über ihnen spannten sich. Die Plattform hob ab. Shoat gab ihr einen kräftigen Stoß und ging davon, während sie in die Tiefe schaukelten. Jemand rief der Gruppe der zurückbleibenden Wissenschaftler einen Abschiedsgruß zu.
Das Geräusch der Motorwinden über ihnen erstarb rasch. Es war, als hätte jemand die Lichter von Esperanza ausgeknipst. Nur an einem Drahtseil hängend, sanken sie, sich langsam drehend, in die pechschwarze Tiefe. Manchmal war die Felswand so weit weg, dass die Strahlen ihrer Taschenlampen kaum zu ihr hinüberreichten.
»Wie lebende Würmer an einem Haken«, sagte irgendwann einer ihrer Nachbarn.
Das war alles. Auf dem ganzen Weg nach unten sagte keiner mehr ein Wort. Ali hatte noch nie eine so gewaltige Leere erlebt.
Stunden später näherten sie sich dem Boden. Chemikalien und menschliche Abfälle vermengten sich am Fuße der Felswand zu einem fauligen Matsch. Der Gestank drang sogar durch Alis Staubmaske. Sie hielt die Luft an und atmete den widerlichen Geruch voller Ekel ein. Als sie näher kamen, begann ihre Haut vom Säuregehalt der Luft zu brennen. Mit einem dumpfen Schlag setzte die Winde sie am Rand der Gifthalde ab. Eine fleischige Hand, der zwei Finger fehlten, ergriff die Reling vor Ali.
»Raus, schnell«, bellte der Mann. Von seinem Kopf hingen Lumpen, die entweder seinen Schweiß aufsaugten oder ihn vor den Lichtern schützten.
Ali hakte sich los und stieg hinunter. Der Kerl warf ihr ihren Rucksack hinterher. Kaum war der Letzte ihrer Mitreisenden abgesprungen, machte sich die Plattform wieder auf den Weg nach oben.
Ali sah sich die Leute an. Sie waren fünfzehn oder zwanzig, die da glitzernd im Licht der Taschenlampen beisammen standen. Einer der Männer hatte eine große Pistole gezogen und zielte damit irgendwohin in die Ferne.
»Kein guter Platz. Sie gehen besser ein Stück weiter weg, sonst fällt Ihnen noch was auf den Kopf«, sagte eine Stimme. Sie drehte sich zu einer Felsnische um. Darin saß ein Mann, das Sturmgewehr griffbereit neben sich. Er trug eine Nachtsichtbrille. »Immer dem Trampelpfad nach«, nickte er und zeigte mit dem Finger in eine Richtung. »Sie marschieren ungefähr eine Stunde. Die anderen haben Sie bestimmt bald eingeholt. Und Sie da, der Revolverheld. Stecken Sie das Ding weg, bevor jemand erschossen wird.«