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»Oh, ich glaube sehr wohl daran«, versicherte ihm de l’Orme. »Aber an das, was es ist, nicht an das, als was Sie es gerne sehen würden.«

»Aber es ist ein Wunder«, platzte es aus dem jüngeren Dominikaner heraus. Er bekreuzigte sich fassungslos vor einer derartigen Blasphemie.

»Ein Wunder, das schon«, sagte de l’Orme. »Ein Wunder der Wissenschaft und der Kunst des 14. Jahrhunderts.«

»Die Geschichte besagt, das Abbild sei ein achieropoietos, nicht von Menschenhand geschaffen. Es ist das heilige Grabtuch.« Der Dominikaner zitierte: »>Und Joseph nahm den Leichnam, legte ihn in ein sauberes Leintuch und legte ihn in ein neues Grab.<«

»Ist das Ihr ganzer Beweis, eine Stelle aus der Heiligen Schrift?«

»Beweis?«, warf Parsifal dazwischen. Auch mit fast siebzig steckte noch so einiges von dem ehemaligen amerikanischen Supersportler in ihm. Man konnte ihn fast sehen, wie er durch die gegnerische Reihe brach und das

Spiel nach vorne trieb. »Welchen Beweis brauchen Sie denn? Ich komme schon seit vielen Jahren hierher. Das Forschungsprojekt Turiner Grabtuch hat dieses Stück Dutzenden von Tests unterworfen, Hunderttausende von Stunden und Millionen von Dollar sind auf seine Untersuchung verwandt worden. Viele Wissenschaftler, darunter auch meine Wenigkeit, haben es auf alle möglichen Eventualitäten hin untersucht.«

»Aber ich dachte, Ihre Radiokarbonbestimmung habe ergeben, dass das Leinen zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert hergestellt wurde?«

»Warum stellen Sie mich auf die Probe? Ich habe Ihnen doch bereits von meiner Blitztheorie berichtet«, erwiderte Parsifal.

»Dass eine Explosion nuklearer Energie den Leichnam Christi verklärt und dieses Abbild hinterlassen hat? Selbstverständlich ohne den Stoff in Asche zu verwandeln.«

»Ein gemäßigter Strahlenausbruch«, sagte Parsifal. »Was nebenbei auch zufällig die unterschiedliche Radiokarbondatierung erklärt.«

»Ein gemäßigter Ausbruch radioaktiver Strahlung, der ein Negativbild mit detaillierten Abdrücken von Gesicht und Körper hervorruft? Wie ist das möglich? Bestenfalls könnte so etwas eine Silhouette oder die Ahnung einer Gestalt ergeben. Eher einen großen dunklen Fleck.«

Es waren altbekannte Argumente, die Parsifal mit Standardantworten parierte. De l’Orme sprach andere Schwierigkeiten an, Parsifal gab kompliziertere Erklärungen ab.

»Ich sage doch nichts anderes«, beteuerte de l’Orme schließlich, »als dass man, bevor man niederkniet, sich sehr genau vergewissern sollte, wovor man niederkniet.« Er stellte sich direkt neben das Tuch. »Zu wissen, wer der Grabtuchmann nicht ist, ist eine Sache. Aber heute haben wir die Möglichkeit zu erfahren, wer er ist. Aus diesem Grund habe ich um diesen Besichtigungstermin gebeten.« De l’Orme lächelte.

»Der Sohn Gottes in seiner menschlichen Gestalt«, sagte der jüngere Dominikaner beinahe automatisch.

Der Ältere warf einen raschen Blick auf die Reliquie. Plötzlich weitete sich sein Gesicht vor Erstaunen, seine schmalen Lippen formten ein kleines, fast lautloses O.

Jetzt sah es auch Parsifal. Und mit ihm alle anderen. Thomas wollte seinen Augen nicht trauen.

»Was haben Sie getan?«, stieß Parsifal entsetzt aus.

Der Mann im Grabtuch war kein anderer als de l’Orme.

»Das sind Sie!«, lachte Mustafah. Er war entzückt.

De l’Ormes Abbild war nackt, die Hände waren keusch über den Genitalien verschränkt, die Augen geschlossen, und er trug eine Perücke und einen falschen Bart. Aber zweifelsfrei, der Mann und sein Ebenbild auf dem Tuch hatten die gleiche Größe, die gleiche kurze Nase, die gleichen koboldhaften Schultern.

»Jesus Christus im Himmel!«, jaulte der jüngere Mönch auf.

»Ein jesuitischer Trick!« zischte der andere. »Schwindler!«

»De l’Orme ...«, sagte Foley ungläubig, »was in aller Welt .«

Die carabinieri, von dem plötzlichen Tumult aufgescheucht, verglichen den Mann mit dem Bild und zählten eins und eins zusammen. Vier von ihnen fielen prompt vor de l’Orme auf die Knie, einer drückte sogar die Stirn auf die Schuhe des blinden Mannes. Der fünfte Soldat aber zog sich bis zur Wand zurück.

