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»Wer sonst?«

»Ich weiß es nicht. Aber irgendetwas stimmt hier nicht. Ich versuche gerade, Fotos von allen Expeditionsmitgliedern zu bekommen, die ich ihm auch noch vorlegen werde. Helios erweist sich als wenig kooperativ. Genauer gesagt, erklärte mir der Vertreter von Helios, dass es eine solche Expedition offiziell überhaupt nicht gebe.«

Branch setzte sich auf den Rand des Bettgestells. Es fiel ihm schwer, ruhig zu bleiben. Welche Absichten verfolgte dieser Priester? Warum spielte er mit einem Militärarzt Detektiv? Warum führte er mitten in der Nacht Telefongespräche, in denen er Ikes Unschuld herausposaunte?

»Ich habe auch keine Fotos«, sagte Branch.

»Mir fiel ein, dass wir dieses Video, das uns Sandwell vorspielte, ebenso gut als Quelle benutzen könnten. Man konnte darin ziemlich viele Gesichter erkennen.«

Also das war es. »Sie möchten, dass ich es Ihnen beschaffe?«

»Vielleicht erkennt der Arzt seinen Mann unter den Teilnehmern.«

»Dann fragen Sie Sandwell.«

»Habe ich bereits. Er ist ebenso wenig entgegenkommend wie Helios. Ehrlich gesagt, vermute ich, dass er noch eine ganz andere Rolle spielt.«

»Mal sehen, was ich tun kann«, sagte Branch. Dieser Theorie wollte er sich nicht anschließen.

»Besteht denn keine Möglichkeit, die Suche nach Crockett abzubrechen oder zumindest zu verzögern?«

»Nein. Inzwischen sind unsere Jagdpatrouillen bereits unterwegs. Sie können nicht zurückgerufen werden.«

»Dann müssen wir rasch reagieren. Schicken Sie das Video ins Büro der Senatorin.«

Nachdem er aufgelegt hatte, blieb Branch noch eine Weile im Halbdunkel sitzen. Er nahm seinen Eigengeruch wahr, den Geruch der plastizierten Haut, den Gestank seiner Zweifel. Er war hier völlig kaltgestellt. Genau das hatten sie beabsichtigt. Er sollte hier schön brav an der Oberfläche abwarten, während sie die Dinge in die Hand nahmen.

Die ClipGal-Videos für den Priester zu organisieren, mochte in gewisser Hinsicht sinnvoll sein. Doch selbst wenn der Arzt mit dem Finger auf den Schuldigen zeigte, war es längst zu spät, Sandwells Entscheidung zurückzunehmen. Die meisten Spähtrupps befanden sich inzwischen jenseits einer direkten Verbindung. Jede Stunde führte sie tiefer in das Gestein.

Branch erhob sich. Kein Zaudern mehr. Er hatte eine Aufgabe zu erfüllen. Für sich. Für Ike, der nicht einmal ahnen konnte, was sie gegen ihn im Schilde führten.

Branch zog die Uniform aus. Es war, als entledigte er sich der eigenen Haut. Nach dem, was er vorhatte, würde er sie nie wieder anziehen können.

Er betrachtete sich nackt im Spiegel. Ein dunkler Fleck auf dem dunklen Glas. Seine zerstörte Haut glänzte wie ein narbiger Edelstein. Plötzlich tat es ihm Leid, dass er nie eine Frau und auch keine Kinder gehabt hatte. Jetzt wäre es schön, für jemanden einen Brief zurückzulassen, zumindest eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter.

Er zog sich Zivilkleider an und nahm sein Gewehr.

Am nächsten Morgen wollte niemand Branchs unerlaubte Entfernung von der Truppe melden. Irgendwann aber erreichte die Nachricht General Sandwell. Er war außer sich und zögerte nicht, einen neuen Befehl auszugeben: Major Branch sei Teil der Verschwörung Crocketts. »Das sind beides Verräter. Sofort erschießen.«

Das war ein mächtig großer Fluß dort unten.

MARK TWAIN,

Huckleberry Finns Abenteuer

16

Schwarze Seide

AM WESTLICHEN ÄQUATOR

Der Paladin eilte die Pfade am Flussufer entlang und legte in kurzer Zeit gewaltige Entfernungen zurück. Er hatte von einer noch größeren Invasion erfahren, die sich diesmal sogar auf dem uralten Weg direkt auf ihre letzte Zuflucht zubewegte. Deshalb hatte er sich dazu entschlossen, sich diese Eindringlinge näher anzusehen und zu vernichten. Er kämpfte gegen sämtliche Erinnerungen an. Erlitt Demütigungen. Entledigte sich seines Verlangens. Streifte allen Kummer ab. Zum Wohle seines Volkes lief der Paladin immer weiter und versuchte, alle Gedanken an seine große Liebe auszulöschen.

