»Sie waren hungrig«, sagte Ike. »Verzweifelt. Das macht schon was.«
»Uralte Geschichte. Dieser Haufen hier ist schon vor langer Zeit gestorben.«
»Wie kommen Sie darauf?«
»Na, dieser merkwürdige Fließstein. Sie sind völlig damit überzogen. Das ist mindestens fünfhundert Jahre her, wahrscheinlich eher fünftausend.« Der Petrologe grinste wissend.
Ike ging zu ihm hinüber. »Leihen Sie mir mal Ihren Gesteinshammer«, sagte er.
Gitner warf ihn Ike zu. In letzter Zeit schien er nur noch genervt zu sein. Die endlosen Debatten über die Querverbindungen der Hadal zu den Menschen ödeten ihn an.
»Wann bekomme ich den wieder?«, fragte er.
»Ist nur geliehen«, erwiderte Ike. »Solange wir schlafen.« Er entfernte sich ein Stück und legte den Hammer gleich neben der Wand flach auf den Boden. Dann ging er weg.
Am nächsten Morgen musste sich Gitner von jemand anderem einen Hammer leihen, um seinen zu befreien. Über Nacht war er von einer zwei Millimeter dicken Schicht Fließstein überzogen worden.
Es war eine ganz einfache Rechnung. Die Flüchtlinge waren vor nicht länger als fünf Monaten hier niedergemetzelt worden. Die Expedition folgte ihrer Fluchtrichtung. Und diese Fährte war so gut wie frisch.
Sogar die Söldner verließen sich inzwischen auf Ikes untrüglichen Sinn für drohende Gefahren. Seit sich herumgesprochen hatte, dass er einmal Bergsteiger gewesen war, nannten sie ihn scherzhaft El Cap, nach El Capitan, dem Monolithen im Yosemite National Park. Es war eine gefährliche Anhänglichkeit, die Ike noch mehr störte als ihren Kommandeur. Ike wollte ihr Vertrauen nicht. Er ging ihnen aus dem Weg. Er hielt sich dem Lager noch mehr fern. Trotzdem bemerkte Ali seinen ungebrochenen Einfluss. Einige der jungen Kerle hatten sich die Arme und das Gesicht wie Ike tätowiert. Manche fingen sogar an, barfuß zu gehen oder die Gewehre quer über die Schulter zu tragen.
Ike verfiel wieder in die Gewohnheit, der Expedition einen oder zwei Tage vorauszugehen. Ali vermisste ihn. Sie wachte immer früh auf, doch jetzt sah sie sein Kajak nicht mehr davongleiten, während das Lager noch im Schlaf lag. Seine Abwesenheit machte ihr Angst, besonders am Abend, bevor sie einschlief. Wenn er weg war, spürte sie immer deutlicher, dass ihr etwas fehlte.
Am neunten September fingen sie das Signal für das zweite Proviantlager auf. Ohne es zu wissen, hatten sie die internationale Datumsgrenze überquert. Als sie den verabredeten Ort erreichten, waren weit und breit keine Zylinder zu sehen. Stattdessen fanden sie eine schwere Stahlkugel von der Größe eines Basketballs auf dem Boden. Sie war mit einem Kabel verbunden, das von der dreißig Meter hohen Decke herabbaumelte.
»He, Shoat«, erkundigte sich jemand gereizt. »Wo ist unser Essen?«
»Ich bin sicher, dass es dafür eine Erklärung gibt«, antwortete der ebenso verdutzte Shoat.
Sie entriegelten den Basketball. Darin lag, eingebettet in Styropor, ein kleiner Sender mit einer Nachricht. »An die Helios Expedition: Versorgungszylinder auf Ihr Signal hin bereit zum Eintauchen. Bitte die ersten Ziffern von Pi in umgekehrter Reihenfolge eingeben.« Sie vermuteten, dass es sich um eine Vorsichtsmaßnahme handelte, um ihren Nachschub vor eventueller Piraterie der Hadal zu schützen.
Shoat brauchte jemanden, der ihm die Zahlenfolge von Pi aufschrieb. Er tippte sie wie verlangt ein und drückte auf die Taste mit dem Pfundzeichen, und ein kleines rotes Lämpchen wechselte auf Grün.
»Ich denke, wir warten ab«, sagte er.
Sie schlugen das Lager gleich auf dem Uferstreifen auf und wechselten sich damit ab, die Unterseite des Bohrlochs mit einem Scheinwerfer abzusuchen. Kurz nach Mitternacht stieß einer von Walkers Posten einen lauten Ruf aus. Ali hörte das Schaben von Metall. Alle liefen zusammen und richteten die Lampen nach oben. Dort war es, eine silbrige Kapsel, die sich an einem schimmernden Faden zu ihnen herabsenkte. Es war, als schaute man einer Rakete beim Landen zu. Alle brachen in lauten Jubel aus.
