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Der Mann versuchte, Worte zu bilden. Er kämpfte unter dem Schlafsack. Ike gab ihm mehr Wasser.

»Komm näher«, sagte der Soldat.

Ike beugte sich über ihn, um ihn besser verstehen zu können.

»Judas!«, zischte der Mann.

Das Messer stieß von unten durch den Schlafsack, doch der Stoß wurde entweder vom festen Gewebe oder den Schmerzen des Mannes abgelenkt. Die Klinge schrammte über Ikes Brustkorb, drang aber nicht ein. Der Soldat verfügte noch über genug Kraft, um einen zweiten Stich auszuführen, dann packte ihn Ike am Handgelenk.

Walker, Shoat und die Ärzte waren bei dem Angriff zurückgeschreckt. Einer der Söldner reagierte mit drei rasch aufeinander folgenden Schüssen in den Brustkorb des verbrannten Mannes. Bei jedem Treffer bäumte sich der Körper auf.

»Feuer einstellen!«, brüllte Walker.

Schnell war die Sache zu Ende. Das einzige Geräusch war das vorüberrauschende Wasser. Ungläubig sahen die Expeditionsteilnehmer einander an. Keiner rührte sich vom Fleck. Alle waren Zeugen des Angriffs gewesen, alle hatten sie das geflüsterte Wort des Soldaten vernommen.

Ike kniete wie vor den Kopf gestoßen in ihrer Mitte. Er hielt immer noch das Handgelenk des Attentäters in einer Faust, und der lange Schnitt quer über seine Rippen färbte sich rot. Dann blickte er verwirrt von einem zum anderen. Plötzlich löste sich ein schreckliches, grelles Geräusch aus seiner Kehle.

Das hatte Ali nicht erwartet.

»Ike?«, sagte sie aus dem Kreis der Zuschauer heraus. Sie verließen sich schon so lange auf seine Stärke, dass sie seine Schwäche in Gefahr brachte. Und jetzt zerbrach er vor aller Augen.

Ike warf Ali nur einen kurzen Blick zu. Dann rannte er weg.

»Was hatte das denn zu bedeuten?«, murmelte jemand.

Sie ließen die Leichen in den Fluss hinaustreiben. Viele Stunden später wurden noch zwei weitere Zylinder zu ihnen herabgelassen, jeder davon randvoll mit Versorgungsgütern. Sie aßen. Helios hatte ihnen ein Festmahl für einhundert Personen gesandt: geräucherte Regenbogenforelle, Lammfleisch in Kognak, Käsefondue, dazu ein Dutzend verschiedene Sorten Brot, Wurst, Teigwaren und Obst. Der knackige grüne Kopfsalat entlockte manch einem eine Freudenträne. Das Essen sei, so ein beigelegter Zettel, eine besondere Aufmerksamkeit anlässlich der Geburtstagsfeier von C. C. Cooper. Alis Vermutungen gingen in eine andere Richtung. Ike sollte jetzt eigentlich tot sein, und dieses Bankett war eher als Leichenschmaus gedacht.

Der Anschlag auf Ikes Leben war unerklärlich. Alle waren sich einig, dass Ike das wichtigste Expeditionsmitglied war. Sogar die Söldner hätten zu seinen Gunsten gesprochen. Mit ihm als Kundschafter waren sie sich wie das auserwählte Volk vorgekommen, dazu bestimmt, im Gefolge eines tätowierten Moses aus der Wildnis herauszufinden. Doch nun war er als Verräter gebrandmarkt und aus unerklärlichen Gründen auf die Abschussliste gesetzt worden.

Das Kommunikationskabel nach oben war von der Magmaschicht verbrannt worden, und so blieben der Expedition nichts anderes als Vermutungen und Aberglaube.

»Was muss man wohl tun, um die U.S. Army auf sich zu hetzen?«, fragte sich Quigley, der Psychiater. »Das war doch das reinste Selbstmordkommando. Ich meine, die opfern doch nicht einfach so drei Männer.«

»Und die Sache mit dem >Judas<? Ich dachte immer, wenn das Kriegsgericht einmal vorbei ist, dann lassen sie einen in Ruhe. Da sage noch mal einer was von Pech. Der Bursche ist der geborene Außenseiter.«

»Als hätte sich die ganze Welt gegen ihn verschworen.«

»Mach dir um ihn keine Sorgen, Ali«, sagte Pia, der die Liebe in Gestalt von Spurner teilhaftig geworden war. »Er kommt schon wieder.«

»Da bin ich mir nicht so sicher«, meinte Ali. Sie wollte Shoat oder Walker die Schuld zuweisen, doch die beiden schienen von dem Zwischenfall ebenso schockiert zu sein wie alle anderen. Wenn Helios beabsichtigte, Ike zu töten, warum setzten sie dann nicht ihre eigenen Leute ein? Warum die U.S. Army? Und warum sollte die Army auf die Bitte von Helios eingehen? Das alles ergab keinen Sinn.

