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»Sie leben gefährlich.«

»Sie nicht?«

»Mit einem Unterschied. Ich bin keine geweihte . Sie wissen schon ... keine professionelle ...« Er verstummte.

»Jungfrau?«, beendete sie seinen Satz unerschrocken. Seine Rückenmuskeln zogen sich unter ihren Fingern zusammen.

»Ich wollte eigentlich >Einsiedlerin< sagen.«

Ali wurde sich ihres Irrtums bewusst und errötete. Ike zog sie näher an sich, bis ihre Körper aneinanderstießen. Es war ein wohliger Zusammenprall, der sich in ihren Brüsten fortpflanzte und ihr einen kleinen Seufzer entlockte. Sie tanzten eine Zeit lang ohne ein weiteres Wort. Ali versuchte, sich einfach von der Musik mitreißen zu lassen. Doch irgendwann würden die Lieder aufhören, und dann würde die Sicherheit des hell erleuchteten Tanzparketts verschwinden.

»Jetzt müssen Sie mir etwas erklären«, sagte Ike. »Was hat Sie hierher verschlagen?«

Da sie nicht wusste, wie viel er wirklich wissen wollte, hielt sie ihre Antwort in Grenzen. Doch er fragte immer genauer nach, und schon bald war sie dabei, über Ursprache und Muttersprache zu dozieren. »Wasser«, sagte sie, »heißt im Altgermanischen wassar, im Lateinischen aqua. Taucht man tiefer in die Tochtersprache ein, werden allmählich die Wurzeln sichtbar. Im Indogermanischen und in der Sprache der Indianer und Eskimo heißt Wasser hakw, im Ur-Kaukasischen kwa. Der älteste Ausdruck ist haku, ein vom Computer simuliertes Protowort. Natürlich verwendet es heute niemand mehr. Es ist ein vergrabenes Wort, eine Wurzel.«

»Haku«, sagte Ike, wenn auch ein wenig anders, als sie es ausgesprochen hatte, mit eher glottaler Betonung auf der ersten Silbe.

»Ich kenne das Wort.«

Ali blickte ihn an.

»Von ihnen?«, fragte sie. Von seinen hadalischen Sklavenmeistern. Genau wie sie es sich erhofft hatte, konnte er mit einem Glossar aufwarten.

Er zuckte wie unter einem Phantomschmerz zusammen, und sie hielt den Atem an. Die Erinnerung, wenn es denn eine solche war, verflog wieder. Sie beschloss, nicht weiter daran zu rühren und kehrte zu ihrer eigenen Geschichte zurück, erklärte ihm, wie sie dazu gekommen war, Glyphen und Textreste der Hadal zu sammeln und zu entziffern. »Alles, was uns fehlt, ist ein Übersetzer, der ihre Schrift lesen kann«, sagte sie. »Das wäre möglicherweise der Schlüssel zu ihrer gesamten Zivilisation.«

Ikes Miene hatte sich verdüstert. »Bitten Sie mich darum, Sie zu unterrichten?«

Sie versuchte nicht allzu aufgeregt zu klingen: »Könnten Sie das denn, Ike?«

Er schnalzte verneinend mit der Zunge. Ali erkannte das Geräusch sofort aus ihrer Zeit bei den Buschleuten in Südafrika wieder. Die Klick-Sprache? Sie wurde immer erregter.

»Nicht einmal die Hadal können Hadal lesen«, sagte er.

»Dann haben Sie nur noch keinen Hadal lesen sehen«, korrigierte sie ihn. »Sie haben nur Analphabeten kennen gelernt.«

»Sie können die Hadal-Schrift nicht lesen«, wiederholte Ike. »Sie haben es verlernt. Ich habe nur einen getroffen, der Englisch und Japanisch lesen konnte. Aber die alte Hadal-Schrift war ihm fremd. Was ihn sehr traurig machte.«

»Warten Sie«, unterbrach ihn Ali verblüfft. Bislang hatte noch niemand so etwas in Erwägung gezogen. »Wollen Sie damit sagen, dass die Hadal moderne Sprachen lesen können? Sprechen sie unsere Sprachen auch?«

»Dieser eine konnte es«, sagte Ike. »Er war ein Genie. Die anderen sind ... viel weniger als er.«

»Dann kannten Sie Ihn also? Den Ersten unter ihnen?« Ihr Puls raste. Von wem konnte er sonst reden, wenn nicht vom historischen Satan?

Ike hielt inne. Er sah sie mit dieser undurchdringlichen Gletscherbrille an oder durch sie hindurch. Sie konnte keinen einzigen seiner Gedanken lesen. »Ike?«

»Was wollen Sie?«, fragte er.

