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Ali starrte ihn ebenso entgeistert an wie die Hautstücke. Sie war noch nie besonders zimperlich gewesen, doch seine Sammlung verschlug ihr die Sprache.

»Hier haben wir eine Käferform, erkennen Sie’s? Sehen Sie, wie sich die Flügel gerade öffnen? Das ist wieder ein anderer Clan. Ich kenne solche mit geschlossenen und weit ausgebreiteten Flügeln. Bei dem hier bin ich ratlos, das sind alles nur Punkte. Vielleicht Fußspuren? Ein Zeitmaß? Jahreszeiten? Keine Ahnung. Das hier ist eindeutig ein Höhlenfischmuster. Sehen Sie die Laternenstiele vor seinem Maul baumeln? Solche Fische habe ich schon gesehen. Man kann sie in flachen Tümpeln ganz leicht mit der Hand fangen. Man wartet, bis das Licht aufblinkt, dann packt man sie bei den Augenstielen. Als zöge man Karotten oder Zwiebeln aus dem Boden.«

Er legte seinen letzten Hautflecken hin. »Hier kann man ein wenig von den geometrischen Mustern erkennen, die sie an den Rand ihrer Mandatas malen. Sie sind hier unten sehr verbreitet, eine Methode, um den äußeren Kreis rituell miteinzubeziehen und die Information des Mandala zusammenzuhalten. Sie haben das bestimmt schon an den Felsen gesehen. Ich hoffe, dass sich jemand in unserer Truppe einen Reim darauf machen kann. Schließlich haben wir hier jede Menge Gelehrter auf einem Haufen.«

»Ike«, unterbrach ihn Ali. »Was meinen Sie mit frischer Beute?«

Ike hob die beiden Stücke, auf die er sich bezogen hatte, vom Boden auf. »Einen Tag alt, höchstens zwei.«

»Ich meine: Was wurde getötet? Ein Hadal?«

»Einer der Träger. Seinen Namen kenne ich nicht.«

»Uns fehlt ein Träger?«

»Eher zehn oder zwölf«, erwiderte Ike. »Ist Ihnen das nicht aufgefallen? Immer zwei oder drei auf einmal, alle in der vergangenen Woche. Sie haben die Nase voll von Walkers Herumkommandiererei.«

»Weiß das jemand?« Bisher hatte ihr diesbezüglich niemand etwas erzählt. Die Neuigkeit eröffnete eine völlig andere Ebene der Expedition, eine, die dunkler und gewalttätiger war, als sie - und mit ihr die anderen Wissenschaftler - je vermutet hätten.

»Klar, damit gehen uns ganz schön viele Kräfte verloren.« Es hörte sich an, als redete Ike von Tieren in einer Maultierkarawane.

»Walker lässt inzwischen mehr Soldaten am hinteren Ende patrouillieren als vorne. Außerdem schickt er sie immer wieder zurück, um einen der Ausreißer zu fangen und ein Exempel zu statuieren.«

»Um sie zu bestrafen? Weil sie ihre Arbeit aufkündigen?«

Ike sah sie verwundert an. »Wenn man eine Menschenkarawane zu beaufsichtigen hat«, sagte er, »genügt ein Quertreiber, um alles über den Haufen zu schmeißen. Die ganze Gruppe kann einem auseinander brechen. Walker weiß das. Was er jedoch nicht in seinen Schädel hineinkriegt, ist die Erkenntnis, dass man sie, wenn sie weglaufen, nicht mehr zurückhalten kann. Wären es meine Leute«, setzte er offen hinzu, »würde es anders laufen.«

Also entsprachen die Geschichten über seine Sklaventreiberei der Wahrheit. Sie hätte gerne mehr gehört, hielt sich jedoch zurück. Seine dunklen Seiten konnte sie auch später noch erforschen.

»Also haben sie einen der Ausreißer geschnappt«, vermutete Ali.

»Walkers Jungs?« Ike hielt inne. »Das sind Söldner, die gehorchen der Herdenmentalität. Sie teilen sich nicht auf, suchen auch nicht lange. Sie haben Angst. Sie lassen sich eine Stunde zurückfallen, bleiben immer hübsch beisammen und schließen dann wieder auf.«

Was, so weit Ali es beurteilen konnte, nur noch eine andere Möglichkeit offen ließ. Der Gedanke machte sie traurig.

»Dann haben Sie es also getan«, sagte sie leise.

Er zog verständnislos die Stirn kraus.

»Die Träger getötet«, sagte sie.

»Warum hätte ich das tun sollen?«

»Um ein Exempel zu statuieren. Für Colonel Walker.«

»Walker!«, schnaubte Ike verächtlich. »Der soll selbst auf die Jagd gehen!«

Sie war erleichtert. »Aber was ist dann passiert?«

Ein Mord war geschehen. Kein Unfall. Ike hatte es »Beute« genannt. Also musste eine Untersuchung durchgeführt werden, dachte Ali. Sie waren nicht hier herabgestiegen, um ihre menschlichen Grundsätze preiszugeben.

