Unglaublich, wie viele Frauen sie mit sich führten. Schnatternd und ahnungslos. Reife Frauen. Unbewacht. In diesem Zustand war auch Kora vor langer Zeit zu ihm in die Dunkelheit gekommen.
Nachdem sie mit der Strömung des Flusses verschwunden waren, wartete er noch eine Stunde, bis sich seine Augen von dem Licht erholt hatten. Dann löste er sich, einen Muskel nach dem anderen, aus der Vertiefung, ließ sich an einem Arm von dem schmalen Vorsprung herunterhängen und lauschte. Dann ließ er los und landete auf dem Pfad.
In der Dunkelheit untersuchte er ihren Abfall, leckte an einem Schokoladenpapier, schnüffelte an einem Stein, an dem sich ihre Körper im Vorbeifahren gerieben hatten. Dann verfolgte er sie wieder, lief auf alten, in das Gestein des Flussufers eingegrabenen Pfaden und holte sie bei ihrem nächsten Rastplatz ein. Er beobachtete sie. Nur selten sah er den Einen, der anders war als sie, der zu ihm gehörte.
Viele von ihnen unterhielten sich oder sangen vor sich hin, was ihm vorkam, als lauschte er ihren geheimsten Gedanken. Manchmal hatte auch Kora so gesungen, besonders für ihre Tochter.
Immer wieder entfernten sich Einzelne vom Lager und begaben sich in seine Reichweite. Er fragte sich, ob sie seine Anwesenheit spürten und versuchten, sich ihm als Opfer darzubieten. Einmal, in der Nacht, als sie schliefen, schlich er durch ihr Lager. Ihre Körper leuchteten in der Dunkelheit. Eine einzelne Frau zuckte zusammen, als er vorüberging, und sah ihn direkt an. Sein Anblick schien sie zu erschrecken. Er machte sich davon, sie verlor sein Bild aus dem Sinn und sank wieder in den Schlaf. Er war nicht mehr als ein flüchtiger Albtraum gewesen.
Die Zeit war noch nicht gekommen, einen von ihnen zu schnappen. Es hatte keinen Sinn, sie schon in diesem frühen Stadium zu beunruhigen. Sie drangen von ganz allein immer weiter in Richtung der Zufluchtsstätte vor, und er wusste bislang noch nicht, was sie eigentlich hierher führte. Also aß er Käfer und achtete darauf, dass er sie, damit sie nicht knackten, mit der Zunge zerquetschte.
Der Fluss wurde zu ihrer alltäglichen Besessenheit.
Sie bildeten eine Flottille aus zweiundzwanzig teilweise miteinander vertäuten Flößen. Andere trieben mit großem Abstand hinterher, weil ihre Passagiere allein sein wollten, wissenschaftliche Experimente durchführten oder ihre Liebschaften pflegten. Die großen Pontonkähne hatten eine Kapazität von zehn Mann plus 650 Kilo Fracht. Mit den kleineren Booten transportierten sie tagsüber Passagiere von einer Polyurethan-Insel zur anderen oder setzten sie als schwimmende Krankenhausbetten ein. Ike hatte man den einzigen Kajak überlassen.
Eigentlich hätte es hier unten keine Klimaveränderungen geben dürfen. Wind, Regen und Jahreszeiten waren wissenschaftlich unmöglich. Man hatte ihnen erzählt, der Subplanet sei hermetisch abgeriegelt, nahezu ein Vakuum, dessen Thermostat bei 30 Grad Celsius feststeckte und in dessen Atmosphäre sich nicht das Geringste änderte. Keine Wasserfälle, keine Dinosaurier und kein Licht.
Trotzdem gab es das alles. Sie kamen an einem Gletscher vorüber, der kleine blaue Eisberge in den Fluss kalbte. Von der Decke regnete es manchmal mit der Wucht eines Monsuns. Einer der Söldner war von einem gepanzerten Fisch gebissen worden, der sich offensichtlich seit dem Zeitalter der Trilobiten nicht mehr verändert hatte.
In immer geringeren Abständen durchführen sie Höhlen, die von einer steinfressenden Flechtenart erleuchtet waren. Allem Anschein nach streckten die Flechten in ihrer Reproduktionsphase einen fleischigen Stängel mit sowohl positiver als auch negativer elektrischer Ladung aus. Das Ergebnis war Licht, das wiederum Millionen von Plattwürmern anlockte. Diese wurden von Mollusken gefressen, die zu neuen, unbeleuchteten Regionen weiterzogen. Die Mollusken schieden Flechtensporen aus. Die Sporen reiften und fraßen sich an dem neuen Gestein fest. Zentimeter um Zentimeter breitete sich das Licht in der Dunkelheit aus.