»Richtig, das auf dem Tuch bin ich«, sagte de l’Orme. »Und ganz richtig, es handelt sich um einen Trick. Aber nicht um einen jesuitischen. Sondern um einen wissenschaftlichen. Alchimie, wenn Sie so wollen.«

»Ergreifen Sie diesen Mann«, rief der ältere Dominikaner.

»Keine Panik«, beruhigte de l’Orme die aufgeregten Dominikaner, »Ihr Original befindet sich im angrenzenden Raum in absoluter Sicherheit. Ich habe es nur zu Demonstrationszwecken gegen das hier ausgetauscht. Ihre Reaktion zeigt mir, dass die Ähnlichkeit meine geheimen Hoffnungen mehr als erfüllt.«

Der ältere Dominikaner ließ seinen zornigen Blick im ganzen Raum umherschweifen und blieb mit dem Ausdruck eines Torquemada an dem fünften carabiniere haften, der immer noch unglücklich an der Wand stand.

»Du!«, sagte er.

Der carabiniere zitterte vor Angst. Also hatte de l’Orme den Soldaten dafür bezahlt, bei diesem kleinen Streich mitzuspielen, dachte Thomas. Der Mann hatte allen Grund dazu, Angst zu haben. Er hatte gerade einen ganzen Orden bloßgestellt.

»Suchen Sie die Schuld nicht bei ihm«, sagte de l’Orme. »Fassen Sie sich an der eigenen Nase, denn Sie selbst sind daran herumgeführt worden. Ich habe Sie auf die gleiche Weise getäuscht, wie das Tuch schon so viele andere getäuscht hat.«

»Wo ist es?«, fragte der Dominikaner erbost.

»Hier entlang, bitte«, erwiderte de l’Orme.

Sie marschierten einer nach dem anderen in den nächsten Raum. Das Grabtuch glich de l’Ormes Fälschung aufs Haar - bis auf das Bild. Der Mann auf diesem Tuch war größer und jünger. Seine Nase war länger. Seine Wangenknochen waren ausgeprägt. Die Dominikaner eilten auf ihre Reliquie zu und wussten nicht, ob sie es zuerst auf Beschädigungen untersuchen oder vor dem blinden Ganoven in Schutz nehmen sollten.

De l’Orme wurde jetzt ganz offiziell. »Ich bin überzeugt davon«, sprach er zu seinem Publikum, »dass Sie mit mir übereinstimmen, dass beide Abbilder durch den gleichen Prozess hervorgerufen wurden.«

»Sie haben das Geheimnis seiner Entstehung gelöst?«, stieß jemand hervor. »Was haben Sie genommen, Farbe?«

»Säure«, schlug ein anderer vor. »Das habe ich schon immer vermutet. Eine schwache Lösung. Gerade genug, um die Fasern anzuätzen.«

De l’Orme war sich ihrer Aufmerksamkeit sicher. »Ich habe mir sämtliche Berichte von Buds STURP wieder und wieder vorlesen lassen. Mir wurde klar, dass der Streich nicht mit Farbe funktionierte. Es gibt so gut wie keine Pigmentspuren. Die wenigen, die festgestellt wurden, stammen wahrscheinlich von Ölbildern, die an das Tuch gedrückt wurden, um von ihm gesegnet zu werden. Es war aber auch keine Säure, da in diesem Fall eine andere Färbung entstanden wäre. Nein, es war etwas völlig anderes.« An dieser Stelle machte er eine dramatische Pause. »Fotografie.«

»Unsinn«, entgegnete Parsifal. »Wir sind dieser Theorie nachgegangen. Ist Ihnen bewusst, wie avanciert dieser Prozess ist? Die dafür benötigten Chemikalien? Die einzelnen Schritte, um eine Oberfläche vorzubereiten, ein Bild zu fokussieren, eine Belichtung zu berechnen und das Endprodukt zu fixieren? Selbst wenn es sich hierbei um ein mittelalterliches Lügengeflecht handelte, welcher Kopf hätte schon vor so langer Zeit die Prinzipien der Fotografie vorwegnehmen können?«

»Jedenfalls kein durchschnittlicher Kopf, das kann ich Ihnen versichern.«

»Sie wissen, dass Sie nicht der Erste sind«, sagte Parsifal. »Es gab vor einigen Jahren schon einmal ein paar Schwachköpfe, die mit dem Einfall kamen, es handele sich um einen Scherz von Leonardo da Vinci. Wir haben ihre verrückte Idee vom Tisch gefegt. Amateure!«