Выбрать главу

»Es wirkte aber nicht. Wir registrierten weiterhin lebhafte Aktivität. Etwas scheint sich durch das Gehirn zu fressen und unterwegs Gewebe kurzzuschließen. Als beobachtete man einen Blitz in Zeitlupe. Der große Unterschied besteht darin, dass die elektrische Aktivität nicht übergreifender Natur ist. Eigentlich müsste man annehmen, dass eine elektrische Überlastung das gesamte Gehirn erfasst. Hier jedoch geht alles vom Hippocampus aus, beinahe selektiv.«

»Was bitte ist ein Hippocampus?«, erkundigte sich Rau.

»Das Erinnerungszentrum«, antwortete Mary Kay.

»Erinnerung«, wiederholte Rau leise. »War denn der Hippocampus der Hadalfrau bereits von Ihrer Maschine zerschnitten worden?«

Alle blickten Rau an. »Nein«, sagte Mary Kay. »Genauer gesagt, stand die Klinge kurz davor. Warum fragen Sie?«

»Einfach so.« Rau ließ den Blick durch das Zimmer schweifen.

»Halten Sie hier im Labor Versuchstiere?«

»Mit Sicherheit nicht.«

»Das dachte ich mir.«

»Was haben denn Tiere damit zu tun?«, fragte Parsifal.

Doch Rau war mit seinen Fragen noch nicht am Ende: »Dr. Koenig, was ist eigentlich Erinnerung?«

»Nun«, sagte Mary Kay, »kurz gesagt besteht das Erinnerungsvermögen aus elektrischen Ladungen, die entlang des synaptischen Netzwerks biochemische Reaktionen hervorrufen.«

»Elektrische Vernetzung«, fasste Rau zusammen. »Darauf reduziert sich unsere Vergangenheit?«

»Es ist schon etwas komplizierter.« »Aber grundsätzlich richtig?«

»Ja.«

»Ich danke Ihnen«, sagte Rau. Sie warteten auf seine Schlussfolgerung, doch nach einigen Sekunden wurde deutlich, dass er in tiefes Nachdenken versunken war.

»Noch etwas«, fuhr Mary Kay fort. »Zuerst sah es aus wie ein wildes Durcheinander von Gehirnaktivitäten. Aber wir sind dabei, es zu sortieren. Und es sieht ganz danach aus, als hätten wir es hier mit zwei unterschiedlichen kognitiven Mustern zu tun.«

»Was?«, entfuhr es Vera. »Das ist unmöglich.«

»Ich kann nicht ganz folgen«, schaltete sich Parsifal wieder ein.

Mary Kays Stimme wurde ganz leise.

»Yammie ist nicht allein dort drin«, sagte sie.

»Bitte noch einmal«, bat Parsifal.

»Sie verstehen sicherlich«, sagte Mary Kay, »dass nichts davon an die Öffentlichkeit dringen darf.«

»Sie haben unser Wort darauf«, sagte Thomas.

Sie streichelte Yamamotos Arm. »Wir wurden aus den beiden kognitiven Mustern nicht so recht schlau. Aber vor wenigen Stunden geschah etwas. Die Anfälle setzten aus. Restlos. Und Yammie fing zu sprechen an. Sie war nicht bei Bewusstsein, aber sie fing an zu sprechen.«

»Sehr schön«, sagte Parsifal.

»Aber nicht auf Englisch. Keiner von uns hat diese Sprache jemals zuvor gehört.«

»Was?«

»Aber ein Assistenzarzt hat als Sanitäter in Sub-Mexiko gedient. Angeblich stellt das Militär in weit entfernten Gängen und Nischen Mikrofone auf. Er hatte einige dieser Aufnahmen gehört und glaubt sich an den Klang zu erinnern.«

»Bitte nicht Hadalisch!«, sagte Parsifal. Verwirrung machte ihn immer wütend.

»Doch.«

»Unsinn!« Parsifals Gesicht lief rot an.

»Wir haben uns aus der Bibliothek des Verteidigungsministeriums ein Band mit Hadal-Stimmen kommen lassen, alles natürlich supergeheim. Wir verglichen es mit Yammies Sprache. Augenscheinlich sind die menschlichen Stimmbänder erst nach langer Übung in der Lage, die Konsonanten, Triller und Schnalzer zu artikulieren -aber Yammie sprach eindeutig diese Sprache.«

»Wo kann sie das gelernt haben?«

»Genau das ist die Frage«, sagte Mary Kay. »Was die Menschen anbetrifft, gibt es nicht mehr als eine Hand voll Befreite auf der ganzen Welt, die Hadal sprechen. Und Yammie. Wir haben den Beweis dafür auf Band.«

»Also muss sie irgendwie mit Befreiten in Kontakt gekommen sein«, sagte Parsifal.