Der Zylinder zischte, als er den Fluss berührte. Die Metallhülle war von blauen Brandflecken bedeckt. Alle drängten näher, wichen aber vor der immensen Hitze gleich wieder zurück. Keiner der Versorgungszylinder im ersten Proviantlager hatte dermaßen geglüht. Das hieß, dass der Zylinder durch eine vulkanische Schicht gedrungen war. Ali roch den auf der Oberfläche verdampfenden Schwefel.
»Unser Nachschub wird da drin gekocht«, schimpfte jemand.
Sie bildeten eine Kette und reichten Plastikflaschen durch, die über dem Zylinder ausgegossen wurden. Das Metall dampfte, Farbenspiele huschten über die Oberfläche. Endlich war sie so weit abgekühlt, dass sie die Verschlüsse aufdrehen konnten. Sie schoben ihre Messer in die Ritzen, lockerten die Lukentür und klappten sie dann ganz auf.
»O Gott, was ist das für ein Gestank?«
»Fleisch! Haben sie uns Fleisch heruntergeschickt?«
»Die Hitze muss da drinnen ein Feuer entfacht haben.«
Lichtstrahlen bohrten sich in den Innenraum. Ali blickte über mehrere Schultern, doch vor lauter Rauch, Gestank und Hitze war kaum etwas zu sehen.
»Herr im Himmel, was haben die uns bloß geschickt?«
»Sind das Menschen?«, fragte sie.
»Sehen aus wie Hadal.«
»Wie kannst du das sagen? Sie sind viel zu verbrannt«, sagte jemand.
Walker drängte sich nach vorne, dicht gefolgt von Ike.
»Was ist das, Shoat?«, wollte Walker wissen. »Was haben die bei Helios vor?«
Shoat war völlig aus der Fassung.
»Ich habe keine Ahnung«, sagte er, und dieses eine Mal glaubte ihm Ali.
Im Inneren der Kapsel befanden sich drei Körper, in einer provisorischen Wiege aus Nylon einer über den anderen geschnallt. Solange der Zylinder senkrecht gestanden hatte, mussten sie wie Feuerspringer in ihren Gurten gehangen haben.
»Das sind ja Uniformen«, bemerkte jemand. »Seht doch - U.S. Army!«
»Was machen wir jetzt? Die sind doch alle tot.«
»Schnallt sie los. Holt sie raus.«
»Die Schnallen sind festgeschmolzen. Wir müssen sie rausschneiden. Lasst das Ding erst noch ein bisschen abkühlen.«
»Was die bloß da drinnen wollten?«, fragte einer der Ärzte Ali verwundert.
Die leblosen Glieder rutschten herab. Ein Mann hatte sich die Zunge abgebissen, der kleine Muskelstrang lag noch auf seinem Kinn. Dann hörten sie ein Stöhnen. Es kam von unterhalb der Lukenöffnung, dort, wo der dritte Mann außerhalb ihrer Reichweite in den Gurten hing. Ohne ein Wort sprang Ike in das qualmende Innere. Gleich hinter der Luke stellte er sich breitbeinig über die Körper, zerschnitt das Gewirr aus Seilen und Gurten und holte zuerst die Toten heraus. Dann kroch er tiefer hinein, schnitt den dritten Mann los und zerrte ihn bis zur Luke, von wo ihn ein Dutzend Hände ganz aus dem Behälter herauszogen.
»Seht euch nur diese Zielfernrohre an.« Einer der Geologen nahm mit dem Gewehr eines der Soldaten den Fluss ins Visier.
»Diese Dinger sind für nächtliche Scharfschützenaufgaben ausgerüstet. Was wollten die hier unten bloß jagen?«
»Um die kümmern wir uns«, sagte Walker, und seine Söldner sammelten alle anderen Waffen ein.
Ali half, den dritten Mann auf den Boden zu betten und trat dann zurück. Er lag im Sterben. Ike kniete sich neben ihn, zusammen mit den Ärzten, Walker und Shoat.
Walker schälte ein verkohltes Kleidungsstück zurück. »Erste Kavallerie«, las er und blickte Ike an. »Das sind doch Ihre eigenen Leute. Warum kommen die zu uns herunter?«
»Ich habe keine Ahnung.« »Kennen Sie diesen Mann?«
»Nein.«
Die Ärzte deckten den verbrannten Mann mit einem Schlafsack zu und gaben ihm etwas Wasser zu trinken. Der Mann öffnete sein unversehrtes Auge.
»Crockett?«, krächzte er.
»Sieht aus, als kenne er Sie«, meinte Walker. Das ganze Lager war atemlos vor Spannung.
»Warum haben Sie dich heruntergeschickt?«, fragte Ike.