»Ich verfolge einen ganz anderen Ansatz«, konterte de l’Orme. »Eigentlich müssten Sie mir dankbar sein, Bud. Es ist eher eine Bestätigung Ihrer eigenen Theorie.«
»Ich verstehe kein Wort.«
»Ihre Blitztheorie«, antwortete de l’Orme. »Nur dass sie sogar ohne Blitz auskommt. Ihr genügt ein langsames Strahlungsbad.«
»Strahlung?«, wunderte sich Parsifal. »Wahrscheinlich erzählen Sie uns gleich, dass Leonardo Madame Curie zuvorgekommen ist.«
»Es geht hier nicht um Leonardo«, sagte de l’Orme.
»Nicht? Um wen dann? Michelangelo? Picasso?«
»Immer ruhig, Bud«, unterbrach ihn Vera sanft. »Auch wenn Sie es schon kennen, wir anderen würden es sehr gerne erfahren.«
Parsifal schäumte vor Wut. Doch jetzt war es zu spät, das Bild wieder zusammenzurollen und alle hinauszuwerfen.
»Wir haben hier das Abbild eines echten Mannes vor uns«, sagte de l’Orme. »Eines Gekreuzigten. Er ist anatomisch absolut korrekt dargestellt und keine Erfindung eines Künstlers. Beachten Sie die Verkürzung seiner Beine und die Exaktheit dieser Blutspuren, wie sie sich an den Falten in der Stirn verzweigen. Und das Nagelloch im Handgelenk. Diese Wunde ist höchst interessant. Studien zufolge, die an Leichnamen vorgenommen wurden, kann man einen Menschen nicht kreuzigen, indem man seine Handflächen ans Holz nagelt. Das Körpergewicht würde einem das Fleisch aus der Hand reißen.«
Vera, die Ärztin, nickte. Rau, der Vegetarier, schüttelte sich vor Abscheu. Diese Totenkulte gaben ihm immer wieder Rätsel auf.
»Die einzige Stelle, an der man einen Nagel in den Arm eines Menschen treiben und mit diesem Gewicht aufhängen kann, ist hier.« Er drückte einen Finger in die Mitte des eigenen Handgelenks. »Die Destotsche Lücke, ein natürliches Loch zwischen den Handgelenksknochen. Erst vor kurzem haben Gerichtsanthropologen Nagelspuren an dieser Stelle bei bekannten Kreuzigungsopfern bestätigt. Das ist ein entscheidendes Detail. Betrachtet man mittelalterliche Gemälde aus der Zeit, in der dieses Tuch geschaffen wurde, sieht man, dass die Europäer diese Praxis völlig vergessen hatten. Auf ihren Darstellungen ist Christus immer durch die Handflächen festgenagelt. Die historische Korrektheit dieser Wunde gilt oft als Beweis dafür, dass kein mittelalterlicher Fälscher dieses Tuch gefälscht haben kann.«
»Na also!«, entfuhr es Parsifal.
»Es gibt zwei Erklärungen dafür«, fuhr de l’Orme fort. »Der Vater der Gerichtsanthropologie und der Anatomie war tatsächlich da Vinci. Er hätte mehr als genug Zeit -und Anschauungsmaterial - gehabt, um mit den Techniken der Kreuzigung zu experimentieren.«
»Lächerlich«, sagte Parsifal.
»Die andere Erklärung wäre, dass wir hier die Abbildung eines tatsächlich Gekreuzigten vor uns haben.« Er hielt kurz inne. »Der aber zu der Zeit, als das Grabtuch gefertigt wurde, noch lebte.«
»Was?«, staunte Mustafah.
»Genau«, sagte de l’Orme. »Mit Hilfe von Veras medizinischer Sachkenntnis ist es mir gelungen, diese eigenartige Tatsache herauszufinden. Wir haben hier keinerlei Anzeichen nekrotischen Verfalls. Im Gegenteiclass="underline" Vera machte mich darauf aufmerksam, dass bestimmte Stellen am Brustkorb verschwommen sind. Wegen der Atmung.«
»Ketzerei«, zischte der jüngere Dominikaner.
»Es ist keinesfalls Ketzerei«, konterte de l’Orme. »Wenn man davon ausgeht, dass es sich hierbei nicht um Jesus Christus handelt.«
»Aber er ist es.«
»Dann sind Sie der Ketzer, mein guter Pater. Denn Sie haben einen Riesen angebetet.«
Der Dominikaner hatte wahrscheinlich in seinem ganzen Leben noch keinen Blinden geschlagen, aber an seinen mahlenden Wangenmuskeln konnte man deutlich sehen, wie dicht davor er stand.
»Vera hat ihn gemessen. Zweimal. Der Mann auf dem Tuch misst zwei Meter fünf«, fuhr de l’Orme fort.
»Seht ihn euch an. Das ist wirklich ein riesengroßer Kerl«, bemerkte Rau. »Wie ist das möglich?«
»Gute Frage«, sagte de l’Orme. »Die Evangelien hätten doch bestimmt etwas von Christi enormer Körpergröße erwähnt.«
Der ältere Dominikaner fauchte ihm etwas zu.
