Mary Kay stöhnte auf und bäumte sich vor Schmerz nach hinten. Ihr Laborkittel klaffte von einer Schulter zur anderen auf und färbte sich rasch rot. Rau hatte ein Skalpell in der Hand.
Thomas schrie Rau an. Es klang wie ein Kommando. Vera sprach kein Hindi, falls es das war, außerdem war sie viel zu schockiert, um sich darum zu kümmern.
Rau blieb stehen und blickte Thomas mit von Seelenqual und Verwirrung verzerrtem Gesicht an.
»Thomas!«, schrie Vera und stürzte mit der verwundeten Mary Kay im Arm aus dem Rollstuhl.
In dem kurzen Augenblick, in dem Thomas den Blick von Rau abwandte, verschwand dieser durch die Tür.
Am gleichen Abend wurde der Selbstmord landesweit im Fernsehen gezeigt. Rau hätte sich keinen besseren Zeitpunkt dafür aussuchen können, da die Medien wegen der Pressekonferenz bereits auf der Straße versammelt waren. Die Leute mussten nichts anderes tun, als ihre Kameras zum acht Stockwerke hohen Dach hochschwenken.
Mit einem lodernden Sonnenuntergang als Hintergrund schoben sich die Polizisten mit schussbereiten Pistolen näher an Raus schwankende Gestalt heran. Die Tonleute der Kamerateams richteten ihre Mikrofone genau aus und fingen jedes Wort auf. Teleobjektive holten das verzerrte Gesicht heran und verfolgten seinen Sprung. Einige besonders gewitzte Kameraleute machten den kleinen Hüpfer am Boden mit, um den Aufprall stilecht nachzuempfinden.
Es bestand kein Zweifel daran, dass der ehemalige indische Parlamentsvorsitzende Rau verrückt geworden war. Der Hadal-Kopf, den er mit beiden Armen fest an sich presste, war der letzte Beweis dafür. Der Hadal-Kopf - und der Cowboyhut.
Bruder, dein Schwanz baumelt hinter dir.
RUDYARD KIPLING,
Das Dschungelbuch
19
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UNTER DER MAGELLAN-SCHWELLE,
176 GRAD WEST, 8 GRAD NORD
Ali lag schlafend auf dem Boden, als das Lager von heftigen Erdstößen erschüttert wurde. Sie spürte das Beben tief in ihrem Körper. Es schien alle ihre Knochen zu erfassen. Einige Wissenschaftler krümmten sich wie Föten zu einer Kugel zusammen, andere griffen nach der Hand des Nachbarn oder umarmten einander. In einem schrecklichen Schweigen befangen, warteten sie darauf, dass sich die Tunnelwände zusammenschoben oder der Boden unter ihnen wegbrach.
Schließlich rief irgendein Witzbold: »Alles klar. Das war bloß dieser verflixte Shoat! Ständig am Wichsen, der Halunke!« Alle lachten nervös. Es folgten zwar keine weiteren Erdstöße mehr, aber sie waren daran erinnert worden, wie nichtig sie hier unten waren.
Als der Morgen weiter vorangeschritten war, konnten mehrere Frauen aus der Gruppe, mit der sie auf einem Floß saß, in dem feinen Staub, der über dem Fluss hing, riechen, was von dem Erdbeben geblieben war. Pia, eine Planetologin, sagte, der Geruch erinnere sie an den Hof eines Steinmetzes unweit ihres Elternhauses, dort habe es immer genauso gerochen, wenn die Grabsteine poliert und die Namen der Toten sandgestrahlt wurden.
»Grabsteine? Sehr tröstlicher Gedanke«, sagte eine der anderen Frauen.
Um das Gefühl einer Vorahnung zu zerstreuen, sagte Ali: »Seht ihr, wie weiß der Staub ist? Habt ihr schon mal frischen Marmor gerochen, kurz nachdem er mit dem Meißel bearbeitet wurde?« Sie beschrieb ihnen das Bildhauerstudio, das sie einmal in Norditalien besucht hatte. Der Meister war gerade nicht sonderlich erfolgreich mit einem weiblichen Akt beschäftigt und bat Ali, für ihn Modell zu stehen, ihm dabei zu helfen, die Gestalt aus dem Steinquader zu befreien.
»Er wollte, dass du dich nackt vor ihn hinstellst?« Pia war entzückt. »Wusste er denn nicht, dass du Nonne bist?«
»Das war ziemlich deutlich zu sehen.«
»Und? Hast du es getan?«
Plötzlich erfasste Ali ein Gefühl von Traurigkeit. »Natürlich nicht.«
Das Leben in diesen finsteren Gängen und Stollen hatte sie verändert. Sie war darauf gedrillt worden, ihre Identität zu verleugnen, damit Gott seine Signatur auf ihr hinterlassen konnte. Jetzt verlangte es sie mit aller Verzweiflung danach, in Erinnerung zu bleiben, wenn auch nur als kaltes Stück bearbeiteter Marmor.
