Es gab Grillen, Orchideen und Reptilien zu sehen, aber auch albtraumhafte Gestalten, die Hieronymus Bosch gezeichnet haben könnte, Untiere, halb Fisch halb Salamander, teils Vogel, teils Mensch, teils Ziege. Einige der Abbildungen machten von natürlichen Erhebungen im Gestein Gebrauch, um Augenstiele und Geschlechtsdrüsen zu betonen, nutzten Absplitterungen für Bauchhöhlen, mineralische Adern für Hörner oder Antennen.
»Schaltet mal die Lampen aus«, bat Ali ihre Gefährten. »So würde es im flackernden Fackellicht aussehen.«
Sie wischte mit der Hand durch den Strahl ihrer Stirnlampe, und die Tiere schienen sich im zuckenden Licht zu bewegen.
»Einige dieser Spezies sind schon seit zehntausend Jahren ausgestorben«, sagte ein Paläobiologe. »Einige haben niemals existiert.«
»Wer, glaubt ihr, waren diese Künstler?«, fragte jemand.
»Jedenfalls keine Hadal«, antwortete Gitner, dessen Spezialgebiet Petrologie war, die Geschichte und Klassifizierung von Steinen. Seit er vor einigen Jahren einen Bruder bei der Nationalgarde verloren hatte, hasste er die Hadal. »Die sind nichts als Ungeziefer, das sich in der Erde verkrochen hat. Es liegt in ihrer Natur, wie bei Schlangen oder Insekten.«
Eine der Vulkanexpertinnen meldete sich zu Wort. Mit dem geschorenen Kopf und ihren langen Beinen war Molly eine Gestalt, die sowohl die Träger als auch die Soldaten mit heiliger Ehrfurcht betrachteten. »Vielleicht gibt es aber auch eine andere Erklärung dafür«, sagte sie. »Seht euch das an.«
Sie versammelten sich unter einem breiten Abschnitt der Decke, den sie sich genauer angeschaut hatte.
»Na schön«, sagte Gitner, »ein Haufen Strichmännchen. Na und?«
Auf den ersten Blick schien es wirklich nicht mehr herzugeben. Drohend gereckte Speere und Bogen, Krieger, die einander todesmutig bekämpften. Einige von ihnen hatten Rüssel und Köpfe aus doppelten Dreiecken. Andere bestanden nur aus Strichen. In eine Ecke gedrängt standen mehrere Dutzend mit riesigen Brüsten und ausladenden Hinterteilen ausgestattete Venusfiguren.
»Die hier sehen wie Gefangene aus.« Molly zeigte auf eine Gruppe zusammengeschnürter Strichmännchen.
Ali zeigte auf eine Figur, die ihre Hand auf die Brust einer anderen legte. »Soll das ein Schamane sein, der Leute heilt?«
»Menschenopfer«, murmelte Molly. »Betrachte mal seine andere Hand.« Die Figur hielt etwas Rotes in der ausgestreckten Hand. Ihre andere Hand lag nicht auf der Brust der anderen Gestalt, sondern versank darin. Sie stellte ein Herz zur Schau.
Am Abend übertrug Ali einige ihrer Skizzen der Höhlenkunst auf ihre tägliche Karte. Eigentlich hatte sie die Karten als privates Tagebuch anlegen wollen, doch kaum waren die anderen darauf aufmerksam geworden, wurden sie zum Eigentum der Expedition erklärt, eine Art fester Bezugspunkt für alle.
Bei der Arbeit auf Ausgrabungsstellen in der Nähe von Haifa und in Island hatte Ali die Kartenführung gelernt. Sie hatte sich selbst beigebracht, mit Gitternetzen, Konturen und Maßstäben umzugehen und ging nirgendwo ohne die Ledertrommel mit ihren Papierrollen hin. Bei Bedarf konnte sie auch einen Winkelmesser führen und ohne Vorgabe eine Legende auf das Blatt werfen. Dabei handelte es sich in diesem Falle weniger um Karten als um eine Zeittafel mit Ortsangaben, eine Chronographie. Hier unten, jenseits der Reichweite von GPS-Satelliten, waren Längengrade, Breitengrade und Richtungsangaben außer Kraft gesetzt. Wegen der elektromagnetischen Störungen waren ihre Kompasse nutzlos. Also machte sie die Tage des Monats zu ihrem eigentlichen Kompass. Sie betraten Gebiete, denen Menschen keinen Namen gegeben hatten, kamen an Orten vorüber, von deren Existenz niemand wusste. Während sie immer weiter gingen, fing sie an, das Unbeschreibliche zu beschreiben, das Unbenannte zu benennen.
