Ursprünglich hatte Ali geglaubt, der Kundschafter gehörte zu Walkers paramilitärischer Truppe, musste sich jedoch eines Besseren belehren lassen. Andererseits handelte er nicht nach eigenen Entscheidungen. Shoat hatte ihn anscheinend von der U.S. Army losgekauft. Also war er eigentlich so etwas wie bewegliches Eigentum, nicht viel anders als bei seinem Aufenthalt bei den Hadal. Ein Großteil seines Geheimnisses bestand darin, wie Ali vermutete, dass die Leute ihre Phantasien auf ihn übertragen konnten. Sie drängte ihr eigenes Verlangen zurück, ihn über die Ethnographie der Hadal zu interviewen und womöglich ein grundsätzliches Wörterbuch anzulegen. Auch die Orange wollte ihr nicht aus dem Kopf gehen.
Inzwischen tat Ike das, was Walker mit »seiner Pflicht« bezeichnete. Er fand den richtigen Weg für sie. Er führte sie in die Dunkelheit. Jeder von ihnen kannte seine Markierungen, ein knapp einen halben Meter großes Kreuz, mit hellblauer Farbe an die Wand gesprüht.
Shoat klärte sie darüber auf, dass sich die Farbe nach etwa einer Woche wieder abbaute, auch das ein Bestandteil seiner Geschäftsgeheimnisse. Helios war fest entschlossen, sämtliche Spuren vor möglichen Mitbewerbern zu verwischen. Wie einer der Wissenschaftler bemerkte, verwischten sie auf diese Weise auch für sich selbst sämtliche Spuren. Es war unmöglich, den eigenen Weg zurückzuverfolgen.
Shoat versuchte sie zu beruhigen, indem er ein paar kleine Kapseln hochhielt, die er als Mini-Radiosender bezeichnete und in regelmäßigen Abständen zurückließ. Sie würden so lange untätig bleiben, bis er sie mit seiner Fernbedienung zum Leben erweckte. Shoat verglich sie mit Hansel und Gretels Brotkrumen, bis ihn jemand darauf hinwies, dass diese Krumen von den Vögeln aufgefressen worden waren.
»Warum immer so negativ«, fauchte er.
Das gesamte Team bewegte sich im Zwölf-StundenTurnus, machte dann Pause und zog wieder los. Die Männer ließen sich Bärte stehen, und bei den Frauen wuchsen die Haaransätze heraus, Eyeliner und Lippenstift wurden vom täglichen Programm gestrichen. Dr. Scholl’s Wundpflaster für Füße entwickelte sich zur beliebtesten Währung, wertvoller noch als M&M-Tütchen.
In den ersten paar Tagen waren die Gelenke und Muskeln der untrainierten Teilnehmer überstrapaziert. Selbst die abgehärteten Sportler unter ihnen stöhnten im Schlaf und litten unter Beinkrämpfen. Ein kleiner Kult bildete sich um Ibuprofen, eine entzündungshemmende Schmerztablette. Doch jeden Tag wurden ihre Rucksäcke ein bisschen leichter, nachdem sie ihren Proviant verzehrt und Bücher, die ihnen nicht mehr notwendig erschienen, weggeworfen hatten.
Eines Morgens wachte Ali mit dem Kopf auf einem Stein auf und fühlte sich gut erholt. Ihre Bräune, ein Abschiedsgeschenk aus der Oberwelt, war dahin. Ihre Füße waren wie gehärtet, und sie gewöhnte sich immer mehr daran, auch bei Viertelbeleuchtung oder noch weniger etwas zu sehen. Am Abend genoss es Ali, in ihrem eigenen Schweißgeruch zu liegen.
Die Chemiker von Helios hatten ihre Proteinriegel mit Extraportionen Vitamin D versehen, als Ausgleich für das fehlende Sonnenlicht. Außerdem strotzten die Riegel von weiteren Zusätzen, von denen Ali noch nie etwas gehört hatte. Unter anderem verbesserte sich ihr Nachtsichtvermögen beinahe stündlich. Sie fühlte sich kräftiger.
Jemand fragte sich laut, ob die Nahrungsriegel etwa auch Steroide enthielten, womit er eine närrische Gruppe wissenschaftlicher Angeber dazu brachte, einander ihre imaginären neuen Muskeln vorzuführen.
Ali mochte die Wissenschaftler. Sie verstand sie auf eine Weise, die Shoat und Walker immer fremd bleiben würde. Sie waren hier, weil sie einem inneren Ruf gefolgt waren. Sie sahen sich aus Gründen dazu gezwungen, die außerhalb ihrer selbst lagen: Wissensdurst, Selbstbeschränkung, Einfachheit. In einem gewissen Sinne taten sie es für ihren persönlichen Gott.
