Es war ein kurzer Tag gewesen, achtzehn leichte, von nur wenig Abwechslung unterbrochene Stunden. Die kleine Armada umrundete eine Flussbiegung, als ein Scheinwerfer in der Ferne eine blasse, einsame Gestalt auf dem Ufer erfasste. Es konnte eigentlich nur Ike sein, der an der Stelle wartete, die er für sie als Lagerplatz ausgesucht hatte; doch er reagierte nicht auf ihre Rufe. Als sie näher kamen, sahen sie, dass er in der klassischen Lotusposition dasaß und die Felswand anstarrte.
»Was soll dieser Quatsch?«, meckerte Shoat. »He, Buddha! Wir bitten untertänigst um Landeerlaubnis!«
Sie vertäuten die Flöße und suchten sich flache Stellen für die Schlafmatten. Ike schien fürs Erste vergessen. Erst nachdem das Lager eingerichtet war, widmeten sie ihm wieder ihre Aufmerksamkeit. Ali gesellte sich zu der rasch wachsenden Gruppe Neugieriger. Ikes Rücken war ihnen zugekehrt. Er war nackt und hatte sich noch keinen Zentimeter bewegt.
»Ike?«, sagte Ali. »Ist alles in Ordnung?«
Sein Brustkorb hob und senkte sich. Die Finger einer Hand berührten den Boden. Er war viel dünner, als Ali sich vorgestellt hatte. Seine Schlüsselbeine erinnerten eher an einen Bettelmönch als an einen Krieger, aber ihr Staunen rührte nicht allein von seiner Nacktheit her. Er war gefoltert worden: Lange, schmale Streifen aus Narbengewebe fassten seine Wirbelsäule ein und umrankten die Stelle, an der die Ärzte seinen berühmten Rückenmarksring entfernt hatten. Zusätzlich war diese ganze Leinwand des Schmerzes mit Tinte verziert, besser gesagt: verunstaltet. Im zitternden Licht der Lampen schienen die geometrischen Muster, Tierbilder, Glyphen und Texte auf seiner Haut lebendig zu werden.
»Um Gottes Willen«, stöhnte eine Frau und verzog das Gesicht.
»Wie lange sitzt er schon so da?«, fragte jemand. »Was macht er da eigentlich?«
Niemand antwortete. Diesen Außenseiter umgab etwas ungemein Machtvolles. Er hatte Gefangenschaft, Armut und Erniedrigung in einem Ausmaß durchlitten, das sie sich nicht einmal vorstellen konnten. Trotzdem war diese Wirbelsäule gerade wie ein Schilfrohr, richtete dieser Geist sich auf etwas, das all seine Qualen transzendierte. Ike war eindeutig im Gebet versunken.
Erst jetzt sahen sie, dass die Wand, vor der er saß, eine Ansammlung von gemalten Kreisen aufwies. Die Strahlen ihrer Taschenlampen ließen die Umrisse nahezu verblassen.
»Hadal-Gekritzel«, schnaubte einer der Soldaten verächtlich.
Ali ging näher heran. Die Kreise waren mit schwach gezeichneten Linien und Schnörkeln ausgefüllt, eine Art Mandala. Sie vermutete, dass es im Dunkeln leuchtete. Im Licht so vieler Lampen ließ sich hingegen fast nichts erkennen.
»Crockett«, blaffte Walker, »jetzt reißen Sie sich mal zusammen.« Ikes Fremdartigkeit erschreckte manche Leute, und Ali vermutete, dass der Colonel von Ikes stummem Leiden peinlich berührt war, als entzöge es ihm noch mehr von seiner eigenen Autorität. Als Ike sich nicht rührte, sagte Walker nur: »Hängt dem Mann etwas über.«
Einer seiner Männer machte sich daran, Ike notdürftig mit seinen um ihn herum liegenden Kleidern zuzudecken. »Colonel«, sagte der Soldat, »vielleicht ist er ja tot. Fühlen Sie mal, wie kalt er ist.«
Innerhalb der folgenden hektischen Minuten stellten die Ärzte aus dem Team fest, dass Ike seinen Metabolismus fast bis zum Stillstand verlangsamt hatte. Sein Puls betrug kaum mehr als zwanzig, seine Atmung weniger als drei Zyklen pro Minute. »Ich habe schon von Mönchen gehört, die so was praktizieren«, sagte jemand. »Eine Art Meditationstechnik.«
Die Gruppe löste sich auf und ging wieder zum Lager, um zu essen und zu schlafen. Viel später kehrte Ali noch einmal zurück, um nach Ike zu sehen. Es geschah aus reiner Fürsorge, redete sie sich selbst ein. Er saß immer noch mit geradem Rücken und auf dem Boden ruhenden Fingerspitzen vor dem Mandala. Sie ließ ihre Lampe aus und kroch näher, um ihm sein Hemd, das heruntergerutscht war, wieder um die Schultern zu legen. Erst jetzt sah sie das Blut, mit dem sein Rücken überzogen war. Außer ihr musste noch jemand Ike einen Besuch abgestattet und ihm eine Messerklinge quer über die Schulter gezogen haben.
