Sie versammelten sich um eine Steinplatte, auf der ockerfarbene Handabdrücke leuchteten. In der Mitte waren Sonne und Mond dargestellt. Die Wissenschaftler waren verblüfft. »Soll das heißen, dass die Hadal Sonne und Mond anbeten? 5600 Faden unter dem Meer?«
Was für eine herrliche Ketzerei, dachte Ali. Die Kinder der Dunkelheit verehrten das Licht. Sie machte ein Foto. Als ihr Blitzlicht aufzuckte, verlor die gesamte, mit Piktogrammen überzogene Wand ihre Farbe; nicht nur die pigmentierten Darstellungen, sondern auch der Untergrund. Alles verblasste und verschwand. Zehntausend Jahre alte Kunstwerke verwandelten sich in nackten Stein.
Doch nachdem die Tierfiguren und Handabdrücke, die Bilder von Sonne und Mond weggebrannt waren, entdeckten sie eine tiefer liegende, in den Fels eingeritzte Schrift. Jemand hatte ein gut sechzig Zentimeter langes Stück mit Zeichen überzogen. In der Finsternis waren die Kerben kaum mehr als dunkle Linien auf dunklem Stein. Zögernd näherten sich die Wissenschaftler der Wand, als könnte sie ebenfalls vor ihren Augen entschwinden.
Ali strich mit den Fingerspitzen über die Steinwand. »Vielleicht ist es absichtlich eingekerbt worden, damit man es in der Dunkelheit lesen kann, wie Blindenschrift.«
»Das soll Schrift sein?«
»Ein Wort ... ein einziges Wort. Seht euch dieses Zeichen an.«
Ali fuhr an einer Gravur mit einem Y-ähnlichen Schweif entlang, dann an einem umgedrehten E. »Und diese hier. Schaut euch die Linienführung an. Buchstabenstellung und Strich erinnern an Sanskrit oder Hebräisch. Paleo-Hebräisch vielleicht. Oder noch älter. Ur-Hebräisch. Phönizisch. Wie man es auch nennen mag.«
»Hebräisch? Phönizisch? Womit schlagen wir uns denn jetzt herum? Mit den verlorenen Stämmen Israels?«
»Haben unsere Vorfahren den Hadal das Schreiben beigebracht?«
»Oder die Hadal uns«, erwiderte Ali.
Sie konnte ihre Fingerspitzen einfach nicht von dem Wort nehmen. »Ist euch klar, dass die Menschen schon vor hunderttausend Jahren Sprachen entwickelt haben?«, flüsterte sie. »Schriftzeichen findet man aber erst in der Jungsteinzeit. Hethitische Hieroglyphen. Die Kunst der australischen Aborigines. Siebentausend oder achttausend Jahre, wenn’s hoch kommt. Diese Schrift muss mindestens fünfzehn- oder zwanzigtausend Jahre alt sein, zwei- oder dreimal älter als jede bisher bekannte Schrift. Wir haben es hier mit linguistischen Fossilien zu tun. Vielleicht tasten wir uns, sprachlich gesehen, an Adam und Eva heran. Die Wurzel der menschlichen Sprache. Das erste Wort.«
Ali war hingerissen. Als sie sich umsah, erkannte sie, dass die anderen sie nicht verstanden. Das hier war ein überwältigender Fund! Und sie konnte die Entdeckung mit niemandem feiern. Beruhige dich, sagte sie sich. Trotz ihrer vielen Reisen war Alis Welt ein papiernes Reich aus Linguisten und Bischöfen gewesen. Sie hatte sich in einer sehr ruhigen Nische eingerichtet, die keine ausgelassenen Feste kannte. Trotzdem hätte Ali es schön gefunden, wenn wenigstens einmal jemand einer Champagnerflasche den Hals abgeschlagen und sie mit Schaum bespritzt hätte, wenn ihr jemand um den Hals gefallen und ihr einen herzhaften Kuss aufgedrückt hätte.
»Ich frage mich bloß, was das heißt«, brummte jemand.
»Wer weiß?«, erwiderte Ali. »Wenn Ike Recht hat und es sich wirklich um eine verlorene Sprache handelt, dann wissen es nicht einmal die Hadal. Allein die Tatsache, dass sie die Schrift mit einer Schicht primitiver Bilder übermalt haben, spricht dafür, dass ihnen die Bedeutung völlig abhanden gekommen ist.«
Als sie zu den Flößen zurückgingen, tanzten die fremden Zeichen vor ihren Augen. Es ergab keinen Sinn.
