Was den Fortschritt der Beowulf-Leute anging, gab es nur eine versteckte Erwähnung. »Das verdammte Projekt geht langsam voran.« Das war ihr Code, um Satan zu benennen. »Bislang jedoch keine Lokalisierung, keine Einzelheiten, vielleicht ein neues Terrain.« Aus welchem Grund auch immer hatte January einige Aufnahmen vom Turiner Grabtuch beigefügt, dazu ein paar dreidimensionale Computerbilder des Kopfes. Ali wusste nicht, was sie damit anfangen sollte.
Sie sah sich im Lager um. Die meisten hatten ihre Pakete schon aufgerissen und zeigten jetzt Fotos von ihren Familien herum. Es schien, als habe jeder etwas bekommen, sogar die Träger und die Soldaten. Nur Ike nicht. Er beschäftigte sich mit einer neuen, rotweiß wie eine Zuckerstange gestreiften Rolle Kletterseil, maß die Schlingen ab und schmolz die abgeschnittenen Enden zusammen.
Es gab nicht nur gute Nachrichten. Am anderen Ende versuchte ein Mann Shoat dazu zu überreden, ihn durch das Bohrloch zu evakuieren. Ali hörte seine Stimme durch die Musik: »Aber meine Frau«, sagte er immer wieder. »Brustkrebs!«
Shoat ging nicht darauf ein. »Dann hätten Sie nicht mitkommen dürfen«, sagte er. »Wir bringen nur bei Lebensgefahr jemanden nach oben.«
»Es geht hier um Leben und Tod!«
»Nicht um Ihr Leben«, konterte Shoat und begab sich wieder zur Verbindung mit der Oberfläche, wo er seine Berichte durchgab, Anweisungen erhielt und die gesammelten Daten der Expedition in ein Übertragungskabel speiste. Man hatte ihnen bei jedem Proviantlager Video- und Telefonverbindung versprochen, um nach Hause telefonieren zu können, aber bis jetzt war sie Shoat und Walker vorbehalten geblieben. Shoat erfuhr, dass an der Oberfläche ein Orkan wütete und die Bohrinsel in Gefahr sei.
»Wenn die Zeit reicht, kommen Sie alle noch dran«, sagte er.
Und wenn nicht, ist das heute Abend den meisten egal, dachte Ali. Die Wissenschaftler waren mittlerweile in Hochstimmung: Sie tanzten, fielen einander in die Arme, betranken sich mit kalifornischem Wein und heulten einen unsichtbaren Mond an. Sie sahen auch anders aus. Verdreckt. Zottelig. Ali hatte sie noch nie so gesehen. Ihr wurde klar, dass sie sich seit Esperanza nur noch in einem Bruchteil der gewohnten Helligkeit aufgehalten hatten. Heute Abend jedoch sah sie ihre Weggefährten im hellen Licht der Scheinwerfer, sah sie mit all ihren Flecken und Warzen. Sie waren wundersam mit Haaren und Bärten zugewachsen, mit Dreck und Öl beschmiert und bleich wie Maden. In den Bärten der Männer klebte altes Essen, die Haare der Frauen waren verfilzt.
Ausgerechnet in diesem Moment meuchelte jemand die Zauberflöte und schob eine Countrymusik-CD rein. Das Tempo verlangsamte sich. Liebespaare erhoben sich, legten die Arme umeinander und schaukelten auf dem Steinboden dahin.
Alis aufmerksamer Blick blieb an der gegenüberliegenden Seite der Höhle auf Ike haften. Mit seiner abgesägten Schrotflinte erinnerte er Ali an einen Bauernjungen auf der Kaninchenjagd. Nur die Gletscherbrille wollte nicht so recht ins Bild passen. Manchmal glaubte sie, diese dunklen Gläser schützten einfach nur seine Gedanken, einen letzten Rest Privatsphäre. Mit einem Mal war sie unerklärlicherweise sehr froh, dass er da war.
