Ali runzelte die Stirn.
»Es war keiner von Walkers Soldaten.«
»Also einer der Wissenschaftler«, nickte Ali.
»Auch nicht.«
»Ach?« Wer war da noch übrig?
Mollys Unterkiefer versteifte sich in einem Fieberanfall. Sie fing an zu zittern. Nach einigen Sekunden machte sie die Augen wieder auf. »Ich weiß es nicht«, sagte sie. »Ich hatte ihn vorher noch nie gesehen.« »Du weißt, dass das unmöglich ist. Nach vier Monaten gibt es keine Fremden in unserer Gruppe.«
»Ich weiß. Aber genau so ist es.«
Ali sah, dass sie es ernst meinte und erschrak zutiefst. »Beschreib ihn mir. Bevor du das Licht angemacht hast.«
»Er roch irgendwie anders. Seine Haut. Als er in meinem Mund war, schmeckte er auch anders. Kennst du das? Jeder Mann hat seinen eigenen Geschmack, aber etwas ist immer gleich. Ob schwarz, weiß oder braun, das spielt keine Rolle. Schweiß, Sperma, sogar der Atem, sie haben alle das gleiche Aroma.«
Ali hörte aufmerksam zu.
»Er nicht. Mein Mitternachtsmann. Das heißt nicht, dass er nach nichts schmeckte, aber es war anders. Als hätte er mehr Erde in seinem Blut. Mehr Dunkelheit. Ich weiß auch nicht.«
Das brachte sie nicht viel weiter. »Was ist mit seinem Körper? Gab es irgendetwas, was dir besonders auffiel? Körperbehaarung? Muskeln?«
»Doch. Ich spürte seine Narben. Wie durch den Wolf gedreht. Alte Wunden. Gebrochene Knochen. Und ... jemand hat Muster in seinen Rücken und seine Arme geschnitten.«
Es gab nur einen, auf den Mollys Beschreibung passte. Erst jetzt erkannte Ali, dass Molly vielleicht versuchte, seine Identität vor ihr geheim zu halten. »Und als du das Licht anmachtest .«
»Mein erster Gedanke war: Ein wildes Tier! Er hatte Streifen und Flecken. Aber auch Bilder und Buchstaben.«
»Tätowierungen«, sagte Ali. Warum die Sache unnötig in die Länge ziehen? Aber es war schließlich Mollys Beichte.
Molly nickte zustimmend. »Es geschah alles ganz rasch. Er schlug mir die Lampe aus der Hand. Dann war er weg.«
»Fürchtete er sich vor deiner Lampe?«
»Das glaubte ich jedenfalls. Später fiel mir noch etwas anderes ein. In diesem ersten Moment schrie ich laut einen Namen. Jetzt glaube ich, es war dieser Name, der ihn davonlaufen ließ. Aber er hatte keine Angst.«
»Welchen Namen, Molly?«
»Es war falsch, Ali. Es war der falsche Name. Sie sahen sich nur ähnlich.«
»Ike«, murmelte Ali. »Du sagtest seinen Namen, weil er es war.«
»Nein.« Molly unterbrach sie.
»Natürlich war er es.«
»Nein, war er nicht. Ich wünschte, er wäre es gewesen. Verstehst du denn nicht?«
»Nein. Du glaubtest, er sei es gewesen. Du wolltest, dass er es war.«
»Ja«, flüsterte Molly. »Denn wenn er es nicht war ...?«
Ali zögerte.
»Genau das will ich doch sagen«, stöhnte Molly. »Was ich da zwischen meinen Beinen hatte ...« Die Erinnerung ließ sie zusammenzucken. »Da draußen ist jemand.«
Ali drehte den Kopf unwillkürlich nach hinten. »Ein Hadal! Aber warum hast du uns das nicht schon vorher gesagt?«
Molly lächelte. »Damit ihr es Ike sagt? Dann hätte er sich auf die Jagd gemacht.«
»Aber sieh doch«, sagte Ali und fuhr mit den Fingerspitzen über Mollys verwüsteten Körper. »Sieh doch nur, was er dir angetan hat.« »Du kapierst es immer noch nicht, meine Kleine.«
»Sag jetzt nicht, du hast dich verliebt.«
»Warum denn nicht? Du doch auch.« Molly schloss die Augen.
»Jedenfalls ist er jetzt weg. In Sicherheit. Vor uns. Und du darfst es niemandem verraten. Beichtgeheimnis, stimmt’s, Schwester?«
Ike war bei ihnen, als es zu Ende ging. Molly schnappte nach Luft wie ein kleines Vögelchen. Fett schwitzte aus ihren Poren. Ali wusch ihren Körper immer wieder mit Wasser, das sie mit einer Tasse aus dem Fluss schöpfte.
