»Aber ich kann einfach nicht daran glauben, dass in einem solchen Labor die Seele eines Hadal in eine andere Person überwechselt.«
»Seele?«, fragte Rau. »Im Buddhismus gibt es so etwas nicht. Dort redet man von einem undifferenzierten Strom des Seins, der von einer Existenz zur anderen wechselt, das so genannte Samsara.«
Teilweise von Thomas’ Skepsis dazu verleitet, widersprach auch Vera. »Seit wann gehören epileptische Anfälle, Mord und Kannibalismus zur Wiedergeburt? Ist das etwa auch ein ganz natürliches Phänomen?«
»Ich kann nur sagen, dass eine Geburt ein hochkomplexer Vorgang ist«, erwiderte Rau. »Warum sollte es bei einer Wiedergeburt anders sein? Und was die Raserei betrifft« - er wies auf den Bildschirm, auf dem das Ausmaß der Zerstörung noch zu sehen war -, »das hat womöglich mit der begrenzten Kapazität des Menschen für Erinnerung zu tun. Vielleicht ist die Erinnerung, wie es Dr. Koenig beschrieben hat, ein Fall von elektrischer Vernetzung. Aber die Erinnerung ist auch ein Labyrinth. Ein Abgrund. Wer weiß, wohin sie führt?«
»Was sollte deine Frage nach Labortieren, Rau?«
»Ich wollte nur andere Möglichkeiten ausschließen«, antwortete er. »Auf die klassische Weise erfolgt der Transfer zwischen einem sterbenden Erwachsenen und einem Kind. Oder einem Tier. Aber in diesem Fall stand dem Samsara des Hadal nur Dr. Yamamoto zur Verfügung, also sozusagen ein bereits besetztes Haus. Und jetzt ist es dabei, Dr. Yamamotos Erinnerung auszuschalten, um sich selbst genügend Platz zu verschaffen.«
»Aber warum jetzt?«, fragte Mary Kay. »Warum ausgerechnet jetzt, und warum auf diese schreckliche Weise?«
»Ich kann nur spekulieren«, erwiderte Rau. »Sie haben gesagt, die mechanische Klinge sei kurz davor gewesen, den Hippocampus zu zerschneiden. Vielleicht war es lediglich eine Art Selbstverteidigung der Erinnerung des Hadal, die Übernahme eines neuen Territoriums.«
»Übernahme eines Territoriums? Das klingt ja wie ein Eroberungsfeldzug.«
»Das ist es auch. Ihr Abendländer verwechselt Reinkarnation immer wieder mit einem freundschaftlichen sozialen Akt. Dabei ist sie eine Sache von Herrschaft. Kolonisation, wenn Sie so wollen. Als würde sich ein Land das Territorium eines anderen aneignen und darauf seine eigenen Menschen mit ihrer eigenen Sprache und ihrer eigenen Regierung ansiedeln. Über kurz oder lang sprechen die Azteken spanisch, die Mohawk englisch. Und schon fangen sie an zu vergessen, wer sie einmal gewesen sind.«
»Sie ersetzen den gesunden Menschenverstand durch Metaphern«, sagte Thomas. »Das bringt uns nicht weiter.«
»Denkt trotzdem einmal darüber nach!«, antwortete Rau. »Ein Strom kontinuierlicher Erinnerung. Ein ungebrochenes Band des Bewusstseins, das sich über Äonen erstreckt. Das könnte dazu beitragen, seine Langlebigkeit zu erklären. Aus der begrenzten Perspektive des Menschen betrachtet, erscheint er als ewig.«
»Von wem sprechen Sie überhaupt?«, fragte Mary Kay.
»Von jemandem, nach dem wir suchen«, antwortete Thomas rasch. »Von niemandem.«
»Entschuldigung, ich wollte meine Nase nicht in Ihre Angelegenheiten stecken.« Nach allem, was sie ihnen mitgeteilt hatte, war ihr die Verstimmung nur allzu deutlich anzumerken.
»Es ist nur eins unserer Spielchen«, beschwichtigte sie Vera. »Sonst nichts.«
Der Videoschirm an der Wand hinter ihnen war stumm, sonst hätten sie das plötzliche Treiben im Labor sofort bemerkt. Mary Kays Piepser sprang an, sie warf einen Blick darauf und wirbelte plötzlich in ihrem Stuhl herum, um auf den Bildschirm zu schauen.
»Yammie«, stöhnte sie.
Leute rannten im Labor hin und her. Jemand schrie etwas in den Monitor, ein tonloser Schrei.
»Was ist denn?«, fragte Vera.
»Code Blau.« Mary Kay war schon aus der Tür. Eine halbe Minute später erschien sie auf dem Monitor.
»Was spielt sich da ab?«, fragte Rau.