In dem Augenblick, in dem ihr Blick ihn berührte, schwenkte Ikes Kopf in die andere Richtung, und erst jetzt fiel ihr auf, dass er sie beobachtet hatte. Molly und einige von Alis anderen Freundinnen hatten sie schon damit aufgezogen, dass er ein Auge auf sie geworfen habe, was sie jedoch als geschmacklose Unterstellung abgetan hatte. Das jedoch war ein erster Beweis dafür. Entweder trug der Wein dazu bei, oder die Tiefe hatte ihr ein wenig von ihrer Zurückhaltung genommen. Jedenfalls erhob sie sich und nahm sich die Freiheit heraus, direkt auf ihn zuzugehen und ihn zu fragen:
»Möchten Sie tanzen?«
Er tat so, als bemerkte er sie erst jetzt. »Das ist wahrscheinlich keine so gute Idee«, sagte er. »Ich bin ziemlich aus der Übung.«
Bin ich vielleicht in Übung? fragte sie sich, sagte aber nur:
»Kommen Sie schon.«
Er versuchte es auf andere Art. »Sie verstehen mich nicht«, sagte er. »Aber da singt Margo Timmins.«
»Na und?«
»Margo Timmins«, wiederholte er. »Ihre Stimme ... Ich weiß auch nicht, wie sie das macht. Sie schafft es, dass man alles um sich herum vergisst.«
Ali entspannte sich. Er wies sie nicht zurück. Er flirtete mit ihr.
»Tatsächlich«, sagte sie und blieb direkt vor ihm stehen. Im schummrigen Licht der Tunnel verschmolzen Ikes Narben und Tätowierungen beinahe mit dem Gestein. Hier, bei voller Beleuchtung, sahen sie so grässlich aus wie immer.
»Vielleicht verstehen Sie es doch«, sagte er nachdenklich. Ike stand auf und nahm sein Gewehr. Der Gurt bestand aus rosafarbenem Kletterseil. Er hängte es sich mit der Mündung nach unten über die Schulter und nahm ihre Hand. Er hatte eine große Hand.
Sie gingen zu der provisorischen Tanzfläche. Ali spürte, dass ihnen viele Augen folgten. Molly und einige der anderen Frauen grinsten wie Blödsinnige zu ihr herüber. Merkwürdigerweise war Ike immer ein fester Bestandteil der Top-Ten-Männer gewesen. Er hatte eine gewisse Aura, die sogar durch seine geschundene Oberfläche drang. Die Leute machten sich Gedanken über ihn. Und jetzt kam Ali daher und schnappte ihn sich einfach.
Ike gab sich eher nüchtern, aber als er sie ansah und die Arme öffnete, spürte sie ein kurzes Zaudern, wie bei einem jungen Mann. Er war sich der Nähe ihrer Körper ebenso bewusst wie sie. Sein Lächeln verflog zwar nicht, doch sie hörte, wie er sich räusperte, als sie sich berührten.
»Ich wollte schon lange mit Ihnen reden«, sagte sie. »Sie schulden mir noch eine Erklärung.«
»Das Tier«, nickte er. Seine Enttäuschung war nicht zu überhören. Er hörte auf zu tanzen.
»Nein«, sagte sie und setzte ihn wieder in Bewegung. »Sie haben mir einmal eine Orange geschenkt. Erinnern Sie sich noch daran? Damals, auf dem Weg nach unten, von Galäpagos aus.«
Er wich einen Schritt zurück und musterte sie nachdenklich.
»Das waren Sie?«
Das gefiel ihr. »Wussten Sie das nicht?«
»Nein. Aber Sie sahen aus wie jemand, der dringend gerettet werden muss.« Er lächelte verschmitzt.
»Wenn Sie es so ausdrücken möchten.«
»Ich bin früher mal geklettert«, sagte er. »Der schlimmste Albtraum war immer der, gerettet werden zu müssen. Man tut sein Bestes, um die Kontrolle zu behalten. Aber manchmal gleiten einem die Dinge aus der Hand. Dann fällt man.«
»Mir ging es damals wirklich ziemlich mies.«
»Ach was.« Jetzt spielte er das Ganze wieder herunter.
»Wieso denn eine Orange?«
Auf diese Frage wollte sie keine bestimmte Antwort haben. Trotzdem musste der Kreis geschlossen werden. Etwas an dieser Orange verlangte nach einer Erklärung, die der Handlung innewohnende Poesie, seine Intuition, dass sie genau in diesem Augenblick eine solche Ablenkung gebraucht hatte. Das Geschenk war ein Rätsel geworden. Wieso eine Orange? Vielleicht hatte er in seinem früheren Leben Flaubert gelesen. Oder Durrell. Oder Anaïs Nin. Wunschdenken. Sie reimte sich etwas über ihn zusammen.
»Sie war einfach da«, sagte er, und sie hatte den Eindruck, als fände er Vergnügen an ihrer Verwirrung. »Ihr Name stand groß und breit darauf.« Er betrachtete ihren lang gestreckten Körper. Es war ein flüchtiger Blick. Sie bemerkte ihn trotzdem und erinnerte sich daran, wie er ihr Sommerkleid betrachtet hatte. Dann sagte er: