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»Thomas und ich haben uns bereits darüber unterhalten«, sagte Lynch. »Wo kann sich ein Flüchtiger ab einem gewissen Zeitpunkt verstecken - nur noch ganz offen, unter aller Augen. Und vielleicht gibt es dafür ja bereits hinreichend Beweise.«

Branch hörte aufmerksam zu.

»Wir haben von einem Kriegsherrn der Karen im Süden Burmas gehört, nicht allzu weit vom Territorium der Roten Khmer entfernt«, sagte Lynch. »Man sagt, er habe Besuch vom Teufel gehabt. Womöglich hat er mit unserem flüchtigen Satan gesprochen.«

»Oder aber es handelt sich bei den Gerüchten um nichts anderes als Dschungellegenden«, schwächte Thomas ab. »Trotzdem besteht die Möglichkeit, dass Satan auf der Suche nach einer neuen Zuflucht ist.«

»Wenn das stimmt, wäre es zu schön, um wahr zu sein«, sagte Mustafah. »Satan führt seine Stämme aus der Unterwelt wie Moses sein Volk nach Israel.«

»Wie können wir mehr darüber in Erfahrung bringen?«, erkundigte sich January.

»Wie du dir ausmalen kannst, kommt der Kriegsherr nicht aus seinem Dschungel heraus, um uns ein Interview zu geben«, sagte Thomas. »Es gibt auch weder telegrafische noch telefonische Verbindungen dorthin. Das gesamte Gebiet ist von Kriegsgräueln und Hungersnöten völlig zerstört. Es ist eine dieser Völkermordzonen, apokalyptisch. Vermutlich hat unser Kriegsherr die Uhr auf das Jahr Null zurückgedreht.«

»Dann bringt uns diese Information überhaupt nichts.«

»Mitnichten«, widersprach Lynch. »Ich habe mich dazu entschlossen, in den Dschungel zu reisen.«

»Das darfst du nicht, Desmond!«, stießen January, Mustafah und Rau, der Unberührbare, wie aus einem Munde hervor. »Das ist viel zu gefährlich!«

Wenn Lynchs Vorhaben zu einem Teil aus Erkenntnisgewinn bestand, so bestand der andere eindeutig aus Abenteuerlust.

»Mein Entschluss steht fest«, erklärte er, wobei er sich in der Fürsorge seiner Kollegen sonnte.

Sie befanden sich in einer Art Käfig mit einer massiven Stahltür und glänzenden Gitterstäben. Dahinter erkannte Thomas ganze Wände mit Tresorfächern und noch mehr Türen mit komplizierten Schließmechanismen. Sie warteten und diskutierten weiter.

»Er muss so eine Art Kublai Khan oder Attila sein«, behauptete Mustafah. »Ein Kriegerkönig wie Richard I., der die gesamte Christenheit zum Kreuzzug gegen die Ungläubigen aufrief. Eine Gestalt von ungeheurem Ehrgeiz, ein Alexander, Mao oder Cäsar.«

»Dem muss ich widersprechen«, sagte Lynch. »Warum ein kriegerischer Imperator? Bisher haben wir fast ausschließlich Abwehrstrategien und Guerillataktik kennen gelernt. Ich würde sagen, unser Satan ist eher ein Geronimo als ein Mao.«

»Wohl eher Lon Chaney als Geronimo, meiner Meinung nach«, meldete sich eine Stimme. »Eine Figur mit vielen Masken.« Es war de l’Orme, der unbemerkt in den hinteren Tresorraum getreten war.

Im Gegensatz zu den anderen hatte sich de l’Orme noch nicht von den Strapazen seiner monatelangen Detektivarbeit erholt. Der Krebs brannte wie ein Feuer in ihm, leckte an seinem Fleisch und seinen Knochen. Die linke Seite seines Gesichts schmolz buchstäblich dahin, die Augenhöhle versank hinter dunklem Brillenglas. Er gehörte eigentlich in ein Krankenhausbett. Doch obwohl er zwischen diesen Marmorsäulen und Stahlgittern schwach aussah, wirkte er um vieles stärker als beim letzten Treffen, ein Samson mit nur einer Lunge und einer Niere.

Neben ihm standen Bud Parsifal und zwei Dominikanermönche, flankiert von fünf mit Karabinern und Maschinenpistolen ausgerüsteten carabinieri. »Bitte hier entlang«, sagte Parsifal. »Wir haben nicht viel Zeit. Uns bleibt nur eine Stunde, uns das Bild anzusehen.«

Die beiden Dominikaner fingen aufgeregt miteinander zu flüstern an, offensichtlich wegen Branch. Einer der carabinieri stellte sein Gewehr ab und sperrte eine Gittertür auf. Als die Gruppe hindurchging, sagte einer der Dominikaner etwas zu dem carabiniere, woraufhin beide Branch den Eingang versperrten.