Am fünften September trafen sie die ersten Hadal. Sie hatten gerade an einem mit Fossilien verkrusteten Ufer angelegt, die Flöße entladen, die Ausrüstung auf sichereres Terrain geschleppt und waren dabei, sich zum Schlafen fertig zu machen, als einer der Soldaten in den dunklen Falten des Gesteins weiter hinten ungewöhnliche Formen entdeckte. Wenn sie die Strahlen ihrer Lampen in einem bestimmten Winkel darauf hielten, wurde so etwas wie ein zweites Pompeji sichtbar, mehrere Schichten von Körpern, die von einer dicken Schicht durchsichtigen, kunststoffartigen Gesteins überzogen waren. Die Körper lagen so da, wie sie gestorben waren, einige zusammengekauert, die meisten lang ausgestreckt. Wissenschaftler und Soldaten schwärmten über das fast einen Hektar große Gräberfeld aus, wobei sie immer wieder auf der glatten Oberfläche ausrutschten.
Aus manchen Wunden ragten noch immer spitze Feuersteine heraus. Einige waren enthauptet oder mit ihren eigenen Eingeweiden erdrosselt worden. An allen hatten sich wilde Tiere zu schaffen gemacht. Einzelne Gliedmaßen fehlten, Brust- und Bauchhöhlen waren ausgeräubert. Es handelte sich zweifellos um das Ende eines ganzen Stammes oder der Bewohner eines Dorfes.
Unter Alis hin und her huschender Stirnlampe glänzte die weiße Haut wie Quarzkristall. Trotz der schweren Knochenwülste an Brauen und Wangen und trotz des bestialischen Endes, das sie genommen hatten, wirkten diese Gestalten auffällig fein gezeichnet. Die Toten hatten breite, negroide Nasen und volle Lippen, waren jedoch von der ewigen Nacht zu Albinos gebleicht. Einige hatten Andeutungen von Bartwuchs, kaum mehr als fusselige Ziegenbärtchen. Die meisten sahen kaum älter als dreißig aus. Viele waren noch Kinder.
Ali versuchte, sie in die Familie des Homo sapiens zu integrieren. Es trug nicht eben zur Erleichterung dieser Aufgabe bei, dass sie Hörner auf dem Schädel trugen, dazu Kalziumwülste und -auswüchse, die ihre Köpfe verformten. Sie kam sich merkwürdig bigott vor. Diese Mutationen, Krankheiten oder Launen der Evolution bewirkten, dass sie einen inneren Sicherheitsabstand einhielt. Sie bedauerte es, über sie hinwegzutrampeln, und gleichzeitig war sie froh darüber, dass sie sicher im Stein eingeschlossen waren. Denn sie konnte sich ohne weiteres vorstellen, dass diese Kreaturen all das, was man ihnen angetan hatte, ohne zu zögern auch ihr antun würden.
Ethan Troy deckte eines ihrer Geheimnisse auf. Es war ihm gelungen, einzelne Körper, meistens von Kindern, aus der durchsichtigen Gesteinsmasse herauszuhauen. »Ihr Zahnschmelz ist nicht richtig gewachsen. Er ist gestört worden. Und alle Kinder weisen Spuren von Rachitis oder anderen Missbildungen an den Gliedmaßen auf. Man muss sich nur die aufgeblähten Bäuche ansehen. Sie haben großen Hunger gelitten. Eine Hungersnot. So etwas habe ich einmal in einem Flüchtlingslager in Äthiopien gesehen. Das vergisst man nie wieder.«
»Soll das heißen, dass es sich hier um Flüchtlinge handelt?«, fragte jemand. »Vor wem sollen sie denn geflohen sein?«
»Vor uns«, sagte Troy.
»Willst du damit sagen, Menschen haben sie getötet?«
»Zumindest indirekt. Ihre Nahrungskette wurde unterbrochen. Sie waren auf der Flucht. Vor uns.«
»Quatsch«, raunzte Gitner, der in seinem Schlafsack auf dem Rücken lag. »Falls es Ihnen entgangen sein sollte. Was da aus den Leichen herausragt, sind steinzeitliche Speerspitzen. Wir haben nichts damit zu tun. Diese Leute hier sind von anderen Hadal abgemurkst worden.«
»Das hat nichts damit zu tun«, erwiderte Troy. »Sie waren am Ende ihrer Kräfte. So gut wie verhungert. Eine leichte Beute.«
»Sie haben Recht«, sagte Ike. Er mischte sich nicht oft in Gruppendiskussionen ein, aber diese hier hatte er aufmerksam verfolgt.
»Sie sind unterwegs. Alle. Sie gehen immer tiefer, um unserem Vordringen auszuweichen.«
»Was macht das schon?«, fragte Gitner.