»Es ist aber mehr als einfaches Nachahmen. Sehen Sie die Wand dort drüben?«

»Ist das Dreck?«

»Fäkalien. Ihre eigenen. Yammie hat damit diese Symbole gemalt.«

Alle Anwesenden erkannten die hadalischen Symbole wieder.

»Wir haben keine Ahnung, was sie bedeuten«, sagte Mary Kay.

»Mir wurde gesagt, dass jemand bei einer wissenschaftlichen Expedition unter dem Pazifik dabei ist, den Code zu knacken. Ein Archäologe. Die Expedition ist supergeheim. Trotzdem ist etwas aus einer der Bergwerkskolonien an die Oberfläche durchgedrungen. Allerdings ist die ganze Expedition inzwischen verschwunden.«

»Es handelt sich nicht zufällig um eine Frau?«, erkundigte sich Vera. »Von Schade? Ali?«

»Doch. Der Name könnte richtig sein. Kennen Sie Ihre Arbeit?«

»Nicht gut genug«, erwiderte Vera.

»Sie ist eine Freundin von uns«, erklärte Thomas. »Wir sind sehr besorgt um sie.«

»Trotzdem verstehe ich immer noch nicht«, mischte sich Parsifal wieder ein, »wie es dieser jungen Frau möglich sein sollte, ein Alphabet nachzuahmen, von dessen Existenz die Menschheit erst seit kurzer Zeit weiß. Wie kann sie eine Sprache nachäffen, die kein Mensch spricht?«

»Es handelt sich weder um nachahmen noch um nachäffen.«

»Was denn?«

»Es sieht ganz so aus«, sagte Mary Kay langsam, »als sei Yammie eine Hadal geworden. Genauer gesagt: Dawn hat sich in sie verwandelt.«

Parsifal klappte der Unterkiefer herunter. »Nur damit ich nichts missverstehe«, sagte er und zeigte auf den verwesenden Schädel.

»Die Seele von diesem Ding soll in diese junge Frau übergewechselt sein?«

»Glauben Sie mir«, beschwichtigte ihn Mary Kay, »auch von uns möchte das keiner glauben. Aber mit ihr ist etwas Furchtbares geschehen. Kurz bevor Yammie bewusstlos wurde, haben die Nadeln heftig ausgeschlagen. Wir haben uns die Videoaufzeichnung immer wieder angeschaut.

Man sieht, wie Yammie die EEG-Kabel hält, und dann bricht sie zusammen. Vielleicht hat sie einen elektrischen Strom durch ihre Hände aufgenommen. Oder der Kopf hat ihn in sie umgeleitet. Ich weiß auch, dass sich das Ganze phantastisch anhört.«

»Phantastisch? Eher völlig durchgedreht!«, schnaubte Parsifal. »Ich habe jedenfalls die Nase voll davon!« Auf dem Weg nach draußen blieb er vor dem zerschnittenen Kopf stehen. »Sie sollten diese Nekropolis mal aufräumen«, verkündete er. »Kein Wunder, dass hier solch mittelalterlicher Mist ausgebrütet wird.« Er schlug eine Zeitschrift auf, breitete sie über den Hadalkopf und marschierte hinaus.

Parsifals polternder Auftritt hatte Mary Kay völlig eingeschüchtert. Sie zitterte am ganzen Leib.

»Verzeihen Sie bitte«, sagte Thomas zu ihr. »Wir sind an seine dramatischen Auftritte schon gewöhnt. Leider vergisst er sich manchmal in der Öffentlichkeit.«

»Ich finde, wir sind jetzt alle reif für eine Tasse Kaffee«, beschloss Vera. »Gibt es hier irgendwo einen Ort, an dem wir unsere Gedanken wieder sammeln können?«

Mary Kay zeigte ihnen den Weg zu einem kleinen Konferenzraum mit einer Kaffeemaschine. An der Wand hing ein Monitor, der das gesamte Labor zeigte. Das Kaffeearoma war eine willkommene Erlösung von dem Gestank der Chemikalien und der Verwesung.

»Eigentlich«, meldete sich Rau leise zu Wort, »dürften wir nicht allzu überrascht sein.«

»Und weshalb nicht?«, wollte Thomas wissen.

»Wir sprechen hier von der guten alten Reinkarnation. Wenn man weit genug in die Vergangenheit geht, findet man fast überall Spielarten dieser Theorie. Die Ureinwohner Australiens können seit zwanzigtausend Jahren die Kette ihrer Vorfahren in ihren Kindern lückenlos zurückverfolgen. Man findet die Vorstellung von Wiedergeburt überall, bei vielen Völkern, von den Indonesiern über die Bantus bis zu den Druiden. Große Denker wie Platon, Empedokles und Pythagoras versuchten sie zu beschreiben. Die orphischen Mysterien und die jüdische Kabbala haben sich daran versucht. Selbst unsere modernen Wissenschaften haben sich damit beschäftigt. Dort, wo ich herkomme, wird sie allgemein als ganz natürliches Phänomen akzeptiert.«