»Dieser Mann gehört zu uns«, sagte January zu dem Dominikaner.

»Verzeihung, aber wir sind die Hüter einer heiligen Reliquie«, sagte der Mönch. »Und er sieht nicht wie ein Mensch aus.«

»Ich gebe Ihnen mein Wort, dass er ein rechtschaffener Mensch ist«, mischte sich Thomas ein.

»Bitte verstehen Sie doch«, erwiderte der Mönch. »Wir leben in bewegten Zeiten. Wir müssen besonders wachsam sein.«

»Ihr habt mein Wort«, wiederholte Thomas.

Der Dominikaner bedachte die Worte des Jesuiten. Zwei konkurrierende Orden. Er lächelte und spielte seine Macht genießerisch aus. Dann wies er die carabinieri mit einem Nicken an, Branch durchzulassen.

Die Gruppe ging im Gänsemarsch tiefer in das Gewölbe hinein und folgte Parsifal und den beiden Mönchen in einen sogar noch größeren Raum. Der Raum blieb abgedunkelt, bis alle eingetreten waren. Dann gingen grelle Lichter an.

Das Grabtuch hing vor ihnen, fast fünf. Meter hoch. So aus der Dunkelheit in gleißende Helligkeit gerissen, machte es einen dramatischen ersten Eindruck. Trotzdem wirkte die Reliquie mehr wie ein langes, ungewaschenes Tischtuch, das allzu vielen Abendessen als Unterlage gedient hatte.

Die Ränder waren angesengt, vergilbt und von Brandflecken und Flicken übersät. Die Mitte nahm, wie eine längliche Ansammlung von Resten verkleckerten Essens das blasse Abbild eines Körpers ein. Das Abbild war wie in der Mitte aufgeklappt, genau am Scheitel des Mannes, und zeigte so seine Vorder- und Rückseite. Er war bärtig und nackt.

Einer der carabinieri konnte sich nicht zurückhalten. Er reichte seine Waffe einem mitfühlenden Kameraden und kniete vor dem Tuch nieder. Ein anderer schlug sich auf die Brust und murmelte mehrere mea culpas.

»Wie Sie wissen«, hob der ältere Dominikaner an, »erlitt die Kathedrale zu Turin bei dem Brand im Jahr des Herrn 1997 großen Schaden. Nur durch heldenmütigen Einsatz konnte das geheiligte Stück selbst vor der Vernichtung bewahrt werden. Bis zum Abschluss der Renovierungsarbeiten in der Kathedrale verbleibt das heilige Tuch an diesem Ort.«

»Aber warum hier, wenn ich fragen darf?«, erkundigte sich Thomas unverfänglich. Boshaft. »Warum wurde es aus dem Tempel ausgerechnet in eine Bank gebracht? An einen Ort der Händler und Wucherer?«

Der ältere Dominikaner ließ sich nicht ködern. »Traurigerweise schrecken unsere Mafiosi und Terroristen vor nichts zurück, auch nicht davor, Kirchenrelikte zu entwenden und dafür Lösegeld zu fordern. Der Brand in der Turiner Kathedrale war letztendlich ein Anschlag auf dieses Objekt. Wir kamen überein, dass der Tresor einer Bank der sicherste Ort dafür sei.«

»Nicht der Vatikan?«, hakte Thomas nach.

Der Dominikaner verriet seine Verstimmung nur damit, dass er die Daumenspitzen kaum merklich gegeneinander schlug. Einer Antwort enthielt er sich.

Bud Parsifal blickte von den Dominikanern zu Thomas und wieder zurück. Er hielt sich für den Zeremonienmeister des heutigen Tages und wollte einfach nur, dass alles zur Zufriedenheit aller Anwesenden ablief.

»Worauf zielen Sie ab, Thomas?«, fragte Vera, ebenso verdutzt.

De l’Orme beschloss, darauf eine Antwort zu geben. »Die Kirche hat ihren Schutz verweigert«, erläuterte er. »Aus einem bestimmten Grund. Das Grabtuch ist ein interessantes Kunstwerk. Aber nicht mehr unbedingt glaubhaft.«

Parsifal war empört. Als amtierender Präsident der STURP - dem halbwissenschaftlichen Forschungsprojekt Turiner Grabtuch, Inc. - hatte er seinen ganzen Einfluss geltend gemacht, um diese Führung zu arrangieren. »Was wollen Sie damit sagen, de l’Orme?«

»Dass es eine Fälschung ist.«

Parsifal sah aus wie der Mann, der plötzlich nackt auf der Opernbühne erwischt wird. »Aber warum haben Sie mich um diesen Besuch hier unten gebeten, wenn Sie nicht daran glauben? Was tun wir denn hier? Ich dachte ...«