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Lebende Exemplare einer unbekannten Spezies, schon gar warmblütiger Wirbeltiere, kamen nicht jeden Tag in das Lager eines Naturforschers spaziert. Die Wissenschaftler rückten mit Metermaßen, Kugelschreibern und Taschenlampen an.

Das längste Exemplar maß 53,4 Zentimeter und war eindeutig ein stillendes Weibchen. Die kräftige Färbung -ins Türkise und Beige sprenkelndes Purpur - war wieder einmal eines der vielen Paradoxe der Natur: Welchen Zweck hatte eine derartige Färbung in der Dunkelheit?

Als sie das Bewusstsem wiedererlangt hatten, ließ sie der Schock der Taschenlampen wieder in dumpfe Benommenheit zurücksinken.

»Auf keinen Fall losbinden, die Viecher beißen«, sagte Walker, als die seltsamen Wesen zu zittern und zu zerren anfingen, bevor sie wieder in ihren Dämmerzustand verfielen. Für Hadal waren sie jedenfalls viel zu klein. Wie sollten diese Wesen ganze Armeen abschlachten, Höhlenmalerei zu Stande bringen und die Menschheit seit Ewigkeiten in Angst und Schrecken versetzt haben?

»Die sind doch nicht King Kong«, sagte Ali. »Sehen Sie doch, die wiegen kaum mehr als 30 Pfund. Mit diesen Seilen bringen Sie sie um.«

»Warum haben Sie ihr bloß den Flügel gebrochen?«, sagte ein Biologe zu Walker. »Sie hat doch nur ihr Nest verteidigt.«

»Was soll das Gerede?«, fuhr Shoat dazwischen. »Ist das hier eine Konferenz für Tierschützer?«

»Eine Frage noch«, sagte Ali. »Wir wollen morgen früh aufbrechen. Was dann? Das hier sind keine Haustiere. Nehmen wir sie mit?«

Walkers selbstzufriedener Gesichtsausdruck verdüsterte sich. Er hielt sie zweifellos für undankbar.

»Jedenfalls haben wir sie jetzt hier«, meinte ein Geologe achselzuckend. »Eine Gelegenheit wie die dürfen wir nicht ungenutzt lassen.«

Sie hatten weder Netze noch Käfige noch sonst etwas dabei, um die Tiere zu verwahren. Solange sie noch relativ bewegungsunfähig waren, fesselten sie die Biologen mit einer Schnur und banden jedes mit ausgestreckten Armen und Flügeln an ein Tragegestell. Ihre Flügel spannwei te war bescheiden, übertraf nicht einmal ihre Körpergröße.

»Können die denn richtig fliegen?«, fragte jemand. »Oder benutzen sie ihre Flügel nur, um sich von hohen Orten heruntergleiten zu lassen?«

»Seht euch nur dieses Gesicht an, beinahe menschlich, ähnlich wie ein Schrumpfkopf. Extreme Nachttiere«, sagte Spurner. »Und dann dieser Nasenspiegel. Feucht wie eine Hundeschnauze. Wahrscheinlich Halbaffen. Eine eher zufällige Koloniebildung. Die unterirdische Ökonische muss für sie weit offen gestanden haben. Sie haben sich rasch vermehrt, diversierende Spezies, Sie wissen schon. Man braucht nur ein trächtiges Weibchen, das woanders hinzieht ...« »Aber warum dann Flügel, heiliger Strohsack?«, wurde er gefragt.

Die Dämonen hatten wieder zu zappeln angefangen. Einer stieß einen Laut aus, etwas zwischen Bellen und Piepsen.

»Wovon sie sich wohl ernähren?«

»Insekten«, vermutete jemand.

»Sie könnten ebenso gut Fleischfresser sein. Bei den Schneidezähnen!«

»Wollen Sie den ganzen Tag quatschen, oder wollen Sie es herausfinden?« Das war Shoat. Ehe ihn jemand aufhalten konnte, zog er sein Kampfmesser mit der zweischneidigen Spitze heraus und schnitt dem kleineren Männchen mit einer raschen Bewegung den Kopf ab.

Sie standen wie betäubt.

Ali reagierte als Erste. Sie stieß Shoat zur Seite. Er erwiderte den Stoß mit der flachen Hand gegen ihre Schulter. Ali taumelte. Shoat streckte sofort theatralisch das Messer in die andere Richtung, als könne sie sich an der Klinge verletzen. Sie starrten einander an.

»Beruhigen Sie sich!«, sagte er.

Später würde Ali ein Reuegebet zum Himmel schicken, doch in diesem Augenblick war sie so wütend auf ihn, dass sie ihn am liebsten niedergeschlagen hätte. Es kostete sie einiges an Anstrengung, sich von ihm abzuwenden und zu dem enthaupteten Tier zu gehen. Erstaunlich wenig Blut kam aus dem Halsstumpf. Das andere Tier sträubte sich mit aller Macht gegen seine Fesseln und krallte die gebogenen Klauen ohnmächtig in die Luft.

