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De l’Orme zog die Stirn kraus: »Aber ich sagte Ihnen doch, dass das hier nicht Leonardo da Vinci ist.«

»Was ich nicht verstehe«, räumte Desmond Lynch ein und pochte aufgeregt mit dem Stock auf den Boden, »ist, warum das alles? Warum die ganze Mühe? Ist das wirklich nur ein Jux?«

»Ich sagte bereits, dass es sich allein um Macht dreht«, antwortete de l’Orme. »Eine Reliquie wie diese, in derart abergläubischen Zeiten? In der allein durch die Anziehungskraft eines einzelnen Splitters vom Heiligen Kreuz ganze Glaubensgemeinschaften entstehen konnten. Wissen Sie eigentlich, wie viele Heilige Reliquien in jenen Tagen in der gesamten Christenheit im Umlauf waren? Die Kreuzritter kamen mit kistenweise heiliger Kriegsbeute nach Hause. Neben Knochen und Bibeln von Märtyrern und Heiligen gab es die Milchzähne des Jesuskindes, seine Vorhaut - insgesamt sieben davon, um genau zu sein -, und genug Splitter, um daraus einen ganzen Wald an Kreuzen zusammenzusetzen. Offensichtlich war unser Grabtuch nicht die einzige Fälschung, die in Umlauf gebracht wurde. Aber es war die unverfrorenste und wirkungsvollste.

Stellen Sie sich vor«, fuhr er fort, »jemand hätte sich dieser geistig umnachteten christlichen Einfalt planmäßig bedient. Es könnte ein Papst, ein König oder auch einfach nur ein genialer Künstler sein. Was wäre mächtiger als ein lebensgroßer Schnappschuss des gesamten Körpers von Jesus Christus, aufgenommen direkt nach seiner schwersten Prüfung am Kreuz, und kurz bevor er als Gott zum Himmel auffuhr und für immer verschwand? Richtig vorbereitet und mit einer gehörigen Portion Zynismus ausgeführt, besaß ein derartiges Artefakt die Macht, die Geschichte zu verändern, eine neue Zukunft zu schaffen, die Herzen und Geister zu lenken.«

»Aber ich bitte Sie!«, unterbrach ihn Parsifal.

»Wenn aber genau das seine Absicht war?«, fuhr de l’Orme unbeirrt fort. »Was, wenn derjenige versuchte, die christliche Kultur mit Hilfe seines eigenen Bildes zu infiltrieren?«

»Derjenige? Seines?«, fragte Desmond Lynch. »Von wem reden Sie überhaupt?«

»Natürlich von der Gestalt auf dem Grabtuch.«

»Na schön«, brummte Lynch. »Wer ist der Halunke?«

»Sehen Sie hin«, erwiderte de l’Orme.

»Wir sehen alle hin.«

»Es ist ein Selbstporträt.«

»Das Porträt eines Trickbetrügers«, sagte Vera. »Er bestäubte sich mit Newtonium und stellte sich vor ein Leinentuch. Er hat diesen schlauen Trick mit voller Absicht durchgeführt. Eine primitive Fotokopie des Gottessohnes.«

»Ich gebe auf. Kennen wir ihn denn?«

»Er sieht ein bisschen wie du aus, Thomas«, scherzte jemand. Thomas blies die Backen auf.

»Langes Haar, Ziegenbärtchen ... kommt mir eher wie Ihr Freund Santos vor«, zog ein anderer de l’Orme auf.

»Jetzt, da Sie es erwähnen«, grübelte de l’Orme, »könnte es vermutlich jeder von uns sein.«

Die heikle Angelegenheit verwandelte sich in ein Ratespiel.

»Wir geben auf«, sagte January schließlich.

»Dabei waren Sie schon so dicht dran«, sagte de l’Orme.

»Es reicht«, blaffte Gault.

»Kublai Khan«, sagte de l’Orme.

»Was?«

»Das sagten Sie doch selbst.«

»Was sagte ich?«

»Geronimo. Attila. Mao. Ein Kriegerkönig. Oder ein Prophet. Oder ein einfacher Wanderer, der sich kaum von uns unterscheidet.«

»Das meinen Sie nicht ernst?«

»Warum nicht? Warum nicht der Autor der Briefe des Priesterkönigs Johannes? Der Urheber eines Christusschabernacks? Vielleicht sogar der Urheber der Legenden von Christus und Buddha und Mohammed?«

»Wollen Sie damit sagen .«

»Genau«, erwiderte de l’Orme. »Sehr erfreut. Darf ich Sie mit Satan bekannt machen?«

Jene neuen Gebiete, die wir fanden und erforschten,

dürfen wir mit Fug und Recht eine Neue Welt nennen.

 Ein Kontinent, der dichter von Menschen und Tieren

bewohnt ist als unser Europa oder Asien oder Afrika.

