Выбрать главу

Am 28. September erreichten sie das dritte Proviantlager. Seit zwei Tagen hatten sie stärker werdende Signale aufgefangen. Da Walker nicht wusste, welche Überraschungen Helios diesmal für sie bereithielt, und weil er immer noch nicht ganz schlau aus dem Attentatsversuch geworden war, wies er Ike an, sich im Hintergrund zu halten und schickte seine Soldaten voraus. Ike hatte keinerlei Einwände und lenkte sein Kajak zwischen die Flöße der Wissenschaftler.

Dort, wo das Proviantlager sein sollte, rauschte ein gewaltiger Wasserfall. Walker und seine Söldner hatten unweit seines Fußes angelegt und suchten den unteren Teil der Höhlenwände mit ihren starken Bootsscheinwerfern ab. Der Wasserfall ergoss sich aus einer Höhe, die sich sowohl ihren Blicken als auch den Lichtstrahlen entzog, über eine olivgrüne Felswand herab und wirbelte dabei eine Gischtwolke auf, in deren feinem Nebel die Scheinwerfer Regenbogen hervorzauberten. Die Wissenschaftler brachten ihre Flöße ebenfalls ans Ufer und stiegen aus. Irgendeine Besonderheit in der Akustik dieser Sackgasse verwandelte das Tosen des Wasserfalls in ein gleichmäßiges Hintergrundrauschen.

Walker kam herüber. »Der Entfernungsmesser zeigt Null an«, berichtete er. »Das heißt, die Zylinder müssen hier irgendwo sein. Aber außer dem Wasserfall haben wir nichts gefunden.«

Ali schmeckte eine Spur von Meersalz in dem Sprühnebel und blickte in den riesigen Schlund des Schachts hinauf, der sich über ihr in der Dunkelheit auflöste. Inzwischen hatten sie zwei Drittel ihrer Wegstrecke unterhalb des Pazifiksystems zurückgelegt und hielten sich knapp zehn Kilometer unterhalb des Meeresspiegels auf. Über ihnen war nichts als Wasser, und dieses Wasser hier leckte anscheinend durch den Meeresboden.

»Es muss hier irgendwo sein!«, polterte Shoat.

»Sie haben doch ein eigenes Peilgerät dabei«, erwiderte Walker. »Vielleicht funktioniert das ja besser.«

Shoat trat einen Schritt zurück und legte die Hand auf den flachen Lederbeutel, der um seinen Hals hing. »Das funktioniert nicht bei solchen Sachen«, sagte er. »Es ist speziell für die Transistorenempfänger, die ich unterwegs aussetze, entworfen. Nur für den Notfall.«

»Vielleicht sind die Zylinder auf einem Vorsprang hängen geblieben«, schlug jemand vor.

»Wir sehen nach«, sagte Walker. »Aber unsere Such-geräte sind präzise eingestellt. Die Zylinder müssten hier in einem Radius von sechzig Metern liegen, aber bisher haben wir nicht das Geringste gefunden. Keine Kabel, keine Bohrspuren, nichts.«

»Eins dürfte klar sein«, meinte Spurner. »Ohne den Nachschub gehen wir nirgendwohin.«

Ike fuhr ein Stück weiter flussabwärts, um einige der kleineren Buchten abzusuchen. »Wenn Sie die Dinger finden, lassen Sie die Finger davon. Kommen Sie zurück und sagen Sie uns, wo sie liegen«, wies ihn Walker an. »Jemand hat Sie im Visier, und ich möchte nicht, dass Sie sich in der Nähe befinden, wenn die auf den Knopf drücken.«

Die Expedition teilte sich in mehrere Suchtrupps auf, fand jedoch nichts. Frustriert befahl Walker einigen seiner Soldaten, im groben Ufersand zu graben. Vielleicht waren die Behälter ja überspült und mit Sand bedeckt worden.

Nichts. Die Stimmung wurde gereizter. Als jemand anfing, Berechnungen hinsichtlich der Rationierung ihrer spärlichen Reserven anzustellen, wollte keiner so recht zuhören. Das nächste Proviantlager würden sie erst in fünf Wochen erreichen.

Sie unterbrachen die Suche, um etwas zu essen und ihre Aussichten neu zu überdenken. Ali saß mit einigen anderen an die Flöße gelehnt, den Blick auf den Wasserfall gerichtet. Plötzlich sagte Ethan Troy: »Vielleicht sind sie dort!«

Er zeigte auf den Wasserfall.

»Im Wasser?«, fragte Ali.

»Sonst haben wir ja schon überall gesucht.«

Sie ließen ihr Essen stehen und gingen zum Ufer des Seitenarms, der sich vom Bassin unterhalb des Wasserfalls zum eigentlichen Flussbett erstreckte. Durch die Gischt und das herabstürzende Wasser war nichts zu sehen. Troys Vermutung hatte sich rasch herumgesprochen, und andere schlossen sich ihnen an.