Tagsüber machte sie sich Notizen. Am Abend, wenn das Lager aufgebaut wurde, öffnete Ali die Ledertrommel, holte ihr Papier heraus und breitete ihre Stifte und Wasserfarben aus. Sie legte zwei Arten von Karten an: eine Überblickskarte, sozusagen eine Blaupause der Hölle, die der von Helios erstellten Computerprojektion ihrer Reiseroute entsprach. Sie war mit Angaben über die entsprechenden Höhenmaße und die ungefähre Lage unterhalb bestimmter Landschaftsformationen auf der Erdoberfläche oder dem Meeresboden versehen.
Ihr ganzer Stolz waren jedoch ihre Tageskarten, auf denen die Besonderheiten eines jeden Tages festgehalten waren. Eines Tages würden auch die Fotos von der Expedition entwickelt werden, doch bis dahin bildeten ihre kleinen Aquarelle, Strichzeichnungen und festgehaltenen Randbemerkungen das Gedächtnis der Gruppe. Sie zeichnete und malte alles, was ihr auffiel, wie etwa die Höhlenmalerei oder die versteinerten, von kirschroten Mineralien geäderten Seerosenblätter aus grünem Kalkspat, die auf stillen Teichen trieben. Manchmal versuchte sie sich vorzustellen, sie reisten durch das Innere eines lebenden Organismus, durch die Gelenke und Blutbahnen der Erde, mit einer Leber aus weichem Travertin oder Fließstein und den Synapsen ähnelnden Hehctiten, die sich auf der Suche nach einer Verbindung nach oben fädelten. Sie empfand es als wunderschön. Ganz bestimmt hatte sich Gott einen Ort wie diesen nicht ausgedacht, um ihn als spirituellen GULAG zu missbrauchen.
Sogar die Söldner und Träger warfen gerne einen Blick auf Alis Karten. Sie erfreuten sich daran, wenn sie ihre Reise unter ihren Stiften und Pinseln zum Leben erweckt sahen. Ihre Karten spendeten ihnen Trost. Sie sahen sich selbst im Detail. Das Betrachten der Bilder vermittelte ihnen das Gefühl einer gewissen Kontrolle über diese unerforschte Welt.
Am 22. Juni vermerkte ihre Tageskarte eine große Aufregung.
»9.55 Uhr, 4506 Faden«, stand dort. »Funksignale.«
Sie hatten das Lager an jenem Morgen noch nicht ganz abgebrochen, als Walkers Funkspezialist die Signale auffing. Die gesamte Expedition hatte gewartet, bis weitere Sensoren ausgelegt waren und die Langwellenübertragung endlich hereingeholt werden konnte. Es dauerte volle vier Stunden, um die ganze Nachricht zu empfangen, die, wenn man sie mit normaler Geschwindigkeit abspielte, kaum 45 Sekunden dauerte. Alle lauschten gebannt. Zu ihrer großen Enttäuschung war die Nachricht nicht an sie gerichtet.
Eine der Frauen sprach fließend Mandarin. Es handelte sich um das Notsignal eines rotchinesischen U-Boots. »Das Verrückte dabei ist«, sagte sie, »dass dieser Ruf vor neun Jahren ausgestrahlt wurde.«
Es wurde noch verrückter.
»25. Juni«, vermerkte Ali. »18.40 Uhr, 4618 Faden. Weitere Signale.«
Was sie diesmal nach der langen Warterei auffingen, in der sich die Wellen durch die Basalt- und Mineralienzonen filterten, war eine Nachricht, die sie selbst abgeschickt hatten, eine Nachricht, die in ihrem speziellen Expeditionscode digital verschlüsselt war. Nachdem sie sie übersetzt hatten, sprach die Nachricht von Hungertod und Verzweiflung. Das Schaurige daran war, dass diese Botschaft digital auf fünf Monate in der Zukunft datiert war.
Gitner trat vor und identifizierte die Stimme auf dem Band als seine eigene. Er war ein bodenständiger Kerl und verlangte empört eine Erklärung. Ein SciencefictionKenner zog in Betracht, durch die geomagnetischen Schwankungen habe sich womöglich eine Zeitschleife gebildet und meinte, die Nachricht sei so etwas wie eine Prophezeiung. Gitner wies ihn unwirsch zurecht. Aber wie auch immer sie entstanden sein mochte, man war sich darüber einig, dass der Vorfall eine erstklassige Gruselgeschichte abgab.
Am 29. Juni trafen sie auf einen versteinerten Krieger. Es handelte sich um einen Menschen, ungefähr aus dem siebzehnten Jahrhundert. Sein Körper hatte sich in Kalkstein verwandelt, die Rüstung war noch intakt. Sie nahmen an, dass er von Peru her gekommen war, ein Cortez oder Don Quichotte, der diese ewige Nacht im Namen der Kirche und auf der Suche nach Ruhm oder Gold durchstreift hatte. Diejenigen mit Camcordern und Fotokameras dokumentierten den verlorenen Krieger. Einer der Geologen versuchte, ein Stück von der steinernen Ummantelung, die den Körper umgab, loszuklopfen und brach im Endeffekt ein ganzes Bein ab.