»Dieser arme Bursche ist nicht weit gekommen«, sagte Ike. »Die anderen wahrscheinlich auch nicht. Als ich ihn fand, war er schon fast völlig ausgeweidet.«

Ausgeweidet? Machte man das nicht mit Schlachttieren? Wieder war Ike ganz sachlich.

»Wer würde so etwas tun?«, fragte sie. Vielleicht war einer der geflohenen Träger durchgedreht.

»Zweifellos waren es diese beiden«, sagte Ike. Er hielt die passenden Lederflicken mit den verbundenen Narbenkreisen in die Höhe. »Ich habe sie verfolgt, während sie ihn verfolgten. Sie schnappten ihn sich gemeinsam, einer von vorne, einer von oben.«

»Und dann kamen Sie dazu?«

»Richtig.«

»Und Sie konnten sie nicht zu uns zurückbringen?«

Die Absurdität des Gedankens schockierte Ike. »Hadal?«, sagte er.

Jetzt fing sie an zu verstehen. Es handelte sich nicht um Mord. Er hatte es ihr ja gleich gesagt. Frische Beute. Es fiel Ali wie Schuppen von den Augen. »Hadal?«, sagte sie. »Das waren Hadal? Hier?«

»Jetzt nicht mehr.«

»Versuchen Sie nicht, mich zu beschwichtigen. Ich will es wissen.«

»Wir befinden uns hier in ihrem Haus. Was erwarten Sie denn?«

»Aber Shoat sagte doch, dieser ganze Tunnel sei unbewohnt.«

»Ich habe mich um das Problem gekümmert. Jetzt sind wir wieder sicher.«

Ein Teil von ihr war beruhigt, ein anderer in heller Aufregung. Lebende Hadal! Aber jetzt tote.

»Was haben Sie getan?«, fragte sie, unsicher, ob sie wirklich Einzelheiten wissen wollte.

Er zog es vor, sie zu verschonen. »Ich habe sie so zurückgelassen, dass sie anderen Herumtreibern als Warnung dienen. Wir haben bestimmt keine Probleme mehr.«

»Und woher stammen diese anderen?« Sie zeigte auf seine Ledersammlung.

»Von anderen Orten. Aus anderen Zeiten.«

Sie war erschüttert. »Tragen Sie die Dinger ständig mit sich herum?«

»Stellen Sie es sich so vor, als hätte ich ihnen den Führerschein oder die Hundemarke abgenommen. Mir hilft es, Zusammenhänge zu erkennen. Bewegungen, Wanderungen. Ich lerne viel davon, fast so, als redeten sie mit mir.« Er hob einen Flicken an die Nase und roch daran. Dann leckte er darüber. »Dieser hier kommt aus sehr großer Tiefe. Man erkennt es an der Sauberkeit.«

»Wovon reden Sie da?«

Er streckte ihr den Fetzen hin, und sie drehte den Kopf weg.

»Haben Sie schon jemals Fleisch von frei laufenden Rindern gegessen? Es schmeckt anders als das von mit Getreide und Hormonen gemästeten Kühen. Hier unten gilt das Gleiche. Dieser Bursche hat in seinem ganzen Leben kein Sonnenlicht genossen. Er ist nie an der Oberfläche gewesen. Hat nie ein Tier gegessen, das oben war. Wahrscheinlich hat er sich zum ersten Mal von seinem Stamm entfernt.«

»Und Sie haben ihn getötet.«

Er blickte sie an.

»Großer Gott! Was haben die Hadal Ihnen denn getan?«

Er zuckte die Achseln. Mit nur einem Herzschlag hatte er sich tausend Meilen von ihr entfernt.

»Ich werde ihn finden«, sagte er.

»Wen?«

Er zeigte auf die wulstigen Narben auf seinem Arm.

»Ihn«, sagte er tonlos.

»Haben Sie nicht gesagt, das sei Ihr eigener Name?«

»Stimmt. Sein Name war mein Name. Ich hatte keinen anderen Namen, nur seinen.«

»Wessen?«

»Desjenigen, dem ich gehörte.«

Vier Tage später fanden sie Shoats Fluss.

Ike war vorausgeschickt worden. Er erwartete die Expedition in einem großen, von tosendem Donner erfüllten Gewölbe. In der Mitte des Bodens gähnte ein großer vertikaler Schacht, der an seinem oberen Ende wie ein Vulkanschlot geformt war. Die Öffnung hatte den Durchmesser eines Häuserblocks, und aus diesem Loch brüllte es zu ihnen herauf.