Natürlich dauerte es nicht lange, bis jemand einen Spitznamen für ihre Expedition in Umlauf brachte. Es stellte sich heraus, dass dieser Haufen sich am ehesten in Jules Vernes Romanen wieder fand, und so kam es, dass sie sich »Jules Verne Society« nannten, was bald darauf zu J.V. verkürzt wurde. Vor allem gefiel der J.V., dass Verne für seine Reise zum Mittelpunkt der Erde keine verwegenen Krieger oder Dichter zu seinen Helden erkoren hatte, sondern eben zwei Naturwissenschaftler. Und Vernes kleine Reisegruppe war am Ende auf wundersame Weise unversehrt wieder aus der Erde herausgekommen.
Die Tunnel waren geräumig. Jemand hatte, offensichtlich schon vor sehr langer Zeit, lockere Steine weggeräumt und hervorstehende Simse so bearbeitet, dass entlang des Wegs Mauern und Sitzbänke zur Verfügung standen. Einer stellte die Hypothese auf, dass diese Arbeit vor vielen Jahrhunderten von Sklaven aus den Anden verrichtet worden sei, denn die Fugen und der wuchtige Gesamteindruck der Gebilde waren mit den Maurerarbeiten von Macchu Picchu und Cuzco identisch. Jedenfalls wussten ihre Träger genau, wozu diese Sitze dienten, wenn sie schräg nach hinten gelehnt ihre schwere Last beim Ausruhen auf den alten Vorsprüngen abstützten.
Eines Nachts kampierten sie neben einem fast durchsichtigen Wald aus Quarz. Ali hörte kleine Unterweltgeschöpfe rascheln und das Geräusch von tropfendem Wasser in tiefer gelegenen Ritzen und Spalten. Es war der erste direkte Kontakt mit einheimischen Tieren, die sich allerdings vor den Lichtern der Expedition verborgen hielten. Einer der Biologen stellte jedoch ein Aufnahmegerät auf und spielte ihnen am Morgen die Rhythmen von zwei- oder dreikammrigen Herzen vor: unterirdische Fische, Amphibien und Reptilien.
Die nächtlichen Geräusche machten bald einige nervös, riefen Schreckgespenster wie raubtierhafte Hadal oder auch hochgiftige Insekten oder Schlangen hervor. Auf Ali wirkte die Nähe von Leben wie Balsam. Schließlich hatte sie die Suche nach Leben hierhergeführt, die Suche nach hadalischem Leben.
Im Großen und Ganzen waren die Arbeitsgebiete der Wissenschaftler so unterschiedlich, dass die Gefahr wissenschaftlicher Eifersüchteleien nicht erst aufkam. Das wiederum bedeutete, dass sie einander mehr halfen als sich befehdeten. Sie lauschten den Hypothesen des anderen mit himmlischer Geduld. Am Abend führten sie kleine Parodien und Satiren auf. Ein Mundharmonikaspieler gab John Mayall zum Besten. Die Geologen fanden sich zu einem Chor, den »Tectonics« zusammen. Die Hölle stellte sich als der reinste Spaß heraus.
Alis Schätzung nach legten sie pro Tag zu Fuß rund dreizehn Kilometer zurück. Bei Kilometer 100 hielten sie eine kleine Feier ab. Ali tanzte Twist und Two-Stepp. Ein Paläobiologe überredete sie zu einem komplizierten Tango, und die ganze Party erinnerte an ein trunkenes Vollmondfest.
Ali war den anderen ein Rätsel. Sie war Gelehrte, und dann war da noch diese andere Sache, die Nonne. Sie tratschte nicht und nahm auch nicht an den Plauder stunden teil, die die Mädels abhielten, wenn es mal nicht so gut lief. Die anderen wussten nichts über ihre Vergangenheit, vermuteten jedoch, dass es zumindest ein paar Lover gegeben haben musste. Sie erklärten ihre Absicht, mehr über sie herauszufinden. Ihr stellt mich ja hin wie eine Gesellschaftskrankheit, lachte Ali. Nur keine Angst, sagten sie, dich kriegen wir schon wieder hin.
Hemmungen verflüchtigten sich. Die Kleidungsordnung wurde lockerer gehandhabt. Hochzeitsringe verschwanden. Liebesaffären entfalteten sich vor aller Augen, manchmal sogar auch der Sex. Man unternahm ein paar Versuche, eine gewisse Privatsphäre zu wahren. Erwachsene Menschen tauschten heimlich Zettel aus, hielten insgeheim Händchen oder gaben vor, wichtige Dinge zu diskutieren. Spät in der Nacht hörte Ali sie dann wie Kinder der Liebe zwischen den Steinen und aufgetürmten Rucksäcken stöhnen.
In der zweiten Woche trafen sie auf Höhlenkunst, die aus den frühsteinzeitlichen Fundstätten von Altamira hätten stammen können. Wunderbar ausgeformte Tiere, dazu geometrische Formen und Schnörkel, einige nicht viel größer als Briefmarken, bedeckten die Wände. Und sie leuchteten in den schönsten Farben. In Farbe! In einer Welt der ewigen Dunkelheit!