Der Protest aus der Gruppe fiel eher schwach aus.

»Sie sind ein widerliches Ekel, Montgomery«, sagte jemand.

»Macht schon«, erwiderte Shoat. »Schneidet das Ding auf. Schiesst eure Bilder. Holt euch eure Antworten. Und dann wird gepackt.«

»Barbarisch«, murmelte jemand anderes.

»Ich bitte Sie!«, sagte Shoat und zeigte mit dem Messer auf Ali. »Unsere gute Samariterin hier hat es selbst gesagt: Das sind keine Haustiere. Wir können sie nicht mitnehmen.«

»Sie wissen genau, was ich meine«, sagte Ali zu Shoat. »Wir müssen sie freilassen. Jedenfalls den, der übrig ist.«

Die verbliebene Kreatur hatte zu zappeln aufgehört. Jetzt hob sie den Kopf, lauschte offensichtlich ihren Stimmen und hob witternd die Schnauze. Die Stimmung war zum Zerreißen gespannt. Ali wartete darauf, dass ihr die Gruppe den Rücken stärkte. Doch keiner sagte etwas. Sie war ganz auf sich allein gestellt.

Sie kam sich idiotisch vor. Dann wurde es ihr klar. Sie betrachteten das alles nur als ihre, Alis, Angelegenheit. Die Angelegenheit einer Nonne. Wie selbstverständlich war sie für die Gnade zuständig.

Und was jetzt? fragte sie sich. Sich entschuldigen? Einfach weggehen? Ali zog ihr Schweizer Messer und versuchte, eine Klinge herauszuklappen.

»Was haben Sie vor?«, fragte eine Biologin.

Sie räusperte sich.

»Ich lasse sie frei«, sagte sie.

»Äh, Ali, ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist. Das Tier hat einen Flügel gebrochen.«

»Wir hätten es überhaupt nicht einfangen dürfen«, erwiderte sie und zerrte immer noch an ihrem Messer. Aber die Klinge steckte fest. Ihr Fingernagel brach ab. Anscheinend hatte sich alles gegen sie verschworen. Sie spürte, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen und senkte den Kopf, damit sie wenigstens vor den Blicken der anderen verborgen blieben.

»Sie stehen mir im Weg«, ertönte eine Stimme hinter der Versammlung. Der Kreis öffnete sich abrupt. Ali staunte noch mehr als die anderen, als Ike hervortrat und sich neben sie stellte.

Sie hatten ihn schon seit über zwei Wochen nicht mehr gesehen. Er hatte sich verändert. Sein Haar war zottiger, und das weiße, langärmelige Hemd war verschwunden, ersetzt durch ein schmutziges, graues T-Shirt. Eine schlecht verheilte Wunde, ein hässlicher Riss, den er mit rotem Ocker verschmiert hatte, zierte einen Arm. Ali starrte auf diese von Narben und Markierungen bedeckten Arme. An der Innenseite seiner Unterarme war sogar gedruckter Text zu lesen, wie bei einem Spickzettel.

Seinen Rucksack hatte er verloren oder irgendwo versteckt, aber die Flinte und das Messer waren noch da, dazu eine Pistole mit aufge schraub tem Schalldämpfer. Er trug die insektenhafte Gletscherbrille und roch wie ein Jäger. Als er sie kurz mit der Schulter berührte, war seine Haut erstaunlich kalt. Dankbar und erleichtert lehnte sich Ali, wenn auch nur ganz leicht, an diesen Fels der Zuverlässigkeit.

»Wir haben uns schon gefragt, ob Sie sich wieder davongemacht haben«, sagte Colonel Walker.

Ike antwortete ihm nicht. Er nahm Ali das Taschenmesser aus der Hand und klappte die Klinge heraus.

»Sie hat Recht«, sagte er. Er beugte sich über das verbliebene Tier und murmelte etwas, das nur Ali hören konnte, etwas Beruhigendes, aber auch Feierliches. Fast schon ein Gebet. Das Tier beruhigte sich, und Ali zog an einem Strick, damit Ike ihn durchschneiden konnte.

»Jetzt werden wir ja sehen, ob diese Dinger richtig fliegen können«, sagte jemand.

Aber Ike schnitt nicht den Strick durch. Mit einer raschen Bewegung nahm er einen Einschnitt an der Halsschlagader des Tieres vor. Das kleine Maul in der Drahtschlinge schnappte nach Luft. Dann war das Wesen tot.

Ike richtete sich auf und wandte sich der Gruppe zu: »Keine lebende Beute.«