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Ohne nachzudenken ballte Ali die Fäuste und trommelte ihm auf die Schulter, obwohl sie wusste, dass ihm das nicht viel ausmachte. Es war, als schlüge man ein Pferd. Tränen liefen ihr über das Gesicht.

Wie ein Fels stand Ike noch immer vor der versammelten Mannschaft und sagte: »Das war unnötig vergossenes Blut.«

»Verschonen Sie mich damit!«, sagte Walker.

Ike sah ihm direkt ins Gesicht. »Ich dachte, Sie wüssten über das eine oder andere Bescheid.«

Walker lief rot an, und Ike wandte sich wieder an die anderen.

»Sie können hier nicht bleiben«, sagte er. »Wir müssen sofort aufbrechen.«

»Ike«, sagte Ali, während die Gruppe sich auflöste. Er drehte sich zu ihr um, und sie gab ihm eine Ohrfeige.

So muß der Teufel

den Herrn auf ewiglich nachäffen.

MARTIN LUTHER, Tischgespräche (1569)

13

Das Grabtuch

VENEDIG

»Ali ist inzwischen noch tiefer unten«, berichtete January, während die Gruppe im Tresorgewölbe auf Bud Parsifal und de l’Orme wartete, die sie hierhergebeten hatten. Die energische Frau hatte beträchtlich an Gewicht verloren, und ihre Nackensehnen waren gespannt wie Fäden, die ihren Kopf aufrecht auf den Schultern hielten. Sie saß auf einem Stuhl und trank Mineralwasser. Branch kauerte neben ihr und blätterte schweigend in einem Venedigführer von Baedecker.

Es war seit mehreren Monaten die erste Zusammenkunft des Projekts Beowulf. Einige Mitglieder hatten sich die ganze Zeit über in Bibliotheken oder Museen vergraben, andere waren draußen in der Welt mit der Befragung von Journalisten, Soldaten, Missionaren und allen möglichen anderen Leuten, die Erfahrung mit der Unterwelt hatten, beschäftigt gewesen. Ihre Suche hatte sie alle völlig in Anspruch genommen.

Jetzt waren sie entzückt, sich in dieser Stadt aufzuhalten.

Die verschlungenen Kanäle Venedigs führten zu tausend geheimen Orten, und auf den sonnendurchfluteten Plätzen spukte noch immer der heitere Geist der Renaissance. Es war blanke Ironie, dass sie an einem vor Licht und Kirchenglocken nur so vibrierenden Sonntag ausgerechnet im Tresorraum einer Bank zusammengekommen waren.

Die meisten von ihnen sahen jünger aus, sonnengebräunt, lockerer und energischer. In ihren Augen loderte wieder der Funke der Neugier. Jeder brannte darauf, den anderen seine Ergebnisse mitzuteilen. January machte den Anfang.

Alis Brief war ihr erst einen Tag zuvor von einem der Wissenschaftler, der die Expedition verlassen hatte und schließlich von Punkt Z-3 freigelassen worden war, überbracht worden. Der Bericht des Forschers und Alis Mitteilungen waren verstörend. Nachdem Shoat mit seiner Expedition aufgebrochen war, hatten die Dissidenten wochenlang inmitten gewalttätiger Außenseiter festgesessen. Frauen wie Männer waren verprügelt, vergewaltigt und bestohlen worden. Schließlich hatte sie der Zug nach Nazca City zurückgebracht. Nachdem sie die Oberfläche erreicht hatten, mussten sie sich alle einer Behandlung hinsichtlich exotischer lithosphärischer Pilze und unterschiedlicher Geschlechtskrankheiten unterziehen, dazu waren die gewöhnlichen Probleme mit dem Druckausgleich gekommen. Doch ihr Missgeschick verblasste im Vergleich mit den sensationellen Nachrichten, die sie mitbrachten.

January gab eine Zusammenfassung der Kriegslist von Helios. Ergänzt durch Absätze aus Alis Brief, skizzierte sie den Plan, den Pazifischen Ozean zu unterqueren und irgendwo in Asien herauszukommen. »Ali ist mitgegangen«, stöhnte sie. »Und das nur meinetwegen. Was habe ich nur getan?«

»Sie können sich nicht dafür verantwortlich machen.« Desmond Lynch stieß seinen Gehstock auf den gefliesten Boden. »Sie ist in die Sache reingerutscht. Wie wir alle.«

»Vielen Dank für den Trost, Desmond.«

»Was hinter dieser Sache bloß steckt?«, fragte jemand. »Die Kosten müssen gewaltig sein, selbst für Helios.«

»Ich kenne C. C. Cooper«, sagte January, »und deshalb befürchte ich das Schlimmste. Es sieht so aus, als buddele er sich dort unten einen eigenen Staat zusammen.« Sie hielt kurz inne. »Ich habe meine Leute ein wenig nachforschen lassen. Sie haben herausgefunden, dass Helios sich tatsächlich auf eine umfassende Inbesitznahme des gesamten Terrains vorbereitet.«

»Aber ... ein eigenes Land?«, staunte Thomas.