»Du solltest dich ein wenig ausruhen«, sagte Ike. »Du hast getan, was du konntest.«
»Ich will mich nicht ausruhen.«
Er nahm ihr die Tasse ab. »Leg dich hin«, sagte er. »Schlaf.«
Als sie Stunden später aufwachte, war Molly nicht mehr da. Ali fühlte sich vor Müdigkeit wie benommen. »Haben die Ärzte sie geholt?«, fragte sie hoffnungsvoll.
»Nein.«
»Was soll das heißen?«
»Sie ist nicht mehr bei uns, Ali. Tut mir Leid.«
Ali beruhigte sich. »Wo ist sie, Ike. Was hast du getan?«
»Ich habe sie dem Fluss übergeben.«
»Molly? Das ist nicht dein Ernst!«
»Ich weiß, was ich tue.«
Für einige Sekunden litt Ali unter schrecklicher Einsamkeit. Es hätte nicht auf diese Weise geschehen dürfen. Die arme Molly! Verdammt dazu, bis in alle Ewigkeit in dieser Welt umherzutreiben. Ohne Begräbnis!
Ohne dass andere auch nur die Chance erhielten, sich von ihr zu verabschieden?
»Wer hat dir das Recht gegeben?«, schrie sie.
»Ich wollte dir die Sache nicht noch schwerer machen.«
Ali spürte, wie der Zorn in ihr hochstieg. »Beantworte mir bitte eine Frage: War Molly tot, als du sie über Bord geworfen hast?«
Die Frage traf ihn wie ein Schlag. »Du glaubst doch nicht ... ich hätte sie ermordet?«
Sie konnte förmlich zusehen, wie Ike sich von ihr zurückzog. Etwas huschte über sein Gesicht, das Entsetzen einer Missgeburt, die in ihr eigenes Spiegelbild blickt.
»Ich habe es nicht so gemeint«, sagte sie.
»Du bist müde«, entgegnete er. »Du bist völlig fertig.«
Er stieg in seinen Kajak und verschwand in der Dunkelheit. Sie fragte sich, ob es sich wohl so anfühlte, wenn man verrückt wurde.
»Lass mich bitte nicht allein«, murmelte sie.
Nach einer Minute spürte sie einen Ruck. Das Seil straffte sich. Das Floß bewegte sich. Ike zog sie in die Gesellschaft der Menschen zurück.
Die Azteken sagten, daß,
solange einer von ihnen übrig sei,
er bis zum Tode weiterkämpfen würde,
und daß wir nichts von ihnen bekommen würden,
weil sie alles entweder verbrennen
oder ins Wasser werfen würden.
HERNANDO CORTEZ,
Dritter Bericht an König Karl V. von Spanien
17
Fleisch
WESTLICH DER CLIPPERTON-STUFE
Nach Mollys Tod stürzten sie sich mit betonter Ernsthaftigkeit in ihre wissenschaftliche Arbeit. Die Ufer rückten näher und die Strömung wurde schneller. Weil sie rascher vorankamen, blieb ihnen mehr Zeit, um ihr Ziel -das nächste Proviantlager - zu erreichen, und sie fingen an, die Uferstreifen genauer zu untersuchen. Manchmal blieben sie sogar zwei oder drei Tage an einem Ort.
Die Gegend musste früher einmal reich an Leben gewesen sein. An einem einzigen Tag entdeckten sie dreißig neue Pflanzen, darunter eine Grasart, die auf Quarz wuchs. Seine Wurzeln entzogen dem Untergrund Gase und wandelten sie in metallische Zellulose um. Sie fanden die kristallisierten Überreste eines Tieres und fingen eine fast siebzig Zentimeter lange Riesengrille. Die Geologen machten eine fingerdicke Goldader ausfindig.
Im Namen von Helios, das die Patentrechte auf sämtliche Entdeckungen dieser Art besaß, sammelte Shoat ihre Berichte jeden Abend auf Diskette. Hatte eine Entdeckung - wie etwa das Gold - einen besonderen Wert, stellte er einen Gutschein für eine Prämienauszahlung aus. Die Geologen hatten inzwischen schon so viele davon, dass sie sie untereinander als Währung einsetzten und sich damit Kleidungsstücke, Nahrung oder Reservebatterien abkauften.
Ali interessierte sich mehr für die Beweise einer hadalischen Zivilisation. Sie entdeckten ein kompliziertes System von Wasserleitungen, das in den Felsen gegraben worden war, um das Wasser von weiter flussaufwärts bis in das terrassenförmige Tal zu transportieren. Auf einem etwas erhöht verlaufenden Pfad lag eine aus der Schädeldecke eines Neandertalers gefertigte Trinkschale. An einer anderen Stelle fanden sie ein riesenhaftes Skelett in vor Rost starrenden Ketten. Ethan Troy, der forensische Anthropologe, war der Meinung, dass die tief in den Schädel des Riesen eingeritzten Muster mindestens ein Jahr vor dem Tod des Gefangenen angebracht worden sein mussten.