»Jemand muss da durchgehen«, sagte Spurner.

Inzwischen war auch Walker bei ihnen eingetroffen.

»Ab jetzt übernehmen wieder wir«, kommandierte er.

Es dauerte noch eine weitere Viertelstunde, bis Walker einen »Freiwilligen« ausgesucht hatte. Es war ein Riese aus San Antonio, der sich seit einiger Zeit damit beschäftigte, sich Glyphen der Hadal in die Haut zu tätowieren. Ali hatte gehört, wie ihn der Colonel einmal wegen Gotteslästerung zur Schnecke gemacht hatte -vermutlich sollte dieser Erkundungsgang eine Strafe sein. Als sie ihm das Ende eines Seiles umbanden, konnte man sehen, dass er Angst hatte. »Wasserfälle sind nicht mein Ding«, sagte er immer wieder. »El Cap soll das machen.«

»Crockett ist nicht hier«, rief Walker in den Lärm. »Halte dich einfach immer an der Wand.«

Der Soldat zog sich die Haube seines Rettungsanzugs über den Kopf, setzte eine Nachtsichtbrille auf, die er eher als Taucherbrille als der Lichtverstärkung wegen benutzte, und watete langsam ins Wasser, bis er sich kaum wahrnehmbar im Nebel aufgelöst hatte. Sie gaben immer mehr Seil in den Wasserfall, doch nach einigen Minuten ließ die Spannung plötzlich nach. Das Seil wurde schlaff.

Sie zogen am Seil und holten die ganzen fünfzig Meter wieder ein. Walker hielt das Ende in der Hand. »Er hat sich losgebunden«, sagte er und brüllte nach einem zweiten »Freiwilligen«. »Das heißt, hinter dem Wasserfall ist ein Hohlraum. Diesmal aber nicht losbinden! Zieh dreimal kurz am Seil, wenn du die Grotte erreicht hast, und mach es dann an einem Stein oder sonst wo fest. Damit haben wir so etwas wie einen Handlauf, kapiert?«

Der zweite Soldat watete ein wenig zuversichtlicher durch den Wasserfall. Das Seil schlängelte sich hinein, tiefer als beim ersten Mal.

»Wohin geht er bloß da drin?«, wunderte sich Walker.

Das Seil spannte sich und wurde fester angezogen. Der Mann am Ufer wollte sich gerade beschweren, als ihm das Seil aus der Hand gerissen wurde und das Ende zuckend in der Gischt verschwand.

»Wir spielen hier nicht Tauziehen«, belehrte Walker seinen dritten Kundschafter. »Ein paar Mal Rucken reicht völlig aus.« Im Hintergrund witzelten einige Söldner. Ihre Kameraden im Wasserfall hatten sich auf Kosten des Colonel einen kleinen Scherz erlaubt. Die Anspannung ließ deutlich nach.

Walkers dritter Mann marschierte durch den Dunstvorhang, und kurz darauf hatten sie ihn aus den Augen verloren. Doch er tauchte wieder auf. Er war zwar noch auf den Beinen, taumelte jedoch wie ein Betrunkener und schlug wie wahnsinnig mit den Armen um sich. Seine Arme droschen kreiselnd auf ein unsichtbares Gewicht vor ihm ein, etwas, das ihn offensichtlich fest hielt. Der Schwung ließ ihn mitten in seine Zuschauer stürzen. Er landete direkt zwischen ihnen, drehte sich auf den Bauch, krümmte sich und stemmte sich vom Boden weg und stieß ein gurgelndes Grollen aus. Es kam tief aus seinem Inneren, eine Entladung seiner Eingeweide. Dann sackte er zusammen und fiel mit dem Gesicht in den Sand, wo er heftig zuckend liegen blieb.

»Tommy?«, rief einer seiner Kameraden.

Tommy richtete sich noch einmal auf, jedenfalls das, was von ihm noch übrig war, und sie sahen, dass sein Gesicht und sein Rumpf in Fetzen gerissen waren. Dann kippte der Körper nach hinten um.

Erst jetzt erblickten sie den Hadal. Er hockte dort im Sand, wohin Tommy ihn getragen hatte. Im Licht der Scheinwerfer glänzten Maul, Hände und Krallen vom Blut. Der Hadal war geblendet, der Körper so weiß wie ein Tiefseefisch. Ali sah ihn nur für den Bruchteil einer Sekunde.

Die Menge wich mit einem Aufschrei von der Kreatur zurück. Ali wurde zu Boden geschleudert. Rings um sie herum fuchtelten Soldaten mit ihren Waffen herum. Neben ihrem Kopf glänzte ein Stiefel. Weiter vorne brach Walker durch die aufgescheuchte Herde. In den wild durcheinander zuckenden Lichtstrahlen sah er mehr wie ein Schatten als ein Mensch aus. Seine Pistole blitzte mehrmals auf.