Die Operation ließ sich etwas besser an, nachdem ein kleiner Motor herabgelassen und an einem der Katamaranflöße befestigt worden war. Das motorisierte Boot versetzte sie in die Lage, auf dem Fluss zu kreisen und Passagiere sowie Ausrüstungssäcke einzusammeln, die an einem Dutzend verschiedener Stellen hingen. Einige der Wissenschaftler erwiesen sich als recht kompetent im Umgang mit Seilen und Booten. Mehrere von Walkers martialischen Haudegen sahen ziemlich seekrank aus. Ike gefiel das. Das glich die Mannschaften ein wenig aus.
Es dauerte insgesamt fünf Stunden, bis sie ihre tonnenschwere Ausrüstung durch den Schacht auf die Boote geladen hatten. Die kleine Flotte trieb ein Stück flussabwärts, zu der steinernen Rampe. Dort schlugen sie das Nachtlager auf. Abgesehen von dem einen Floß hatte die Expedition keine Verluste zu beklagen. Ringsum herrschte Zufriedenheit über die reibungslose Zusammenarbeit. Die Jules Verne Society hatte damit ihre Feuertaufe bestanden und sah erhobenen Hauptes dem entgegen, was ihnen die Hölle jetzt noch zu bieten hatte.
Ali träumte in dieser Nacht von den Trägern. Sie sah ihre Gesichter langsam in der Dunkelheit verblassen.
Schickt die Besten aus,
die ihr erzieht -
bannt eure Söhne ins Exil,
den Bedürfnissen eurer
Gefangenen zu dienen.
RUDYARD KIPLING,
Die Bürde des Weißen Mannes
15
Flaschenpost
LITTLE AMERICA, ANTARKTIS
January hatte eine tobende weiße Hölle erwartet, mit Orkanen und Bretterbuden. Aber die Landebahn war trocken, der Luftsack hing schlaff herab. Sie hatte nicht wenige Beziehungen spielen lassen, um sie heute hierherzubringen, war sich jedoch nicht ganz sicher, was sie vorfinden würden. Es braute sich etwas zusammen, das den gesamten Planeten in Mitleidenschaft ziehen konnte.
Das Flugzeug parkte elegant ein. January und Thomas verließen die Globemaster über die Gepäckrampe, vorbei an Gabelstaplern und Gruppen von GIs.
»Sie werden bereits erwartet«, klärte sie eine Eskorte auf.
Sie betraten einen Fahrstuhl. January hoffte nur, dass es sich um einen Raum mit Aussicht in einem oberen Stockwerk handelte. Sie wollte sich diese riesenhafte weiße Ebene und die ewige Sonne ansehen. Stattdessen ging es nach unten. Zehn Stockwerke tiefer öffneten sich die Türen wieder. Der Flur führte zu einem Besprechungsraum, in dem es dunkel und sehr still war. Zuerst dachte sie, der Raum sei leer, doch dann sagte eine Stimme weiter vorne:
»Licht.« Es hörte sich an wie eine Warnung. Als es hell wurde, sah January, dass der Raum fast bis auf den letzten Platz besetzt war. Mit Ungeheuern.
Zuerst hielt sie alle für Hadal, die sich da schützend die Hände vor die Augen hielten. Aber es handelte sich ausschließlich um amerikanische Offiziere. Der Wasserkopf eines Captains vor ihr war auf die Größe und Form eines von Beulen und Furchen bedeckten Football-Helms angeschwollen. January suchte nach dem Fachausdruck ... Paget-Krankheit. Sie bewirkte die Auflösung und unkontrollierte Wucherung von Knochengewebe. Die Schädelhöhle wurde dabei nicht in Mitleidenschaft gezogen, auch Bewegung und Koordination blieben davon unbehelligt. Die Missbildungen hingegen waren drastisch. Sie sah sich automatisch nach Branch um, doch dieses eine Mal stach er nicht sogleich aus der Menge der Versammelten heraus.
»Ein herzliches Willkommen unseren hochverehrten Gästen, Senatorin January und Pater Thomas.« Auf dem Podium stand General Sandwell. Er war January als Mann mit außergewöhnlichem Potential und als Intrigant bekannt. Sein Ruf als Kommandeur im Feld war nicht der beste. Und jetzt hatte er seine Leute mit dieser Begrüßung vor der Politikerin und dem Priester in ihrer Mitte gewarnt. »Wir wollten gerade anfangen.«
Das Licht ging wieder aus. Die Erleichterung war hörbar, als die Männer es sich wieder in ihren Sesseln bequem machten. Januarys Augen gewöhnten sich an die Dunkelheit. An einer Wand leuchtete ein wasserblauer Videoschirm, auf dem mehrere Landkarten sichtbar wurden. »Um es noch einmal zusammenzufassen«, sagte Sandwell, »es braut sich in unserem WestPac-Sektor, genauer gesagt am Grenzposten 1492, eine kritische Situation zusammen. Die hier Anwesenden sind Kommandeure subpazifischer Basislager, und sie sind hier zusammengekommen, um die neuesten Informationen sowie meine diesbezüglichen Befehle entgegenzunehmen.«
January wusste, dass er das eigens für sie betonte. Sie ärgerte sich nicht darüber. Allein die Tatsache, dass sie und Thomas sich in diesem Raum aufhalten durften, war Ausdruck ihrer eigenen weit reichenden Macht.
