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Mit schaukelnden Lampen folgten sie dem Pfad, der sich in weiten Kurven um den Fuß der Felswand wand. Verlaufen konnte man sich nicht. Es war der einzige Weg. Über dem Boden schwebte ein trüber Nebel. Gasfetzen trieben ihnen gegen die Knie. Kleine giftige Wolken wirbelten auf Kopfhöhe und blitzten blendend weiß auf, wenn man sie anleuchtete. Hier und dort sprangen winzige Flämmchen wie Elmsfeuer auf und verloschen wieder.

Es war ein tödlicher, stiller Sumpf. Tiere waren zu Zehntausenden hierher gekommen. Angezogen vom Müll, den unbekannten Nährstoffen oder vom Fleisch anderer tierischer Besucher, hatten sie hier gefressen. Nun lagen ihre Knochen und andere Überreste kilometerweit zwischen den Felsen verstreut.

Ali sah mindestens ein Dutzend Skelette unterschiedlicher Größen und Formen. Ein Knochenfund hatte die Ausmaße einer kurzen Schlange mit einem großen Kopf.

Eine andere Kreatur musste sich einmal auf zwei Beinen fortbewegt haben. Wieder ein anderes Tier hätte einmal ein kleiner Frosch mit Flügeln gewesen sein können. Nichts davon rührte sich mehr.

Schon bald kam sie ins Schwitzen. Sie wusste, dass es ein wenig dauerte, sich zu akklimatisieren, Beinmuskulatur aufzubauen und sich an einen neuen Tag-NachtRhythmus zu gewöhnen. Der Gestank der Tierknochen und der Bergwerkskloake war dabei keine große Hilfe. Obendrein erschwerte dieser Hindernisparcours aus verrosteten Kabeln, verbogenen Schienen, unvermutet auftauchenden Leitern und Treppenstufen das Vorankommen.

Ali erreichte eine Lichtung. Eine Gruppe Wissenschaftler ruhte sich auf einer Steinbank aus. Das Mauerwerk wirkte sehr alt, durch einige neuere Zusätze ergänzt. Ali sah sich nach eingeritzten Schriftzeichen oder anderen Anzeichen der Hadal-Kultur um, konnte jedoch nichts entdecken.

»Das müssen die Letzten von uns auf dem Weg in die Tiefe sein«, sagte einer der Wanderer.

Alis Blick folgte seinem ausgestreckten Finger. Wie winzige Kometen sanken in der Ferne drei Lichtpunkte langsam und an silbrigen Fäden in die Dunkelheit herab. Viel weiter oben, am Rande des Felsvorsprungs, klebte die Stadt Esperanza in der schwarzen Nacht wie eine trübe Glühbirne. Einen Augenblick lang sah sie die bunten Klippen der Goldgräberstadt. Die hellblaue Farbe glitzerte wie ein Glücksstern im Giftnebel.

Nach der Verschnaufpause veränderte sich der Weg. Der Sumpf wich zurück, der Gestank des Todes verflüchtigte sich. Der Weg stieg mit angenehmem Gefälle bis zu einem flachen Plateau an.

»Noch mehr Tiere«, sagte jemand und deutete auf ein paar Schatten in der Ferne.

»Das sind keine Tiere. Das müssen unsere Träger sein«, sagte Ali. Ihrer Schätzung nach waren es an die hundert oder sogar noch mehr. Zigarettenrauch vermischte sich mit stechendem Körpergeruch. Dutzende blauer Plastiktonnen, die auf einer Seite so geformt waren, dass sie sich dem menschlichen Rücken anpassten, bestätigten ihre Vermutung.

Sie hatten den verabredeten Ort erreicht. Von hier aus nahm die Expedition ihren Anfang. Da sie nicht wussten, was als Nächstes geschehen würde, warteten die Wissenschaftler wie ungebetene Gäste am Rand des mit Fackeln erleuchteten Lagers. Die Träger blieben einfach liegen, reichten untereinander Zigaretten und Tassen mit heißen Getränken herum oder schliefen auf dem blanken Boden.

»Sie sehen aus wie ... Bitte sagt mir, dass sie keine Hadal angeheuert haben«, flüsterte eine Frau.

»Wie sollen sie denn Hadal anheuern?«, fragte jemand. »Wir wissen nicht einmal, ob es überhaupt noch welche gibt.«

Die Hornansätze der Träger über den buschigen Augenbrauen, dazu die Körperbemalung, all das war auf eine befremdliche Weise Mitleid erregend. Ihre Kleidung war eine wilde Mischung aus Ghetto und Dschungel. Einige trugen weite, bunte Shorts und Raiders-Kappen, andere Hip-Hop-Jacken zu Lendentüchern. Die meisten waren mit Messern ausgerüstet. Ali sah auch Macheten. Die Klingen dienten der Verteidigung: gegen die Tiere, womöglich auch gegen umherstreunende Feinde, aber vor allem als Sicherheitsmaßnahme untereinander.