Als die anderen schliefen, entfernte sich Ali aus dem Lichtkreis ihrer Lagerstätte. Ike hatte weder sein Kajak noch seine Flinte mitgenommen, also suchte sie ihn zu Fuß mit ihrer Taschenlampe. Seine Spuren zogen sich das schlammige Flussufer entlang.

Die Selbstgefälligkeit der Gruppe machte sie wütend. Sie waren in jeder Hinsicht von Ike abhängig. Ohne ihn wären sie wahrscheinlich alle schon tot oder hätten sich hoffnungslos verlaufen. Er hatte sie nie im Stich gelassen, und jetzt, da er sie brauchte, ließen sie ihn einfach im Stich.

Wir waren sein Verderben. Das erkannte sie jetzt. Wären sie nicht so schwach, so unwissend und stolz gewesen, wäre er jetzt tausend Kilometer oder noch weiter entfernt. Doch er war an sie gefesselt. So waren Schutzengel nun mal. Von ihrem eigenen Pathos zum Untergang verdammt.

Doch die Schuld der Gruppe in die Schuhe zu schieben war, wie Ali zugeben musste, nur eine Ausflucht. Denn es war ihre eigene Schwäche, ihr Unwissen und ihr Stolz gewesen, der Ike gefesselt hatte - nicht an die Gruppe, sondern an sie, Ali. Das Wohlbefinden der Gruppe war lediglich ein angenehmer Nebeneffekt gewesen. Die unbequeme Wahrheit war die, dass er sich ihr versprochen hatte.

Auf dem Weg am Fluss entlang versuchte Ali, ihre Gedanken zu ordnen. Zu Anfang war ihr Ikes Ergebenheit eher unerwünscht, fast lästig gewesen. Sie hatte die Tatsache, dass er sie verehrte, unter einem Haufen eigener Phantasien vergraben, hatte sich eingeredet, er durchstreife die Tiefe aus eigenen, ihr unverständlichen Gründen, vielleicht um eine legendäre verlorene Gefährtin zu finden, oder um Rache zu üben. Womöglich war das am Anfang sogar der Grund für seine Teilnahme gewesen, aber jetzt stimmte es nicht mehr. Sie wusste es. Ike war ihretwegen hier.

Sie fand ihn umgeben von tiefster Nacht, ohne Licht und ohne Waffe. Er saß dem Fluss zugewandt in seiner Lotusposition, den Rücken schutzlos jedem Feind dargeboten. Er hatte sich der Gnade dieses unwirtlichen Ortes überantwortet.

»Ike«, sagte sie.

Sein struppiger Kopf blieb unbeweglich. Ihr Lichtstrahl warf seinen Schatten auf das schwarze Wasser, wo er sich rasch verlor. Sie kam näher und zog den Rucksack ab. »Du hast dein eigenes Begräbnis verpasst«, scherzte sie. »Sie haben uns das reinste Festessen heruntergeschickt.«

Nicht die kleinste Regung. Nicht einmal sein Brustkorb hob sich.

»Ike«, sagte sie. »Ich weiß, dass du mich hören kannst.«

Eine Hand ruhte in seinem Schoß; die Fingerspitzen der anderen stützten sich mit dem Gewicht eines Insekts auf den Steinboden. Sie kam sich vor wie ein unbefugter Eindringling. Aber jetzt störte sie ihn nicht bei einer inneren Einkehr, sondern dabei, wahnsinnig zu werden. Er würde diesen Kampf nicht gewinnen, jedenfalls nicht allein. Sie öffnete ihren Rucksack und zog ein ErsthilfeSet heraus. »Ich versorge jetzt die Schnitte.«

Ali fing energisch mit einem Betadine-Schwamm zu reiben an. Dann hielt sie inne. Die malträtierte Haut selbst veranlasste sie dazu. Sie fuhr mit den Fingern über seinen Rücken. Knochen, Muskeln, Hadal-Tinte, Narbengewebe und die Schwielen von den Riemen seines Gepäcks versetzten sie in Erstaunen. Das war der Körper eines Sklaven.

Diese Erkenntnis brachte sie völlig aus der Fassung. Sie hatte die Verdammten in vielen Inkarnationen kennen gelernt, als Gefangene, als Prostituierte, als Mörder und davongejagte Aussätzige. Doch einem Sklaven war sie noch nirgendwo begegnet. In diesem Zeitalter sollte es solche Geschöpfe eigentlich nicht mehr geben.

Ali staunte, wie gut seine Schulter sich in ihre Hand schmiegte. Dann rief sie sich mit einem nüchternen Klaps auf diese Schulter wieder in die Wirklichkeit zurück.

»Du wirst es überleben«, raunte sie ihm ins Ohr. Sie entfernte sich ein Stück und setzte sich dann auf den Boden. Den Rest der Nacht lag sie dort zu einer Kugel zusammengerollt, mit seiner Flinte im Anschlag. Sie beschützte Ike, während er seine Rückkehr in die Welt zu Ende brachte.