Vera drehte ihren Rollstuhl, um den Bildschirm besser im Blick zu haben. »Sie verlieren das arme Mädchen. Herzstillstand. Da kommt schon der Notfallwagen!«
Thomas war aufgesprungen und starrte aufmerksam auf den Schirm. Rau stellte sich neben ihn.
»Was geschieht jetzt?«, fragte er.
»Das ist ein Defibrilator«, sagte Vera. »Um ihr Herz wieder anzukurbeln.« »Soll das heißen, sie ist tot?«
»Man unterscheidet zwischen biologischem und klinischem Tod. Vielleicht ist es noch nicht zu spät.«
Unter Mary Kays Anleitung schoben mehrere Leute Tische und zerschlagene Maschinen zur Seite, um dem schweren Notfallwagen Platz zu machen. Mary Kay packte die Handgriffe des Defibrilators und hielt sie hoch.
»Aber das dürfen sie nicht tun!«, rief Rau.
»Sie müssen es wenigstens versuchen«, sagte Vera.
»Hat denn niemand begriffen, wovon ich vorhin gesprochen habe?«
»Wo wollen Sie hin, Rau?«, fuhr ihn Thomas an. Doch Rau war bereits zur Tür hinaus.
»Da ist er«, sagte Vera und zeigte auf den Bildschirm.
»Was hat er bloß vor?«, wunderte sich Thomas.
Rau, immer noch mit dem Cowboyhut auf dem Kopf, drängte sich an einem stämmigen Polizisten vorbei und sprang über einen umgestürzten Stuhl. Sie sahen, wie die Leute von dem blanken Stahltisch zurückwichen und auch Yamamoto für die Kamera sichtbar wurde. Die zarte junge Frau war immer noch auf dem Tisch festgebunden und rührte sich nicht. Als Rau angestürmt kam, stellte sich ihm nur noch Mary Kay auf der anderen Seite des Tisches entgegen. Die beiden stritten miteinander.
»Ach, Rau!«, rief Vera verzweifelt. »Thomas, wir müssen ihn dort herausholen. Es handelt sich um einen medizinischen Notfall.«
Mary Kay sagte etwas zu einer Schwester, die versuchte, Rau am Arm wegzuziehen. Doch Rau schüttelte sie ab. Ein Labortechniker packte ihn an der Hüfte, und Rau klammerte sich hartnäckig an der Tischkante fest. Mary Kay beugte sich vor, um die Griffe des Defibrilators aufzusetzen. Das Letzte, was Vera auf dem Monitor sah, war sein sich aufbäumender Körper.
Thomas schob den Rollstuhl eilig in Richtung Labor vor sich her, vorbei an Polizisten, Feuerwehrleuten und Laborpersonal. Als sie das Labor endlich erreichten, war das Drama offensichtlich schon beendet. Mehrere Leute verließen den Raum. Eine Frau stand neben der Tür, die Hände vor das Gesicht geschlagen.
Drinnen sahen Vera und Thomas, dass ein Mann halb über dem Tisch hing. Er hatte den Kopf neben Yamamoto gelegt und schluchzte. Ihr Ehemann, vermutete Vera. Mary Kay stand daneben, die Griffe immer noch in der Hand. Ein Kollege redete auf sie ein. Da sie nicht reagierte, nahm er ihr die Griffe aus der Hand. Ein anderer klopfte ihr mitfühlend auf die Schulter, doch sie rührte sich immer noch nicht.
»Mein Gott«, flüsterte Vera, »hat Rau etwa Recht gehabt?« Sie bahnten sich ihren Weg durch die Trümmer. Yamamotos Leichnam wurde zugedeckt und auf eine Trage gehoben. Der Ehemann folgte den Trägern nach draußen.
»Dr. Koenig?«, sagte Thomas. Auf dem schimmernden Tisch lagen die Kabel wirr durcheinander.
Beim Klang seiner Stimme zuckte sie leicht zusammen und richtete den Blick auf ihn.
»Pater?«, sagte sie benommen.
Vera und Thomas wechselten einen besorgten Blick.
»Mary Kay?«, sagte Vera. »Ist alles in Ordnung?«
»Pater Thomas? Vera?«, antwortete Mary Kay. »Ist Yammie jetzt auch tot? Was haben wir denn falsch gemacht?«
Vera atmete erleichtert aus.
»Du hast mir ganz schön Angst eingejagt«, sagte sie. »Komm her, mein Kind. Komm her.« Mary Kay kniete neben dem Rollstuhl nieder und barg das Gesicht an Veras Schulter.
»Rau?«, fragte Thomas und schaute sich suchend um. »Wo ist er denn jetzt schon wieder hin?«
Völlig unerwartet brach Rau aus seinem Versteck unter einem Haufen von Papierausdrucken und Kabelsalat hervor. Er bewegte sich so schnell, dass sie ihn kaum erkannten. Als er an Veras Rollstuhl vorbeirannte, beschrieb seine Hand einen großen Bogen.