Die Frau hatte ihm ein Kind geboren, hatte ihren Platz eingenommen und die ihr zugewiesenen Pflichten erfüllt. Sie hatte sich zähmen lassen. Die Gefangenschaft hatte ihren Geist und ihren Willen gebrochen, hatte eine reine Fläche geschaffen. So wie er hatte sie sich von den Einführungsritualen erholt. Er hatte mitgeholfen, sie zu formen, und sich nach und nach in seine Schöpfung verliebt. Jetzt war Kora tot.

Getrennt von seinem Clan und ohne seine Frau war er wurzellos, die Welt war weit und leer. Es gab so viele neue Gebiete und Lebensformen zu untersuchen, so viele Ziele, die ihn lockten. Er hätte sich von den Stämmen der Hadal lossagen und tiefer in den Planeten eindringen, vielleicht sogar an die Oberfläche zurückkehren können. Doch er hatte seinen Weg schon vor langer Zeit gewählt.

Nach vielen Stunden wurde der Paladin müde. Es war Zeit, sich auszuruhen. Laufend verließ er den Pfad. Seine Hand berührte die Felswand. Seine Fingerspitzen fanden zufällige Haltepunkte. Ein Teil seines Gehirns schlug eine andere Richtung ein, und nun zog er sich mit den Händen nach oben. Er kroch diagonal über die sanft gewölbte Seitenwand hinauf bis zu einer Vertiefung direkt über dem Fluss. Er witterte an der Höhlenöffnung. Beruhigt setzte er sich dann in die Steinmulde, zog seine Gliedmaßen an, verkeilte sich mit dem Rücken und sagte sein Nachtgebet. Einige der Worte entstammten einer Sprache, die seine Eltern und deren Eltern und deren Eltern gesprochen hatten. Worte, die Kora ihrer Tochter beigebracht hatte: Geheiligt werde Dein Name.

Der Paladin machte die Augen nicht zu. Doch die ganze Zeit über verlangsamte er seinen Herzschlag. Seine Atmung hörte fast auf. Er wurde ruhig. Und vergib uns unsere Schuld. Der Fluss eilte unter ihm dahin. Er schlief ein.

Stimmen weckten ihn, Stimmen, die sich auf der Oberfläche des Flusses brachen. Menschenstimmen.

Die Erkenntnis stellte sich nur langsam ein. In den vergangenen Jahren hatte er sich bemüht, diesen Klang zu vergessen. Es war ein schriller Missklang. Seine Aggressivität drang bis ins Mark, breitete sich flirrend aus, genau wie Sonnenlicht. Es war kein Wunder, dass sogar stärkere Tiere vor ihnen davonliefen. Er schämte sich dafür, einmal selbst zu ihrer Rasse gehört zu haben, auch wenn das schon über ein halbes Jahrhundert zurücklag.

Hörte man den Menschen zu, lag es auf der Hand, dass allein ihre Sprache den Ort entweihte. Der offene Raum hatte sie hirnlos gemacht. Ohne etwas über sich, ohne den Fels, der die Welt bedeckte, flogen ihre Gedanken davon, in eine Leere, die schrecklicher war als jeder Abgrund. Kein Wunder, dass sie ohne jede Vorkehrungen einfach so hereinspaziert kamen. Die Menschen hatten ihren Verstand an den Himmel verloren.

Sie kamen in Booten. Ohne Vorhut, ohne Disziplin, ohne Sicherheitsmaßnahmen, ohne Schutz für ihre Frauen. Sie glitten unter seiner Höhle vorbei, ohne auch nur einmal aufzusehen. Nicht einer von ihnen! Sie waren so selbstsicher. Dabei hing er für jeden sichtbar an der Decke über ihnen.

Ihre Flöße drängten sich in einem lang gezogenen, zufällig arrangierten Pulk durch den Tunnel. Er hörte auf, sie zu zählen und konzentrierte sich stattdessen auf die Schwachen und Nachzügler. Im Lauf der folgenden Stunde beobachtete er immer wieder Einzelne, die die Sicherheit der Gruppe gefährdeten, indem sie die Seitenwände streiften oder Essensreste einfach ins Wasser warfen. Die Hinweise, die sie möglichen Verfolgern hinterließen, waren mehr als einladend. Sie hinterließen sogar ihren Geschmack. Jedes Mal, wenn einer von ihnen mit dem Kopf gegen den Stein stieß, schmierte er Menschenfett an die Wand. Ihr Urin strömte einen weithin wahrnehmbaren Geruch aus. Außer sich die Schlagadern aufzuschlitzen und sich abwartend auf den Boden zu legen, hätten sie nicht viel mehr tun können, um sich zum Schlachten anzubieten.