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»Major Branch?«, sagte Sandwell. »Sind Sie es, Elias?«

Branch erhob sich und verdeckte einen Teil des Bildschirms. Seine Silhouette wirkte gedrungen, verzerrt und urzeitlich. »Ihre Information ist falsch, Sir.«

»Dann erkennen Sie ihn also?«

Das Standbild zeigte ein Gesicht im Dreiviertelprofil, tätowiert, das Haar wie mit einem Messer gestutzt. Wieder spürte January, wie Thomas erneut zusammenzuckte. Das Klacken aufeinander schlagender Zähne, eine leichte Veränderung in der Atmung. Er starrte auf den Schirm.

»Kennen wir diesen Mann?«, flüsterte sie. Thomas schüttelte wieder den Kopf.

»Sie haben einen Fehler gemacht«, wiederholte Branch.

»Schön wär’s«, erwiderte Sandwell. »Er ist durchgedreht, Elias. So sieht es nun mal aus.«

»Nein, Sir.« Branch blieb stur.

»Wir sind selbst schuld daran«, sagte Sandwell. »Wir haben ihn bei uns aufgenommen. Die Army hat ihm Unterschlupf gewährt. Wir dachten, er sei zu uns zurückgekehrt. Aber es ist sehr wahrscheinlich, dass er nie aufgehört hat, sich mit den Hadal, die ihn gefangen genommen hatten, zu identifizieren.«

»Glauben Sie im Ernst, dass er für den Teufel arbeitet?«, spottete Branch.

»Ich sage nur, dass er ein psychologischer Flüchtling zu sein scheint. Er ist zwischen zwei Spezies gefangen und macht Jagd auf beide. Ich sehe, dass er meine Männer tötet und dass er es darüber hinaus auf den gesamten Subplaneten abgesehen hat.«

Jetzt war January zutiefst erschrocken. »Thomas, er ist der, von dem uns Ali in ihrem Brief berichtet hat. Dieser Kundschafter von Helios! Ike Crockett. Er ist den Hadal entkommen. Ali schrieb, sie hoffe, ihn befragen zu können. Wo habe ich sie da nur hineingeritten?«

»Seiner bisherigen Aktivität nach zu urteilen«, fuhr Sandwell fort, »ist Crockett dabei, einen Ring der Verseuchung um den gesamten subpazifischen Äquator zu legen. Mit einem einzigen Signal kann er eine Kettenreaktion auslösen, die jedes Lebewesen im Erdinneren auslöscht, egal ob Mensch, Hadal oder sonst was.«

»Welche Beweise haben Sie dafür?«, hakte Branch beharrlich nach. »Zeigen Sie mir eine Szene oder ein Bild, auf dem zu sehen ist, wie Ike die CBWs installiert.« January hörte aus den trotzig vorgebrachten Worten auch eine Spur Gram heraus. Branch musste irgendwie mit dem Kerl auf dem Bildschirm in Verbindung stehen.

»Wir verfügen über keine Bilder«, gab Sandwell zu. »Aber wir haben die Spur der gestohlenen Ladung Prion-9 verfolgt. Sie wurde aus unserem Depot für chemische Waffen in West Virginia gestohlen. Der Diebstahl ereignete sich in der gleichen Woche, in der Crockett sich vor einem Kriegsgericht in Washington verantworten musste und stattdessen geflohen ist. Und jetzt wurden vier von diesen Zylindern ausgerechnet in dem Korridor gefunden, durch den er die Helios-Expedition führt.«

»Wenn das Gift hochgeht, ist er selbst mit dran«, hielt Branch dagegen. »Das sieht Ike nicht ähnlich. Er würde sich niemals selbst umbringen. Er ist ein Überlebenskünstler.«

»Genau das ist unser letzter Beweis«, konterte Sandwell.

»Ihr Schützling hat sich selbst immunisiert.«

Schweigen.

»Wir haben mit dem Arzt gesprochen, der den Impfstoff beaufsichtigte«, führte Sandwell weiter aus. »Er erinnerte sich genau an den Zwischenfall, und das aus gutem Grund. Es gibt nur einen Mann, der gegen Prion-9 immunisiert wurde.«

Auf dem Schirm blitzte ein Foto auf. Es zeigte einen medizinischen Entlassungsschein. Sandwell gab ihnen eine Minute, um ihn sich durchzulesen. Man konnte den Namen eines Arztes und eine Adresse im Briefkopf erkennen. Und ganz unten eine schlichte Unterschrift. Sandwell las sie laut vor: »Dwight D. Crockett.«

»Scheiße noch mal«, grunzte einer der Kommandeure.

Branch blieb weiterhin stur in seiner Loyalität. »Ich zweifle Ihren Beweis an.«

»Ich weiß, wie schwer das für Sie sein muss«, wandte sich Sandwell direkt an ihn.