»Vergiss nicht«, antwortete January, »dass es sich um den Mann handelt, der fest davon überzeugt ist, dass man ihm das Präsidentenamt mittels einer Verschwörung vorenthalten hat. Er scheint sich dazu entschlossen zu haben, an ganz anderer Stelle noch einmal anzusetzen. An einem Ort, an dem er die Regeln bestimmt. Und zwar alle.«

»Aber das kann er nicht tun. Damit verletzt er internationales Recht, und bestimmt ...«

»Besitz ist alles«, konterte January. »Rufen Sie sich die Konquistadoren in der Neuen Welt in Erinnerung. Sobald sie zwischen sich und ihrem König einen Ozean wussten, hatten sie nichts besseres vor, als sich selbst auf den Thron ihres kleinen Königreichs zu schwingen. Diese Provokationen brachten stets das gesamte Gleichgewicht der Mächte ins Schwanken.«

Thomas machte ein grimmiges Gesicht. »Major Branch, gewiss können Sie die Expedition abfangen. Nehmen Sie Ihre Soldaten, und zwingen Sie diese Invasoren zur Rückkehr, bevor sie einen weiteren Krieg entfachen.«

Branch klappte seinen Reiseführer zu. »Ich fürchte, dazu habe ich keinerlei Ermächtigung, Pater.«

Thomas wandte sich an January: »Er ist dein Soldat. Gib ihm den Befehl dazu. Verleihe ihm die Ermächtigung!«

»So funktioniert das nicht, Thomas. Elias ist nicht mein Soldat. Er ist ein Freund. Und was die Ermächtigung angeht, so habe ich bereits mit dem Befehlshaber der Einsatzgruppen gesprochen, mit General Sandwell. Die Expedition hat die Grenze unseres militärischen Machtbereichs überschritten. Außerdem möchte er, wie du bereits erwähntest, keinesfalls einen neuen Krieg provozieren.«

»Wozu sind all Ihre Kommandotruppen und Spezialisten eigentlich gut? Helios darf seine Söldner in die Wildnis schicken, aber die U.S. Army nicht?«

Branch nickte. »Die Multis laufen dort unten Amok, aber wir müssen streng nach den Regeln spielen. Im Gegensatz zu ihnen.«

»Wir müssen sie aufhalten«, sagte Thomas. »Dieses Unternehmen kann verheerende Folgen haben.«

»Selbst wenn wir grünes Licht hätten, wäre es wahrscheinlich schon zu spät«, meinte January. »Sie haben zwei Monate Vorsprung, und seit ihrer Abreise haben wir nichts mehr von ihnen gehört. Wir wissen nicht mal genau, wo sie überhaupt sind. Helios rückt keinerlei Information heraus. Ich bin schon ganz krank vor Sorge. Ali könnte in großer Gefahr sein. Womöglich marschieren sie den Hadal direkt in die Arme.«

Daraufhin brach eine Diskussion darüber aus, wo sich die Hadal versteckten, wie viele von ihnen noch am Leben seien und welche Gefahr eigentlich von ihnen ausgehe. Desmond Lynchs Meinung nach lebten die ohnehin wenigen Hadal weit verstreut und waren bereits in der dritten oder vierten Generation vom Aussterben bedroht. Er schätzte ihre Anzahl weltweit auf nicht mehr als einhunderttausend, eher weniger.

»Sie sind eine gefährdete Spezies«, behauptete er.

»Vielleicht haben sie sich nur zurückgezogen«, mutmaßte Mustafah, der Ägypter.

»Ich habe darüber nachgedacht«, sagte Thomas. »Was wäre, wenn ihr Ziel darin bestünde, heraufzukommen? Sich ihren Platz am Licht zu suchen?«

»Glauben Sie, Satan wartet auf eine Einladung?«, fragte Mustafah. »Ich kann mir keine Gemeinde vorstellen, in der man mit solchen Nachbarn Tür an Tür wohnen wollte.«

»Es müsste natürlich ein Ort sein, den sonst niemand will, ein Ort, an den sich niemand traut. Vielleicht eine Wüste. Oder ein Dschungel. Ein Ort ohne Wert.«