Die Unterwelt hinterließ auch bei den anderen ihre Spuren. Als Anthropologin beobachtete Ali die Metamorphose der Gruppe mit beruflicher Neugier. Das Aufspüren der jeweiligen Eigenheiten war, als sähe man einem Garten beim Wuchern zu. Die Teilnehmer nahmen seltsame Gewohnheiten an, etwa eine besondere Methode, sich die Haare zu kämmen oder ihre Rettungsanzüge bis zum Knie oder zur Schulter aufzurollen. Viele Männer hatten sich angewöhnt, mit nacktem Oberkörper herumzulaufen und die obere Hälfte ihrer Anzüge wie eine abgestreifte Haut um die Hüfte baumeln zu lassen. Deodorant war ein Gerücht aus der Vergangenheit, doch man nahm die Körpergerüche, bis auf die einiger bedauernswerter Teilnehmer, kaum mehr wahr. Besonders Shoat war für die Ausdünstungen seiner Füße bekannt. Einige Frauen flochten sich Perlen oder Muscheln ins Haar. Es sei nur zum Spaß, sagten sie, doch ihre Kreationen wurden von Woche zu Woche ausgefallener.
Manche der Soldaten verfielen in einen bestimmten Banden-Slang, wenn Walker nicht in der Nähe war, und ihre Waffen waren mit einem Mal mit wilden Schnitzereien überzogen. Sie kratzten Tiere, Bibelzitate oder die Namen ihrer Freundinnen in Plastikgriffe und -kolben. Sogar Walker hatte sich den Bart zu einem langen mosaischen Busch stehen lassen, der für die Höhlenläuse, die sie beständig peinigten, der reinste Garten Eden sein musste.
Ike unterschied sich nicht mehr allzu sehr von ihnen. Nach dem letzten Zwischenfall hatte er sich noch rarer gemacht. An vielen Abenden bekamen sie ihn überhaupt nicht zu Gesicht, nur seinen kleinen Dreifuß mit den grünen Leuchtkerzen, die einen guten Lagerplatz markierten. Wenn er auftauchte, dann nur für ein paar Stunden. Er zog sich in sich zurück, und Ali wusste nicht, wie sie an ihn herankommen sollte. Aber es machte ihr viel aus. Vielleicht lag es daran, dass derjenige aus der Gruppe, der am meisten der Versöhnung bedurfte, sich ihr auch am heftigsten widersetzte. Die andere Möglichkeit war die, dass sie sich verliebt hatte. Aber das wäre, wie sie fand, höchst unvernünftig.
Als Ike wieder einmal über Nacht im Lager blieb, brachte Ali ihm einen Teller Essen ans Flussufer und setzte sich neben ihn.
»Was träumst du?«, fragte sie. Als er die Augenbraue runzelte, fügte sie rasch hinzu: »Du musst es mir nicht sagen.«
»Hast du dich mit den Psychofritzen unterhalten?«, fragte er. »Sie wollten nämlich das Gleiche von mir wissen. Soll wohl sowas wie ein Gradmesser für meine Verlässlichkeit sein, oder? Ob ich auf Hadalisch träume.«
Sie war unentschlossen. Jeder beanspruchte ein Stück von diesem Mann. »Ja, es ist ein Gradmesser. Und nein, ich habe mit niemandem über dich geredet.«
»Was willst du also?«
»Ich will wissen, wovon du träumst. Aber du musst es ja nicht sagen.«
»Gut.«
Sie lauschten dem Wasser. Nach einer Weile überlegte sie es sich anders.
»Doch, du musst es mir sagen!« Sie machte es ihm leicht.
»Ali«, sagte er. »Das willst du bestimmt nicht hören.«
»Mach schon«, redete sie ihm zu.
»Ali«, sagte er und schüttelte den Kopf.
»Ist es so schlimm?«
Plötzlich stand er auf und ging zum Kajak hinüber.
»Wo willst du hm?« Es war alles so merkwürdig. »Hör doch, vergiss die Sache einfach. Ich war zu neugierig, tut mir Leid.«
»Es ist nicht dein Fehler«, sagte er und zog das Boot ins Wasser.
Erst als sich das Boot schon wie ein Pfeil durchs Wasser schob, dämmerte es ihr. Ike träumte von ihr.