January entging nicht, dass sich unter den Männern Unruhe breit machte. Erst später erfuhr sie, dass Ike nicht wenige von ihnen ausgebildet, einigen von ihnen sogar das Leben gerettet hatte.

»Es ist unumgänglich, dass wir diesen Verräter aufspüren«, verkündete Sandwell. »Ike hat sich damit zum meistgesuchten Mann der Welt gemacht.«

Jetzt ergriff January das Wort. »Habe ich das richtig verstanden?«, sagte sie. »Der einzige Mensch, der gegen diese Pest immun ist, ist derjenige, der sie einzusetzen droht?«

»Richtig, Frau Senatorin«, nickte Sandwell. »Aber nicht mehr lange. Momentan sind wir dabei, den gesamten Subplaneten innerhalb eines Radius’ von drei Meilen zu evakuieren, inklusive Nazca City. Niemand, der nicht geimpft worden ist, geht wieder zurück. Mit Ihnen, meine Herren, fangen wir an. Nebenan warten mehrere Ärzte auf Sie. Sie, Frau Senatorin, und auch Sie, Pater Thomas, dürfen sich uns gerne anschließen.«

Bevor January ablehnen konnte, sagte Thomas zu. Er warf ihr einen Blick zu und sagte: »Nur für alle Fälle.«

Jetzt war der Schirm mit einer Landkarte bedeckt. »Das Helios-Kartell hat sich dazu bereiterklärt, uns seine Informationen hinsichtlich des geplanten Verlaufs der Expedition zu übermitteln«, erläuterte Sandwell. »In den kommenden Monaten werden wir eng mit ihrer kartografischen Abteilung zusammenarbeiten, um die Forscher zu lokalisieren und zu retten. In der Zwischenzeit gehen wir auf die Jagd. Ich möchte, dass Patrouillen ausgesandt und Ausstiegspunkte überwacht werden. Wir lauern ihm auf. Und wenn wir ihn ausfindig gemacht haben, erschießen wir ihn. Auf der Stelle. Dieser Befehl kommt von ganz oben. Ich wiederhole: auf der Stelle eliminieren. Bevor dieser Abtrünnige uns erledigt.«

Sandwell sah sie direkt an. »Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, an dem sich jeder der hier Anwesenden fragen muss, ob er sich dieser Aufgabe stellen kann.«

Seine Frage galt allein einem Mann. Alle wussten das. Schweigend warteten sie auf Branchs Weigerung, dem Befehl Folge zu leisten. Er sagte nichts.

Der Anruf um 3.30 Uhr weckte Branch auf seiner Pritsche. Er schlief ohnehin nicht viel. Zwei Tage waren vergangen, seit die Kommandeure an ihre Stützpunkte zurückgekehrt waren und sofort mit der Suche nach Ike angefangen hatten. Branch hingegen hatte man zur Kontrollstation im Hauptquartier Südpazifik auf Neuguinea beordert. Die Versetzung war halbwegs als humanitäre Geste getarnt, doch eigentlich ging es darum, ihn weitgehend auszuschalten. Bei der großen Treibjagd brauchten sie zwar Branchs Sachverstand, trauten ihm jedoch nicht zu, dass er Ike selbst töten würde. Er konnte es ihnen nicht verübeln.

»Major Branch«, meldete sich die Stimme am Telefon. »Hier ist Pater Thomas.«

Seit der Lagebesprechung hatte Branch einen Anruf von January erwartet. Seine Verbindung lief über die Senatorin, nicht über ihren jesuitischen Vertrauten. Es hatte ihn sogar überrascht, dass January ihn zu ihrem Treffen in der Antarktis mitgebracht hatte.

»Wie haben Sie mich ausfindig gemacht?«, fragte er.

»January. Ich habe Informationen hinsichtlich Ihres Soldaten Crockett.«

Branch wartete.

»Jemand benutzt unseren Freund für seine Zwecke. Ich komme gerade von dem Arzt zurück, der für die Impfung verantwortlich war.«

Branch lauschte gespannt.

»Ich zeigte ihm ein Foto von Mr. Crockett.«

Branch schraubte den Hörer fast in sein Ohr hinein.

»Ich glaube, wir stimmen darin überein, dass er nicht allzu leicht zu verwechseln ist. Trotzdem behauptete der Arzt, ihn noch nie im Leben gesehen zu haben. Jemand hat seine Unterschrift gefälscht. Jemand hat sich für ihn ausgegeben.«

Branch lockerte seinen Griff ein wenig.

»Dann ist es Walker?« Er hatte ihn von Anfang an im Verdacht gehabt.

»Nein«, erwiderte Thomas. »Ich habe dem Arzt auch ein Foto von Walker gezeigt. Außerdem Fotos von jedem Einzelnen aus seiner Söldnergruppe. Der Arzt war sich völlig sicher: Auch von denen keiner.«