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Die Wände schwitzten. Rinnsale sprudelten in den klaffenden Rachen. Die Reisenden versuchten, bis zum Boden hinunterzusehen. Ihre Lichtstrahlen beleuchteten einen tiefen pulsierenden Schlund. Ike ließ eine Stirnlampe an einem Seil hinab. Zweihundert Meter tiefer schaukelte und hüpfte das winzige Licht auf einem unsichtbaren Strom.

»Verdammt noch mal«, sagte Shoat. »Der Fluss!«

»Haben Sie ihn denn nicht erwartet?«, fragte jemand.

Shoat grinste. »Niemand wusste es mit letzter Gewissheit. Unsere kartografische Abteilung sprach von einer Chance eins zu drei. Andererseits war es die einzige logische Erklärung für ihre Daten.«

»Wir sind die ganze Zeit auf eine bloße Vermutung zumarschiert?«

Shoat zuckte unbekümmert mit der Schulter. »Ziehen Sie die Schuhe aus«, sagte er, »keine Rucksäcke mehr. Wir sind genug gelaufen. Ab hier wird geschippert.«

»Ich finde, wir sollten zuerst die Lage peilen«, sagte ein Hydrologe. »Wir haben keine Ahnung, was uns dort unten erwartet. Wie sieht das Flussbett aus? Wie schnell fließt das Gewässer? Wohin führt es?«

»Das alles können Sie bestens von den Booten aus untersuchen«, meinte Shoat.

Die Träger kamen erst drei Stunden später an. Nach dem Abmarsch vom ersten Proviantlager waren sie doppelt so schwer beladen - für doppelten Lohn. Sie setzten ihre Lasten an einer trockenen Stelle ab und verschwanden in einer angrenzenden Höhle, wo Walker eine warme Mahlzeit für sie hatte zubereiten lassen.

Ali ging zu Ike hinüber, der am Schacht saß und Seile hinunterließ. Als sie sich nach dem Tanz getrennt hatten, war sie betrunken gewesen, übersättigt von Neugier und letztendlich Abscheu. Jetzt war sie nüchtern wie ein Kieselstein. Die Abscheu hatte sich verflüchtigt.

»Was wird jetzt aus denen?«, fragte sie in Richtung der Träger.

»Endstation«, antwortete er. »Shoat braucht sie nicht mehr.«

»Er schickt sie nach Hause? Erst lässt der Colonel die Ausreißer jagen, und jetzt lässt man sie einfach gehen?«

»Shoat hat hier das Sagen.«

»Schaffen sie es denn allein zurück?«

Es war nicht gerade der richtige Ort, jemanden zu entlassen - zwei Monate von jeder Zivilisation entfernt. Aber Ike sah keinen Sinn darin, ihre Entrüstung schon wieder anzustacheln. »Klar doch«, sagte er. »Warum nicht?«

»Ich dachte, man hätte ihnen Arbeit für ein ganzes Jahr garantiert.« Ali ließ nicht locker.

Er vertäute mit einer Hand eine Seilrolle und machte sich an den Knoten zu schaffen. »Wir haben selbst mehr als genug Probleme«, beschied er sie. »Probleme, die langsam zu einem Pulverfass werden. Sobald sie begreifen, dass wir sie einfach stehen lassen, ist es nur eine Frage der Zeit, bis sie auf uns losgehen.«

»Auf uns?«, stieß sie erschrocken aus. »Aus Rache?«

»Es ist grundlegender als das«, meinte Ike. »Sie werden unsere Waffen haben wollen, unsere Lebensmittel, alles. Vom militärischen Gesichtspunkt aus, also aus Walkers Perspektive, wäre es am besten, sie kaltzumachen und damit Schluss.«

»Das würde er niemals wagen«, sagte Ali. »Er ist nicht gerade das, was ich mir unter einem Christen vorstelle, aber er ist immerhin bibelfest.«

»Haben Sie es nicht mitbekommen?«, fragte Ike. »Man hat die Träger von uns getrennt. Diese Nebenhöhle ist ein Käfig ohne Tür. Von dort können sie nur einzeln herauskommen, was sie zu einem leichten Ziel macht, falls sie es satt sind, zusammengepfercht dort drin hocken zu bleiben.«

Ali wollte diese andere, grausame Ebene der Expedition nicht wahrhaben. »Er wird sie doch nicht erschießen, oder?«

»Nicht nötig. Wenn die Träger sich dazu entschließen, den Kopf aus der Höhle zu strecken, sind wir wahrscheinlich schon längst auf dem Fluss unterwegs.«