In der dritten Augustwoche passierten sie die Ausläufer eines namenlosen Meeresberges, eines Vulkans auf dem Meeresboden. Die unterseeische Erhebung selbst saß anderthalb Kilometer über ihnen auf dem Meeresgrund und wurde von diesen Ganglien, die tief in die Erdkruste hineinreichten, mit frischem, flüssigem Magma versorgt. Die Felswände links und rechts des Flusses wurden warm. Gesichter wurden rot, Lippen sprangen auf. Ike, der einen karierten Baumwollschal um den Kopf geschlungen hatte, riet ihnen, alle Kleider anzubehalten. Doch die Feuchtigkeit in den Anzügen wurde unerträglich. Es dauerte nicht lange, und alle hatten sich bis auf die Unterwäsche ausgezogen, sogar Ike in seinem Kajak. Blinddarmnarben, Leberflecken und Muttermale wurden preisgegeben und sorgten später für neue Spitznamen.
Ali hatte noch nie einen solchen Durst verspürt. An einer Stelle wurden die Tunnelwände so heiß, dass sie dunkelrot glühten. Durch einen Spalt, der sich in der Wand öffnete, sahen sie glühendes Magma, das wie Gold und Blut brodelte und wallte und sich in der Gebärmutter des Planeten wälzte. Ali wagte nur einen Blick, wandte das Gesicht aber sofort wieder ab und paddelte weiter. Das Rauschen war wie ein gewaltiges geologisches Wiegenlied.
Der Fluss schlängelte sich durch das kochende Wurzelsystem des Vulkans. Wie immer gab es jede Menge Weggabelungen und falsche Abzweigungen. Ike wusste, woher auch immer, welchen Weg sie einschlagen mussten. Ali fuhr fast am Ende der Karawane. Der Tunnel wurde schmaler. Plötzlich ertönten von ganz hinten Schreie. O Gott, jetzt greifen sie uns an, dachte sie.
Dann tauchte Ike auf und schoss mit seinem Kajak flussaufwärts an Alis Floß vorbei. Plötzlich hielt er an. Vor ihm waren die Wände wie Plastik geschmolzen und beulten sich weit in den Tunnel hinein. Die schmale Fahrbahn war fast verschlossen und das allerletzte Floß hing auf der anderen Seite fest. Männerstimmen schrien nach Hilfe.
»Wer ist da drüben?«, fragte Ike Ali und ihre Mitfahrer.
»Walkers Leute«, antwortete jemand. »Es sind zwei.«
Der zusammengequetschte Fels gab wieder ein Geräusch von sich, als würde ein hölzerner Schiffsrumpf eingedrückt. Ein Stück der Außenwand des Tunnels sprang ab und schleuderte scharfkantige Brocken durch die Luft.
Walker und seine Leute kamen von weiter flussabwärts angepaddelt. Der Colonel schätzte die Situation ab.
»Zurücklassen«, sagte er.
»Aber es sind Ihre Männer«, erwiderte Ike.
»Wir können nichts für sie tun. Es ist jetzt schon zu schmal, um ihr Floß durchzukriegen. Die beiden wissen, dass sie umkehren und zurückgehen müssen, wenn sie abgeschnitten werden.« Die Soldaten in Walkers Booten waren starr vor Entsetzen. Von ihren Handrücken bis zu den Schultern zeichneten sich ihre Adern ab.
»Nein«, sagte Ike und paddelte flussaufwärts.
»Kehren Sie sofort um!«, rief ihm Walker nach.
Ike lenkte sein Kajak durch den sich verengenden Tunnel. Die Wände verformten sich unablässig, sie schmolzen und erstarrten wie Wachs. Ein Stück seines karierten Schals berührte die Wand und fing sofort Feuer. Die Haare auf seinem Kopf rauchten. Doch er drückte sich mit höchster Geschwindigkeit durch die Öffnung. Hinter ihm blähte sich der Stein auf. Auf einer Länge von drei Metern schloss sich der Schlund mit einem Schmatzen. Nur noch unter der Decke blieb ein Stück offen, aber dort kochte das Wasser in der Hitze, es war unmöglich, dass jemand hindurchkletterte.
»Ike?«, rief Ali.
Die neue Wand erdrosselte den Fluss sehr rasch. Die Boote sanken mit dem Wasserspiegel, nach und nach wurde der Flussgrund sichtbar. Der Tunnel füllte sich mit Dampf. Sie würden sich beeilen müssen, um mit dem letzten Wasser von hier verschwinden zu können.
»Hier können wir nicht bleiben«, sagte jemand.
»Wir warten!«, befahl Ali und fügte sogleich hinzu: »Bitte!«