Sie wollte ihm vertrauen. Sie berührten sich noch immer, was kein schlechter Anfang zu sein schien. »Meine Aufgabe besteht darin, eine positive Identifikation dieses Mannes zu liefern - wer auch immer er sein mag. Mehr Informationen zu sammeln. Hinweise auf sein Verhalten.

Ihm vielleicht sogar persönlich zu begegnen.«

»Das ist unmöglich.« Ikes Stimme hörte sich wie tot an. »Sobald Sie ihm so nahe kommen, sind Sie nicht mehr Sie selbst.«

Sie überlegte. Er wusste etwas, wollte aber nicht damit herausrücken.

»Sie haben ihn nur erfunden«, behauptete sie. Es war kindisch, ihr letzter Versuch.

Die Tänzer drehten sich rings um sie und Ike.

Ike streckte einen Arm aus. Drehte ihn im Licht gerade so weit, dass Ali erkannte, dass die in die Haut geritzten, erhobenen Narben eigentlich Glyphen waren. Dem bloßen Auge erschienen die Narben unter anderen auf der Hautoberfläche angebrachten Markierungen verborgen. Sie berührte sie mit den Fingerspitzen, so wie es ein Hadal in völliger Dunkelheit tun würde.

»Was bedeutet das?«, fragte sie.

»Das ist ein Besitzzeichen«, sagte er. »Der Name, den sie mir gaben. Abgesehen davon weiß ich nichts darüber. Sie imitieren einfach die Zeichnungen, die ihnen ihre Vorfahren vor langer Zeit hinterließen.«

Alis Finger tasteten über die vernarbten Stellen. »Was soll das sein, ein Besitzzeichen?«

Er zuckte die Achseln und betrachtete den Arm, als gehörte er jemand anderem. »Wahrscheinlich gibt es eine bessere Bezeichnung dafür, aber ich nenne sie so. Jeder Clan hatte seine eigenen, auch jedes einzelne Mitglied.« Er blickte sie an.

»Ich kann Ihnen noch andere zeigen«, sagte er.

Ali versuchte ganz ruhig zu bleiben. Innerlich war sie kurz davor, laut loszuschreien. Die ganze Zeit über hatte sie Ike schon als Schlüssel zu ihrer Aufgabe angesehen.

Warum hatte dem Mann sonst niemand diese Fragen gestellt? Vielleicht hatte es ja jemand getan, nur war Ike damals noch nicht so weit gewesen, sie zu beantworten.

»Warten Sie«, sagte sie und zog ihn an den Rand der Tanzfläche.

»Ich hole Papier.« Sie konnte sich kaum zurückhalten. Es war der Anfang ihres Glossars. Wenn sie den Code der Hadal knackte, öffnete sie dem menschlichen Verstand eine völlig neue Sprache.

»Papier?«, fragte er.

»Um die Zeichen abzumalen.«

»Aber ich habe sie doch bei mir.«

»Sie haben was?«

Er fing an, seine Tasche aufzuknöpfen, hielt dann jedoch inne.

»Sind Sie sicher?«

Sie starrte ungeduldig auf die Tasche, die ihr nicht schnell genug aufklappte. »Ja.«

Er zog ein kleines Päckchen Lederflicken heraus und reichte es ihr. Jeder Einzelne war zu einem sauberen Rechteck geschnitten und gegerbt worden, damit er weich blieb. Zuerst hielt Ali die Lederstückchen für eine Art Notizbuch, auf das Ike seine Zeichen abgeschrieben hatte. Tatsächlich waren auf einer Seite verblasste Farbspuren zu sehen. Dann erst sah sie, das die Farben von einer Tätowierung stammten, dass die striemenartigen Wülste Narbengewebe waren, und sie sah auch einige kleine, farblose Haare. Das war tatsächlich Haut. Menschenhaut. Hadalhaut. Was auch immer.

Ike bekam nichts von ihren Bedenken mit, so sehr war er damit beschäftigt, die Streifen auf ihren ruhigen, leicht hohlen Handflächen zusammenzustellen. Dabei gab er ununterbrochen einen Kommentar zu den einzelnen Streifen ab, konzentriert, beinahe dozierend. »Zwei Wochen alt«, sagte er bei einem. »Beachten Sie die verschlungenen Schlangen. Dieses Motiv ist mir noch nirgendwo begegnet. Man spürt förmlich, wie sie sich umeinanderwinden, sehr gekonnt gemacht, wer auch immer sie gestochen hat.«

Er legte zwei Stücke nebeneinander. »Diese beiden habe ich von einer sehr frischen Beute. An den miteinander verbundenen Kreisen kann man ablesen, dass diese Reisenden von weit her gekommen sind, aus der gleichen Region. Ich habe dieses Muster schon bei Afghanen und Pakistanis gesehen. Bei Gefangenen, damals.«