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Sie wartete, und der Wasserspiegel senkte sich immer mehr. In wenigen Minuten würde ihr Floß auf dem nackten Gestein festsitzen.

Alis aufgesprungene Lippen teilten sich. Gott im Himmel, betete sie. Lass diesen Mann zurückkommen. Das sah ihr gar nicht ähnlich. Gebete waren kein Tauschhandel. Mit Gott machte man keine Geschäfte. Damals, als Kind, hatte sie für die Rückkehr ihrer Eltern gebetet. Seither hatte Ali beschlossen, die Dinge so zu akzeptieren, wie sie waren. Dein Wille geschehe.

»Lass ihn leben«, murmelte sie.

Der Fels teilte sich nicht. Das hier war keine Märchenwelt.

»Gehen wir«, sagte Ali.

Dann hörten sie ein anderes Geräusch. Der auf der anderen Seite aufgestaute Fluss war entsprechend gestiegen. Mit einem Mal schoss ein Wasserstrahl durch die Öffnung unter der Decke.

»Seht doch!«

Wie Jonas, der aus dem Bauch des Wals ausgespien wurde, kamen zuerst ein Mann und dann ein zweiter durch das Loch geschossen. Das kalte Wasser schützte sie vor dem sengend heißen Stein und schleuderte sie in den tiefer gelegenen Fluss auf der anderen Seite. Die beiden Soldaten torkelten durch das hüfthohe Wasser, ohne Waffen, verbrannt und nackt. Aber sie waren am Leben. Das Floß mit den Wissenschaftlern kehrte um und die Besatzung zog die beiden unter Schock stehenden Männer an Bord.

»Wo ist Ike?«, schrie Ali sie an, aber ihre Kehlen waren so geschwollen, dass sie keinen Ton herausbrachten.

Sie drehten sich zu dem Wasserstrahl um, und jetzt schoss eine Gestalt durch die Düse. Sie war lang und schwarz und grau gesprenkelt ... Ikes leerer Kajak. Als Nächstes kam das Paddel und dann Ike selber. Sobald er im flachen Wasser gelandet war, goss er das Wasser aus dem Kajak, schwang sich hinein und paddelte zu ihnen flussabwärts. Er war angesengt, aber unversehrt, sogar sein Gewehr hatte er noch umgehängt.

Es war empfindlich knapp gewesen, und das wusste er auch. Er holte tief Luft, schüttelte das Wasser aus dem Haar und bemühte sich, ein breites Grinsen zu unterdrücken. Dann blickte er ihnen der Reihe nach in die Augen, Ali zuletzt.

»Worauf warten wir?«, fragte er.

Die Expedition beendete ihren Marathonlauf unter dem unterseeischen Vulkan hindurch erst vier Stunden später, als die Boote auf eine Klippe in kühler Luft gezogen wurden. Auch ein kleines Rinnsal mit klarem Wasser gab es dort.

Walker erhielt seine beiden nackten Soldaten zurück. Es war nicht zu übersehen, wie dankbar sie Ike waren. Die Schande des Colonels, der sie einfach hatte im Stich lassen wollen, schwebte wie eine giftige Wolke über dem Lager.

Dann wurde zwanzig Stunden geschlafen. Als sie erwachten, hatte Ike mit Steinen einen kleinen Damm errichtet, um das Rinnsal als Trinkwasserbecken aufzustauen. Ali hatte ihn noch nie so glücklich gesehen.

»Du hast ihnen befohlen zu warten«, sagte er zu ihr. Vor aller Augen küsste er sie auf den Mund. Vielleicht hielt er das für die sicherste Art und Weise. Obwohl ihr die Röte ins Gesicht schoss, sträubte sie sich nicht.

Inzwischen sah Ali den Erzengel unter Ikes vernarbter und tätowierter Schale. Er strahlte einen Hauch von Unsterblichkeit aus. Sie sah, dass jede Herausforderung, jedes Risiko diesen Überlebenswillen verstärkte, und dass ihn letztendlich vielleicht nur ein Judaskuss vernichten konnte.

Natürlich tauften sie den Fluss auf den Namen Styx. Die langsame Strömung trug sie mit sich. An manchen Tagen tauchten sie kaum ein Paddel ein und ließen sich einfach treiben. Über Hunderte von Kilometern zog sich das Ufer mit elastischer Monotonie dahin. Den auffälligsten Orientierungspunkten gaben sie Namen, und Ali hielt die Namen jeden Abend auf ihren Karten fest.

Nach einem Monat der Akklimatisierung hatte sich ihr Wach- und Schlafrhythmus endlich an die unterirdische Nacht angepasst. Der Schlaf ähnelte einer Überwinterung, tiefen Stürzen in Träume und REMs, die sie förmlich durchschüttelten. Zuerst verlegte sich die Gruppe auf Schlaf spannen von zehn, später auf zwölf Stunden. Jedes Mal, wenn sie die Augen schlossen, kam es ihnen vor, als schliefen sie länger. Letztendlich pendelten sich ihre Körper auf eine allgemeine Norm ein: fünfzehn Stunden. Nach einem solchen Schlaf waren sie normalerweise fit für einen »Tag« von dreißig Stunden.