Wieder ließ der Quartiermeister die Gepäckstücke öffnen und den Nachschub aus dem Proviantlager ausbreiten. Er verteilte speziell angefertigte Rettungsanzüge an die Soldaten und die Forscher. Sie bestanden aus reißfestem Stoff, der sowohl wasserdicht als auch atmungsaktiv war. Ein drahtiger Söldner erklärte ihnen, worauf es ankam. »In diesen Dingern können Sie laufen, klettern und schlafen. Falls Sie über Bord fallen, ziehen Sie an diesem Notring, dann bläst sich der Anzug von selbst auf. Er bewahrt Ihre Körperwärme und hält Sie trocken.«

Die Anzüge bestanden aus gummiartigen Shorts, einer ärmellosen Weste und einem hautengen Überzug. Das Gewebe war der Dunkelheit entsprechend aschgrau, mit kobaltblauen Streifen. Als die Wissenschaftler ihre neuen elastischen Kleider anprobierten, wirkten sie plötzlich auf beunruhigende Weise wie zweibeinige Tiger. Hier und da ertönten anerkennende Pfiffe, von Männern wie von Frauen.

Sie versuchten, eine Videokamera hinabzulassen, um die unteren Bereiche des Schachtes zu untersuchen. Als das nicht funktionierte, schickte Walker seinen Stuntman los: Ike.

Vor nicht allzu langer Zeit musste ein Pfad aus der Höhle zum Fluss hinuntergeführt haben. Ike hatte bereits einige Stunden damit verbracht, nach ihm Ausschau zu halten. Doch der Tunnel, der dafür am ehesten in Frage kam, war anscheinend von einem Beben mit schweren Felsbrocken blockiert worden. Hinweise auf die Anwesenheit von Hadal gab es überall - aus Stein gemeißelte Säulen, verwaschene Wandmalereien, Steindämme, um Rinnsale umzuleiten - aber keinerlei Anzeichen dafür, dass das Loch jemals als direkter Zugang zum Fluss benutzt worden war.

Ike ließ sich in den steinernen Schlund hinab, die Füße gegen den geäderten Stein gestemmt. Am Ende des ersten Seils, einhundert Meter tief, schaute er durch das rieselnde Wasser nach oben. Sie beobachteten ihn, warteten ab.

Der Schacht weitete sich zu einem großen Hohlraum. Ohne jede Vorwarnung tappten Ikes Füße plötzlich in finsterer Leere. Er hielt an und schaukelte in einer riesigen, stillen Kugel aus Nacht.

Dann richtete er den Lichtstrahl schräg nach unten und fand den Fluss ungefähr zwanzig Meter tiefer. Ike war in ein lang gezogenes, natürliches Kuppeldach hinabgestiegen. Eigenartigerweise hörte das donnernde Geräusch in dem Moment auf, in dem er den Schacht hinter sich ließ. Hier unten war es praktisch still. Er hörte, wie das Wasser unter ihm dahinglitt, sonst nichts.

Ohne das herabhängende Seil wäre das Einstiegsloch wahrscheinlich zwischen all den anderen unregelmäßigen Steingebilden rings um ihn verschwunden. Wände und Decke waren mit erstarrtem Magma überzogen. Er ließ sich weiter hinab und arretierte das Seil erst in Reichweite des Wassers. Es rann weich wie schwarze Seide unter ihm dahin. Versuchsweise streckte Ike die Finger hinein. Nichts schnellte heraus, um ihn zu beißen. Die Strömung war stark und gleichmäßig. Das Wasser fühlte sich kühl und schwer an. Es roch nach nichts. Falls es ursprünglich aus dem Pazifik stammte, dann war es jetzt jedenfalls kein Salzwasser mehr. Auf der langen Reise ins Erdinnere war das Salz herausgefiltert worden. Es schmeckte herrlich.

»Sieht alles sehr gut aus«, funkte Ike nach oben.

Immer mehr Leute ließen sich wie Spinnen an Seidenfäden herab. Einigen musste man erst gut zureden. Zivilisten, dachte Ike.

Die Boote vom Stapel zu lassen, war eine nicht ganz einfache Angelegenheit. Sie seilten die Flöße mit bereits aufgeblasenen Schwimmern, eingesetztem Boden und Sitzen ab. Ihr erster Versuch wurde vom Fluss weggerissen. Zum Glück saß noch niemand drin. Auf Ikes Anweisung hin wurde das nächste Floß nur bis kurz über das Wasser abgeseilt, während sich ein Team von Bootsführern gleichzeitig an fünf anderen Seilen herabließ. Wie sie so in der Luft hingen, sahen sie aus wie Marionetten. Dann wurde bis drei gezählt, und die Mannschaft pendelte sich genau in dem Augenblick in das Floß, als dieses das Wasser berührte. Zwei Männer ließen ihre Seile nicht rechtzeitig los und schaukelten dann über dem Fluss hin und her, während das Floß davonschoss. Die anderen griffen sich die Paddel und fingen sofort an, mit aller Kraft auf eine riesige, glatt geschliffene Rampe nicht weit flussabwärts zuzuhalten.