»Nachdem eine unserer Patrouillen als vermisst gemeldet wurde, gingen wir zunächst von einem Angriff aus. Wir schickten sofort Verstärkung los. Auch die Verstärkung kehrte nicht zurück. Erst dann erreichte uns die letzte Nachricht der vermissten Patrouille.«
January wurde von Reue ergriffen. Ali war irgendwo dort draußen, viel weiter unten als die vermisste Patrouille. Konzentriere dich, ermahnte sie sich, nicht den roten Faden verlieren!
»Wir nennen so etwas Flaschenpost«, erklärte Sandwell. »Ein Mitglied der Patrouille, normalerweise der Funker, hat eine Thermopylen-Box dabei. Sie sammelt pausenlos Videobilder und digitalisiert sie. Im Notfall überträgt sie ihre Daten auch automatisch, wobei die Information in den geologischen Raum geworfen wird. Das Problem besteht darin, dass verschiedene unterirdische Phänomene unsere Frequenzen in unterschiedlichem Ausmaß retardieren. In diesem Fall prallte die Information am äußeren Mantel ab und kam erst viel später durch mehrfach gefalteten Basalt bei uns oben an. Kurz gesagt, die Übermittlung blieb fünf Wochen lang im Gestein stecken. In diesem Zeitraum haben wir drei weitere Trupps zusammengestellt und losgeschickt. Und verloren. Inzwischen wissen wir, dass es kein feindlicher Angriff gewesen ist. Der Feind, mit dem wir es hier zu tun haben, kommt von innen. Es ist einer von uns. Bitte das ClipGal-Video.«
»Letzte Meldung - Grüner Falke«, kündigte ein Titel an. Aus der Dunkelheit des Bildschirms lösten sich einzelne Wärmeflecken. Sieben Mann. Sie sahen geisterhaft aus.
»Da hätten wir sie«, sagte Sandwell. »SEALS, alle von UDT Three, WestPac. Ein ganz normaler Routinegang. Ich spule die nächsten zweihundert Meter vor. Was uns interessiert, kommt erst danach.«
Sandwell spulte, und der Zug Soldaten schien durch Lichtgitter vorwärtszurasen. In jeder Zone flammten neue Scheinwerfer auf, und der Bereich dahinter wurde wieder dunkel. Es war wie ein ausgedehnter Zebrastreifen. Die sorgfältig installierte Kombination aus Licht und anderen elektromagnetischen Wellen blendete und tötete Lebensformen, die in der Dunkelheit ihr Dasein fristeten. Nachdem der Subplanet befriedet war, wurden Kernpunkte wie der gezeigte mit Anordnungen von Scheinwerfern, Infrarot-, Ultraviolett- und anderen Photontransmittern ausgerüstet, dazu kamen sensorgeführte Laser, um »den Geist in der Flasche zu lassen«. Jetzt wurden erste Anzeichen für die Anwesenheit des Geistes sichtbar. Knochen und Kadaver lagen auf dem in tödlich grelles Licht getauchten Weg. Sandwell fuhr wieder auf normale Geschwindigkeit herunter.
Als die Patrouille sich dem Ende des Tunnels näherte, wurde deutlich, dass jemand versucht hatte, die dort installierte Scheinwerferanlage zu sabotieren. Einzelne Scheinwerfer waren zerbrochen, andere mit primitiven Werkzeugen blockiert oder mit Steinen ummauert. Die SEALS blieben stehen. Direkt vor ihnen, dort, wo die Mündung des Tunnels pechschwarz gähnte, lag die unbekannte Wildnis.
January schluckte ihre Anspannung herunter. Jeden Augenblick würde etwas Schreckliches passieren. Sandwell spulte wieder vorwärts. Mit hastigen Bewegungen entledigten sich die Soldaten ihres Marschgepäcks und begannen mit den Instandsetzungsarbeiten: Teile wurden ersetzt, Glühbirnen in Wände und Decken geschraubt, Geräte wurden geschmiert und Laser neu eingestellt. Die Bildschirmuhr durchraste sieben Minuten.