Ein bärtiger Mann mit breitem Grinsen neigte sich zum Mikrofon hinunter. »Zurzeit warten wir noch damit«, sagte er. »Der Kerl mit den Hühnern und dem Weihwasser ist noch nicht eingetroffen.«
Die Polizisten vor den gläsernen Schiebetüren waren nicht gewillt, irgendjemanden einzulassen. Sogar Veras Ärzteausweis half nicht weiter. Schließlich zog Parsifal einen alten NASA-Pass heraus. »Bud Parsifal!«, staunte einer der Posten. »Aber selbstverständlich, kommen Sie herein!« Alle wollten ihm die Hand schütteln. Parsifal strahlte vor Freude.
»Diese Astronauten«, flüsterte Vera Rau zu.
Auch im Inneren des Labortrakts herrschte hektische Betriebsamkeit. Spezialisten überflogen Listen, Röntgenbilder und Filmaufnahmen oder klickten sich durch Computermodelle. Tragbare Telefone klemmten zwischen Kinn und Schultern, während Daten von Bildschirmen und Klemmbrettern abgelesen wurden. Anzüge waren ebenso anzutreffen wie Schulterhalfter und unterschiedlich gefärbte Chirurgenkittel. Das Durcheinander erinnerte Vera an das Nachbeben einer Naturkatastrophe, an eine völlig überlastete Notaufnahme.
Vera klopfte an eine Tür. Eine blonde Frau in einem Laborkittel stand über ein Mikroskop gebeugt. »Guten Tag, Frau Doktor Koenig«, sagte Vera. Die Frau sah auf, strahlte dann über das ganze Gesicht. Vera stellte sie den anderen vor. »Mary Kay war eine meiner besten Studentinnen.«
»Ach, Vera«, sagte Mary Kay, »du hast den schlechtesten Zeitpunkt für deinen Besuch erwischt«, sagte sie. »Die gesamte Fakultät ist aus dem Häuschen. Überall Regierungsleute, FBI und so weiter.« Die blauschwarzen Ringe unter den Augen der jungen Ärztin lieferten den Beweis dafür. Worin auch immer dieser Notfall bestehen mochte - sie hatte bereits viele Stunden dafür geopfert.
»Eigentlich sind wir genau deshalb hergekommen. Wir haben mitbekommen, dass hier etwas vorgefallen ist«, sagte Vera, »und möchten so viel wie möglich darüber in Erfahrung bringen. Falls du ein paar Minuten entbehren kannst.«
»Aber selbstverständlich.«
Sie führte sie tiefer in diesen Trakt des Hauses hinein und redete beim Gehen weiter: »Unsere Abteilung für Computeranatomie hat im Lauf der vergangenen zweiundfünfzig Wochen ein Exemplar eines Hadal zur generellen Erforschung zerschnitten. Projektleiterin war Dr. Yamamoto, eine bekannte Pathologin. Sie kennen sie ja. Sie arbeitete am Sonntagmorgen allein im Labor, als es passierte.«
Die Gruppe betrat einen großen Raum, in dem es nach Chemikalien und totem Gewebe roch. Raus erster Eindruck war der, dass hier eine Bombe explodiert sein musste. Große Maschinen waren umgestürzt. Aus der Deckenabhängung waren Kabel herausgerissen. Überall lagen lange Streifen zerrissenen Teppichbodens. In den Überresten suchten Kriminologen und Mediziner gemeinsam nach Antworten.
»Ein Wachmann fand Dr. Yamamoto zusammengekauert in der Ecke dort drüben. Er forderte Hilfe an. Das war seine letzte Nachricht. Als wir ihn fanden, hing er mit Versorgungsleitungen gefesselt unter der Decke. Seine Speiseröhre war herausgerissen. Mit bloßer Hand.
Yammie lag in der Ecke. Nackt. Blutend. Apathisch.«
»Was ist passiert?«
»Zuerst dachten wir, jemand sei eingebrochen, um entweder etwas zu stehlen oder unsere Forschungen zu sabotieren. Aber wie Sie sehen, gibt es hier keine Fenster und nur die eine Tür. Dann vermuteten wir, irgendwelche Hadal seien vielleicht durch das Belüftungssystem geklettert, um unsere Datenbank zu vernichten.«
»Wo ist Branch, wenn wir ihn brauchen?«, sagte Rau. »Ich habe noch nie gehört, dass die Hadal so etwas getan hätten.«
»Jedenfalls waren das unsere ersten Spekulationen«, fuhr Mary Kay fort. »Sie können sich den Aufruhr vorstellen. Die Polizei kam. Wir waren gerade dabei, Yammie auf einer Trage wegzubringen. Plötzlich kam sie wieder zu Bewusstsein und fing an zu toben. Es war schrecklich. Sie zerstörte die Maschinen. Sie verletzte zwei Wachleute mit einem Skalpell. Schließlich mussten wir sie mit einem Betäubungsgewehr zur Ruhe bringen. Wie ein wildes Tier.«
»Das ist ja grauenhaft.«
Sie waren vor einem über zwei Meter langen Sektionstisch angekommen. Vera hatte den menschlichen Körper schon auf viele Arten misshandelt gesehen, von Traumata erschüttert, von Krankheiten und Hunger entstellt. Auf den Anblick der schlanken jungen Frau mit den japanischen Zügen, die vor ihnen lag und deren Kopf wie bei einer elektronischen Medusa vor Steckern und Kabeln wimmelte, war sie nicht vorbereitet. Es sah aus wie bei einer Folterung. Hände und Füße waren provisorisch mit Handtüchern, Gummi schläuchen und Klebeband festgebunden.