AMERIGO VESPUCCI, Über Amerika

14

Das Loch

UNTER DEM COLON-RÜCKEN

»4. August«, notierte Ali. »Camp 39, 5012 Faden, 26 Grad Celsius. Erreichten heute das erste Proviantlager.« Sie sah auf, um sich die Szenerie einzuprägen. Wie ließ sich so etwas in Worte fassen?

Mozart flutete aus HiFi-Lautsprechern durch das riesige Gewölbe. Überall strahlten aus Kabeln gespeiste Lampen. Auf dem Boden lagen Weinflaschen und Hühnerknochen herum. Ein Haufen dreckiger, vom langen Marschieren abgehärteter Wissenschaftler schlängelte sich in einer Polonaise über den schräg abfallenden Boden. Zum Klang der Zauberflöte.

»Ausgelassenheit!«, trug sie säuberlich in ihr Heft ein.

Bis zu jenem Nachmittag hatte der unausgesprochene Zweifel über ihnen geschwebt, ob sie das Proviantlager überhaupt an der verabredeten Stelle finden würden. Aber genau wie von Shoat versprochen, hatten die Kapseln auf sie gewartet. Die Mannschaften an der Oberfläche hatten ein Loch durch den Meeresboden gebohrt und die Fracht am Zielort abgeladen, genau an der richtigen Stelle des Tunnel system s. Ein paar Meter weiter rechts oder links, höher oder tiefer, schon hätte alles unerreichbar in solidem Felsgestein festgesteckt. Damit wäre ihre Rückkehr in die Zivilisation, vorsichtig ausgedrückt, fraglich geworden, denn inzwischen gingen ihnen allmählich die Nahrungsmittel aus. Jetzt jedoch waren sie für die nächsten acht Wochen mit ausreichend Proviant, Ausrüstung und Kleidung versorgt, dazu der Wem und die Lautsprecher für die Opernmusik, und nicht zuletzt eine holografische Rede von C. C. Cooper selbst. »Sie sind der Beginn einer neuen Geschichtsschreibung!«, hatte ihnen sein kleiner Lasergeist zugeprostet.

Zum ersten Mal seit sieben Wochen konnte Ali auf ihrer Tageskarte exakte Koordinaten verzeichnen: »107 Grad 20 Minuten West, 3 Grad 50 Minuten Nord.« Auf einer herkömmlichen Landkarte befanden sie sich irgendwo südlich von Mexiko in blauem, insellosem Wasser. Eine Karte des Meeresbodens lokalisierte ihren Standort unter einem Gebilde namens Colon-Bergrücken unweit des westlichen Randes der Nazca-Platte.

Ali nahm ein Schlückchen von dem Chardonnay, den Helios ihnen herabgeschickt hatte. Als die Königin der Nacht ihre herzzerreißende Arie sang, schloss sie die Augen. Irgendjemand dort oben hatte einen gewissen Sinn für Humor. Mozarts magische Unterwelt? Zumindest hatten sie ihnen nicht Fausts Verdammnis geschickt.

Die drei Zwölf-Meter-Zylinder lagen wie umgekippte Raketen im Bohrschutt. Aus ihren aufgerissenen Luken quoll Kabelsalat heraus. Aus dem Meer anderthalb Kilometer über ihnen tropfte Salzwasser herab. Mehrere Kabelstränge hingen aus dem gut einen Meter breiten Loch in der Decke, einer zur Kommunikation, zwei, um sie mit Strom von der Oberfläche zu versorgen, ein anderer, um komprimierte Video-Mail von zu Hause herunterzuladen. Einer der Träger saß neben dem zweiten Elektrokabel, wo er einen kleinen Berg Batterien für ihre Stirn- und Taschenlampen, für die Laborausrüstung und die Laptops auflud. Walkers Quartiermeister und mehrere Helfer machten Überstunden, sortierten die neue Ware, stapelten Kisten und riefen einander Nummern zu. Helios hatte ihnen außerdem Post zugestellt, 650 Gramm pro Person.

Als wäre es ein Teil ihres Armutsgelübdes, hatte sich Ali daran gewöhnt, nur wenig Neuigkeiten von zu Hause zu erhalten. Trotzdem war sie enttäuscht über den kurzen Brief, den January ihr geschickt hatte, wie immer handschriftlich auf Papier mit Senatsbriefkopf. Er war vor zwei Wochen datiert, anscheinend hatte sich zudem jemand am Umschlag zu schaffen gemacht. January hatte von ihrem geheimen Aufbruch von Esperanza gehört und machte sich die größten Sorgen darüber, dass Ali sich entschlossen hatte, tiefer hinunterzusteigen: »Bitte, komm wieder zurück. Wenn andere umkehren, schließ dich ihnen an.«