Выбрать главу

Bin ich denn nicht

Eine Fliege gleich dir?

Oder bist du

Ein Mensch nicht gleich mir?

WILLIAM BLAKE,

Die Fliege

18

Ein wunderschöner Morgen

ZENTRUM FÜR GESUNDHEITSWISSENSCHAFTEN, UNIVERSITÄT COLORADO, DENVER

Dr. Yamamoto trat mit einem Lächeln aus dem Fahrstuhl.

»Einen wunderschönen guten Morgen!«, flötete sie dem Hausmeister zu.

»Na, schön wär’s«, erwiderte er brummig.

Draußen wütete ein heftiger Schneesturm mit meterhohen Verwehungen. Das Forschungszentrum war von der Umwelt fast völlig abgeschnitten. Dr. Yamamoto hatte das ganze Labor für sich allein.

Sie betrat ihr Reich ohne doppelte Sicherheitshandschuhe und ohne Gesichtsmaske. Mit der Zeit waren alle möglichen Vorsichtsmaßnahmen auf der Strecke geblieben - ein Zeichen dafür, dass sich das Projekt »Digitaler Hadal« seinem Ende zuneigte. Das junge Hadal-Weibchen war bis auf den Kopf verschwunden.

Dafür konnte man es schon bald mit Hilfe einer CD-ROM und einer Maus wieder auferstehen lassen. Es würde elektronische Unsterblichkeit erlangen. Überall dort, wo ein Computer stand, würde Dawn auferstehen. In gewisser Hinsicht steckte ihre Seele tatsächlich in der Maschine.

Dr. Yamamoto wurde schon seit mehreren Wochen von Albträumen geplagt. Darin stürzte Dawn über eine Klippe oder wurde, laut um Hilfe rufend, aufs Meer hinausgezogen. Auch andere Labormitarbeiter berichteten über ähnliche Albträume. Trennungsangst, diagnostizierte sie selbst. Dawn war ein Teil von ihnen geworden. Sie würden sie sehr vermissen.

Inzwischen waren nur noch die oberen zwei Drittel ihrer Schädeldecke übrig. Es ging sehr langsam voran. Die Maschine war auf die feinste Stufe eingestellt. Das Gehirn bot das interessanteste Forschungsfeld. Die Hoffnung, dass sich sensorische und kognitive Prozesse tatsächlich enträtseln ließen - mit anderen Worten, dass sich der tote Verstand zum Sprechen bringen ließ -, war groß. Aber in den nächsten zehn Wochen konnten sie noch nichts anderes tun, als einen besseren Wurstschneider zu beaufsichtigen. Geduld war eine Sache von Diät-Pepsi und lästerlichen Scherzen.

Yamamoto ging auf den Metalltisch zu. Die Schädeldecke des Mädchens schimmerte blass aus dem gefrorenen blauen Gelblock. Sie sah aus wie ein Mond, der von einem Würfel Weltraum gehalten wird. Aus der Oberseite und den Seitenflächen des Gels ragten Elektroden heraus. An der Unterseite fraß sich die Klinge immer weiter voran. Die Kamera fotografierte unablässig. Die Maschine hatte den Unterkiefer abgeschält und sich dann über die obere Zahnreihe weiter zur Nasenhöhle vorgearbeitet. Äußerlich waren die fledermausartige Nase mit den breiten Nüstern und die lang gezogenen, zerfransten Ohrmuscheln verschwunden. Was die inneren Strukturen anging, war auch das Kleinhirn inzwischen fast vollständig in digitale Einzelteilchen aufgelöst. Für ein nekrotisches Gehirn waren alle Funktionen erstaunlich intakt, praktisch lebensfähig. Alle hatten sich darüber gewundert. Hoffentlich bin ich noch so gesund, wenn ich mal gestorben bin, hatte jemand gescherzt.

Gerade jetzt wurde es noch einmal richtig interessant. Von überall her meldeten sich fast täglich Neurochirurgen, Hirn- und Wahrnehmungsspezialisten, um auf dem Laufenden zu bleiben.

Vielleicht ergaben sich richtige Persönlichkeitsstrukturen, Denkvorgänge, Hinweise auf Gewohnheiten und Instinkte. Kurz gesagt, sie waren drauf und dran, durch ein Fenster in Dawns Kopf zu schauen und einen Blick auf ihre Sicht der Welt zu erhaschen. Ein Durchbruch, der sich etwa mit der Landung eines Raumschiffs auf einem anderen Planeten vergleichen ließ. Mehr noch, es war, als könnte man zum ersten Mal einen Außerirdischen interviewen und ihn nach seinen Ansichten befragen.