»Nachdem einer der Kriminalbeamten die Fingerabdrücke auf dem Körper des toten Wachmannes untersucht und verglichen hatte, wussten wir, wer der Übeltäter war«, sagte Mary Kay. »Yammie hat es getan.«
»Was hat sie getan?«, murmelte Vera.
»Wollen Sie damit sagen«, fragte Rau ungläubig, »dass Dr. Yamamoto ihn getötet hat?«
»Genau. Unter ihren Fingernägeln fand sich Gewebe von seinem Hals.«
»Diese Frau?« Parsifal schnaubte verächtlich. »Aber die Maschinen hier wiegen doch mindestens eine Tonne!«
»Warum hätte sie so etwas tun sollen?«, fragte Rau.
»Wir stehen vor einem Rätsel. Es könnte in Zusammenhang mit einer Familienkrankheit stehen, aber ihr Ehemann hat uns versichert, dass es in ihrer Familie keine Fälle von Epilepsie gibt. Es könnte sich auch um eine bisher unbekannte Form von psychotischer Raserei handeln. Der einzige Bildschirm, den sie nicht kurz und klein geschlagen hat, zeigt, wie sie erst bewusstlos zusammenbricht, dann aufsteht und sämtliche Maschinen vernichtet, die zum Zerschneiden des Gewebes eingesetzt waren. Diese Maschinen waren eindeutig das Ziel ihrer Wut, als wollte sie sich für ein erlittenes Unrecht rächen.«
»Aber der tote Wachmann?«
»Darüber wissen wir nichts. Der Mord geschah außerhalb des Kamerabereichs. Dem Bericht des Wachmanns zufolge hielt sie das hier fest umklammert.« Mary Kay zeigte auf einen Schreibtisch.
»Großer Gott!«, sagte Vera.
Parsifal ging näher an den Schreibtisch heran. Das also war die Ursache des üblen Geruchs. Das, was vom Kopf des Hadal-Weibchens übrig war, hatte jemand neben die Gelben Seiten des Telefonbuchs von Denver gelegt. Das blaue Gel war größtenteils weggetaut. Die Flüssigkeit rann über die Tischplatte und tropfte in die Schreibtischschubladen. Die untere Hälfte von Gesicht und Hinterkopf war von der Maschine so sauber abrasiert, dass die Kreatur direkt aus der Schreibtischplatte zu wachsen schien. Ihr schwarzes Haar klebte am missgestalteten Schädel fest. Aus einem Dutzend kleiner Bohrlöcher sprossen die Drähte der Elektrodenanschlüsse. Nachdem das Gewebe monatelang luftdicht abgeschlossen war, befand es sich jetzt im Stadium rascher Verwesung.
Beunruhigender als die Zersetzung und der fehlende Kiefer waren die Augen. Die Lider waren offen. Die Augen standen deutlich hervor, die Pupillen schienen wütend auf etwas fixiert zu sein.
»Das Ding sieht stocksauer aus«, bemerkte Parsifal.
»Wie kann jemand nur so ein Ding in die Arme nehmen?«, fragte Vera.
»Genau das haben wir uns auch gefragt. Hatte sich Yammie unbewusst nach und nach mit ihrem Untersuchungsgegenstand identifiziert? Hat sich ihre Persönlichkeit verändert? Wir haben alle Möglichkeiten durchgespielt. Aber Yammie war immer so ausgeglichen.« Mary Kay steckte die Decke um Yamamotos Hals fest, strich ihr das Haar aus der Stirn. Über ihren Augenbrauen wurde eine lange Schramme sichtbar. Die Frau musste sich in ihrem Wahn gegen Maschinen und Wände geworfen haben.
»Dann kehrten die Anfälle zurück. Wir schlossen sie an ein EEG an. So etwas haben wir noch nie gesehen. Das reinste neurologische Gewitter. Wir haben sie in ein künstliches Koma versetzt.«
»Gut«, sagte Vera.