Ali war außer sich.
»Wer hat das getan?«, fragte sie gepresst. Es hätte ein Soldat sein können. Oder Shoat. Oder Walker.
Mit einem Mal füllten sich seine Lungen. Sie hörte, wie die Luft langsam aus seiner Nase entwich. Wie im Traum hörte sie ihn sagen: »Es läuft alles aufs Gleiche hinaus.«
Als die Frau sich von der Gruppe trennte und einen vom Fluss abzweigenden Seitengang heraufschlich, dachte er, sie wollte sich nur erleichtern. Es war eine perverse Eigenart dieser Rasse, dass die Menschen zu diesem Zweck immer allein irgendwohin gingen. Ausgerechnet im Moment ihrer größten Hilflosigkeit, mit geöffneten Därmen, von der Kleidung gefesselten Fußknöcheln und Wolken von Eigengeruch um sich herum, ausgerechnet in dem Augenblick, in dem sie den Schutz ihrer Gefährten am dringlichsten benötigten, bestanden sie auf ihrer Einsamkeit.
Zu seiner Verwunderung entleerte das Weibchen seine Därme nicht. Es nahm stattdessen ein Bad. Zuerst zog sie ihre Kleider aus. Im Licht der Stirnlampe seifte sie ihren Schamhügel ein, verteilte den Schaum mit den Handflächen auch auf Hüften und Oberschenkel und schrubbte dann mit den Händen an den Beinen auf und ab. Sie ähnelte keinesfalls den fetten Venusgöttinnen, die gewisse Stämme, die er beobachtet hatte, über alles schätzten. Aber sie war auch nicht knochig. Sowohl Hinterteil als auch Oberschenkel waren durchaus muskulös. Der Beckengürtel leuchtete in der Dunkelheit, ein solides Gefäß, bestens geeignet zum Austragen von Kindern. Sie goss den Inhalt einer Flasche über ihren Schultern aus, und das Wasser rann über ihre rundlichen Konturen. In diesem Augenblick beschloss er, sie zu schwängern.
Vielleicht, überlegte er, war Kora nur gestorben, um Platz für diese Frau zu machen. Oder sie war ein vom Schicksal gesandter Trost für Koras Tod. Es war sogar möglich, dass sie Kora war, von einem Gefäß ins nächste übergewechselt. Wer wusste das schon? Wie es hieß, ließen sich die Seelen auf der Suche nach einer neuen Wohnstatt im Fels nieder und suchten sich ihren Weg durch die Spalten.
Sie hatte die makellose Haut eines Neugeborenen. Ihre Statur und ihre langen Glieder waren viel versprechend. Das tägliche Leben würde wohl anstrengend für sie werden, aber insbesondere die Beine zeugten von Ausdauer. Er stellte sich ihren Körper mit den Ringen, Farben und Narben vor, die er anbringen würde, sobald er über ihn verfügte. Falls sie die Initiationszeit überlebte, würde er ihr einen Hadal-Namen geben, der gefühlt und gesehen, jedoch niemals ausgesprochen werden konnte, so wie er schon vielen Namen gegeben hatte. So wie auch er seinen Namen erhalten hatte.
Die Eroberung konnte auf mehreren Wegen erfolgen. Er konnte sie locken. Er konnte sie einfach packen. Er konnte ihr einfach ein Bein ausrenken und sie wegtragen. Schlug all das fehl, gab sie immer noch mehrere leckere Portionen Fleisch ab.
Seine Erfahrung lehrte ihn, dass Versuchung die verlockendste Methode war. In dieser Hinsicht war er sehr geschickt, beinahe artistisch, wie sich auch an seinem Status unter den Hadal ablesen ließ. Schon mehrere Male war es ihm nahe der Oberfläche gelungen, kleine Gruppen in seine Gewalt zu bekommen. Hatte man erst eine - oder einen - geschnappt, konnte man mit diesem Fang leicht auch die anderen anlocken. Handelte es sich um eine Frau, folgte ihr oft ihr Mann. Ein Kind garantierte zumindest einen Elternteil.