Yamamoto fingerte sich durch die Elektroden, entwirrte die Kabel auf der rechten Seite und legte sie ordentlich auf den Tisch. Es war noch immer ungeklärt, warum Dawn leichte elektrische Impulse erzeugte. Die Anzeige hätte eigentlich eine Nulllinie anzeigen müssen, doch in unregelmäßigen Abständen zeichnete das Gerät einen schroffen, nadelförmigen Ausschlag auf. Das ging schon seit Monaten so. Andererseits hieß es, wenn man bei Elektroden nur lange genug wartete, gäbe auch ein Glas Marmelade Lebenszeichen von sich.

Yamamoto wechselte zur linken Seite des Tisches und breitete die Kabel auf ihrer Handfläche aus. Es war fast so, als würde man einem Kind Zöpfe flechten. Sie unterbrach ihre Arbeit, um durch den Gelblock einen Blick auf das zu werfen, was von Dawns Gesicht übrig geblieben war. »Einen wunderschönen guten Morgen«, sagte sie.

Der Kopf schlug die Augen auf.

Rau und Bud Parsifal fanden Vera in einem Laden für Westernbekleidung auf dem Flughafen Denver, wo sie Cowboyhüte anprobierte.

»Wie sehe ich aus?«, wollte Vera wissen.

Rau schlug applaudierend auf seine Aktentasche. Parsifal sagte nur: »Gott behüte!«

»Seid ihr zusammen angekommen?«, fragte sie.

»Aus London, über Cincinnati«, antwortete Parsifal. »Mexico City«, sagte Rau. »Wir haben uns auf dem Laufband getroffen.«

»Ich hatte Angst, dass es keiner schafft«, meinte Vera. »Womöglich sind wir bereits zu spät dran.«

»Du hast angerufen, hier sind wir«, brummte Parsifal.

Rau, der jetzt selbst einen Hut anprobierte, warf einen Blick auf die Uhr. »Thomas kommt in ungefähr einer Stunde an. Was ist mit den anderen?«

»Überall verstreut«, erwiderte Vera. »Unterwegs, nicht zu erreichen, anderweitig beschäftigt. Ich vermute, ihr habt das mit Branch bereits mitgekriegt.«

»Ist der Kerl völlig übergeschnappt?«, sagte Parsifal. »Einfach so in den Subplaneten abzuhauen. Allein. Gerade er müsste doch wissen, wozu die Hadal fähig sind.«

»Um die mache ich mir die geringsten Sorgen. Du weißt wohl noch nichts von dem Eliminierungsbefehl? Sämtliche Armeen haben ihn erhalten. Sogar Interpol.« Parsifal blinzelte Vera misstrauisch an: »Was soll der Quatsch? Branch eliminieren?«

»January hat alles getan, was in ihrer Macht steht, um den Befehl rückgängig zu machen. Aber da gibt es einen gewissen General Sandwell, der eine rachsüchtige Ader hat. Ziemlich merkwürdig. January versucht gerade, mehr über diesen General herauszufinden.«

»Thomas ist außer sich«, ergänzte Rau. »Branch war unser direkter Draht zum Militär. Jetzt können wir nur noch raten, was die Burschen im Schilde führen.«

»Und wer diese Virenkapseln aussetzt.«

»Widerliche Sache«, knurrte Parsifal.

Sie holten Thomas, der direkt aus Hongkong kam, am Flugsteig ab. Er ließ den Blick über sein Begrüßungskomitee schweifen.

»Mit Cowboyhut?«, fragte er Rau.

»Schau dich doch mal im Vatikan um«, meinte Rau grinsend.

Ein Kleinbus brachte sie zum medizinischen Zentrum. Am Eingang zum Forschungstrakt erwartete sie ein wildes Durcheinander von Polizisten und Fernsehkameras. Eine Phalanx von Vertretern der Universität warf sich abwechselnd den Medienwölfen zum Fraß vor. Aus allen Mündern stiegen Frostwölkchen auf. Offensichtlich hatte man sich gedacht, dass mitten im Winter eine Pressekonferenz im Freien zumindest nicht allzu lange dauern würde.

»Ich muss Sie abermals darum bitten, Ihren gesunden Menschenverstand einzusetzen«, redete eine altehrwürdig aussehende Gestalt beschwichtigend auf die Kameralinsen ein. »So etwas wie Besessenheit gibt es nicht.«

Aus der Menge rief eine hübsche Nachrichtenmoderatorin, die von den Knien abwärts vom geschmolzenen Schnee ganz nass war. »Dr. Yaron, dementieren Sie Berichte, dass im Medizinischen Zentrum der Universität zurzeit Exorzismus als Behandlungsmethode angewandt wird?«