Ike musste ihnen erst beibringen, wie man sich einen dermaßen langen Wachzyklus einteilte, sonst hätten sie sich womöglich selbst ruiniert. Man brauchte kräftigere Muskeln und dickere Schwielen, man musste ständig auf Atmung und Nahrungsaufnahme achten, um sich vierundzwanzig Stunden oder länger am Stück bewegen zu können.

Ike versuchte, sie auch mit einem neuen Bewusstsein auszurüsten. Die Formen der Steine, der Geschmack der Mineralien, die schweigenden Löcher einer Höhle: Prägt euch alles ein, sagte er. Sie zogen ihn damit auf. Er kannte sich mit all dem Kram aus, und damit waren sie entlastet. Es war seine Aufgabe, nicht ihre. Er versuchte es trotzdem. Eines schönen Tages habt ihr eure Instrumente und eure Karten vielleicht nicht mehr. Oder mich. Ihr müsst mit Hilfe eurer Fingerspitzen herausfinden, wo ihr seid, ihr müsst Echos bestimmen. Einige versuchten, von ihm zu lernen. Mittlerweile genoss er großen Respekt bei den Wissenschaftlern. Es gefiel ihnen, wie er Walkers finstere Pistolenhelden einschüchterte.

Noch bevor die andern morgens wach wurden, sah Ali ihn oft im schwarzen Wasser davongleiten, ohne die geringste Spur einer Kielwelle. Wenn sie ihn wie einen Mönch in die Wildnis entschwinden sah, musste sie unwillkürlich an die einfache Kraft eines reinen Gebetes denken.

Ike markierte die Wände einfach mit einem Paar Leuchtstäbe und zog weiter. Später trieben sie dann an seinen blauen Kreuzen vorüber, die wie eine Neonschrift über dem Wasser glommen und den Erlöser zu verkünden schienen. Sie folgten ihm durch Öffnungen und Kanäle. Für gewöhnlich wartete er auf einer Böschung aus grünem Granat, auf einem Vorsprung aus Eisenerz, oder er saß in seinem nachtfarbenen Kajak und hielt sich an einer Felsnase fest. Ali gefiel er besonders gut in diesem friedlichen, ruhigen Zustand.

Eines Tages kamen sie um eine Biegung und hörten ein seltsames Geräusch, eine Mischung aus Pfeifen und Windgeheul. Ike hatte ein primitives Musikinstrument gefunden, das ein Hadal zurückgelassen hatte. Es war aus Tierknochen gefertigt und verfügte über drei Löcher an der Oberseite und drei an der Unterseite. Die Flöße legten an, und einige Flötenspieler versuchten sich der Reihe nach an dem Instrument, wobei einer ihm ein paar Töne Bach, ein anderer eine Melodie von Jethro Tull entlockte.

Als sie Ike die Flöte zurückgaben, spielte er das, wozu sie einst gemacht worden war. Es war ein Lied der Hadal, eine fremdartige, langsame Melodie. Die nie gehörten Klänge schlugen alle in ihren Bann, sogar die Soldaten. Solche Töne brachten die Hadal hervor? Synkopen, Triller, plötzliche Grunzlaute, schließlich ein gedämpfter Ruf: Es war ein Lied der Erde, voll von Tier- und Wassergeräuschen und dem Grollen der Erdbeben.

Ali war begeistert und abgestoßen zugleich. Die Knochenflöte verriet noch mehr über Ikes Gefangenschaft als seine Tätowierungen und Narben. Nicht nur, dass er sich an das Lied erinnerte und seine Melodie spielen konnte - er war offensichtlich ganz versunken darin. Diese fremdartige Musik ging ihm zu Herzen.

Als Ike zu Ende gespielt hatte, betrachtete er die Knochenflöte, als hätte er noch nie im Leben ein solches Instrument gesehen. Dann schleuderte er sie in den Fluss. Nachdem die anderen weg waren, tastete Ali auf dem Grund herum und zog sie wieder heraus.

Zu Fuß hatten sie im Schnitt weniger als sechzehn Kilometer am Tag geschafft. Aber in den vergangenen zwei Wochen auf dem Wasser waren sie über 2000 Kilometer weit getrieben. Wenn der Fluss sie noch weiter begleitete, würden sie schon in drei Monaten im Bauch Asiens herauskommen.

Das dunkle Wasser war nicht völlig dunkel. Es hatte einen leichten pastellfarbenen Phosphorschimmer. Wenn sie ihre Scheinwerfer ausgeschaltet ließen, hob sich der Fluss wie eine bleichgrüne Geisterschlange von der Dunkelheit ringsum ab. Mit Unterstützung des gedämpft glimmenden Flusses waren die Geduldigen unter ihnen schon bald in der Lage, in der dunklen Umgebung ausreichend zu sehen. Das einst so unentbehrliche Licht schmerzte nun in ihren Augen. Trotzdem bestand Walker auf hellen Scheinwerfern als Flankenschutz, auch wenn dadurch viele Experimente und Beobachtungen der Wissenschaftler zunichte gemacht wurden. Das wiederum veranlasste die Wissenschaftler, ihre Flöße in möglichst großer Entfernung von denen der Soldaten zu halten. Keiner von ihnen dachte sich etwas dabei - bis zu dem Abend, als sie das Mandala fanden.