Um die Hälse trugen sie brandneue weiße Plastikringe. Ali hatte schon von Gefangenenarbeit und Kettensträflingen im Subplaneten gehört; vielleicht handelte es sich bei den Ringen um eine Art elektronischer Fessel. Doch diese Männer sahen einander zu ähnlich, als dass man sie für eine zusammengewürfelte Truppe von Gefangenen halten konnte. Es waren Indios, auch wenn Ali nicht näher bestimmen konnte, aus welcher Region sie kamen. Ihre Wangenknochen waren unglaublich breit und wuchtig, ihre schwarzen Augen beinahe orientalisch.

Neben ihnen tauchte ein riesiger schwarzer Soldat auf. »Wenn Sie bitte mit mir kommen würden«, sagte er. »Der Colonel hält frischen Kaffee für Sie bereit. Gerade eben kam über Funk die Nachricht, dass der Rest Ihrer Gruppe unten angekommen ist. Sie werden ebenfalls bald hier eintreffen.«

An der Kette seiner Hundemarke war ein kleines stählernes Malteserkreuz befestigt, das offizielle Emblem der Tempelritter. Nach der Wiederbelebung durch die großzügige Unterstützung eines Sportschuhherstellers hatte sich der militärisch organisierte Orden durch die Rekrutierung ehemaliger Hochschulsportler mit geringen Zukunftsaussichten hervorgetan. Die Anwerbungen hatten bei Kundgebungen der Promise Keepers begonnen und sich nach raschen Erfolgen in einer gut ausgebildeten, straff disziplinierten Söldnerarmee niedergeschlagen, die von großen Handelsgesellschaften und Regierungen angefordert werden konnte.

Als sie an einer Gruppe Indios vorbeikam, bemerkte Ali, wie einer den Kopf hob. Es war Ike. Sein Blick ruhte kaum eine Sekunde auf ihr. Sie wollte ihm immer noch für die Orange im Fahrstuhl von Nazca danken, doch er widmete seine Aufmerksamkeit gleich wieder den Trägern. Ali sah, dass zwischen ihnen Linien und Bögen auf den Steinboden gemalt waren, und dass Ike Kieselsteine und Knochenstücke von einer Stelle zur anderen verschob. Erst dachte sie an ein Spiel, doch dann erkannte sie, dass er sich bei den Indios nach dem Weg erkundigte und andere Informationen einholte. Noch etwas anderes fiel ihr auf. Neben dem einen Fuß hatte Ike einen sorgfältig aufgestapelten Blätterhaufen liegen, eindeutig ein Kauf in letzter Minute. Sie kannte diese Blätter. Er war also ein Kokablattkauer.

Ali ging weiter bis zu dem Bereich, in dem sich die Soldaten niedergelassen hatten. Hier war alles in Bewegung: Männer in Tarnuniformen liefen geschäftig hin und her oder überprüften ihre Waffen. Es waren mindestens dreißig Mann, und sie waren noch verschwiegener als die Indios. Wahrscheinlich entsprach die Legende über das Schweigegelübde der Tempelritter doch der Wahrheit, dachte sie. Mit Ausnahme von Gebeten oder der allernotwendigsten Verständigung betrachteten sie jedes Wort untereinander als unnötige Ausschweifung.

Vom Kaffeeduft angelockt tappten die Wissenschaftler auf einen über mehreren Steinen aufgebauten Herd zu und bedienten sich.

Dann fingen sie an, in den penibel aufgestellten Kisten und Plastiktonnen herumzukramen und ihre Ausrüstung zu suchen.

»Dort haben Sie nichts zu suchen«, sagte der schwarze Soldat. »Bitte verlassen Sie das Depot.« Er wollte sich ihnen in den Weg stellen, doch sie ignorierten ihn einfach.

»Meine Damen und Herren«, bat eine Stimme um ihre Aufmerksamkeit. Ali hörte sie kaum durch das Stimmengewirr der Forscher und das Poltern der Ausrüstung. Niemand schenkte ihr Beachtung.

Ein Schuss zerriss die Luft. Die Kugel war aus dem Lager hinausgefeuert worden, schräg nach unten. Dort, wo sie in ungefähr zwanzig Metern Entfernung auf den Fels traf, flammte das Geschoss in einem Schauer splitterigen Lichts auf. Alle erstarrten.