»Ich glaube, jetzt ist die Zeit gekommen, den Ungeduldigen unser Geheimnis zu offenbaren«, sagte de l’Orme zu Vera. Er legte eine Hand auf den Rollstuhl, und sie führte ihn zu einem nahen Tisch. Dort hielt sie eine Pappschachtel fest, aus der er eine kleine Plastikstatue der Venus von Milo herauszog. Sie wäre ihm beinahe aus den Fingern geglitten.
»Kann ich helfen?«, fragte Branch.
»Nein danke. Es ist besser für Sie, wenn Sie ein Stück zurückbleiben.«
Sie kamen sich vor, als schauten sie zwei Jugendlichen beim Aufbau eines Jugend-forscht-Projekts zu. Als Nächstes zog de l’Orme einen Glaskrug und einen Pinsel hervor. Vera glättete ein Stück Tuch auf dem Tisch und zog ein Paar Gummihandschuhe an.
»Was treiben Sie da?«, wollte der ältere Dominikaner wissen.
»Nichts, was Ihrem Tuch schaden könnte«, antwortete de l’Orme.
Vera schraubte das Glas auf und tauchte den Pinsel ein. »Unsere >Farbe<«, sagte sie.
Das Glas enthielt Staub, fein gemahlen, mattgrau. De l’Orme hielt die Venus am Kopf fest, und Vera bepuderte die Figur vorsichtig mit dem Staub.
»Und jetzt«, sagte de l’Orme, wobei er die Venus ansah, »sag: Cheese.«
Vera nahm die Statue an der Taille und hielt sie waagerecht über das Tuch. »Es dauert einen Moment«, erklärte sie.
»Sag mir bitte, wann es losgeht«, bat sie de l’Orme.
»Da!«, sagte Mustafah. Das Bild der Venus zeichnete sich auf der Leinwand ab. Als Negativ. Ein Detail nach dem anderen trat deutlich zu Tage.
»Wenn das nicht alles schlägt«, raunte Foley.
Parsifal weigerte sich, seinen Augen zu glauben. Er stand einfach nur da und schüttelte den Kopf.
»Die Strahlung erhitzt und schwächt die Leinwand auf einer Seite, erschafft dadurch ein Bild. Wenn ich meine Statue lange genug so halte, wird der Stoff ganz dunkel. Halte ich sie höher, wird das Bild größer. Halte ich sie hoch genug, wird aus meiner Miniaturvenus eine Riesin. Womit wir unseren riesenhaften Christus erklärt hätten.«
»Unsere Farbe ist ein schwach strahlendes Isotop, Newtonium«, sagte Vera. »Es kommt in der Natur vor.«
»Und ... Sie haben sich selbst damit eingepinselt, um ... um diese Fälschung dort draußen herzustellen?«, fragte Foley.
»Genau«, bestätigte de l’Orme. »Mit Veras Hilfe. Und ich muss sagen, sie kennt sich wirklich aus in der männlichen Anatomie.«
Der ältere Dominikaner sah aus, als würde er jeden Augenblick den Schmelz von seinen Zähnen saugen.
»Aber es ist doch radioaktiv!«, sagte Mustafah.
»Alles im Namen der Wahrheit. Aber um ehrlich zu sein: nach dieser Isotopen-Behandlung ging es meiner Arthritis ein paar Tage richtig besser. Ich dachte schon, ich hätte ganz nebenbei ein neues Heilmittel gefunden.«
»Unsinn«, fuhr Parsifal dazwischen. »Wenn das wirklich die Lösung wäre, hätten wir die Strahlung schon längst bei unseren Tests festgestellt.«
»Auf seiner Kleidung ließe sie sich nachweisen«, gab Vera zu.
»Aber nur, weil wir ein bisschen Staub darauf verschüttet haben. Hätte ich mich besser vorgesehen, könnten Sie lediglich das visuelle Abbild feststellen.«
»Ich bin zum Mond und wieder zurückgeflogen«, sagte Parsifal. Immer wenn er auf seine alten Abenteuer verwies, war er mit seinem Latein so gut wie am Ende. »Ein solches mineralisches Phänomen ist mir nirgendwo untergekommen.«
»Das Problem besteht darin, dass Sie noch nie unter der Erdoberfläche gewesen sind«, sagte de l’Orme. »Ich wünschte, das könnte ich auch von mir sagen. Aber schon seit Jahren berichten Bergleute immer wieder von Geisterbildern, die sich in ihre Kisten oder auf die Seitenflächen ihrer Fahrzeuge einbrennen. Die Erklärung dafür sehen wir vor uns.«
»Sie geben demnach zu, dass es hier oben nur Spurenelemente davon gibt«, hakte Parsifal nach. »Sagten Sie nicht soeben, dass der Mensch erst vor kurzem genug von Ihrem Puder da gefunden hat, um einen derartigen Effekt hervorzurufen? Wie also soll ein mittelalterlicher Fälscher an genug von diesem Stoff herangekommen sein, um den ganzen Körper eines Menschen damit zu bedecken und dieses Abbild herzustellen?«